{"id":1798,"date":"2016-10-25T14:33:32","date_gmt":"2016-10-25T12:33:32","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1798"},"modified":"2016-11-13T17:19:53","modified_gmt":"2016-11-13T15:19:53","slug":"ihr-jahr-nach-dem-bataclan-anschlag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1798","title":{"rendered":"Ihr Jahr nach dem Bataclan-Anschlag"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/terror-in-paris-ihr-jahr-nach-dem-bataclan-anschlag-14495686.html\">Artikel in der FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG und auf FAZ.NET (mit Videointerviews, erschienen am 25.10.2016)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Im November 2015 t\u00f6teten Terroristen fast 90 Menschen im Pariser Bataclan. Julia und Thomas Schmitz aus K\u00f6ln \u00fcberlebten \u2013 und kehren nun zum ersten Mal dorthin zur\u00fcck.<\/strong><\/p>\n<p>Paris, im Oktober. K\u00f6nnen Mauern und B\u00f6den Geschichten erz\u00e4hlen? Oder anders gefragt: K\u00f6nnen gespachtelte Mauern, erneuerte B\u00f6den und \u00fcberstrichener Beton Geschichten vergessen machen?<\/p>\n<p>Nichts soll in der Konzerthalle Bataclan mehr an die Schreckensnacht vom 13. November 2015 erinnern, als islamistische Terroristen Dutzende Rockfans t\u00f6teten und viele weitere m\u00f6glicherweise f\u00fcr ein Leben traumatisierten. Die alte Bestuhlung, teils blutverschmiert und zerschossen, wurde rausgerissen, Putz und B\u00f6den sind erneuert, die Einschussl\u00f6cher an den W\u00e4nden gespachtelt und \u00fcberstrichen, die T\u00fcren ausgetauscht. Es ist der Versuch, die Vergangenheit wegzusanieren und dem einstmals stimmungsvollen Bataclan im elften Arrondissement von Paris ein wenig Unschuld zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n<p>Der Horror dieser Nacht allerdings bleibt, weil er nicht nur im Mobiliar oder im Beton des Bataclan steckt, sondern in den K\u00f6pfen der \u00dcberlebenden.<\/p>\n<p>Knapp ein Jahr nach der Trag\u00f6die, an einem sonnigen Oktobertag in 2016, sind Julia und Thomas Schmitz an den Ort zur\u00fcckgekehrt, an dem sie fast gestorben w\u00e4ren. Der Verein \u201eLife for Paris\u201c, ein Zusammenschluss \u00fcberlebender Attentatsopfer, hat einen Besuch des Bataclan organisiert. Erstmals wird es f\u00fcr die damaligen Konzertbesucher ge\u00f6ffnet. Auch das Ehepaar aus K\u00f6ln ist eingeladen.<\/p>\n<p>In Kleingruppen mit Dolmetscher d\u00fcrfen sie in das kernsanierte Geb\u00e4ude gehen. Fotos oder Videos sind verboten, der Au\u00dfenbereich ist von der Polizei abgesperrt, die Einlasskontrolle ist streng. Das Bataclan, das zur Todesfalle f\u00fcr knapp 90 Menschen wurde, soll zwar Ende November wieder f\u00fcr ein Konzert die Pforten \u00f6ffnen, bis dahin aber vor allem ein Ort der Erinnerung und der Trauer sein.<\/p>\n<p><strong>Im Bataclan herrscht eine eigenartige Stimmung<\/strong><\/p>\n<p>Drinnen herrscht eine eigenartige Stimmung. Julia hat ein mulmiges Gef\u00fchl, Thomas wird sp\u00e4ter froh sein, wieder ins Freie treten zu k\u00f6nnen: \u201eEs kommt mir alles so klein vor. Ganz anders als in der Erinnerung.\u201c Sie stehen auf dem Balkon schr\u00e4g gegen\u00fcber und oberhalb der B\u00fchne.<\/p>\n<p>Hier sa\u00dfen sie vor einem Jahr, als das Inferno pl\u00f6tzlich mitten im Gitarrensolo der amerikanischen Rockband \u201eEagles of Death Metal\u201c losbrach: Sch\u00fcsse knallten durch den Saal, ein eigent\u00fcmlicher Gestank wie von Feuerwerk breitete sich aus. Als die Panikwelle die Zuschauer ergriff und das chaotische Geschrei anzeigte, dass das hier nicht Teil der Show sein kann, zog Julia Thomas am Arm, und die beiden rannten los, mitgerissen von den anderen, liefen in den Flur hinter dem Balkon, durch ein Treppenhaus, und landeten in einem Raum, der sich sp\u00e4ter als Backstage-Raum der Band entpuppte.<\/p>\n<p>Keine Zeit zum Nachdenken, einen Plan gab es nicht, es ging ums \u00dcberleben. Thomas half, die schwere T\u00fcr mit einem K\u00fchlschrank und einem Sofa zu verbarrikadieren, dann kauerten die beiden mit anderen \u00dcberlebenden zweieinhalb oder drei Stunden in Todesangst im Halbdunkel. Als die Terroristen schlie\u00dflich versuchten, in den Raum einzubrechen, schlossen Julia und Thomas mit ihrem Leben ab: \u201eWir haben wirklich gedacht, wir sterben jetzt. Hoffentlich geht es schnell und tut nicht weh\u201c, sagt Thomas. Doch die T\u00fcr hielt dem Ansturm stand.<\/p>\n<p>Ihr Fluchtweg in den Backstage-Raum versank nach dem Attentat im Nebel der Erinnerung. Wie lange dauerte die Flucht? Wie weit war der Weg vom Balkon in den Raum?<\/p>\n<p>Julia und Thomas gehen ihn bei ihrem Besuch mit der Dolmetscherin ab, erkunden jedes Detail, gleichen Treppenstufen, W\u00e4nde, Beleuchtung mit ihren Erinnerungen ab. Nach wenigen Minuten erreichen sie den Backstage-Raum, dessen schwere T\u00fcr durch eine leichtere Holzt\u00fcr ersetzt wurde. Thomas kann es nicht fassen: \u201eW\u00e4re die damals schon da gewesen statt der schweren T\u00fcr, w\u00e4ren wir heute tot.\u201c<\/p>\n<p><strong>Heilsame R\u00fcckkehr an den Ort der Trag\u00f6die<\/strong><\/p>\n<p>Zur\u00fcckzukehren an den Ort der Trag\u00f6die, das Erlebte und l\u00fcckenhaft Erinnerte zu rekonstruieren, ist f\u00fcr sie heilsam: \u201eF\u00fcr uns ist das ein wichtiger Schritt, um das, was wir erlebt haben, besser zu verarbeiten\u201c, sagt Julia. \u201eWir haben das alles ganz gut verkraftet.\u201c Ihnen geht es besser als anderen \u00dcberlebenden, die an diesem Oktobertag zur gleichen Zeit im Bataclan sind, und deren Schluchzen und Wimmern f\u00fcr die beiden K\u00f6lner nur schwer zu ertragen ist. Darunter Angeh\u00f6rige get\u00f6teter Konzertbesucher. \u201eEs ist schlimm, die anderen Leute so zu sehen\u201c, sagt Julia. \u201eDas geht einem nahe, auch weil man wei\u00df: Das h\u00e4tte man selbst sein k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Dass es Julia und Thomas heute vergleichsweise gut geht, war direkt nach dem Terroranschlag nicht ausgemacht. Am Tag danach, am 14. November, holte Julias Bruder Stephan sie aus Paris zur\u00fcck nach K\u00f6ln. Schnell merkten sie: Der Schock ist das eine, aber es ist wichtig, dar\u00fcber zu sprechen. Also folgten sie einer Einladung in die ARD-Talkshow \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c, nur 48 Stunden nach dem Anschlag. Es war ein Wagnis, weil Julia und Thomas nicht wussten, wie die Reaktionen des Publikums sein w\u00fcrden.<\/p>\n<p>W\u00e4re es nicht besser, erst einmal in der Anonymit\u00e4t und im Kreise von Freunden und Familie Kraft zu tanken? Was w\u00e4re, wenn sie beschimpft w\u00fcrden? Oder bl\u00f6de angemacht von Fremden \u2013 in der Anonymit\u00e4t des Internets ja keine Seltenheit? Es ging aber gut. \u201eUns hat der Auftritt gut getan, die M\u00f6glichkeit, \u00fcber das Erlebte zu sprechen\u201c, sagt Julia. Auf dem R\u00fcckflug von Berlin nach K\u00f6ln erkannte sie ein anderer Passagier: \u201eDas war ein super Auftritt\u201c, sagte er. Das habe Kraft gegeben.<\/p>\n<p>Der Weg zur\u00fcck in den Alltag war steinig: Thomas war in den ersten Wochen krankgeschrieben. Als Logistiker, der normalerweise mit Gefahrstoffen hantiert, durfte er nicht arbeiten. Der Job aber fehlte ihm, zu Hause kam er mehr ins Gr\u00fcbeln als ihm lieb war. Auch Julia trat bei ihrem Beruf in einer K\u00f6lner Werbeagentur k\u00fcrzer, sie klagte \u00fcber Konzentrationsschwierigkeiten. Aber anders als Thomas wollte sie alles \u00fcber die Attent\u00e4ter wissen, recherchierte stundenlang im Internet, saugte jedes Fitzelchen Information auf. Thomas war desinteressierter und zuckte mit den Achseln, wenn Julia wieder einmal mit neuen Infos kam. Wenige Tage sp\u00e4ter, als Julia ihre Stiefel vor der Haust\u00fcr der K\u00f6lner Wohnung aufhob und anziehen wollte, bemerkte sie geronnenes Blut an den Sohlen, wahrscheinlich vom blutverschmierten Bataclan-Boden. Pl\u00f6tzlich war Paris wieder nah.<\/p>\n<p>Zwei Wochen darauf, kurz vor ihrer lange geplanten Australien-Reise, suchten sie eine Psychotherapeutin auf. Prophylaktisch, um am anderen Ende der Welt keine b\u00f6se \u00dcberraschung, eine Art Backflash, erleben zu m\u00fcssen. Die Expertin f\u00fcr Traumata best\u00e4rkte die beiden: \u201eSie sagte, dass wir es gut schaffen werden, weil wir bisher ganz gut stabil sind\u201c, erz\u00e4hlt Julia. Das gab Sicherheit. Silvester verbrachten sie am Hafen von Sydney, unweit der Oper, in Menschenmassen und Feuerwerkskrach. Als sie das \u00fcberstanden hatten, wussten sie: Es geht aufw\u00e4rts. Nach der Australien-Reise fing Thomas wieder an zu arbeiten. Sein Chef bat die Kollegen, ihn anfangs nicht auf das Geschehene anzusprechen, was Thomas durchaus recht war. Nicht immer, nicht zu jeder Zeit, und schon gar nicht auf irgendwelchen Partys will er \u00fcber das Erlebte reden.<\/p>\n<p>Im Februar 2016 fuhren sie dann zum ersten Mal nach der Tat nach Paris, um sich ein Konzert der \u201eEagles of Death Metal\u201c in einer Ausweichhalle anzuschauen \u2013 die Band war zur\u00fcckgekommen, um den im November so j\u00e4h abgebrochenen Gig zu Ende zu spielen. Es war eine gro\u00dfe Feier, und S\u00e4nger Jesse Hughes flogen die Sympathien nur so zu. Die Liebe zur Band k\u00fchlte allerdings danach ab, weil der Frontmann, ein umstrittener Waffennarr, in einem Interview krude Verschw\u00f6rungstheorien zur angeblichen Verwicklung des Sicherheitsdienstes des Bataclan entwickelt hatte. Im Netz erntete er daraufhin einen ordentlichen Shitstorm entt\u00e4uschter Fans \u2013 auch Julia und Thomas sind nicht mehr gut auf ihn zu sprechen.<\/p>\n<p><strong>Vielen geht es schlechter als Julia und Thomas<\/strong><\/p>\n<p>Bei dieser Gelegenheit trafen sie andere \u00dcberlebende, einige sehen sie im Oktober wieder, in einer nahegelegenen Kneipe: Als Thomas den Raum betrat, st\u00fcrmte ein junger Mann auf ihn zu und bedankte sich bei seinem \u201eLebensretter\u201c. Thomas wei\u00df nicht, wie er reagieren soll. Was will der Mann? Wie sich dann herausstellt, kauerte er damals mit den beiden im Backstage-Raum \u2013 und ist dankbar daf\u00fcr, dass Thomas die T\u00fcr mit verbarrikadieren half.<\/p>\n<p>Vielen geht es schlechter als Julia und Thomas, manche sind in Therapie. Eine Frau aus Nordrhein-Westfalen, die damals mit ihrem Partner auf Hochzeitsreise in Paris war, hatte sich auf der Flucht verletzt. Sie wollen sich bald pers\u00f6nlich treffen. Einige andere sind seit November 2015 krankgeschrieben. Julia berichtet von Leuten, die sich bis heute schwer tun, aus dem Haus zu gehen oder die Kinder zum Kindergarten zu bringen. Die Unsicherheit hat sich in ihr Leben geschoben.<\/p>\n<p>Es ist auch den Fernsehauftritten zu verdanken, dass andere \u00dcberlebende auf Julia und Thomas aufmerksam wurden und den Kontakt suchten. Andererseits haben die beiden neben den guten einige schlechte Erfahrungen mit Medien gesammelt: Ein Privatsender war bei Julia unangemeldet bei der Arbeit erschienen, um sie abzupassen. \u201eEs gab Sender, die bei uns zuhause Sturm geklingelt haben\u201c, erinnert sie sich. \u201eBis wir sie weggeschickt haben.\u201c<\/p>\n<p>Am Anfang, kurz nach dem Anschlag, interessierten Julia und Thomas vornehmlich als \u00dcberlebende einer einzigen Tat. Im Laufe dieses Jahres bestimmten weitere Anschl\u00e4ge die Schlagzeilen \u2013 in Br\u00fcssel und Nizza. Julia und Thomas wurden daraufhin in Fernseh-Talkrunden eingeladen, wo es allgemein um Terror gehen sollte. Sie lehnten ab. \u201eWir k\u00f6nnen \u00fcber unsere Erfahrungen sprechen, aber keine fundierten Aussagen zur Vermeidung oder Pr\u00e4vention machen.\u201c<\/p>\n<p>So schnell wird man nicht zum Terror-Experten, selbst wenn man ihn erlebt hat.<\/p>\n<p>Viele in Deutschland sind verunsichert, wegen der angeblich ausufernden Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me, wegen des Aufstiegs der AfD, wegen der pauschalen Islam-Ablehnung. Sie haben Angst, obwohl sie nichts Schlimmes erlebt haben. Aber der Terror kommt \u00fcber die Medien herein.<\/p>\n<p>Wie ist bei das denen, die von Islamisten um ein Haar get\u00f6tet worden w\u00e4ren? \u201eWir nehmen unsere Erlebnisse nicht als Grund f\u00fcr Hass\u201c, sagt Julia. \u201eDie Menschen, die sich jetzt einen Anschlag als Grund nehmen, um gegen Ausl\u00e4nder zu wettern, haben das vorher auch schon getan.\u201c Jetzt Fl\u00fcchtlinge zu unterst\u00fctzen statt sie unter \u201eTerror-Generalverdacht\u201c zu stellen, sei umso wichtiger, sagt Thomas. \u201eWir k\u00f6nnen besser verstehen, was Terror ist. Wir haben ihn erlebt und wissen: Genau deshalb fl\u00fcchten die Menschen ja aus Syrien.\u201c<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wir lassen uns den Spa\u00df nicht von irgendwelchen Idioten verderben&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Bleibt nichts h\u00e4ngen? \u201eWir bleiben dabei, wir lassen uns den Spa\u00df nicht von irgendwelchen Idioten verderben, die meinen, Leute terrorisieren zu m\u00fcssen\u201c, sagt Thomas.<\/p>\n<p>Mitte Oktober sitzen die beiden in der K\u00fcche ihrer K\u00f6lner Wohnung, auf dem Tisch: Papiere, Schreiben, ein Aktenordner. Es sind Briefe der deutschen und franz\u00f6sischen Polizei, Auskunftsb\u00f6gen und Beschreibungen des Tathergangs. Julia und Thomas beteiligen sich als Nebenkl\u00e4ger am Prozess gegen den mutma\u00dflichen Bataclan-Attent\u00e4ter Salah Abdeslam. Bei der Polizei haben sie ausgesagt. Der Papierkram f\u00fcr die Opferentsch\u00e4digung ist erledigt.<\/p>\n<p>Aber ihr Leben bestimmen soll der 13. November 2015 nicht. Die n\u00e4chsten Konzertkarten liegen schon bereit auf dem K\u00fcchentisch: \u201eGreen Day\u201c, \u201ePeter Pan Speed_rock\u201c und \u201eUgly Kid Joe\u201c. \u201eWir sind von Anfang an wieder auf Konzerte gegangen\u201c, sagt Thomas. \u201eAber wir schauen jetzt schon eher nach den Notausg\u00e4ngen.\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: FAZ.NET<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel in der FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG und auf FAZ.NET (mit Videointerviews, erschienen am 25.10.2016) Von Martin Benninghoff Im November 2015 t\u00f6teten Terroristen fast 90 Menschen im Pariser Bataclan. 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