{"id":1803,"date":"2016-11-13T17:18:33","date_gmt":"2016-11-13T15:18:33","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1803"},"modified":"2016-11-13T17:21:21","modified_gmt":"2016-11-13T15:21:21","slug":"als-ihre-herzen-stehen-blieben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1803","title":{"rendered":"Als ihre Herzen stehen blieben"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/leben-ein-jahr-nach-dem-attentat-von-paris-14524721.html\">Erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG (FAS) und FAZ.NET (13.11.2016)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff, Katrin Hummel, Estelle Marandon und Jennifer Wiebking<\/em><\/p>\n<p><strong>Heute vor einem Jahr griffen islamistische Attent\u00e4ter Paris an. Sie t\u00f6teten 130 Menschen. Opfer, Hinterbliebene und Bewohner der Stadt erz\u00e4hlen von der Nacht und dem Leben danach.<\/strong><\/p>\n<p id=\"pageIndex_1\" class=\"First PreviewPagemarker\">Christiane Junker ist mit einer Freundin im \u201eLe Barom\u00e8tre\u201c, einem Bistro auf dem Boulevard Voltaire nur 50 Meter vom Konzertsaal \u201eBataclan\u201c entfernt, als sie pl\u00f6tzlich Sch\u00fcsse h\u00f6rt. \u201eWir guckten uns an und fanden das beide komisch, aber dann sagte ich: \u201aBestimmt ein Feuerwerk\u2018\u201c, erinnert sie sich. Im n\u00e4chsten Moment rennen Leute \u00fcber die Stra\u00dfe, G\u00e4ste werfen sich auf die Knie oder kriechen unter Tische. Junker robbt hinter die Theke, ihre Freundin sperrt sich in eine Besenkammer ein. Weitere Sch\u00fcsse fallen. \u201eIch habe versucht, zu verstehen, was gerade passiert, und ich konnte im Fernseher, der in dem Bistro hing, sehen, dass auch an anderen Orten Sch\u00fcsse fallen\u201c, erz\u00e4hlt die Fernsehjournalistin. Rund drei\u00dfig Minuten harren sie so aus, dabei linst sie immer wieder \u00fcber die Theke und sieht schlie\u00dflich \u201eso was wie das deutsche SEK eintreffen, mit schweren Maschinenpistolen, aber ohne Helme. Ich dachte an eine Kneipenschie\u00dferei, Hells Angels oder so\u201c, erinnert sich Junker. Sie ist beruhigt, weil sie denkt: Wenn die Polizei da ist, wird sich das alles schon kl\u00e4ren. Das Ausma\u00df dessen, was gerade geschieht, begreift sie in diesem Moment nicht.<\/p>\n<p>Es ist die Nacht vom 13. November vergangenen Jahres, als in Paris 130 Menschen ums Leben kommen, weil islamistische Terroristen zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate Anschl\u00e4ge in der Stadt ver\u00fcben. Ausgerechnet in Paris, der Stadt der Liebe, die nun droht, zu einem geradezu lebensfeindlichen Ort zu werden. Blo\u00df weg hier, so denken sich einige Bewohner schon in diesen erschreckenden ersten Stunden, ab nach Marseille oder Bordeaux, wo es f\u00fcr das gleiche oder gar weniger Geld ein Haus mit Garten gibt und Sonne, die einem ins Gesicht strahlt.<\/p>\n<p>In den Tagen nach den Anschl\u00e4gen werden in manchen Kinderg\u00e4rten Ausfl\u00fcge zum Spielplatz verboten, Sankt-Martins-Umz\u00fcge abgesagt. Schwer bewaffnete Milit\u00e4rs werden auf einmal an jeder Ecke stehen. \u201eMeine damals drei Jahre alte Tochter fing an, von b\u00f6sen Menschen zu sprechen. Es war bedr\u00fcckend\u201c, wird eine Pariser Mutter von zwei kleinen Kindern berichten. Das Gef\u00fchl, dass da ein Lebensgef\u00fchl endet, in dieser Terrornacht kommt es hoch, es erfasst alle, die in der Hauptstadt leben.<\/p>\n<p>Julius Tang hat erst wenige Wochen zuvor sein Masterstudium in Paris begonnen, als er und ein paar befreundete Kommilitonen auf die Idee kommen, sich das Freundschaftsspiel Deutschland gegen Frankreich im Stade de France anzuschauen. \u201eDie Tickets waren nicht teuer, 30, 40 Euro, also haben wir eine Woche vorher gesagt: Okay, das machen wir\u201c, erz\u00e4hlt der deutsche BWL-Student. Vor dem Stadion lassen sie noch ein Foto von sich machen, um 21.03 Uhr ist Anpfiff. Ihre Pl\u00e4tze sind weit oben, aber auch dort ist der erste Knall 14 Minuten sp\u00e4ter deutlich zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u201eKeiner von uns hat das in diesem Moment verstanden, dieser Riesenknall kam von der gegen\u00fcberliegenden Seite\u201c, sagt Tang. \u201eZun\u00e4chst dachten wir an \u00fcbermotivierte Fans, die ein Zeichen setzen wollten, aber andererseits haben die franz\u00f6sischen Fans, die deutlich in der \u00dcberzahl waren, \u00fcberhaupt nicht reagiert. Sie haben jedenfalls nicht gejubelt.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hatte einer der Attent\u00e4ter versucht, kurz nach Spielbeginn noch ins Stadion zu kommen. Als der Sicherheitsdienst die Sprengstoffweste entdeckt, fl\u00fcchtet der Attent\u00e4ter und z\u00fcndet die Bombe au\u00dferhalb des Stadions. Ein Passant kommt mit ihm ums Leben. Es ist der erste Knall von etlichen an diesem Abend. Bis zur zweiten Explosion sterben im Stadtzentrum 15 Menschen infolge der Schie\u00dferei.<\/p>\n<p><strong>Der Backstage-Bereich diente als Schutzraum<\/strong><\/p>\n<p>Julia und Thomas Schmitz sind um diese Zeit im Bataclan, wo die Attent\u00e4ter in den n\u00e4chsten Stunden knapp 90 Menschen erschie\u00dfen werden. Es ist Thomas\u2019 Geburtstag, das Konzert der amerikanischen Rockband \u201eEagles of Death Metal\u201c steht auf dem Programm, und ihr Platz ist auf der Galerie mit Blick auf die B\u00fchne. Mitten im Gitarrensolo bricht pl\u00f6tzlich ein Sch\u00fcsse-Stakkato von ungeheurer Wucht los. Gestank wie von Feuerwerk breitet sich aus, als Julia begreift: Das kann nicht Teil der Show sein. Sie rei\u00dft Thomas am Arm, sie laufen los, atemlos mitgerissen vom Strom der anderen Konzertbesucher, durch ein Treppenhaus sprinten sie in Richtung Ausgang. Pl\u00f6tzlich fallen auch dort Sch\u00fcsse, der Fluchtweg scheint verbaut, sie laufen die Treppenstufen hoch, wieder zur\u00fcck aufs Zwischengeschoss, wo sie sich schlie\u00dflich in einen Raum retten.<\/p>\n<p>Im Stade de France wird indessen nach der Explosion normal weitergespielt. \u201eIrgendwann kamen die ersten Nachrichten von Freunden, so haben wir \u00fcberhaupt erst von der Explosion am Stadion mitbekommen\u201c, sagt Julius Tang. Auf dem Rasen gewinnt Frankreich 2:0, das Spiel wird auch nach der dritten Detonation um kurz vor 22 Uhr in einem Mc Donald&#8217;s am Stadion nicht vorzeitig abgepfiffen. \u201eIch war erst ziemlich entsetzt, dass da nichts kommuniziert wurde, aber aus der Sicht des Krisenmanagements war das nat\u00fcrlich genau richtig, sonst w\u00e4re sicher Panik entstanden\u201c, sagt Tang.<\/p>\n<p>Nach dem Abpfiff werden die Zuschauer geordnet durch einen einzigen Ausgang geleitet. \u201eZu diesem Zeitpunkt haben wir richtig Angst bekommen und uns gemeinsam dazu entschlossen, so lange wie m\u00f6glich im Stadion zu bleiben.\u201c Mit seinen Freunden klettert Tang die R\u00e4nge bis ganz nach oben, \u201evon dort konnte man ein richtiges Herdenverhalten beobachten\u201c. Weil ein Ordner pl\u00f6tzlich allzu hektisch reagiert, rennen die Leute in Todesangst \u00fcber den Rasen. \u201eWir dachten in diesem Moment, dass die Attent\u00e4ter jetzt ins Stadion kommen.\u201c<\/p>\n<p>Der Ort im Bataclan, an den sich Julia und Thomas Schmitz retten k\u00f6nnen, stellt sich als Backstage-Raum der Band heraus. Das Paar verschanzt sich dort mit anderen Menschen, Thomas knallt die schwere T\u00fcr zu und wuchtet einen K\u00fchlschrank und ein Sofa davor. Sie hocken sich auf den Boden. Die Luft wird stickig, zum Schneiden, zudem nagt die Ungewissheit, was drau\u00dfen vor sich geht, an ihnen. Sie h\u00f6ren Schreie und Sch\u00fcsse und irgendwann die Attent\u00e4ter vor der T\u00fcr, die offenbar versuchen, in den Raum zu gelangen. Es ist der Moment, als Thomas und Julia mit ihrem Leben abschlie\u00dfen: \u201eWir haben wirklich gedacht, wir sterben jetzt. Hoffentlich geht es schnell und tut nicht weh.\u201c<\/p>\n<p><strong>&#8222;Eine Mischung aus Hoffnung und Hoffnungslosigkeit&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt empf\u00e4ngt Antoine Leiris zu Hause in seiner Pariser Wohnung eine erste SMS: \u201eHallo, alles gut? Seid ihr zu Hause?\u201c Er antwortet nicht, aber als weitere besorgte SMS folgen (\u201eSeid ihr in Sicherheit?\u201c) schaltet er, der noch gar nichts von alldem mitbekommen hat, den Fernseher ein. Und sieht das Schriftband, das unter den Bildern vom Attentat im Stade de France herl\u00e4uft: \u201eAttentat im Bataclan\u201c. Leiris\u2019 Herz bleibt stehen. Er denkt: Das muss ein Irrtum sein. Ein elektrischer Schlag scheint durch seinen K\u00f6rper zu fahren. Im Bataclan, da ist seine Frau H\u00e9l\u00e8ne. Er selbst ist zu Hause geblieben, um auf ihren gemeinsamen Sohn, den einj\u00e4hrigen Melvil, aufzupassen.<\/p>\n<p>Er w\u00e4hlt H\u00e9l\u00e8nes Nummer \u2013 Klingeln, Mailbox. Er legt auf. Ruft wieder an. Einmal, zweimal, hundertmal. Seine Familie kommt zu ihm, gemeinsam mit seinem Bruder setzt er sich ins Auto und f\u00e4hrt die Krankenh\u00e4user ab. \u201eIch habe agiert mit einer Mischung aus Hoffnungslosigkeit und Hoffnung\u201c, erinnert er sich heute. \u201eIch dachte die ganze Zeit: Vielleicht ist sie tot, und gleichzeitig dachte ich: Vielleicht hat sie ja \u00fcberlebt. Und weil beide Gef\u00fchle gleichzeitig da waren, f\u00fchlte ich mich wie im Auge eines Zyklons, und es gab kein Entkommen.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Leiris durch die Nacht f\u00e4hrt, harren Julia und Thomas Schmitz hinter der verbarrikadierten T\u00fcr aus. Sie h\u00e4lt. Nach zweieinhalb oder drei Stunden \u2013 das Zeitgef\u00fchl funktioniert nicht mehr richtig \u2013 kommen endlich die Einsatzkr\u00e4fte und holen sie raus.<\/p>\n<p>Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite der Stra\u00dfe beobachtet Christiane Junker nun aus dem ersten Stock die Lage. Die Polizei war kurz vorher in das Bistro gekommen und hatte die G\u00e4ste aufgefordert, in Privatwohnungen eine Etage h\u00f6her zu warten. \u201eWir mussten uns im Dunkeln auf den Boden legen\u201c, sagt sie. Aus dem Fenster sieht Junker, die ab und zu hinauslugt, Verletzte, die abtransportiert werden. Die Polizei f\u00fchrt die Bistrog\u00e4ste schlie\u00dflich in den Hinterhof des Geb\u00e4udes und von dort durch einen Seitenausgang auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>\u201eWir sahen viele Menschen, die mit erhobenen H\u00e4nden aus dem Bataclan rauskamen, die Polizei hielt sie mit Waffen in Schach, weil sie gucken mussten, ob sich unter ihnen nicht noch Terroristen befanden\u201c, erz\u00e4hlt Junker, \u201eund wir sahen auch viel Blut, Schwerverletzte auf Tragen und Tote, und wir mussten an allen vorbeilaufen. Ich habe meiner Freundin die Augen zugehalten, damit sie das nicht sehen muss.\u201c Sie selbst sei aufgrund ihres Berufs schon einiges gew\u00f6hnt, aber auch sie k\u00f6nne diese Bilder bis heute nicht vergessen.<\/p>\n<p>Irgendwann wird auch das Stade de France ger\u00e4umt, also m\u00fcssen Julius Tang und seine Freunde \u00fcber den gesicherten Fluchtweg raus. \u201eEs gab nur diese eine Fluchtstra\u00dfe zur\u00fcck nach Paris. Aber in meine nahe gelegene Wohnung konnten wir nicht, unsere Freunde hielten uns auf dem Laufenden und sagten, dass dort noch geschossen werde.\u201c Nach einer Dreiviertelstunde zu Fu\u00df finden sie ein Taxi, der Zug ist ihnen in diesem Moment zu unsicher.<\/p>\n<p>\u201eWir sind dann zu der kleinen Schwester von einem Kumpel von mir, sie wohnte in einer WG in Saint-Germain, s\u00fcdlich der Seine. Die Schie\u00dferei war ja n\u00f6rdlich.\u201c Zu diesem Zeitpunkt ist es zwei Uhr nachts, die Gruppe l\u00e4dt dort die Handys auf, unterh\u00e4lt sich mit den Mitbewohnern und versucht so zu verarbeiten, was gerade passiert ist. \u201eIrgendwann haben wir uns dann V\u00e9libs, Leihfarr\u00e4der, genommen und sind nach Hause gefahren.\u201c<\/p>\n<p><strong>&#8222;Keine Ausrede, nicht zur Uni zu kommen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Antoine Leiris indes findet noch keine Ruhe. Fast 24 Stunden muss er warten, um zu erfahren, was mit H\u00e9l\u00e8ne ist. W\u00e4hrenddessen k\u00fcmmert er sich um seinen Sohn Melvil, er f\u00fcttert ihn, er liest ihm vor, er beruhigt ihn, wenn er seine Mama vermisst. Am Abend des 14. November gegen 20 Uhr schlie\u00dflich, Melvil schl\u00e4ft schon, ruft H\u00e9l\u00e8nes Schwester ihn an: \u201eAntoine, es tut mir so leid&#8230;\u201c. Leiris sagt: \u201eIn diesem Moment wusste ich, dass es keinen Ausweg mehr gab.\u201c Und gleichzeitig ahnte er, dass ihm das Schlimmste noch bevorstand: Er musste Melvil sagen, dass seine Mama nie mehr zur\u00fcckkommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag startet er die Playlist, die H\u00e9l\u00e8ne f\u00fcr Melvil zusammengestellt hat, und dann dr\u00fcckt er ihn an sich, h\u00e4lt ihn zwischen seinen Beinen eingeklemmt, \u201edamit er mich sp\u00fcrt, damit er mich versteht\u201c. Dann \u00f6ffnet er ein Foto von H\u00e9l\u00e8ne, Melvil zeigt \u00e4ngstlich darauf, Tr\u00e4nen stehen ihm in den Augen, weil er seine Mama schon jetzt so vermisst. Und Leiris erkl\u00e4rt ihm, dass seine Mama \u201enicht wiederkommen kann, dass sie einen schweren Unfall hatte, dass es nicht seine Schuld ist, dass sie viel lieber bei ihm w\u00e4re, dass sie es aber nicht mehr kann\u201c.<\/p>\n<p>Julius Tang entscheidet sich unterdessen, nach Deutschland zu seinen Eltern zu fahren. \u201eIch wei\u00df nicht, ob es richtig war. Meine Uni hat am Sonntag eine Mail herumgeschickt, dass man drei Tage lang fehlen d\u00fcrfe, aber dass die Anwesenheit ab Donnerstag wieder vorausgesetzt werde. F\u00fcr mich war aber klar, dass ich die ganze Woche \u00fcber fehlen w\u00fcrde. Ich musste ziemlich lange diskutieren, ich schrieb meinem Programmleiter, dass ich im Stadion war und das sehr schlimm fand, und er entgegnete, er habe auch Verwandte im Bataclan verloren, und f\u00fcr ihn sei das keine Ausrede, nicht zur Uni zu kommen. Es zeigt auch, wie anders die Franzosen damit umgehen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Die m\u00fcrrischen Pariser werden sanft und zug\u00e4nglich<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Paris vom Ausgehen als erster B\u00fcrgerpflicht die Rede ist, schielen die Deutschen halb ver\u00e4ngstigt, halb bewundernd r\u00fcber zu ihren franz\u00f6sischen Nachbarn. Denn in den Tagen nach dem Anschlag geschieht dort etwas Merkw\u00fcrdiges. Die sonst eher m\u00fcrrischen Pariser werden auf einmal sanft und zug\u00e4nglich. Die Menschen r\u00fccken zusammen. Sie unterhalten sich pl\u00f6tzlich mit Wildfremden, erkundigen sich gegenseitig nach dem Befinden. Schlie\u00dflich ist jeder irgendwie betroffen.<\/p>\n<p>Jeder kennt irgendwen, der in dieser Nacht an einem dieser verh\u00e4ngnisvollen Orte war. Und Antoine Leiris postet auf Facebook jenen Post, der innerhalb kurzer Zeit um die ganze Welt gehen wird: \u201eMeinen Hass bekommt ihr nicht.\u201c Darin wendet er sich an die Terroristen, die seine Frau get\u00f6tet haben, und schreibt ihnen, dass Melvil und er auch weiterhin gl\u00fccklich und frei sein werden und sie somit ihr Ziel, Hass zu s\u00e4en, verfehlt haben. Eine Botschaft der Liebe in Zeiten des schlimmsten Terrors, die kurz darauf auch in sein gleichnamiges Buch Eingang finden wird, in dem er \u00fcber die Nacht der Attentate und die Zeit danach schreibt.<\/p>\n<p>Thomas Schmitz, der in der Nacht vom 13. November im Bataclan war, sitzt in den Wochen darauf viel zu Hause in K\u00f6ln. Als Logistiker, der mit Gefahrg\u00fctern hantiert, ist er krankgeschrieben, er darf nicht arbeiten. Auch Julia Schmitz tritt k\u00fcrzer, sie klagt \u00fcber Konzentrationsschwierigkeiten. Stundenlang recherchiert sie im Internet, will alles \u00fcber die mutma\u00dflichen Attent\u00e4ter wissen. Thomas ist nicht desinteressiert, aber er zieht sich mehr in sich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter, im Oktober 2016, stehen sie zum ersten Mal wieder in dem Raum, in dem sie die schlimmste Nacht ihres Lebens verbringen mussten. \u201eLife for Paris\u201c, ein Verein f\u00fcr die verletzten Opfer und die Angeh\u00f6rigen der Toten, hat Julia und Thomas zu einer Begehung des Bataclan eingeladen. Es ist zwar nicht ihre erste R\u00fcckkehr nach Paris seit dem tragischen Abend, wohl aber die erste R\u00fcckkehr in die Konzerthalle, in der sie fast gestorben w\u00e4ren. Noch andere \u00dcberlebende sind gekommen, den Fluchtweg aber inspizieren sie zu zweit mit einer Betreuerin, gleichen ihn mit der Erinnerung ab: die W\u00e4nde, die Treppenstufen. Fassungslos steht Thomas vor dem Backstage-Raum, die schwere Brandschutzt\u00fcr wurde gegen eine leichtere T\u00fcr aus Holz ausgetauscht: \u201eW\u00e4re die damals schon da gewesen statt der schweren T\u00fcr, w\u00e4ren wir heute tot\u201c, sagt er.<\/p>\n<p><strong>Die Erlebnisse in den K\u00f6pfen lassen sich nicht einfach \u00fcberpinseln<\/strong><\/p>\n<div class=\"FAZArtikelText\">\n<div class=\"\">\n<p>Im Bataclan sind mittlerweile alle Spuren der Schreckensnacht getilgt: Die teils blutverschmierte Bestuhlung ist rausgerissen, die B\u00f6den sind erneuert, die Einschussl\u00f6cher an den W\u00e4nden gespachtelt und \u00fcberstrichen. Am Freitagabend singt Sting zur Wiederer\u00f6ffnung. Auch die Restaurants am Canal Saint-Martin sind renoviert worden und heute fast besser besucht als vor dem 13. November. In den K\u00f6pfen der \u00dcberlebenden aber lassen sich die Erlebnisse nicht einfach \u00fcberpinseln, auch wenn selbst jemand wie Antoine Leiris versucht, seinem Leben wieder einen normalen Anstrich zu geben: \u201eEs geht uns gut\u201c, sagt er \u00fcber sich und Melvil und bem\u00fcht sich, seine Trauer zu verbergen.<\/p>\n<p>\u201eWir machen weiter wie zuvor, mit dem Unterschied, dass sie nicht mehr da ist.\u201c Er ist in Kontakt mit anderen Hinterbliebenen und Opfern, weil er an einer Fernsehdokumentation mitgewirkt hat. \u201eIch wei\u00df gar nicht mehr, warum ich das urspr\u00fcnglich gemacht habe, aber daraus haben sich Freundschaften entwickelt\u201c, erz\u00e4hlt er. \u201eDa ist eine Br\u00fcderlichkeit zwischen uns, weil wir alle die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Wir reden inzwischen \u00fcber viele Dinge, nicht nur \u00fcber die Attentate.\u201c<\/p>\n<p>Denn nat\u00fcrlich ist das Leben f\u00fcr niemanden in der Stadt so, wie es war \u2013 auch nicht f\u00fcr die Menschen, die keine Angeh\u00f6rigen verloren haben. Auch viele Pariser fahren ungern mit der Metro, selbst ein Jahr sp\u00e4ter noch. \u201eWenn ich es doch einmal tun muss, lasse ich meine Mitfahrenden nicht aus den Augen und sch\u00e4me mich, dass ich dabei einen bestimmten Typus unter Generalverdacht stelle\u201c, erz\u00e4hlt die Pariser Mutter. \u201eMeine Kinder bringe ich grunds\u00e4tzlich mit dem Fahrrad zum Kindergarten.\u201c Dass dieser von der Stra\u00dfe direkt einsehbar ist, bereite ihr nach wie vor ein ungutes Gef\u00fchl. Ebenso wie die Vorstellung, die Kinder irgendwann zur Schule zu schicken, \u201ewo niemand ihre Sicherheit garantieren kann.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens da werden sie dann wohl mit diesem Plakat konfrontiert, das ich neulich in der Post neben dem Schalter h\u00e4ngen sah: Was tun im Falle eines Terroranschlags?\u201c Ein Aushang mit Bildern, \u00e4hnlich wie die Sicherheitshinweise im Flugzeug. Unterteilt in drei Kategorien: 1. Fliehen, 2. Verstecken, 3. Warnen. Sich mit M\u00f6beln verbarrikadieren, auf die Stra\u00dfe fl\u00fcchten, Passanten warnen, die H\u00e4nde \u00fcber den Kopf strecken. \u201eIch frage mich, ob das wohl bald zur g\u00e4ngigen Schulroutine geh\u00f6ren wird, wie die \u00dcbung f\u00fcr den Feueralarm.\u201c Der Gedanke daran schockt sie noch nicht einmal, und diese Ver\u00e4nderung an sich selbst wundert sie eigentlich am meisten.<\/p>\n<p>Auch Christiane Junker ist nicht mehr dieselbe. \u201eIch bin nicht mehr so unschuldig. Damals habe ich mich gewundert, dass alle Franzosen nach den Sch\u00fcssen direkt auf die Knie gefallen sind und niemand so neugierig wie meine Freundin und ich aus dem Fenster geguckt hat. Aber heute w\u00fcrde ich das genauso machen \u2013 ich w\u00fcrde auch sofort auf die Knie fallen.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"FAZArtikelText js-article-footer\">\n<div class=\"ArtikelFooter\">\n<p><span class=\"quelle\"><em>Quelle: F.A.S.<\/em> <\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG (FAS) und FAZ.NET (13.11.2016) Von Martin Benninghoff, Katrin Hummel, Estelle Marandon und Jennifer Wiebking Heute vor einem Jahr griffen islamistische Attent\u00e4ter Paris an. Sie t\u00f6teten 130 Menschen. 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