{"id":1814,"date":"2017-01-01T10:33:47","date_gmt":"2017-01-01T08:33:47","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1814"},"modified":"2017-01-01T10:33:47","modified_gmt":"2017-01-01T08:33:47","slug":"neues-jahr-neue-betonbloecke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1814","title":{"rendered":"Neues Jahr, neue Betonbl\u00f6cke"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/nach-dem-terror-neues-jahr-neue-betonbloecke-14599872.html\">Reportage aus Berlin zur Silvesternacht, erschienen bei FAZ.NET (01.01.2017).<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff, Berlin<\/em><\/p>\n<p><strong>Silvester in Berlin. Besuch in einer Stadt, die sich knapp zwei Wochen nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt um Normalit\u00e4t bem\u00fcht.<\/strong><\/p>\n<p>Breitscheidplatz, nahe der Ged\u00e4chtniskirche im Berliner Westen: Hier, wo vor noch nicht einmal zwei Wochen der mutma\u00dfliche Attent\u00e4ter Anis Amri einen Lkw in ahnungslose Weihnachtsmarktbesucher steuerte und so 12 Menschen t\u00f6tete, erhellen unz\u00e4hlige Kerzen die Silvesternacht. Blumen liegen auf dem Boden, dazwischen einige Schilder mit Aufschriften der Anteilnahme: \u201eWir trauern mit den Deutschen\u201c oder einfach nur \u201eWarum?\u201c.<\/p>\n<p>Es ist still, obwohl hinter der Ged\u00e4chtniskirche, stadteinw\u00e4rts, die Raketen empor steigen, der Krach der detonierenden B\u00f6ller in den H\u00e4userschluchten hin und her geworfen wird, und sich die Luft langsam mit dem typischen Silvesterfeuerwerkgeruch f\u00fcllt. 0 Uhr. Silvester.<\/p>\n<p>Aber die Menschen sind wegger\u00fcckt, weg vom Anschlagsort hin zu den wenigen Buden, die noch auf haben, zur Champignonpfanne wenige Meter weiter in Richtung <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/thema\/kirche\" data-rtr-id=\"08b1bc01c0f272c68e93d9dee6ab0c8bb71b10a1\">Kirche<\/a> etwa oder zur Kneipenbude, aus der der laute Hans Albers schallt &#8211; &#8222;auf der Reeperbahn nachts um halb eins&#8220;&#8230;<\/p>\n<p><strong>&#8222;Es muss ja weitergehen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Marcus steht mit seiner Freundin und einem befreundeten P\u00e4rchen an einem nahegelegenen Getr\u00e4nkestand. Sie trinken Sekt, prosten sich zu, schie\u00dfen ein paar Fotos. Marcus wohnt nicht weit von hier am Adenauerplatz, war am sp\u00e4ten Abend eigens zum Breitscheidplatz gekommen, um die Gedenkkerzen zu fotografieren und \u201ean die Opfer zu denken\u201c, sagt er. Jetzt aber wolle er das Feuerwerk sehen. Weg von den Blumen und den Kerzen und den schlechten Gedanken sein.\u00a0 \u201eWir wollen ja feiern\u201c, sagt er, \u201ees muss ja weitergehen.\u201c<\/p>\n<p>So wie Marcus tickt die ganze Stadt am Silvesterabend. Irgendwie geht es weiter nach dem verheerenden Anschlag. Die Feste wurden nicht abgesagt, alles soll wieder so normal wie nur m\u00f6glich ausschauen.<\/p>\n<p>Doch schon am Breitscheidplatz erinnern nun dicke Betonkl\u00f6tze an die Verwundbarkeit dieser Stadt mit ihren fast w\u00f6chentlichen Massenveranstaltungen. Die Betonkl\u00f6tze sollen nicht nur einen \u00e4hnlichen Anschlag mit einem Fahrzeug verhindern \u2013 sie sollen der Bev\u00f6lkerung und den vielen Tausend Touristen, die an Silvester die Stadt bev\u00f6lkern, das Gef\u00fchl von Sicherheit geben. Zur\u00fcckgeben.<\/p>\n<p>Dabei ist der Breitscheidplatz an diesem Abend ohnehin nicht der Magnet f\u00fcr Feiernde. Deutschlands gr\u00f6\u00dfte Silvesterparty findet auf der gut zwei Kilometer langen Partymeile zwischen Siegess\u00e4ule und Brandenburger Tor statt. Mehrere Hunderttausend Menschen feiern hier am Abend und der Nacht unter dem Motto \u201eWillkommen 2017\u201c, das B\u00fchnenprogramm mit Musikern wie Jermaine Jackson und Ray Wilson wird live im ZDF \u00fcbertragen. Um Mitternacht l\u00e4uten am Brandenburger Tor rund 6000 Raketen das neue Jahr ein.<\/p>\n<p><strong>Eine Herausforderung f\u00fcr die Polizei<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Berliner Polizei\u00a0ist das Spektakel eine besondere Herausforderung \u2013 das Gel\u00e4nde gleicht einer Hochsicherheitszone: An einigen Eing\u00e4ngen sind &#8211; wie am Breitscheidplatz &#8211; Betonkl\u00f6tze angebracht, zudem sichern Panzerwagen die Zufahrtswege. Rund 1700 Polizisten sind im Einsatz, teils schwerbewaffnet, dazu Hunderte Helfer und Sicherheitskr\u00e4fte privater Dienstleister. Die Eing\u00e4nge werden rigoros kontrolliert, was mitunter zu l\u00e4ngeren Wartezeiten f\u00fchrt. Zwischenzeitlich schlie\u00dfen die Veranstalter Eing\u00e4nge \u2013 das Gel\u00e4nde ist gut gef\u00fcllt. Die Besucher sehen es gelassen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter meldet die Polizei, dass die Silvesternacht \u201eweitgehend friedlich\u201c verlaufen sei, ein \u201ewunderbarer und gelungener Rutsch\u201c ins neue Jahr. Dennoch kommt es zu Zwischenf\u00e4llen: Auf der<br \/>\nPartymeile habe es Festnahmen wegen Rangeleien, Drogen und Waffenbesitz gegeben. Auch zu sexuellen Bel\u00e4stigungen sei es gekommen. Die Polizei twitterte: \u201eEs wurden vereinzelt Frauen auf der #Festmeile sexuell bel\u00e4stigt. Wir gehen selbstverst\u00e4ndlich jedem Fall nach und berichten.\u201c<\/p>\n<p>Trotz dieser F\u00e4lle: Insgesamt Entwarnung in einer sensiblen Situation nach den Ereignissen in der K\u00f6lner Silvesternacht 2015\/2016, als Frauen massenweise begrapscht und angegangen worden waren. Die Berliner Polizei hatte die B\u00fcrger vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen ihrer K\u00f6lner Kollegen im Vorfeld eindringlich gewarnt: \u201eWeisen Sie klar und unmissverst\u00e4ndlich darauf hin, dass Sie bestimmte Dinge, wie z.B. zu dichtes Herankommen oder Anfassen, nicht w\u00fcnschen. Machen Sie in einem solchen Fall auf sich aufmerksam. Sprechen Sie andere Feiernde an und bitten um Hilfe.\u201c Sicherheitshalber rechneten die Beh\u00f6rden offenbar mit dem Schlimmsten.<\/p>\n<p><strong>Besch\u00e4ftigte Feuerwehr<\/strong><\/p>\n<p>Dabei hat die Feuerwehr in der Silvesternacht mehr als die Polizei zu tun. Alleine in der ersten Stunde nach Mitternacht r\u00fcckt sie zu 760 Eins\u00e4tzen im ganzen Stadtgebiet aus. H\u00e4ufig brennen Balkone, weil sich Raketen und andere Feuerwerksk\u00f6rper dort verfangen und Materialen entz\u00fcnden.<\/p>\n<p>Der abendliche Spie\u00dfrutenlauf vom Neuk\u00f6llner Hermannnplatz zum Kottbusser Tor in Kreuzberg l\u00e4sst erahnen, wie\u00a0 es dazu kommt: Aus den Wohnungen schie\u00dfen manche Raketen quer \u00fcber die Stra\u00dfe in die gegen\u00fcberliegenden H\u00e4userblocks, andere werfen extrem laute B\u00f6ller auf den Gehweg. Mit dem Blick nach oben l\u00e4sst es sich hier sicherer spazieren gehen.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Hier kann man noch alles machen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Neuk\u00f6lln und die Gegend um das Kottbusser Tor, \u201eKotti\u201c genannt, sind nicht nur durch soziale Probleme gepr\u00e4gt, durch Kriminalit\u00e4t und Negativnachrichten, sie sind auch das Ausgehviertel f\u00fcr J\u00fcngere, f\u00fcr Studenten und Jugendliche aus der ganzen Welt. Ahmed wohnt hier, ein 25-J\u00e4hriger, der den gleichen Weg entlang des Kottbusser Dammes nimmt auf dem Weg zu einer Party \u2013 und einfach einen guten Rutsch w\u00fcnscht. \u201eIst das nicht geil hier? Das gibt\u2019s nicht in K\u00f6ln, auch nicht in\u2026Bayern\u201c, ruft er, \u201ehier kann man alles machen\u201c.<\/p>\n<p>Die Gegend hier ist eine andere Welt als die offizielle Partymeile am Brandenburger Tor, wo viele Touristen feiern \u2013 und wo Berlin an diesem Abend besonders verletzlich ist. Als dort ein Besucher noch vor Mitternacht \u201eBombe, Bombe, Bombe\u201c ruft, fackeln die Sicherheitskr\u00e4fte nicht lange. Festnahme und Anzeige. \u201eEr feiert nun #Welcome 17 bei uns\u201c, twittert sp\u00e4ter die Polizei. Auf der Suche nach Normalit\u00e4t ist in Berlin wieder vieles erlaubt \u2013 makabre Scherze geh\u00f6ren knapp zwei Wochen nach dem t\u00f6dlichen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt noch nicht dazu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reportage aus Berlin zur Silvesternacht, erschienen bei FAZ.NET (01.01.2017). Von Martin Benninghoff, Berlin Silvester in Berlin. Besuch in einer Stadt, die sich knapp zwei Wochen nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt um Normalit\u00e4t bem\u00fcht. Breitscheidplatz, nahe der Ged\u00e4chtniskirche im Berliner&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1814\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Neues Jahr, neue Betonbl\u00f6cke<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,11,1],"tags":[249,431,433,432,430],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1814"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1814"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1814\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1815,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1814\/revisions\/1815"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1814"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1814"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1814"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}