{"id":1878,"date":"2017-06-17T18:16:18","date_gmt":"2017-06-17T16:16:18","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1878"},"modified":"2017-06-17T18:16:18","modified_gmt":"2017-06-17T16:16:18","slug":"das-hier-ist-ein-anfang","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1878","title":{"rendered":"&#8222;Das hier ist ein Anfang&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/nichtmituns-in-koeln-das-hier-ist-ein-anfang-15065366.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2\">Artikel bei FAZ.NET (erschienen am 17.06.2017)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Nur wenige Muslime setzen bei der Friedensdemo in K\u00f6ln ein Zeichen gegen Terrorismus. Diejenigen aber, die kommen, lassen sich nicht entmutigen.<\/strong><\/p>\n<p id=\"pageIndex_1\" class=\"First\">\u201eNicht mit uns\u201c \u2013 das Motto der Demonstration, zu der die Publizistin und Islamlehrerin Lamya Kaddor und der Friedensaktivist Tarek Mohamad aufgerufen haben, um ein Zeichen gegen Terror im Namen des Islams zu setzen, wirkt am Samstag ungewollt komisch. Von prognostizierten 10.000 Teilnehmern stehen am fr\u00fchen Nachmittag rund 300 bis 500 vor der B\u00fchne auf dem K\u00f6lner Heumarkt. Sp\u00e4ter werden sich ungef\u00e4hr noch einmal so viele beim Marsch durch die Stadt anschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Das Aufgebot der Journalisten und Kamerateams scheint kaum geringer. Das mediale Echo war nach der Absage des gr\u00f6\u00dften deutschen Islamverbands Ditib immens gewesen \u2013 und es hallt hier nach. Offenbar hatten einige erwartet, dass es in K\u00f6ln \u2013 im \u00fcbertragenen Sinne \u2013 knallt. Was es nicht tut.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr steht die Entt\u00e4uschung \u00fcber die geringe Teilnehmerzahl den Veranstaltern ins Gesicht geschrieben. Mit etwas Versp\u00e4tung betritt Lamya Kaddor die B\u00fchne in der K\u00f6lner Innenstadt. Kaddor ist Mitgr\u00fcnderin des \u201eLiberal-Islamischen Bundes\u201c, eines Vereins, der Muslime vertreten m\u00f6chte, die sich mit den g\u00e4ngigen Lehren der gro\u00dfen konservativen Islamverb\u00e4nde, Ditib, Islamrat, VIKS und Zentralrat der Muslime, nicht so recht anfreunden k\u00f6nnen. Sie ist \u2013 gemeinsam mit Tarek Mohamad, der im vergangenen Jahr mit einem Friedensappell via Facebook bekannt geworden war \u2013 Organisatorin der Demonstration. \u201eIch wei\u00df nicht, warum nicht mehr gekommen sind\u201c, ruft sie ins Mikrofon, h\u00e4lt sich dann nicht mehr lange mit Bew\u00e4ltigung auf, sondern geht in die Offensive: \u201eDas hier ist ein Anfang! Egal ob konservativ oder liberal \u2013 wir m\u00fcssen diejenigen, die Terror verbreiten, an den Rand dr\u00e4ngen.\u201c Jubel und Zustimmung.<\/p>\n<p>Einige Muslime sind dann doch dem Ruf gefolgt und nach K\u00f6ln gereist, so die t\u00fcrkischst\u00e4mmige Melisa \u00d6ren aus Herne im Ruhrgebiet. \u201eIch will hier zeigen, dass diejenigen, die meinen, sich bei ihrem Terror auf den Islam berufen zu k\u00f6nnen, vom Glauben her falsch liegen\u201c, sagt die junge Frau, die Kopftuch tr\u00e4gt und aktiv in der Islamischen Gemeinde Herne engagiert ist. Sadye Davulcu pflichtet ihr bei, nickt mit dem Kopf: \u201eWir wollen Frieden.\u201c Sie h\u00e4lt ein gemaltes Bild hoch, auf dem sich zwei Frauen umarmen, die eine tr\u00e4gt ein Kopftuch: \u201eWir Moslems wollen mit euch Christen Frieden haben\u201c, steht dar\u00fcber geschrieben. Eine andere Frau tr\u00e4gt ein Schild mit der Aufschrift: \u201eWir sagen NEIN zu Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Salafismus\/Scharia Polizei und Islamophobie\u201c.<\/p>\n<p>\u00d6ren und Davulcu ziehen mit ihren Schildern und ihrer islamischen Kleidung \u2013 neben dem Kopftuch tragen sie lange M\u00e4ntel \u2013 die Kamerateams an. Das Gro\u00dfaufgebot der Polizei steht derweil de facto arbeitslos am Rand. Auf der Zufahrt zur Deutzer Br\u00fccke parken Polizei-Einsatzwagen, an den Ausg\u00e4ngen der Altstadtgassen, die zum Heumarkt f\u00fchren, warten ebenfalls einsatzbereite Polizisten in voller Montur. Nach den Zusammenst\u00f6\u00dfen von Salafisten und rechten Hooligans 2014 und der Silvesternacht 2015\/2016 will die Polizei nun alles richtig machen, zumal das Image der Ordnungsh\u00fcter noch nicht ganz wiederhergestellt ist. Sicherlich ein Grund, weshalb sogar der K\u00f6lner Polizeichef h\u00f6chstpers\u00f6nlich Pr\u00e4senz zeigt: Polizeipr\u00e4sident J\u00fcrgen Mathies l\u00e4uft am Rand auf und ab, die Botschaft: Jetzt geht nichts mehr schief.<\/p>\n<p id=\"pageIndex_2\">Dabei hatte man offenbar mit m\u00f6glichen St\u00f6rern aus dem rechtsradikalen Milieu gerechnet, auch von Salafisten, wobei Kaddor sich wundert, dass \u201eich zur Demo eigentlich relativ wenig Hassmails bekommen habe\u201c, sagt sie gegen\u00fcber FAZ.NET. Auf der B\u00fchne dann ruft sie die Zuschauer auf, sich \u201ekeinesfalls provozieren zu lassen\u201c \u2013 Provokateure fehlen allerdings weitgehend, auch als sich der Tross vom Heumarkt in Richtung Innenstadt aufmacht.<\/p>\n<p><strong>Die Veranstalter machen das Beste aus der geringen Teilnehmerzahl<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur Muslime sind gekommen, es sind viele Nicht-Muslime wie Renate Frank aus K\u00f6ln, die mit ihrem Mann dabei ist, um \u201edie Muslime zu unterst\u00fctzen\u201c. Der zeigt sich \u201eentt\u00e4uscht, dass nicht mehr Muslime gekommen sind, das w\u00e4re ein wichtiges Zeichen\u201c gewesen. Rabeya M\u00fcller, muslimische Theologin und Imamin, wie Kaddor Mitbegr\u00fcnderin des \u201eLiberal-Islamischen Bundes\u201c, macht das Beste aus der mangelnden Teilnehmerzahl: \u201eJeder einzelne hier hilft beim ersten Schritt.\u201c M\u00fcller war urspr\u00fcnglich Katholikin und konvertierte sp\u00e4ter zum Islam, sie ist Autorin zahlreicher B\u00fccher zum Islam und zur Stellung der Frau. \u201eIch h\u00e4tte allerdings gut gefunden, wenn Ditib mit dabei gewesen w\u00e4re\u201c, so M\u00fcller weiter.<\/p>\n<p>Ditib, die T\u00fcrkisch-Islamische Union, der deutsche Ableger der t\u00fcrkischen Religionsbeh\u00f6rde, hatte sich im Vorfeld der Demonstration von den Organisatoren distanziert und ihr eigenes Mitwirken ausgeschlossen. Mit bemerkenswerten Argumenten: \u201eForderungen nach \u201amuslimischen\u2019 Anti-Terror-Demos greifen zu kurz, stigmatisieren die Muslime und verengen den internationalen Terrorismus auf sie, ihre Gemeinden und Moscheen \u2013 das ist der falsche Weg und das falsche Zeichen, denn diese Form der Schuldzuweisung spaltet die Gesellschaft\u201c, hie\u00df es in einer Mitteilung des Verbandes. Man war beleidigt: \u201eDen Personen, die diese aktuelle Demonstration organisieren, h\u00e4tte bewusst sein m\u00fcssen, dass f\u00fcr eine gemeinsame Veranstaltung Vorgespr\u00e4che notwendig sind.\u201c Besonders beeindruckend diese Kritik: Den im Ramadan derzeit fastenden Muslimen sei es \u201eschlichtweg nicht zumutbar, stundenlang in der prallen Mittagssonne bei 25 Grad zu marschieren und zu demonstrieren\u201c. Dass der Himmel in K\u00f6ln am Samstag durchweg bedeckt war und die Temperatur kaum die 20-Grad-Marke \u00fcberschritten hat \u2013 geschenkt.<\/p>\n<p>Den Organisatoren Kaddor und Mohamad d\u00fcrfte die Verweigerungshaltung des gr\u00f6\u00dften islamischen Verbandes in Deutschland, was das Interesse der deutschsprachigen Medien an der Veranstaltung angeht, mehr genutzt als geschadet haben, denn die darauf entz\u00fcndete politische Debatte innerhalb und au\u00dferhalb der islamischen Gemeinschaften gab der Veranstaltung \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit: Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan \u00d6zoguz (SPD), zeigte kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Ditib: Der Verband stelle sich \u201enoch weiter ins Abseits und droht vollends seine Glaubw\u00fcrdigkeit zu verspielen.\u201c Der Vorsitzende der Gr\u00fcnen, Cem \u00d6zdemir, nannte das \u201eeine vertane Chance f\u00fcr die T\u00fcrkisch-Islamische Union\u201c, Mitorganisator Mohamad ein \u201eArmutszeugnis\u201c. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lie\u00df \u00fcber ihren Regierungssprecher Steffen Seibert ausrichten, die Absage sei \u201eeinfach schade\u201c. Es sei doch \u201egut, wenn Muslime klarmachen, dass in ihren Reihen und Moscheen kein Platz f\u00fcr Hass und Gewalt ist.\u201c<\/p>\n<p id=\"pageIndex_3\">Andererseits h\u00e4tte eine Teilnahme von Gro\u00dfverb\u00e4nden wie Ditib oder dem Islamrat, der ebenfalls abgesagt hat, Tausende mobilisieren k\u00f6nnen. Und so zeigt die mangelnde Teilnehmerzahl das Dilemma der Islampolitik. Die meisten der f\u00fcnf bis sechs Prozent Muslime in Deutschland sind nicht in Verb\u00e4nden oder kirchen\u00e4hnlichen Gemeinschaften organisiert. Und diejenigen, die sich organisieren, tun dies in einem Verband wie Ditib, der offenbar wenig Interesse hat, sich mit Leuten wie Kaddor auf einer B\u00fchne zu zeigen. Daran \u00e4ndert auch nichts, dass der Vorsitzende des konservativen Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, zur Demo-Teilnahme aufgerufen hatte. Mazyek ist \u2013 wie Kaddor \u2013 ein bei deutschen Talkshowredaktionen beliebter Gespr\u00e4chsgast, aber wie gro\u00df sein Einfluss auf die muslimischen Gruppen wirklich ist, zeigte auch diese Demo in K\u00f6ln: m\u00e4\u00dfig gro\u00df.<\/p>\n<p><strong>Die Botschaft des Tages: Es geht weiter<\/strong><\/p>\n<p>Muslimische Intellektuelle wie der konvertierte Rechtsanwalt und Publizist kritisieren Mazyek: \u201eLeider hat [\u2026] Aiman Mazyek sich vorschnell f\u00fcr den K\u00f6lner Event eingesetzt, statt erst einmal auszuloten, ob eine gemeinsame oder notfalls eine alternative Aktion aller Muslime m\u00f6glich gewesen w\u00e4re\u201c, schrieb er in der \u201eIslamischen Zeitung\u201c. Er bringt den Konflikt unter deutschen Muslimen auf den Punkt: \u201eDieser Einsatz gegen den Terrorismus ist dabei keine Frage von \u201aliberaler\u2019 oder \u201akonservativer\u2019 Haltung, sondern Ausdruck und Umsetzung einer klaren Lehre, die f\u00fcr unterschiedliche Positionen Raum l\u00e4sst und sich im Rahmen der anerkannten Rechtsschulen bewegt.\u201c Soll hei\u00dfen: Der Terrorismus als \u201eErfindung\u201c der Neuzeit k\u00f6nne vor allem durch eine fundierte Theologie bek\u00e4mpft werden \u2013 eine Theologie allerdings, die sie selbst mit Verweis auf die traditionellen Rechtsschulen definieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr Sajid Mubashir von der Ahmadiyya Gemeinde sind solche intellektuellen Debatten an diesem Tag weit weg. Er tr\u00e4gt ein T-Shirt mit der Aufschrift \u201eMuslime f\u00fcr Frieden\u201c und ist mit seiner Familie gekommen, die allerdings noch etwas unsicher am Rande des Heumarktes steht. \u201eWir wollen zeigen, dass Islam kein Terror ist\u201c, sagt er. \u201eViele Deutsche denken das aber, und dem wollen wir entgegnen.\u201c Sp\u00e4ter rollt er mit seinen Mitstreitern ein Plakat seiner Gemeinde aus \u2013 mit dem Slogan \u201eLiebe f\u00fcr Alle, Hass f\u00fcr Keinen\u201c. Die Kamerateams sind dankbar f\u00fcr das Motiv. Ob sich die Spaltung der islamischen Szenerie in Deutschland durch Friedensappelle dieser Art allerdings \u00fcberwinden l\u00e4sst, ist nach diesem Tag in K\u00f6ln so unklar wie eh und je. Die Botschaft an die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft allerdings ein Anfang \u2013 weitere Demos dieser Art sollen folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel bei FAZ.NET (erschienen am 17.06.2017) Von Martin Benninghoff Nur wenige Muslime setzen bei der Friedensdemo in K\u00f6ln ein Zeichen gegen Terrorismus. 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