{"id":1880,"date":"2017-06-20T15:47:13","date_gmt":"2017-06-20T13:47:13","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1880"},"modified":"2017-06-20T15:47:13","modified_gmt":"2017-06-20T13:47:13","slug":"das-heikle-geschaeft-mit-nordkorea-reisen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1880","title":{"rendered":"Das heikle Gesch\u00e4ft mit Nordkorea-Reisen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/otto-warmbier-das-geschaeft-mit-nordkorea-reisen-15068849.html\">Analyse bei FAZ.NET (erschienen am 20.06.2017)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Irgendwie wird schon alles gutgehen \u2013 so lautete bislang die Devise bei Nordkorea-Reisen. Doch der Tod des amerikanischen Studenten Otto Warmbier nach langer Haft wirft Fragen auf.<\/strong><\/p>\n<p>Der am Montag nach langer Haft in Nordkorea verstorbene Amerikaner Otto Warmbier war mit der Reiseagentur \u201eYoung Pioneer Tours\u201c mit Sitz im chinesischen Xi&#8217;an unterwegs. Dessen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer und Gr\u00fcnder, Gareth Johnson, zeigte sich in den vergangenen Monaten wenig kommunikativ im Umgang mit Journalisten. Ein knappes halbes Jahr nach Warmbiers Inhaftierung Anfang 2016 wollte er sich zu dem Fall gar nicht \u00e4u\u00dfern, zumindest nicht zitierf\u00e4hig. Er wollte die diplomatischen Bem\u00fchungen, Warmbier freizubekommen, nicht durch irgendwelche unbedachten \u00c4u\u00dferungen gef\u00e4hrden. Noch in der vergangenen Woche, als der 22 Jahre alte Student im Koma lag und zur\u00fcck in seine Heimat geflogen wurde, hielt sich Johnson bedeckt \u2013 dieses Mal im Interesse von Warmbiers Familie und ihres Anspruches auf Privatsph\u00e4re, wie er durchblicken lie\u00df. Warmbier war aus angeblich \u201ehumanit\u00e4ren Gr\u00fcnden\u201c freigelassen worden. Am Montag starb er. Nach Angaben der \u00c4rzte hatte Warmbier w\u00e4hrend der Haft schwere Hirnverletzungen erlitten.<\/p>\n<p>Neben diesen Gr\u00fcnden der Vorsicht und Piet\u00e4t d\u00fcrfte ein weiterer Grund Johnson zum Schweigen animiert haben: Seine Agentur, die der britische Auswanderer 2008 in China gegr\u00fcndet hatte, bietet vornehmlich jungen, abenteuerlustigen Touristen Nordkorea-Reisen an. Als einer der wenigen Anbieter organisiert sie Tauch- und auch Radtouren in Nordkorea, wirbt damit, einen dorthin zu bringen, wo noch nie zuvor westliche Reisende gewesen seien, zum Beispiel im von Pj\u00f6ngjang fernen und weitaus schlechter zug\u00e4nglichen Nordosten des Landes nahe der chinesischen und russischen Grenze.<\/p>\n<p>\u201eYoung Pioneer Tours\u201c spricht sehr direkt und gekonnt junge Leute an. Die Agentur offeriert, Touristen an Orte zu bringen, \u201evon denen deine Mutter dich fernhalten will\u201c. Das Ganze f\u00fcr einen Budget-Preis von knapp 1000 Euro f\u00fcr vier Tage und drei N\u00e4chte. Eines ist klar: Johnson bangte von Beginn an nicht nur um das Leben Warmbiers, sondern auch um die Gesch\u00e4ftsgrundlage seines Unternehmens.<\/p>\n<p>In E-Mails wandte er sich gegen alles und jeden, der Nordkorea zum unsicheren Reiseland erkl\u00e4ren wollte. Selbst nach dem Tod Warmbiers bewirbt die Agentur das abgeschottete kommunistische Land\u00a0 noch immer als \u201eeinen der sichersten Orte der Welt\u201c. Die Antwort auf die Frage: \u201eWie sicher ist Nordkorea?\u201c wurde auf der Homepage allerdings ver\u00e4ndert: Noch am Montag begann sie mit den Worten \u201eExtremely safe!\u201c Jetzt klingt das so: \u201eAuch wenn Sie anderes geh\u00f6rt haben, ist Nordkorea f\u00fcr Menschen aus den meisten L\u00e4ndern wahrscheinlich einer der sichersten Orte der Welt, wenn Sie sich an die Regeln halten, die wir Ihnen erkl\u00e4ren.\u201c<\/p>\n<p>Zum Beispiel an die Regel, m\u00f6glichst keine politischen Debatten mit den lokalen Reisef\u00fchrern vom Zaun zu brechen oder bestimmte Orte zu fotografieren. Oder Propagandaplakate mitzunehmen. Eine Regel, an die sich Warmbier m\u00f6glicherweise nicht gehalten hatte, folgt man den Vorw\u00fcrfen des nordkoreanischen Regimes, das dem Studenten den Diebstahl eines Propagandaplakates im Pj\u00f6ngjanger Touristen-Hotel \u201eYanggakdo\u201c, das vornehmlich von Pauschalgruppen aus dem Westen und China frequentiert wird, vorhielt. Auf dem als \u201eBeweis\u201c vorgelegten verwackelten Video l\u00e4sst sich Warmbier jedoch nicht identifizieren. Und selbst wenn: Nach den bisherigen Erfahrungen hatten solche Dumme-Jungen-Streiche zumindest f\u00fcr Nordkorea-Reisende ohne koreanischen Migrationshintergrund meist \u201enur\u201c eine Ausweisung aus dem Land zur Folge. Warmbier aber wurde zu jahrelangem Arbeitslager verurteilt. Wurde ihm wom\u00f6glich seine amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft zum Verh\u00e4ngnis?<\/p>\n<p>Johnson sieht das offenbar so, denn nur rund anderthalb Stunden, nachdem die Nachricht von Warmbiers Tod am Montagabend die Runde machte, nahm seine Reiseagentur Nordkorea-Besuche f\u00fcr amerikanische Touristen aus dem Programm. Das Risiko sei \u201ezu gro\u00df gewesen\u201c, teilte das Unternehmen auf seiner Facebook-Seite mit. \u201eWir werden f\u00fcr US-B\u00fcrger keine Reisen mehr nach Nordkorea organisieren.\u201c Schon bislang gab es Restriktionen f\u00fcr Amerikaner, die beispielsweise lange Zeit den Zug von Peking nach Pj\u00f6ngjang nicht nehmen, sondern nur mit dem Flugzeug einreisen durften. Aber gerade solche Einschr\u00e4nkungen verst\u00e4rkten f\u00fcr abenteuerlustige Amerikaner den Impuls, in das Land zu reisen, das der ehemalige Pr\u00e4sident <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/cms.faz.net\/polopoly\/CM#\" data-rtr-id=\"bb527bfd282ae3f2dd537627d4a364080139bc10\" data-cke-saved-href=\"#\">George W. Bush<\/a> einst zur \u201eaxis of evil\u201c, zur Achse des B\u00f6sen, z\u00e4hlte. Wer war schon in Nordkorea?<\/p>\n<p>So wie Savanna Washington, die 2013 mit \u201eYoung Pioneer Tours\u201c eine Reise von China in den Nordosten Nordkoreas unternahm. Die New Yorkerin, die in K\u00fcrze einen Dokumentarfilm \u00fcber das Leben in Nordkorea herausbringen will, zeigt sich gegen\u00fcber FAZ.NET best\u00fcrzt: \u201eDie Nachricht vom Tod Warmbiers hat mich tief getroffen. Ich bin sicher, er hat das Land besucht, um die Welt dort etwas besser zu verstehen, so wie die meisten von uns, die da waren.\u201c Sie h\u00e4lt Reisen in ein Land wie Nordkorea weiterhin f\u00fcr richtig: \u201eEs ist wichtig, dass die Welt lernt, was in Nordkorea vor sich geht \u2013 und es ist genauso wichtig, dass die Nordkoreaner etwas vom Rest der Welt lernen.\u201c Und das ginge vor allem durch Reisen.<\/p>\n<p>Wandel durch Ann\u00e4herung? Das sehen nicht alle so: Das Ausw\u00e4rtige Amt r\u00e4t von \u201enicht erforderlichen Reisen\u201c ab, und dazu d\u00fcrften touristische Trips z\u00e4hlen. \u201ePolitische Risiken, auch f\u00fcr den Einzelnen, sind sehr hoch. Ein solches Regime kann jederzeit etwas konstruieren, um sich ein menschliches Faustpfand aus einer Gruppe herauszuholen\u201c, sagt Friedrich Christian Haas, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrender der Beratungsgesellschaft \u201eAKE\u201c, die Unternehmen ber\u00e4t, die in Risiko- oder Krisenregionen aktiv sind.<\/p>\n<p>Neben Sicherheitsbedenken sind auch medizinische Probleme einzukalkulieren: \u201eDie Krux liegt meines Erachtens in der katastrophal schlechten medizinischen Versorgung\u201c, sagt Haas. Die ist zumindest auf dem Land rudiment\u00e4r und auch in Pj\u00f6ngjang meist nicht ann\u00e4hernd auf europ\u00e4ischem Niveau \u2013 vor allem bei Abenteurer- und Sportreisen sind Verletzungen nat\u00fcrlich an der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus spielen ethisch-moralische Bedenken eine wichtige Rolle: Touristen bringen Devisen ins Land und stabilisieren damit, wenn auch ungewollt, das Regime, das das Tourismus-Gesch\u00e4ft fest in der Hand h\u00e4lt und die Preise f\u00fcr Hotels und Transfers diktiert. Ausl\u00e4ndische Agenturen, die die Touristen an die Landesgrenze bringen, k\u00f6nnen lediglich W\u00fcnsche \u00e4u\u00dfern, aber ihr Einfluss ist begrenzt.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Gr\u00f6\u00dftes Freiluftgef\u00e4ngnis der Welt&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Die Menschenrechtslage in dem \u201egr\u00f6\u00dften Freiluft-Gef\u00e4ngnis der Welt\u201c, wie der Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Wenzel Michalski, Nordkorea nennt, sei so verheerend, dass jeder Handel mit dem Land gestoppt werden m\u00fcsse. \u201eBesonders muss das Ausleihen von nordkoreanischen Zwangsarbeitern auf europ\u00e4ische Baustellen aufh\u00f6ren\u201c, sagte er am Dienstag dem Bayerischen Rundfunk. Nordkoreanische Arbeiter f\u00e4llen B\u00e4ume in China und Sibirien, sie schuften in Angola und anderen afrikanischen Staaten. Laut des s\u00fcdkoreanischen Thinktanks \u201eAsan\u201c sandte Nordkorea erstmals im Jahr 1967 Arbeiter ins Ausland, in die damalige Sowjetunion. Seitdem floriert das Gesch\u00e4ft mit den Devisen-Sklaven. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2016\/13\/nordkorea-zwangsarbeiter-ausland-polen\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2016\/13\/nordkorea-zwangsarbeiter-ausland-polen\">Im vergangenen Jahr kamen Berichte auf, wonach die Zwangsarbeiter sogar mitten in der EU malochten, in Polen n\u00e4mlich.<\/a><\/p>\n<p>Wie man auch immer die moralische Frage f\u00fcr sich beantwortet, es bleibt die ungekl\u00e4rte Sicherheitslage: \u201eYoung Pioneer Tours\u201c will k\u00fcnftig keine Amerikaner mehr mitnehmen \u2013 nachdem sie das offenbar jahrelang f\u00fcr machbar hielten. Wer kann eine Gew\u00e4hr daf\u00fcr geben, dass Briten, Deutsche, Schweden oder Argentinier sicher sind? Es gibt nur die vage Vermutung, dass das Regime in Nordkorea kein Interesse an einem inhaftierten Europ\u00e4er haben k\u00f6nnte. Aber welches Interesse hat es, einen amerikanischen Studenten zu inhaftieren, wenn man ihm noch nicht einmal Spionage vorwerfen kann, sondern lediglich den Diebstahl eines Plakates \u2013 selbst wenn derlei Vergehen in Nordkorea drakonische Strafen nach sich ziehen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Gareth Johnson, der Gr\u00fcnder von \u201eYoung Pioneer Tours\u201c hat sich schon seit Jahren auf Schwierigkeiten mit seinem Gesch\u00e4ftsmodell eingestellt. Nachdem er anfangs ausschlie\u00dflich auf Nordkorea-Touren gesetzt hatte, nahm er nach und nach weitere Ziele ins Programm auf, Iran und Eritrea beispielsweise, auch f\u00fcr den Fall, dass ein internationaler Zwischenfall wieder einmal zu einer befristeten Grenzschlie\u00dfung f\u00fchren k\u00f6nnte. Ganz von Nordkorea lassen will er aber nicht.<\/p>\n<p>Andere, vom Fall Warmbier nicht direkt betroffene Reiseanbieter ziehen keine Konsequenzen aus dem Tod des Studenten: \u201eBei uns l\u00e4uft alles ganz normal\u201c, sagt Malika Ben Naoum-Horst von der Agentur \u201eKorea-Reisedienst\u201c in Hannover. Auch ein amerikanischer Reisender habe sich angemeldet \u2013 und wolle im Juli nach Pj\u00f6ngjang reisen. Business as usual im heiklen im Nordkorea-Gesch\u00e4ft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Analyse bei FAZ.NET (erschienen am 20.06.2017) Von Martin Benninghoff Irgendwie wird schon alles gutgehen \u2013 so lautete bislang die Devise bei Nordkorea-Reisen. Doch der Tod des amerikanischen Studenten Otto Warmbier nach langer Haft wirft Fragen auf. Der am Montag nach&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1880\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Das heikle Gesch\u00e4ft mit Nordkorea-Reisen<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[134,1],"tags":[305,446,460],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1880"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1880"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1880\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1881,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1880\/revisions\/1881"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1880"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1880"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1880"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}