{"id":1883,"date":"2017-06-29T15:05:26","date_gmt":"2017-06-29T13:05:26","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1883"},"modified":"2017-07-02T11:47:00","modified_gmt":"2017-07-02T09:47:00","slug":"sightseeing-in-der-diktatur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1883","title":{"rendered":"Sightseeing in der Diktatur"},"content":{"rendered":"<p>Feature in der &#8222;FAZ WOCHE&#8220; (Print, leicht gek\u00fcrzt erschienen am 30.06.2017)<\/p>\n<p><strong>Reiseagenturen versprechen westlichen Touristen unvergessliche Einblicke in Nordkorea \u2013 und Sicherheit. Wenn man sich an die Regeln h\u00e4lt.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>Das Beijing City Central Hostel in Peking ist der letzte Stopp in Freiheit. Hier, in einem der oberen Stockwerke, wo es kurz vor dem Aufbruch nach Nordkorea ein letztes Mal Wlan gibt, sitzen ein paar M\u00e4nner und eine Frau, die meisten zwischen zwanzig und drei\u00dfig, auf ihren gepackten Rucks\u00e4cken und lauschen Shan. Die junge Chinesin, die perfekt Englisch spricht, ist Reiseleiterin bei Young Pioneer Tours, einer Agentur mit Sitz im chinesischen Xi\u2018an, die Touren nach Nordkorea anbietet \u2013 und den nach langer Haft verstorbenen Amerikaner Otto Warmbier in das abgeschottete Land gebracht hatte.<\/p>\n<p>Shan erkl\u00e4rt noch schnell die Hausordnung Nordkoreas, die Regeln, an die sich alle halten sollen, wenn sie die Grenzformalit\u00e4ten am \u00dcbergang Dandong\/Sinuiju hinter sich gebracht haben. Soldaten d\u00fcrften keinesfalls fotografiert werden, Witze oder Geh\u00e4ssigkeiten \u00fcber die Diktatorenfamilie seien ebenso tabu wie politische Diskussionen. Fotografieren ginge schon, nicht immer und \u00fcberall. Die Nordkoreaner seien empfindlich, was die Armut auf dem Land anginge \u2013 im Schaufenster Nordkoreas, in Pj\u00f6ngjang, seien sie daf\u00fcr umso lockerer. Ein Schwede fragt, ob man das Wasser aus den Leitungen trinken k\u00f6nne (nein, besser nicht!), es wird gefeixt, gelacht, und dann schreiben einige noch eine vorerst letzte Mail oder SMS in die Heimat. Wenig sp\u00e4ter gehen sie zum gegen\u00fcberliegenden Bahnhof, wo der Zug gen Pj\u00f6ngjang bald abfahren wird.<\/p>\n<p>Am Ende der siebent\u00e4gigen Reise nach Nordkorea wird der Zusammenhalt der Gruppe so fest sein, als kenne man sich schon seit Jahren, und die gef\u00fchlten Unterschiede der Nationalit\u00e4ten werden vor dem Hintergrund der \u201erichtigen\u201c Fremde Nordkoreas zur Unkenntlichkeit zusammengeschrumpft sein. Wie es ein australischer Tourist, der drei Mal im Land war, sp\u00e4ter formulieren wird: \u201eDort habe ich einzigartige Lebenserfahrungen gemacht, die ich nirgendwo anders machen kann. In Nordkorea ist alles anders als bei mir zuhause.\u201c Otto Warmbier und sein sp\u00e4teres Schicksal kennen die Reisenden nicht, echte Angst kommt nicht auf. Stattdessen: Euphorie, gepaart mit einem Kribbeln und Anspannung. Eine offenbar attraktive Mischung f\u00fcr vornehmlich westliche Mittelschichtssprosse.<\/p>\n<p>Touren nach Nordkorea sind seit den achtziger Jahren m\u00f6glich, aber erst seit rund zehn Jahren entwickeln spezialisierte Agenturen wie Young Pioneer Tours den kleinen Markt. Nach Sch\u00e4tzungen verschiedener Anbieter zieht es im Jahr 4000 bis 6000 westliche Touristen ins Land. Das Gros kommt allerdings aus China, mindestens 100.000 Besucher sollen das sein. F\u00fcr sie bietet Nordkorea Spielkasinos, ein neues Ski-Gebiet in der N\u00e4he der Hafenstadt Wonsan, und seit einiger Zeit Tagestouren \u00fcber den Grenzfluss Yalu nach Sinuiju. F\u00fcr alle gilt: Es ist relativ leicht, ein Visum zu bekommen \u2013 wenn man kein Journalist ist.<\/p>\n<p><strong>Vermittler und Reisebegleiter<\/strong><\/p>\n<p>Die akkreditierten Reiseb\u00fcros, von denen es auch eine Handvoll in Deutschland gibt, fungieren als Vermittler und Reisebegleiter. Sie sind Ansprechpartner f\u00fcr Touristen und k\u00f6nnen Sonderw\u00fcnsche f\u00fcr das Besuchsprogramm weitergeben. Zugleich ist klar: Der Tourismus in Nordkorea ist fest in der Hand der staatlichen Beh\u00f6rde KITC, die die Hotelbuchungen und Transfers festlegt, das Programm zusammenstellt und die meist zwei Reiseleiter und Aufpasser pro Gruppe stellt. Nichts wird dem Zufall \u00fcberlassen und Begegnungen mit Einheimischen allenfalls in hom\u00f6opathischen Dosen erlaubt. Nordkorea ist nichts f\u00fcr einen Individual-Urlaub.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr sind kuriose Erfahrungen programmiert, zum Beispiel im \u201eSeamen\u2019s Club\u201c in der verwitterten Industriestadt Chongjin im Nordosten des Landes. Im ersten Stock eines unscheinbaren Betonbaus versteckt sich die Kneipe. Es gibt Bier, auf den Tischen stehen Knabbereien, aus der Karaoke-Anlage pl\u00e4rrt Pop-Musik der nordkoreanischen Girl-Band Moranbong. Noch ist nichts los, ein paar Kellnerinnen stehen wie aufgereiht an der Wand, offenbar haben sie auf die westlichen G\u00e4ste gewartet, die es sich mit einem Bier gem\u00fctlich machen \u2013 und fragend in der Gegend herumschauen. Nach ein paar Minuten treten ein paar Einheimische ein, die sich an die Tische setzen. Den Touristen wird bedeutet, sich dazuzugesellen, die Reiseleiter \u00fcbersetzen. Plaudern w\u00e4re das falsche Wort, aber dann kommt doch noch ein kurzes Gespr\u00e4ch zustande: Ein Nordkoreaner erz\u00e4hlt, er arbeite in der gro\u00dfen Bibliothek der Stadt, die morgen auf dem Besuchsprogramm steht. Nach ein paar Minuten ist schon Schluss, das Essen wartet im Nebenraum, danach wird Karaoke gesungen und mit den Kellnerinnen getanzt.<\/p>\n<p>Ob diese Begegnung mit Einheimischen echt oder inszeniert war, l\u00e4sst sich nicht \u00fcberpr\u00fcfen. Alleine die M\u00f6glichkeit, hier Zeuge einer Showveranstaltung f\u00fcr Touristen geworden zu sein, inspiriert die Fantasie der Reisenden \u2013 und wird in der Gruppe noch tagelang Gespr\u00e4chsstoff sein. Nordkorea bietet atemberaubend sch\u00f6ne Landschaften, wie etwa in den Gebirgen Chilbosan und Myohyang, doch f\u00fcr die meisten westlichen Touristen d\u00fcrften solche \u201eunvergesslichen Einblicke in ein weltweit einzigartiges politisches und gesellschaftliches System\u201c, wie das deutsche Reiseb\u00fcro Pyongyang Travel in Berlin werbetextet, ausschlaggebend f\u00fcr eine Reise sein. Young Pioneer Tours verspricht gar Orte, \u201evon denen deine Mutter dich fernhalten will\u201c, zum Beispiel die Demilitarisierte Zone, die bestens gesicherte Grenze zwischen Nord- und S\u00fcdkorea, oder das Mausoleum im Kumsusan-Palast, wo Staatsgr\u00fcnder Kim Il-sung und sein Sohn Kim Jong-il aufgebahrt liegen.<\/p>\n<p><strong>An den Diktatoren kommt kein Tourist vorbei<\/strong><\/p>\n<p>An den beiden verblichenen Diktatoren kommt kein Tourist vorbei, ihre Konterfeis zieren fast jeden Raum, an jedem Provinzbahnhof h\u00e4ngen ihre Portr\u00e4ts, in jeder Kleinstadt gibt es Denkm\u00e4ler als steingewordene Ausdrucke eines weltweit wohl in dieser Dimension konkurrenzlosen Personenkultes. Touristen kommen in die Zwickm\u00fchle, hier \u2013 wie die Einheimischen \u2013 mit einer Verbeugung oder zumindest einem Kopfnicken Respekt zu zeigen. Wer will, darf Blumen niederlegen, gezwungen wird keiner. Trotzdem ist das Ritual eine Zumutung f\u00fcr viele, und das wissen die Reiseleiter. Wer den Kims partout nicht zu nahe kommen will, kann deshalb im Bus sitzen bleiben. Hauptsache, ein Eklat in der \u00d6ffentlichkeit wird verhindert.<\/p>\n<p>Solche Kompromisse und die kleinen Reiseerleichterungen f\u00fcr Ausl\u00e4nder in den vergangenen Jahren \u2013 so darf man mittlerweile sein Handy mitnehmen und muss es nicht mehr an der Grenze abgegeben \u2013 erwecken den Eindruck, das Land habe sich liberalisiert. Davon kann aber keine Rede sein, es ist nach wie vor eine totalit\u00e4r regierte Diktatur, unberechenbar f\u00fcr Touristen, die dem Regime aufgrund ihrer Devisen gelegen kommen. Trotzdem bezeichnete Young Pioneer Tours das Land als \u201eextrem sicher\u201c, erst nach dem Tod des Amerikaners Warmbier, der angeblich ein Propagandaplakat in Pj\u00f6ngjangs gr\u00f6\u00dftem Touristenhotel Yanggakdo gestohlen haben soll, \u00e4nderte Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Gareth Johnson den Text. Jetzt soll Nordkorea nur f\u00fcr \u201eMenschen aus den meisten L\u00e4ndern wahrscheinlich einer der sichersten Orte der Welt\u201c sein, vorausgesetzt sie hielten sich an die Regeln. Amerikaner d\u00fcrfen nicht mehr mit, das Risiko sei \u201ezu gro\u00df gewesen\u201c.<\/p>\n<p>Dass Warmbier seine Staatsb\u00fcrgerschaft zum Verh\u00e4ngnis wurde, ist wahrscheinlich, aber nicht bewiesen. Amerikaner reisen seit Jahren nach Nordkorea, und bis auf einige Einschr\u00e4nkungen \u2013 so d\u00fcrfen sie nicht mit dem Zug einreisen, sondern m\u00fcssen das Flugzeug nehmen -, verlaufen ihre Reisen meist unproblematisch. Die New Yorkerin Savanna Washington fuhr 2013 nach Nordkorea, \u201eum die Welt dort etwas besser zu verstehen\u201c. Das h\u00e4tte wie im Fall Warmbier schiefgehen k\u00f6nnen, denn die als Touristin eingereiste Dokumentarfilmerin nutzte die \u00dcberland-Busfahrten, um das Alltagsleben der Einheimischen aufzunehmen. Damals kassierte sie eine Reihe strenger Ermahnungen mit der Drohung, das Besuchsprogramm f\u00fcr die ganze Gruppe w\u00fcrde zusammengestrichen. Weiter passiert ist nichts.<\/p>\n<p>Die unterschiedlichen Folgen f\u00fcr die beiden Amerikaner Warmbier und Washington zeigen, wie unberechenbar Nordkorea ist. \u201eEin solches Regime kann jederzeit etwas konstruieren, um sich ein menschliches Faustpfand aus einer Gruppe herauszuholen\u201c, sagt Friedrich Christian Haas, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Agentur AKE, die Unternehmen ber\u00e4t, die in Krisengebieten aktiv sind. Das Ausw\u00e4rtige Amt r\u00e4t Deutschen von \u201enicht erforderlichen Reisen\u201c ab \u2013 touristische Reisen sind niemals erforderlich. Auch weil die medizinische Versorgung miserabel ist. Der deutsche Nordkorea-Reisende Sebastian, der seinen vollen Namen nicht \u00f6ffentlich machen will, war zehn Mal im Land: \u201eWenn Du in Chilbosan einen Berg- oder Autounfall mit Organverletzungen oder Blutverlust hast, dann bist du ziemlich sicher tot\u201c, sagt er. Trotzdem bieten die Reiseb\u00fcros Marathonl\u00e4ufe, Kanu-Touren und Bergbesteigungen an.<\/p>\n<p><strong>Wer will das System mit seiner Reisekasse stabilisieren?<\/strong><\/p>\n<p>Zudem stellt sich die Frage, ob man mit seiner Reisekasse das diktatorische System stabilisieren m\u00f6chte. Die Fakten: Laut Amnesty International sind 2016 mehr als 1400 Personen nach S\u00fcdkorea gefl\u00fcchtet, die meisten \u00fcber die m\u00f6rderische China-Route, die in jeder Sekunde die Gefahr birgt, geschnappt und zur\u00fcckgebracht zu werden. Das Regime soll mindestens 50.000 Menschen \u00fcber staatseigene Betriebe in L\u00e4nder wie Qatar, Angola oder Russland geschickt haben, um dort f\u00fcr Devisen auf Baustellen oder in Restaurants zu schuften. In den bekannten Straflagern sollen rund 120.000 politische Gefangene inhaftiert sein, etliche davon in Sippenhaft.<\/p>\n<p>Die Amerikanerin Washington h\u00e4lt nichts von einem Reiseverbot nach Nordkorea: \u201eEs ist wichtig, dass die Welt lernt, was in Nordkorea vor sich geht \u2013 und es ist genauso wichtig, dass die Nordkoreaner etwas vom Rest der Welt lernen.\u201c Bleibt die Frage, ob jeder Pauschal-Tourist mit einem solchen idealistischen Motiv ins Land reist \u2013 oder ob nicht in anderen F\u00e4llen vor allem der \u201eKick\u201c z\u00e4hlt. Die Reiseanbieter fragen ohnehin nicht nach Motiven: \u201eBei uns l\u00e4uft alles ganz normal\u201c, sagt Malika Ben Naoum-Horst vom Hannoveraner Anbieter Korea-Reisedienst in der Woche nach dem Tod Warmbiers. Ein Amerikaner habe sich angemeldet, er wolle im Juli nach Pj\u00f6ngjang reisen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den deutschen Touristen Sebastian hat das Reiseziel Nordkorea mit der Trag\u00f6die um Warmbier allerdings ein wenig die Unschuld verloren, die es f\u00fcr den erfahrenen Reisenden ohnehin nie hatte. \u201eIch werde das generell kritischer beobachten\u201c, sagt er, allerdings: \u201eVielleicht muss ich mich irgendwann korrigieren, aber momentan ist das noch kein Grund. Wer nicht zuf\u00e4llig Journalist ist und sein Hirn einschaltet, ist dort sicherer als auf Mallorca.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Feature in der &#8222;FAZ WOCHE&#8220; (Print, leicht gek\u00fcrzt erschienen am 30.06.2017) Reiseagenturen versprechen westlichen Touristen unvergessliche Einblicke in Nordkorea \u2013 und Sicherheit. Wenn man sich an die Regeln h\u00e4lt. 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