{"id":1902,"date":"2017-09-01T16:47:51","date_gmt":"2017-09-01T14:47:51","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1902"},"modified":"2017-09-01T16:51:21","modified_gmt":"2017-09-01T14:51:21","slug":"vermintes-terrain","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1902","title":{"rendered":"Vermintes Terrain"},"content":{"rendered":"<p>Gastbeitrag\u00a0 im Magazin &#8222;Ratio&#8220; (Ausgabe September 2017)<\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p class=\"s3\"><strong><span class=\"s7\">Stimmungen waren schon immer ein relevanter Faktor in politischen Debatten \u2013 aber das Ausma\u00df ist neu. Journalisten\u00a0<\/span><span class=\"s7\">m\u00fcssen sich auf die Strategien der virtuosen Populisten einstellen.\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"s3\"><span class=\"s2\">Wenn es den Menschen besser geht, merken sie, wie schlecht es ihnen geht. Dieser Analyse des Soziologen Heinz Bude kann man nur zustimmen, zumal als Journalist. Nie ging es den meisten Deutschen so gut wie heutzutage, nie waren die wirtschaftlichen Voraussetzungen, sich ein sch\u00f6n<\/span><span class=\"s2\">\u00a0<\/span><span class=\"s2\">es Leben zu bereiten, so g\u00fcnstig wie heute. Und doch ist die Unzufriedenheit f\u00fcr viele, denen es eigentlich sehr gut gehen m\u00fcsste, ein murre<\/span><span class=\"s2\">nder Begleiter geworden.\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Eine Unzufriedenheit, die sich\u00a0<\/span><span class=\"s2\">n<\/span><span class=\"s2\">icht nur gegen Politiker richtet<\/span><span class=\"s2\">, sondern auch \u2013 oft pauschal \u2013\u00a0<\/span><span class=\"s2\">gegen Journalisten.<\/span><\/p>\n<p class=\"s3\"><span class=\"s2\">Wie gro\u00df die Gruppe der Unzufriedenen ist, l\u00e4sst sich schwer beziffern. Nehmen wir einmal die Zustimmung f\u00fcr die\u00a0<\/span><span class=\"s2\">AfD<\/span><span class=\"s2\">, eines ihrer Sammelbecken, dann<\/span><span class=\"s2\">\u00a0zeigt sich: Die Partei, die sich so gern als Stimme einer bislang schweigenden Mehrheit verkauft, kann allenfalls f\u00fcr eine \u201ekleine, isolierte Minderheit\u201c sprechen \u2013 das legt eine repr\u00e4sentative Umfrage des Instituts f\u00fcr Demoskopie\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Allensbach<\/span><span class=\"s2\">\u00a0nahe. Aber egal wie klein die Gruppe sein mag, sie art<\/span><span class=\"s2\">ikuliert sich umso lautstarker\u00a0<\/span><span class=\"s2\">gegen die \u201eMainstream-Medien\u201c oder \u201edie Altparteien\u201c, womit CDU, CSU<\/span><span class=\"s2\">, SPD, FDP, Gr\u00fcne und wohl\u00a0<\/span><span class=\"s2\">die Linke gemeint sind.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"s3\"><span class=\"s2\">Journalisten sind in diesem neuen Meinungsgrabenkampf nicht mehr die Komplizen, die den M\u00e4chtigen auf die Finger schauen und, je nachdem, auch auf die Finger hauen, sie sind in den Augen der Unzufriedenen Teil der verachteten Elite. F\u00fcr Journalisten ist das eine neue Herausforderung. Nicht nur, weil es f\u00fcr sie ungewohnt ist, sondern w<\/span><span class=\"s2\">eil sie\u00a0<\/span><span class=\"s2\">die Stimmungen auf sich ziehen. Es wird pers\u00f6nlich, i<\/span><span class=\"s2\">nklusive Hass und manchmal Drohungen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"s3\"><strong>Stimmungen sind nicht per se schlecht<\/strong><\/p>\n<p class=\"s3\"><span class=\"s2\">Stimmungen sind ja nicht per se schlecht. Sogar eine Portion Gereiztheit tut mancher langweiliger und ritualisierter Debatte gut, selbst bei Debatten um die Themen Einwanderung, Fl\u00fcchtlinge, Islam, Trump oder Putin. Gef\u00fchle, selbst der vielgescholtene Stammtisc<\/span><span class=\"s2\">h, k\u00f6nnen\u00a0<\/span><span class=\"s2\">alte Verkrustungen wegkratzen und Diskussionen in Fahrt bringen. Stimmungen entstehen nur selten \u201eeinfach so\u201c, oftmals wachsen sie auf dem N\u00e4hrbode<\/span><span class=\"s2\">n realer Probleme und ungel\u00f6ster Konflikte<\/span><span class=\"s2\">. Aber leider schl\u00e4gt Gereiztheit immer h\u00e4ufiger in\u00a0<\/span><span class=\"s2\">blanken Hass und Destruktivit\u00e4t um, was sich vor allem in der Fl\u00fcchtlingsdebatte der vergangenen beiden Jahre gezeigt hat.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"s3\"><span class=\"s2\">Neu ist der Hass nicht: Schon in den Jahren zuvor hat sich in Deutschland \u2013 und mehr oder minder in der gesamten westlichen Welt \u2013 etwas zusammengebraut. Meistens entlang von Themen, die f\u00fcr Ver\u00e4nderung stehen<\/span><span class=\"s2\">, sei es durch Einwanderung oder die Modernisierung von Gesellschaften. Der Islam ist ein solches Reizthema, Migration insgesamt, aber den Zorn \u00fcberraschend vieler Zeitgenossen ziehen auch vermeintlich kleine<\/span><span class=\"s2\">re<\/span><span class=\"s2\">\u00a0Themen wie Genderforschung oder sogar Fleischess<\/span><span class=\"s2\">en auf sich. So kommt es\u00a0<\/span><span class=\"s2\">vor, dass mancher\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Leser einen harmlosen<\/span><span class=\"s2\">\u00a0Art<\/span><span class=\"s2\">ikel \u00fcber Vegetarier f\u00fcr w\u00fcste<\/span><span class=\"s2\">\u00a0Beschimpfungen von Muslimen, die kein Schweinef<\/span><span class=\"s2\">leisch essen, missbraucht<\/span><span class=\"s2\">. Solche Kommentare in den Foren m\u00fcssen deshalb aussortiert werden.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"s3\"><span class=\"s2\">Diese Themen, die im engen Sinne nichts miteinander zu tun haben, sind allesamt Symptomdiskurse einer sich schnell wandelnden Welt. Das klingt banal, ist es aber in der Konsequenz nicht: Einwanderer rei\u00dfen nat\u00fcrlich die tradierten Selbstverst\u00e4ndlichkeiten ein St\u00fcck weit ein, wie sollte es anders sein? Pathologisch wird d<\/span><span class=\"s2\">iese Erkenntnis allerdings\u00a0<\/span><span class=\"s2\">bei Leuten, denen dazu nichts anderes als die K\u00f6lner Silvesternacht einf\u00e4llt. Genderforscherinnen, die jahrhundertelang einge\u00fcbte Geschlechterklischees hinterfragen, r\u00fctteln an tradierten Selbstverst\u00e4ndlichkeiten ebenso wie Gr\u00fcnen-Politiker, die f\u00fcr die Kantine einen w\u00f6chentlichen Vegetarier-Tag ins Spiel bringen. F\u00fcr Leute, die Fleischessen als Zeichen ihrer M\u00e4nnlichkeit werten, ist das ein Angriff auf die k\u00f6rperliche Unversehrtheit.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"s3\"><strong>Der Journalist r\u00fcckt in den Fokus<\/strong><\/p>\n<p class=\"s3\"><span class=\"s2\">Dabei geht es ja nicht um legitime Kritik. Wer dar\u00fcber\u00a0<\/span><span class=\"s2\">schreibt, hockt auf vermintem<\/span><span class=\"s2\">\u00a0Terrain. Nicht nur, dass die Themen kontrovers sind, sondern der Journalist selbst r\u00fcckt in den Fokus. Der Ha<\/span><span class=\"s2\">uptvorwurf mancher Leser:\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Voreingenommenheit. Die Berichterstattung, so eine popul\u00e4re Forderung, solle sich an die Fakten halten und \u201eobjektiv\u201c sein, wobei der Begriff der \u201eObjektivit\u00e4t\u201c h\u00e4ufig unreflektiert verwendet wird. Denn \u201eobjektiv\u201c ist nicht das, was einem selbst in den Kram passt, sondern ein Idealzustand, der niemals hundertprozentig erreicht wird, der aber als journalistische Zielmarke unbedingt richtig ist.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"s3\"><span class=\"s2\">Um der Objektivit\u00e4t m\u00f6glichst nah zu kommen, reicht das gew\u00f6hnliche journalistische Handwerk: alle relevanten politischen Lager zu Wort kommen lassen, Fakten und Studien pr\u00fcfen und die Kriterien einer Einordnung wie \u201erechtspopulistisch\u201c offenlegen. Wer die\u00a0<\/span><span class=\"s2\">AfD<\/span><span class=\"s2\">\u00a0als \u201erechtspopulistisch\u201c bezeichnet, sollte klarmachen, dass es populistisch ist, die Welt in \u201ewir\u201c und \u201edie\u201c, in \u201egut\u201c und \u201eb\u00f6se\u201c und \u201ewir da unten\u201c und \u201edie da oben\u201c einzuteilen. Populisten schie\u00dfen sich auf vermeintliche Eliten ein, auf eine angeblich abgehobene Politiker- und Medienkaste, w\u00e4hrend sie selbstredend<\/span><span class=\"s2\">den Willen des Volkes f\u00fcr sich reklamieren<\/span><span class=\"s2\">. Ein Spiel, das nicht nur\u00a0<\/span><span class=\"s2\">AfD<\/span><span class=\"s2\">-Politiker beherrschen, sondern auch einzelne\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Vertreter anderer\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Parteien. Auch das zu benennen\u00a0<\/span><span class=\"s2\">geh\u00f6rt zu einer ehrlichen Berichterstattung.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"s3\"><span class=\"s2\">Die erfolgreichsten Populisten kreieren nicht nur Stimmungen, sondern sie geben ihnen den Anstrich von Objektivit\u00e4t und Faktentreue. Die\u00a0<\/span><span class=\"s2\">AfD<\/span><span class=\"s2\">\u00a0<\/span><span class=\"s2\">gab sich<\/span><span class=\"s2\">\u00a0am Anfang das\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Image einer Professorenpartei<\/span><span class=\"s2\">. Sie konnte ankn\u00fcpfen an ihren Vorarbeiter, den ehemaligen Bundesbanker und SPD-Politiker Thilo\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Sarrazin<\/span><span class=\"s2\">, einem besonders virtuosen Populisten im spr\u00f6den Gewand des faktentreuen Technokraten. Eine seiner Hauptthesen: Die angeblichen Probleme vor allem durch muslimische Zuwanderer seien von den Medien verschwiegen worden \u2013 was kurios ist, schlie\u00dflich erntete\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Sarrazin<\/span><span class=\"s2\">\u00a0ein lautes Echo in s\u00e4mtlichen Publikum<\/span><span class=\"s2\">smedien, inklusive Vorabdrucken seines Buches \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c. Bei der\u00a0<\/span><span class=\"s2\">AfD<\/span><span class=\"s2\">\u00a0wurde dieses durchsichtige, aber extrem erfolgreiche Taktik gar zum Slogan: Mut zur Wahrheit.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"s3\"><strong>Provokationen verfangen &#8211; auch dank mancher Medien<\/strong><\/p>\n<p class=\"s3\"><span class=\"s2\">Die Provokationen der Populisten\u00a0<\/span><span class=\"s2\">verfangen. Auch dank der Medien.<\/span><span class=\"s2\">\u00a0Die Dresdner Rede des\u00a0<\/span><span class=\"s2\">AfD<\/span><span class=\"s2\">-Rechtsau\u00dfen Bj\u00f6rn\u00a0<\/span><span class=\"s2\">H\u00f6cke<\/span><span class=\"s2\">, in der er sich \u00fcber d<\/span><span class=\"s2\">as Berliner Holocaust-Mahnmal\u00a0<\/span><span class=\"s2\">auslie\u00df, sorgte nat\u00fcrlich f\u00fcr eine \u00fcberr<\/span><span class=\"s2\">egionale Debatte.\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Beatrix von Storch brachte einen m\u00f6glichen Schusswaffengebrauch gegen Fl\u00fcchtlinge an der Grenze ins Spiel \u2013 ein Tabubruch<\/span><span class=\"s2\">\u00a0mit lautem Aufschrei<\/span><span class=\"s2\">. Die\u00a0<\/span><span class=\"s2\">AfD<\/span><span class=\"s2\">\u00a0bringt sich mit\u00a0<\/span><span class=\"s2\">solchen\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Provokationen immer wieder ins Gespr\u00e4ch. Ein Teufelskreis: Je mehr \u00fcber sie berichtet wird, desto bekannter wird die Partei. Je bekannter sie wird, desto relevanter ist sie f\u00fcr die Berichterstattung.\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Einen einfachen Ausweg aus diesem Dilemma gibt es nicht.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"s3\"><span class=\"s2\">Eines ist\u00a0<\/span><span class=\"s2\">aber\u00a0<\/span><span class=\"s2\">klar:<\/span><span class=\"s2\">\u00a0Die\u00a0<\/span><span class=\"s2\">AfD<\/span><span class=\"s2\">\u00a0ist nach dem Einzug in zig Landesparlamente zu einer politischen Kraft geworden, \u00fcber die man berichten muss.<\/span><span class=\"s2\">\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Allerdings sollte man sich als Journalist bei jeder neuen Provokation fragen: Wie viel\u00a0<\/span><span class=\"s2\">H\u00f6cke<\/span><span class=\"s2\">\u00a0muss sein? Schlie\u00dflich ist er lediglich Fraktionsvorsitzender dieser Partei in Th\u00fcringen \u2013 und nicht amerikanischer Pr\u00e4sident.\u00a0<\/span><span class=\"s2\">Nie war Einordnung wichtiger, und das ist etwas ganz anderes, als sich an Stimmungsmache zu beteiligen, in welcher politischen Richtung auch immer. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag\u00a0 im Magazin &#8222;Ratio&#8220; (Ausgabe September 2017) Von Martin Benninghoff Stimmungen waren schon immer ein relevanter Faktor in politischen Debatten \u2013 aber das Ausma\u00df ist neu. 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