{"id":1919,"date":"2017-10-04T10:33:18","date_gmt":"2017-10-04T08:33:18","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1919"},"modified":"2017-10-04T10:35:01","modified_gmt":"2017-10-04T08:35:01","slug":"hinter-dem-unsichtbaren-eisernen-vorhang","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1919","title":{"rendered":"Hinter dem unsichtbaren Eisernen Vorhang"},"content":{"rendered":"<p>Artikel erschienen in der FAZ und bei FAZ.NET (04.10.2017)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/weissrussland-hinter-dem-unsichtbaren-eisernen-vorhang-15225768.html\">Hier geht es zum Storytelling bei FAZ.NET.\u00a0 <\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff, Minsk<\/em><\/p>\n<p><strong>\u201eWei\u00dfer Fleck auf der Landkarte\u201c oder \u201eletzte Diktatur Europas\u201c: Wei\u00dfrussland ist f\u00fcr viele Europ\u00e4er Terra incognita im Schatten Russlands \u2013 daran \u00e4ndert auch die neue Visafreiheit nichts. Oder doch? Zeit f\u00fcr eine Zwischenbilanz.<\/strong><\/p>\n<p>Minsk, ein fr\u00fcher Morgen im September. An einem bauf\u00e4lligen Haus auf einem St\u00fcck Brachland, das an den Busbahnhof der Hauptstadt angrenzt, prangt ein offenbar eilig gekritzelter Schriftzug: \u201e\u0437\u0434\u0435\u0441\u044c \u043d\u0435 \u0420\u043e\u0441\u0441\u0438\u044f\u201c, \u201edies ist nicht Russland\u201c. Die Menschen eilen daran auf ihren Wegen zur Arbeit, zum Zug oder dem Bus vorbei, keiner nimmt Notiz. Doch unbemerkt bleibt der Schriftzug nicht. Nur wenig sp\u00e4ter ist er mit grauer Deckfarbe \u00fcberpinselt, der Slogan unlesbar. Wenn man eine Autokratie an der Geschwindigkeit bemisst, in der regierungskritische Wandgraffiti \u00fcbermalt werden, dann ist Wei\u00dfrussland mindestens oberes Mittelfeld im Diktaturen-Ranking.<\/p>\n<p>Dies ist nicht Russland! Ein Satz, der in Wei\u00dfrussland genauso stimmt wie in allen anderen Staaten \u2013 au\u00dfer in Russland nat\u00fcrlich. Ein Satz, der hier im Staate des autokratisch regierenden Pr\u00e4sidenten Aleksandr Lukaschenka alles andere als unschuldig daherkommt: Wei\u00dfrussland ist ein Staat, dessen Wirtschaft und Politik ohne die engen Verzahnungen mit dem gro\u00dfen \u00f6stlichen Nachbarn Russland schlichtweg undenkbar ist, das Land w\u00e4re wohl kaum \u00fcberlebensf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Es ist knapp so gro\u00df wie Gro\u00dfbritannien oder Rum\u00e4nien, aber mit weniger als zehn Millionen Einwohnern, von denen ein F\u00fcnftel in der Hauptstadt lebt, ist es d\u00fcnn besiedelt. Kein Zugang zum Meer, ein Binnenland, ohne besondere Rohstoffvorkommen, kein nennenswertes Gebirge, nur wenige touristische Highlights. Auch deshalb ist hier nicht Russland.<\/p>\n<p><strong>Terra incognita f\u00fcr die meisten Mitteleurop\u00e4er<\/strong><\/p>\n<p>Manche nennen Wei\u00dfrussland den \u201eletzten wei\u00dfen Fleck auf der europ\u00e4ischen Landkarte\u201c, andere \u201edie letzte Diktatur Europas\u201c. An allem ist etwas Wahres dran, aber es sind Klischees und Vereinfachungen, die vor allem zeigen, wie sehr das Land noch Terra incognita f\u00fcr die meisten Mitteleurop\u00e4er ist. Weit weg, eingeschlossen hinter unsichtbaren Mauern oder \u2013 um gleich in die Diktion l\u00e4ngst vergangener Sowjet-Tage zu fallen \u2013 hinter einem dicken, noch immer eisernen Vorhang.<\/p>\n<p>Die Fakten zeigen ein etwas differenzierteres Bild: Nach Angaben der wei\u00dfrussischen Botschaft in Berlin sind 2016 rund 217.400 Ausl\u00e4nder eingereist, ein Jahr zuvor 276.000. Knapp 80 Prozent waren davon Russen, der Rest vor allem Litauer, Polen, Ukrainer \u2013 und auch Deutsche und Briten. Im vergangenen Jahr sind zudem knapp 500.000 Wei\u00dfrussen ins Ausland gereist, davon knapp die H\u00e4lfte in die\u00a0<a href=\"http:\/\/cms.faz.net\/polopoly\/CM\">EU<\/a>, 24 Prozent in die GUS-Staaten.<\/p>\n<p>Das sind keine berauschenden Zahlen, die es rechtfertigen, dem Land eine gro\u00dfe Zukunft als Tourismusdestination vorherzusagen. Aber ganz so isoliert, wie manche glauben, ist das Land freilich nicht.<\/p>\n<p>Aleksandr Lukaschenka, der seit 1994 die Z\u00fcgel im Land fest im Griff hat, hat offenbar erkannt, dass er sein Land st\u00e4rker \u00f6ffnen muss. Seit Februar 2017 d\u00fcrfen B\u00fcrger von 80 L\u00e4ndern, darunter Deutsche, visumfrei nach Wei\u00dfrussland reisen. Zwar nur \u00fcber den Flughafen Minsk, wo sich der Besucherstrom kontrolliert kanalisieren l\u00e4sst, und auch nur auf f\u00fcnf Tage begrenzt, aber immerhin. Zuvor musste man sich eine Einladung besorgen, um das Visum zu bekommen. Das war nicht sonderlich schwierig, hielt aber sicherlich viele von Kurztrips nach Minsk ab.<\/p>\n<p>Nach mehr als einem halben Jahr Visumfreiheit ist es Zeit f\u00fcr eine Zwischenbilanz. Ist Minsk das neue Prag, Budapest oder Tirana? Bekommt das Land endlich was vom Osteuropa-Hype ab?<\/p>\n<p><strong>Ein Land f\u00fcr Freak-Tourismus<\/strong><\/p>\n<p>Die Zahlen sind eher ern\u00fcchternd: Das visafreie Angebot haben laut Botschaft seit Februar 2017 knapp 46.000 Touristen angenommen, darunter 7000 Deutsche. \u201eMit der Einf\u00fchrung beobachtet man ein wachsendes Interesse am Land seitens ausl\u00e4ndischer G\u00e4ste\u201c, sagt Aleksandr Levanovich. Experten prognostizierten, so der Leiter der Botschafts-Wirtschaftsabteilung, dass weitere Effekte erst 2018 sichtbar w\u00fcrden, n\u00e4mlich dann wenn die organisierten Gruppen k\u00e4men. \u201eEs wird geplant, die Frist der visafreien Einreise bis Ende 2018 von f\u00fcnf auf zehn Tage zu erweitern\u201c, k\u00fcndigte die Botschaft gegen\u00fcber FAZ.NET an.<\/p>\n<p>Ob damit Wei\u00dfrussland tats\u00e4chlich mehr Touristen ins Land holt? Stefan Meister, Osteuropa-Experte der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Ausw\u00e4rtige Politik, ist skeptisch: \u201eDas ist kein attraktives Reiseland, keines f\u00fcr den Massentourismus, allenfalls f\u00fcr den Freak-Tourismus.\u201c F\u00fcr \u201eFreaks\u201c, die auch nach Nordkorea, Somaliland oder Eritrea fahren, um selten bereiste Orte mit, gelinde gesagt, herbem Charme zu erleben \u2013 auch wenn niemand Wei\u00dfrussland mit solchen L\u00e4ndern vergleichen sollte.<\/p>\n<p>Meister glaubt, dass die Visafreiheit eher \u201eSymbolcharakter und einen Effekt auf die darbende Wirtschaft haben soll\u201c. Seit Jahren steckt das Land in einer tiefen Rezession. F\u00fcr 2017 rechnet die Weltbank mit einem abermaligen R\u00fcckgang des Bruttoinlandsprodukts. Zudem ist die Auslandsverschuldung sehr hoch, die Direktinvestitionen sind zuletzt massiv eingebrochen, ebenso wie der Handel: Deutschland ist nach Russland, Ukraine und China zwar der viertwichtigste Handelspartner, allerdings auf geringem Niveau. Wei\u00dfrussland importiert vor allem deutsche Maschinen, Autos und Produkte der chemischen Industrie, Deutschland wiederum bezieht Metalle, russisches \u00d6l, das die Wei\u00dfrussen raffinieren, und Holz.<\/p>\n<p><strong>Die Wei\u00dfrussen vermissen eine Perspektive<\/strong><\/p>\n<p>Die Depression betrifft nicht nur die Wirtschaft. \u201eEs herrscht in der Bev\u00f6lkerung eine depressive Stimmung\u201c, sagt Meister, \u201edie Leute vermissen eine Perspektive f\u00fcr sich im Land\u201c. Zu sp\u00fcren ist das in Minsk \u2013 oberfl\u00e4chlich betrachtet \u2013 kaum, die Stadt hat sich mit ihren Prachtboulevards sowjetischer Pr\u00e4gung herausgeputzt. Zwischen Plattenbau- und Zuckerb\u00e4cker-Architektur findet sich eine eigent\u00fcmliche Mischung aus Ostalgie und Gegenwart. Aus M\u00e4rkten wie dem Komarowski-Markt, wo vornehmlich H\u00e4ndlerinnen lokale Produkte wie Honig oder eingelegtes Gem\u00fcse verkaufen, und dem obligatorischen Kaufhaus \u201eGUM\u201c, wo heimische Anz\u00fcge mit Schnittmustern aus vergangenen Jahrzehnten und chinesisches Plastikspielzug im Muff der Sowjet-\u00c4ra verkauft werden, bis hin zu westlichen Konsumtempeln der Marken Boss oder McDonald&#8217;s.<\/p>\n<p>Aber der erste Eindruck tr\u00fcgt: Bei einem (offiziellen) Durchschnittslohn von nur knapp mehr als 300 Euro im Monat und einer Inflationsrate, die in den vergangenen Jahren teils davon galoppierte, bleiben die internationalen Marken eher der finanzstarken Nomenklatura und Ausl\u00e4ndern mit Devisen in der Tasche vorbehalten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Taxifahrer in Minsk sind internationale Marken kaum erschwinglich: Das Leben in Deutschland sei doch so gut, in Wei\u00dfrussland dagegen \u201eschlecht wegen des Verdienstes\u201c, sagt der Mann, der unentwegt &#8222;Modern Talking&#8220; oder \u201eC.C. Catch\u201c, eine weitere Dieter-Bohlen-Produktion, im Autoradio laufen l\u00e4sst. Sein Bruder lebe in einer nieders\u00e4chsischen Stadt, er selbst k\u00f6nne sich einen Besuch in Deutschland allerdings nicht leisten. Wie zufrieden er mit Lukaschenkas Politik sei? Der Taxifahrer lacht, sagt aber lieber nichts.<\/p>\n<p><strong>Achtung, KGB<\/strong><\/p>\n<p>Die Freiheit ist noch immer eingeschr\u00e4nkt, der Staatsapparat repressiv. Der Pr\u00e4sidentenpalast in Minsk ein wenig einladendes Geb\u00e4ude, die meisten Passanten machen einen Bogen um den Klotz. Freie Meinungs\u00e4u\u00dferung und Versammlungsfreiheit sind nach wie vor beschnitten, zudem l\u00e4sst Lukaschenka als letztes europ\u00e4isches Land die Todesstrafe vollstrecken. 2016 wurden laut Amnesty International mindestens vier Menschen hingerichtet. Der Geheimdienst, der hier noch immer KGB hei\u00dft und mitten am zentralen Prachtboulevard in der Innenstadt residiert, \u00fcberwacht Telefon- und Internetverbindungen.<\/p>\n<p>Allerdings, der Pr\u00e4sident sendet seit einiger Zeit leise Signale der Liberalisierung. Seit der letzten Wahl sitzen immerhin zwei Oppositionspolitiker im Parlament, insgesamt galt der Urnengang als vergleichsweise unauff\u00e4llig. Vergleichsweise, m\u00f6chte man betonen! Lukaschenka profilierte sich zudem international als \u201eehrlicher Makler\u201c im Ukraine-Konflikt und richtete 2015 das Minsk-Treffen von Russlands Pr\u00e4sident\u00a0<a href=\"http:\/\/cms.faz.net\/polopoly\/CM\">Wladimir Putin<\/a>, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs fr\u00fcherem Pr\u00e4sidenten Fran\u00e7ois<strong>\u00a0<\/strong>Hollande und dem ukrainischen Pr\u00e4sidenten Poroschenko aus. Die sch\u00f6nen Fernsehbilder zeigten den bis dato isolierten Staatschef zur\u00fcck im Kreise der europ\u00e4ischen Staats- und Regierungschefs. Sonst f\u00fchren ihn seine Auslandsreisen eher Richtung China oder Pakistan und nat\u00fcrlich nach Moskau\u2013 aber kaum gen Westen. Ein PR-Erfolg f\u00fcr Lukaschenka.<\/p>\n<p>Zur Anerkennung hob die EU im Februar 2016 ihre Sanktionen gegen das Land weitgehend auf, und im November 2016 fand nach f\u00fcnfj\u00e4hriger Unterbrechung erstmals wieder das Minsk-Forum statt, die wichtigste deutschsprachige Dialog-Plattform zwischen Deutschland, der EU und Wei\u00dfrussland.<\/p>\n<p>Das Tauwetter muss aber nicht von Dauer sein: Weniger begeistert zeigten sich Br\u00fcssel und Berlin, als im Fr\u00fchjahr 2017 Demonstrationen in Minsk und anderen St\u00e4dten abermals eskalierten, es kam zu Verhaftungen. Lukaschenka machte deutlich, dass er \u201eukrainische Zust\u00e4nde\u201c nicht dulde. Allerdings: Derzeit ist keine Seite \u2013 weder Minsk noch der Westen \u2013 an neuen Konflikten interessiert, wie der Osteuropa-Experte Meister betont: Alleine deshalb seien wei\u00dfrussische Diplomaten zurzeit sehr aktiv im Dialog mit dem Westen.<\/p>\n<p><strong>Wenn der Pufferstaat nicht mehr puffert<\/strong><\/p>\n<p>Lukaschenka wei\u00df, was er sich leisten kann und was nicht. Einerseits versucht er, der russischen Einflusssph\u00e4re ein St\u00fcck weit zu entkommen, andererseits kennt er die roten Linien, die nicht \u00fcberschritten werden d\u00fcrfen. Konkret: Er flirtet mit der EU, erl\u00e4sst Reiseerleichterungen, \u00e4rgert Moskau damit, denn pl\u00f6tzlich stehen EU-B\u00fcrger visafrei an der Grenze zu Russland, der Pufferstaat puffert nicht mehr. Im September setzte Lukaschenka dann sein russlandfreundliches Gesicht auf, als er mit Putin das gemeinsame Milit\u00e4rman\u00f6ver \u201eZapad\u201c veranstaltete, zum Schrecken Polens und der baltischen Nachbarn, ein Warnschuss in Richtung Nato. Die Pendelpolitik Lukaschenkas dient seinem eigenen Machterhalt: Experten zweifeln nicht daran, dass Russland einmarschieren w\u00fcrde, sobald sich Wei\u00dfrussland st\u00e4rker in Richtung EU oder sogar der Nato bewegen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dabei holt Lukaschenka einen dritten Partner ins Boot: China. Wer vom Flughafen nach Minsk f\u00e4hrt, passiert den \u201eChina-Belarus-Industrial Park\u201c, der 20 Unternehmen beherbergt, 200 sollen es mal werden. Am Eingangstour wehen chinesische und wei\u00dfrussische Flaggen, in Minsk sind einige chinesische Hotels entstanden. Die Sonderwirtschaftszone will mit niedrigeren Steuern und einer modernen Infrastruktur ausl\u00e4ndische Investoren anwerben. Das Beispiel Nordkorea, das \u00e4hnliche Gebiete aufgebaut hat, zeigt aber auch, wo der Haken ist: Die Sonderwirtschaftszone Kaesong im S\u00fcden der Kim-Dynastie wurde einfach dichtgemacht \u2013 v\u00f6llige Willk\u00fcr f\u00fcr Investoren.<\/p>\n<p>Es ist der Versuch, weitere Finanzquellen anzuzapfen. Geht es Russland schlecht, geht es auch Wei\u00dfrussland schlecht. Derzeit fehlen schlichtweg die konjunkturellen Impulse aus Russland, und f\u00fcr ausl\u00e4ndische Investitionen fehlen die Anreize. Der Staatskapitalismus erschwert \u00dcbernahmen, daran \u00e4ndern zaghafte Privatisierungsbem\u00fchungen wenig. Das gro\u00dfe Pfund Wei\u00dfrusslands ist die gut ausgebildete Bev\u00f6lkerung \u2013 das k\u00f6nnte ein Anreiz f\u00fcr personalintensive Unternehmen sein.<\/p>\n<p><strong>Mehr Blick zur\u00fcck als nach vorne?<\/strong><\/p>\n<p>Welcher Weg bleibt dem Land? Anders als Georgien zum Beispiel ist das touristische Potential Wei\u00dfrusslands \u00fcberschaubar. St\u00e4dtereisen nach Minsk, Brest oder Homel lohnen durchaus, alleine wegen der Architektur, der Vielzahl an Museen und Theatern und der Geschichte, die an vielen Orten, fast durchweg als Schrecken des Zweiten Weltkrieges, zu sp\u00fcren ist. Die deutschen Besatzer haben fast jeden vierten Wei\u00dfrussen ermordet, die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung, die viele Intellektuelle und Staatsf\u00fchrer der Welt (der ehemalige israelische Staatspr\u00e4sident Schimon Peres war einer davon) hervorgebracht hat, ist fast vollst\u00e4ndig dezimiert. Davon zeugen Gedenkst\u00e4tten im ganzen Land, zum Beispiel nahe des Dorfes Maly Trostinez.<\/p>\n<p>Maly Trostinez liegt an einer Ausfallstra\u00dfe im Minsker Ballungsraum. Plattenbauten reihen sich an Plattenbauten, alles sieht gesichtslos aus, Hinweisschilder fehlen. Eine \u00e4ltere Frau, die in ihrem Gem\u00fcsegarten steht, weist den Weg zu dem von weiten unscheinbaren Gedenkstein. Der Taxifahrer kennt den Ort nicht, nie davon geh\u00f6rt. Tristes Brachland umschlie\u00dft den Gedenkort, an dem noch ein paar Barackengrundmauern zu sehen sind. Ein paar Hinweisschilder, die auch auf deutsche Initiative hin aufgebaut worden sind, erkl\u00e4ren das Unfassbare: Mit Gaswagen und bei Massenerschie\u00dfungen in einem nahegelegenen W\u00e4ldchen sollen hier 40.000 bis 60.000 Menschen umgebracht worden sein. Die meisten Juden.<\/p>\n<p>Was hier in diesem unscheinbaren Dorf passiert ist, wird in Wei\u00dfrussland zwar nicht verschwiegen, aber der Eindruck dr\u00e4ngt sich auf, dass dem sowjetischen Heldengedenken mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird (etwa im sehr interessanten Minsker \u201eState Museum of the Great Patriotic War\u201c) als den Opfern des Holocausts.<\/p>\n<p><strong>Die Spuren von Tschernobyl<\/strong><\/p>\n<p>Abseits dieser Orte des Schreckens bietet das Land vor allem: W\u00e4lder, Seen und Fl\u00fcsse, die staatliche Tourismusagentur bewirbt es als Mekka f\u00fcr Angler und J\u00e4ger. Es gibt Luchse, Elche und Braunb\u00e4ren und eine der letzten Wisent-Populationen. Wer sich allerdings tiefer in die W\u00e4lder wagt und m\u00f6glicherweise selbst gepfl\u00fcckte Pilze zubereiten m\u00f6chte, wird unweigerlich mit einem anderen schwarzen Kapitel Wei\u00dfrusslands konfrontiert werden, der Reaktorkatastrophe im benachbarten ukrainischen Tschernobyl im April 1986.<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der kontaminierten 200.000 Quadratkilometer liegt in Wei\u00dfrussland. Noch heute ist das ein schwieriges Thema im Land, Journalisten bekommen kaum Auskunft, Berichte \u00fcber verstrahlte Lebensmittel werden nach wie vor in Wei\u00dfrussland unterdr\u00fcckt. Tschernobyl ist auch deshalb ein typisches Reiseziel f\u00fcr \u201eFreak-Touristen\u201c, buchbar bei einer Vielzahl von spezialisierten Reiseagenturen. Lieber w\u00fcrde Wei\u00dfrussland allerdings zum Traumziel f\u00fcr Agro\u00f6kotouristen werden, die Urlaub auf dem Bauernhof oder in einem Dorf machen. Ob das zusammenpasst?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel erschienen in der FAZ und bei FAZ.NET (04.10.2017) Hier geht es zum Storytelling bei FAZ.NET.\u00a0 Von Martin Benninghoff, Minsk \u201eWei\u00dfer Fleck auf der Landkarte\u201c oder \u201eletzte Diktatur Europas\u201c: Wei\u00dfrussland ist f\u00fcr viele Europ\u00e4er Terra incognita im Schatten Russlands \u2013&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1919\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Hinter dem unsichtbaren Eisernen Vorhang<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[156,1],"tags":[477,475,478,476],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1919"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1919"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1919\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1922,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1919\/revisions\/1922"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1919"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1919"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1919"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}