{"id":1945,"date":"2018-02-16T17:16:47","date_gmt":"2018-02-16T15:16:47","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1945"},"modified":"2018-02-16T17:25:14","modified_gmt":"2018-02-16T15:25:14","slug":"sampler-fuer-den-simplen-geschmack","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1945","title":{"rendered":"Sampler f\u00fcr den simplen Geschmack"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/pop\/jubilaeum-der-bravo-hits-sampler-fuer-simple-15450984.html\">Artikel erschienen bei FAZ.NET (16.02.2018).<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff, Elena Witzeck, Philipp Krohn, Felix Hoo\u00df, Laura Henkel, Patrick Bernau <\/em><\/p>\n<p><strong>An diesem Freitag erscheint die \u201eBravo Hits 100\u201c. Die Compilation-Serie hat Generationen mit ihren wilden musikalischen Mischungen gepr\u00e4gt und gegruselt. Sechs Redakteure erinnern sich.<\/strong><\/p>\n<p id=\"pageIndex_1\" class=\"First atc-TextParagraph\">Und schon wieder Bravo Hits! Jahrelang, ja jahrzehntelang war diese Wortkombination aus meinem aktiven Wortschatz verschwunden \u2013 und dann das: Vor einigen Tagen fiel in einem Gespr\u00e4ch mit einem guten Freund, eher beil\u00e4ufig, der Titel: Bravo Hits. Der Freund, mit dem ich viele Jahre in einer Band gespielt habe, wollte sich, warum auch immer, von seinem Musikgeschmack in Teenagerjahren distanzieren. Er wusste, in meinem Kopf ist er fast unwiderruflich verkn\u00fcpft mit Bravo Hits, der Scheibe, die er in zigfacher Ausf\u00fchrung im CD-Regal stehen hatte. Er hatte sie sogar immer wieder aufgelegt.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Ich wei\u00df nicht mehr, ob ich der Scheibe unrecht tue, aber ich erinnere mich an eine Vielzahl nervt\u00f6tender Eurodance-Nummern darauf. Wer sich nicht erinnert: Das waren meist ziemlich simple Songs rund um eine weibliche Stimme, die die Hookline sang, und einen Rapper, der dazwischen den harten Kerl mimen durfte. Culture Beat, 2 Unlimited, Dr. Alban, Snap. Na, klingelt\u2019s?\u00a0 Mir zumindest in den Ohren, und das noch immer. Wobei: Nicht alles war schlecht, \u201eMr. Vain\u201c von Culture Beat hatte Potential. Musikalisch \u00fcberlebt hat aus dieser Zeit eigentlich nur DJ Bobo (und Scooter). Ausgerechnet er. Bravo Hits, f\u00fcr mich heute noch immer die Chiffre meiner schweren musikalischen Kindheit und Jugend. Und deshalb irgendwie auch: wertvoll.<br \/>\n<em><strong>(Martin Benninghoff)<\/strong><\/em><\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Zuhause h\u00f6rten wir Dire Straits und Commodores, und ich war stolz darauf, nicht zu denen zu geh\u00f6ren,\u00a0die sich in der siebten Klasse schon dem Mainstream beugten. Nie, hatte ich mir vorgenommen, w\u00fcrde eine dieser peinlich-bunten CDs in meine Sammlung gelangen. Wenn mir jemand von der aktuellen Neuerscheinung erz\u00e4hlte, verk\u00fcndete ich, auch dieser Trend werde vor\u00fcbergehen. Bis zu einem einw\u00f6chigen Skiausflug mit der Schulklasse, als meine Freunde jeden Abend ekstatisch zu \u201eOops \u2013 I did it again\u201c und \u201eTeenage Dirtbag\u201c tanzten und gr\u00f6lten. Am Tag nach unserer R\u00fcckkehr h\u00f6rte ich mich unter handtellergro\u00dfen Kopfh\u00f6rern im Drogeriemarkt in meine ersten Bravo Hits hinein. \u200eEs war die Nummer 31. Sie begann mit Ronan Keatings \u00fcberragend schnulzigem \u201eLife is a Rollercoaster\u201c und blieb f\u00fcr die n\u00e4chsten drei Songs, \u201eShe&#8217;s Got That Light\u201c und \u201eDancing in the Moonlight\u201c, beim Thema. Nach \u201eWe Will Rock You\u201c fiel die Qualit\u00e4t zugegebenerma\u00dfen etwas ab. Nachmittagelang schloss ich mich mit dem Gef\u00fchl, etwas Neues, Unerh\u00f6rtes zu entdecken, in meinem Zimmer ein.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Die n\u00e4chste Ausgabe, die ich mir kaufte, war die 33. Die Zeit der Skikurse und Schullandheime war vorbei und meine Freunde hatten angefangen, Kurt Cobain zu h\u00f6ren. Ich musste in der N\u00e4he der Stereoanlage bleiben, um bei den Songs, die mich nervten, weiter zu dr\u00fccken. Es blieb bei diesen beiden Bravo Hits:\u00a0mehr kaufte ich mir nicht. Aber sie stehen noch in meiner Sammlung. Manchmal gibt es sie noch, die \u201eTeenage Dirtbag\u201c-Momente. Und zum Mitgr\u00f6len findet sich dann auch immer jemand.<br \/>\n<em><strong>(Elena Witzeck)<\/strong><\/em><\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Mit 13 oder 14 \u00e4nderte sich die Welt schlagartig. War man bei jemandem eingeladen, ging es nicht mehr darum, wie man mit ihm spielen konnte, sondern ob er Geschmack hatte. Z\u00e4hlten vorher Kletterqualit\u00e4ten, Einbildungskraft und die He-Man-Burg, musste man jetzt mit der richtigen CD-Sammlung gl\u00e4nzen. Was aber, wenn man (noch) keinen Musikgeschmack hatte? Dann schienen die Bravo Hits ein Ausweg zu sein. Das hat auf den ersten Partys die Meinungsf\u00fchrer zur Verzweiflung getrieben: Das Volk wollte tanzen, keine Musik war vorhanden.<\/p>\n<p id=\"pageIndex_2\" class=\"atc-TextParagraph\">Wie viele Feiern hat es gegeben, in denen sie sich durch das, was man heute Playlists nennt, qu\u00e4lten und versuchten, aus CD-Boxen Honig zu saugen? F\u00fcr zwei Stunden Tanzen musste man bei drei bis vier brauchbaren Songs unter 40 angebotenen schnell auf den Wiederholungseffekt setzen. So unkultig diese Boxen waren, hier heilt die Zeit keine Wunden: Sie werden auch mit den Jahren nicht besser. Die Flohmarktkisten sind und bleiben voll davon. Zwei Drittel der Lieder hatte man vergessen, und sie wiederzuentdecken macht auch keine Freude.<br \/>\n<strong><em>(Philipp Krohn)<\/em><\/strong><\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Matthias, der Freund aus dem Nordseeurlaub, war ein Jahr \u00e4lter als ich, konnte gut kicken und besa\u00df die Bravo Hits 8. Darauf: \u201eNo Good\u201c von The Prodigy. Es war wie eine Erweckung: Ich wollte pl\u00f6tzlich nicht mehr nur Mamas Beatles-Platten h\u00f6ren, sondern lieber diese \u00fcbertriebene, adrenalinhaltige Techno-Hymne. Die 30 D-Mark waren gut investiert, denn obendrein enthielt die Doppel-CD weitere aktuelle Hits des Sp\u00e4tsommers 1994: Mo-Dos \u201eEins, zwei, Polizei\u201c, Whigfields \u201eSaturday Night\u201c und das Lied aus der Levis-Werbung, \u201eInside\u201c der Grungerock-Gruppe Stiltskin. Ein fairer Deal also, der einen auch fragw\u00fcrdige Interpreten (Joshua Kadison, Pur, Die Toten Hosen auf Englisch) verschmerzen lie\u00df.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Beim Studieren der Trackliste \u00fcberkommt mich heute leichte Nostalgie nach einer Jugend, in der die deutsche Musik so schlecht war wie der deutsche Fu\u00dfball \u2013 Stefan Raabs WM-Song \u201eB\u00f6\u00f6rti B\u00f6\u00f6rti Vogts\u201c erinnert mahnend an beides. Nicht alle Lieder von damals sind gut gealtert. The Prodigy gehen aber immer noch.<br \/>\n<em><strong>(Felix Hoo\u00df)<\/strong><\/em><\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Meine erste Bravo-Hits-CD, die Nummer 26, war eigentlich gar nicht meine. Wie es das Schicksal so mancher kleinen Geschwister ist, habe ich viel teilen m\u00fcssen und manches auch nur ausleihen d\u00fcrfen. Als meine \u00e4lteren Schwestern mal besonders g\u00fctig waren, wurde \u201eMambo No. 5\u201c von Lou Bega zu meinem langj\u00e4hrigen Lieblingslied. Erst 2003 brach bei uns in der Grundschule dann der Bravo-Hits-Boom aus. Pl\u00f6tzlich waren die CDs mehr als gefeiert und die Gelegenheit, eine gebrannte Scheibe bei einer Freundin abzustauben, das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck. Zwischen 2003 und 2009 liefen die Bravo Hits 50 bis 70 dann rauf und runter, bis eigene CDs von Rihanna und Co. irgendwann interessanter wurden.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Viele Songs wie Avril Lavignes \u201eSk8er Boi\u201c und Hoobastanks \u201eThe Reason\u201c habe ich noch Jahre sp\u00e4ter an Karaokeabenden mit Freunden in Singstar-Mikrofone gegr\u00f6lt. Die Tatsache, dass wir Gwen Stefani mit \u201eHollaback Girl\u201c und Banaroo mit \u201eDubi Dam Dam\u201c hemmungslos abgefeiert haben, ist mir heute ein bisschen peinlich. Aber das war immer das Besondere an den Bravo Hits \u2013 aus dem Sammelsurium der sch\u00f6nsten, langweiligsten und verr\u00fccktesten Lieder, die ein halbes Jahr Musikgeschichte hervorgebracht hat, die eigenen Favoriten herauszupicken und in Dauerschleife zu h\u00f6ren.<br \/>\n<em><strong>(Laura Henkel)<\/strong><\/em><\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">\u201eWas w\u00fcnschst du dir denn zu Weihnachten?\u201c, fragte meine Patentante Helga in den fr\u00fchen Neunzigern. Leider kannte ich das Wort \u201eSampler\u201c noch nicht, also sagte ich nur: \u201eSo eine CDs mit aktuellen Hits drauf.\u201c Helga nahm sich\u2019s zu Herzen, und in ihrem Weihnachtspaket kam \u2013 liebevoll verpackt \u2013 ein Album von Joe Cocker. Der hatte immerhin gerade sein Lied \u201eSummer in the City\u201c in die Charts gebracht, das hei\u00dft: bis auf den sagenhaften Platz 23. Was war ich entt\u00e4uscht<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Heute liegen sowieso alle CDs in einer Kiste im Keller, Joe Cocker eintr\u00e4chtig versammelt mit den diversen Bravo Hits, die danach noch kamen. Die Musik flie\u00dft aus dem Internet. Aber es gibt mir ein stolzes Gef\u00fchl, dass in dieser Kiste statt der \u201eBravo Hits 8\u201c Joe Cocker liegt. Ihn hat mir die CD immer n\u00e4her gebracht, seine Musik h\u00f6re ich heute immer noch gelegentlich. Whigfield und Marusha w\u00fcrden mir nur die Spotify-Algorithmen versauen.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Danke, Helga!<br \/>\n<em><strong>(Patrick Bernau)<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel erschienen bei FAZ.NET (16.02.2018). Von Martin Benninghoff, Elena Witzeck, Philipp Krohn, Felix Hoo\u00df, Laura Henkel, Patrick Bernau An diesem Freitag erscheint die \u201eBravo Hits 100\u201c. 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