{"id":1951,"date":"2018-02-21T18:53:08","date_gmt":"2018-02-21T16:53:08","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1951"},"modified":"2018-02-21T18:54:18","modified_gmt":"2018-02-21T16:54:18","slug":"bitte-wo-gehts-nach-nordkorea","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1951","title":{"rendered":"Bitte, wo geht&#8217;s nach Nordkorea?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/warum-ein-amerikaner-in-100-laender-reisen-will-15444661.html\">Artikel erschienen in der &#8222;Frankfurter Allgemeine Zeitung&#8220; und bei FAZ.NET (20.02. und 21.02.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Der Amerikaner Ryan Burnett hat Haus und Besitzt\u00fcmer verkauft, um 100 L\u00e4nder und mehr zu bereisen. Was treibt ihn an? Und warum schreckt er vor Diktaturen wie Nordkorea nicht zur\u00fcck?<\/strong><\/p>\n<p>Was haben Nordkorea und Deutschland gemeinsam? Nicht viel, m\u00f6chte man meinen, mit Ausnahme der Tatsache, dass beide L\u00e4nder zu den Lieblingszielen von Ryan Burnett geh\u00f6ren. Der 33 Jahre alte Amerikaner aus Chicago reist seit August 2016 um die Welt. Sein Ziel: 100 L\u00e4nder besuchen. Bei Nummer 90 ist er angekommen, bis Anfang der Woche befand er sich im S\u00fcden Koreas, in Pyeongchang, wo die Olympischen Spiele stattfinden \u2013 mittlerweile ist er wieder in Chicago, Zwischenstopp zuhause. \u201e100 L\u00e4nder zu besuchen wird immer schwieriger, je n\u00e4her man dem Ziel kommt\u201c, sagt Ryan. Wer die gro\u00dfen L\u00e4nder besucht hat und sogar schon in den eher ungew\u00f6hnlichen Reisel\u00e4ndern Nordkorea oder Malawi war, muss sich nun den kleinen zuwenden: San Marino, Brunei, Tonga oder Nauru.<\/p>\n<p>Was treibt Reisende an, die L\u00e4nder sammeln wie andere M\u00fcnzen oder Bierdeckel? Ryan denkt bei der Frage an seine Gro\u00dfmutter, sein gro\u00dfes Vorbild. \u201eAls ich Kind war, erz\u00e4hlte sie mir von ihren Reisen, und wir schauten zusammen ihre Fotob\u00fccher an.\u201c Ihren Enkeln schenkte sie jeweils zu deren 16. Geburtstagen Geld und half, deren P\u00e4sse zu beantragen. Nur Ryan machte davon Gebrauch.<\/p>\n<p>16 Jahre sp\u00e4ter, also vor gut zwei Jahren, verkaufte Ryan sein Haus in Amerika und die meisten seiner Besitzt\u00fcmer. Heute arbeitet er f\u00fcr eine amerikanische Online-Firma als Vertriebsmitarbeiter (\u201ees ist so langweilig, wie es klingt\u201c) ohne Anwesenheitspflicht, als eine Art digitaler Nomade. Um auch in Kuala Lumpur oder Daressalam arbeiten zu k\u00f6nnen, muss er nur den Laptop aufklappen. Zudem belegt er Online-Kurse f\u00fcr seinen Master in Business Administration. \u201eSchwierig, zu reisen, zu arbeiten und zu studieren, alles gleichzeitig\u201c, sagt er. Seine Reiseziele sorgen f\u00fcr gen\u00fcgend Ablenkungen. Aber es geht.Au\u00dfer Nordkorea und Deutschland (\u201eeines meiner Lieblingsl\u00e4nder, so gutes Essen, und die Leute so freundlich\u201c) geh\u00f6ren die Mongolei, Vietnam, Frankreich, Russland, Ukraine, Tansania, Namibia zu seinen Zielfavoriten, und: Iran. \u201eNeben Nordkorea das Land, das sich meiner Ansicht nach am st\u00e4rksten unterscheidet von den meisten anderen Regionen der Welt, wo ich war\u201c, sagt er. Die freundlichsten Leute, hilfsbereit und warmherzig, schw\u00e4rmt er. Begeistert erz\u00e4hlt er, dass er eines Tages einen Soldatenfriedhof, wo Opfer des iranisch-irakischen Krieges begraben sind, besucht habe. Dort h\u00e4tten ihm die einheimischen Familien von ihren verstorbenen Angeh\u00f6rigen erz\u00e4hlt und mit ihm ihr mitgebrachtes Essen geteilt.\u00a0\u201eDas war bewegend\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Wie viele Amerikaner spricht auch Ryan keine Fremdsprache, abgesehen von ein paar Brocken Spanisch und Deutsch. In der Mongolei, erz\u00e4hlt er, habe er einen gro\u00dfartigen Abend gemeinsam mit Sportlern in einem Wrestling-Trainingscamp gehabt, und das obwohl die Mongolen nur Mongolisch und er nur Englisch habe sprechen k\u00f6nnen. \u201eWir haben es mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen hingebogen, Witze zu machen und Geschichten zu teilen\u201c, erinnert er sich. \u201eIch versuche immer, mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen.\u201c Nur so k\u00f6nne man die \u201eeinzigartige Kultur, die jedes Land hat, selbst wenn die auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist, begreifen\u201c. Und die eigenen Klischees \u00fcberpr\u00fcfen, die \u201eh\u00e4ufig falsch sind\u201c.<\/p>\n<p><strong>Im eigenen Saft vor fremder Kulisse baden?<\/strong><\/p>\n<p>Dennoch, die Fotos auf seinem Blog zeigen auch: Reisende wie er suchen den Kick, das Besondere, das sich auf Instagram zeigen l\u00e4sst, wie etwa die angeblich h\u00f6chstgelegene Kneipe auf dem afrikanischen Kontinent, die Sani Mountain Lodge auf knapp 2900 H\u00f6henmetern im Zwergstaat Lesotho. Und an solchen Orten treffen sie auf andere Ausl\u00e4nder, die es sich leisten k\u00f6nnen, herumzureisen. Die Gefahr, sich im eigenen kulturellen Saft vor fremder Kulisse zu baden, ist stets ein Reisebegleiter, wobei das Ryan entspannt sieht: Viele Freundschaften, die ihn mit anderen Reisenden verbindet, hielten oftmals l\u00e4nger und seien best\u00e4ndiger als solche, die man zuhause kn\u00fcpft. Also, warum nicht?<\/p>\n<p>Vor allem solche Freundschaften halten, die Ryan an ungew\u00f6hnlichen und irgendwie \u201efeindlichen\u201c Orten geschlossen hat. Als amerikanischer Staatsb\u00fcrger war er in einem Land wie Nordkorea unter besonderer Beobachtung, das schwei\u00dft mit anderen Amerikanern zusammen, die ebenfalls dort waren. Ryan besuchte Nordkorea mit \u201eYoung Pioneer Tours\u201c, einer kleinen Reiseorganisation, die Trips in die entlegene Diktatur organisiert. Otto Warmbier, der amerikanische Student, der nach langer Haft in Nordkorea noch schnell nach Amerika ausgeflogen worden war und kurz danach dort starb, war ebenfalls mit der kleinen Reiseagentur im Land, das war nach Ryans Besuch.<\/p>\n<p>Wie Warmbier schlief Ryan im \u201eYanggakdo\u201c-Hotel in Pj\u00f6ngjang, wie Warmbier erkundete Ryan den Hotelflur mit den Propagandaplakaten an der Wand, sogar derselbe Reiseleiter war dabei. \u201eMir h\u00e4tte das genauso passieren k\u00f6nnen\u201c, sagt Ryan.\u00a0\u201eHeute w\u00fcrde ich das nicht mehr machen, weil das nordkoreanische Regime offenbar jeden Anlass nutzt, um Druckmittel gegen Washington in die Hand zu bekommen.\u201c Amerikaner d\u00fcrfen aber seit vergangenem Jahr ohnehin nicht mehr einreisen.Warum ausgerechnet Nordkorea? \u201eIch will auf Reisen raus aus der Komfortzone\u201c, sagt er, und wo kann er das besser als in einem Land, das in der offiziellen Propaganda Amerikaner zu blutr\u00fcnstigen Massenm\u00f6rdern abstempelt? Im Falle Ryans ist das gutgegangen, Warmbier hat mit seinem Leben bezahlt. Bislang in der H\u00e4rte zwar ein Einzelfall, aber sicher, dass er wieder unbeschadet rauskommt, war auch Ryan nicht. \u201eIch glaube, dass der Austausch mit den Leuten in solchen L\u00e4ndern wichtig ist und die Dinge \u00e4ndern kann\u201c, sagt er. Wandel durch Ann\u00e4herung.<\/p>\n<p><strong>Die ber\u00fchmte Gastfreundschaft der Deutschen?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDas ist genau das, was w\u00e4hrend des &#8218;Arabischen Fr\u00fchlings&#8216; passiert ist. Die Leute bekommen mehr Informationen und Ideen von au\u00dfen und beginnen nachzudenken.\u201c Aber er verstehe die Kritiker, die sagten, die Devisen, die man als Reisender ins Land bringt, w\u00fcrden den Regimen helfen, ihre Ziele wie das nordkoreanische Atom- und Raketenprogramm zu verfolgen. Andererseits sei der Anteil der touristischen Einnahmen in diesem Land sehr gering und nicht ausschlaggebend.<\/p>\n<p>Amerika bleibt f\u00fcr Ryan in Zukunft eher die Heimat der Kindheit, ihn treibt es in die Welt: Mitte 2018 plant er, nach Hanoi in Vietnam zu ziehen. Von dort aus lassen sich viele L\u00e4nder bestens bereisen, die ihm noch fehlen: Taiwan, Philippinen, Brunei. Und nach Deutschland will er auch wiederkommen. Das Land, das in der Welt sicherlich f\u00fcr viele positive Dinge bekannt und ber\u00fchmt ist, aber nur selten f\u00fcr eine gro\u00dfe Gastfreundschaft im allt\u00e4glichen Umgang. Wer l\u00e4dt hierzulande schon einen ausl\u00e4ndischen Touristen direkt an den Abendbrottisch nach Hause ein? Obwohl, das k\u00f6nnte ein negatives Klischee \u00fcber Deutschland sein, zumindest in den Augen Ryan Burnetts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel erschienen in der &#8222;Frankfurter Allgemeine Zeitung&#8220; und bei FAZ.NET (20.02. und 21.02.2018) Von Martin Benninghoff Der Amerikaner Ryan Burnett hat Haus und Besitzt\u00fcmer verkauft, um 100 L\u00e4nder und mehr zu bereisen. Was treibt ihn an? 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