{"id":1977,"date":"2018-03-23T14:43:20","date_gmt":"2018-03-23T12:43:20","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1977"},"modified":"2018-03-23T17:59:20","modified_gmt":"2018-03-23T15:59:20","slug":"extremisten-sind-traurige-menschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1977","title":{"rendered":"&#8222;Extremisten sind traurige Menschen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/der-ehemalige-rechtspopulist-stefan-petzner-ueber-die-rolle-von-humor-und-satire-im-umgang-mit-der-afd-15503610.html\">Artikel erschienen bei FAZ.NET (23.03.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Ein bisschen Spa\u00df muss sein \u2013 auch in der Politik. Manche Politiker versuchen im Bundestag, mit Humor und Satire auf die AfD zu reagieren. Kann das gutgehen? Der ehemalige Rechtspopulist und Haider-Mitarbeiter Stefan Petzner vertritt im FAZ.NET-Interview eine klare Haltung.<\/strong><\/p>\n<p>Vorbei sind die Zeiten, als die AfD von sich sagen konnte, CDU, CSU, SPD, Gr\u00fcne, FDP und Linke seien die etablierten Parteien und sie die frische neue Kraft. Sp\u00e4testens mit dem Einzug in den Bundestag ist die Partei im Politikbetrieb angekommen \u2013 und muss sich als gr\u00f6\u00dfte Oppositionspartei den parlamentarischen Regeln und Gewohnheiten stellen. Nicht nur den Argumenten der politischen Gegner oder der Regierungserkl\u00e4rung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wie am Mittwoch. Sondern auch dem Humor, dem Spott oder der (so empfundenen) Abkanzlung durch die Vertreter der anderen Parteien.<\/p>\n<p>Welche Rolle spielen Satire und Ironie f\u00fcr Populisten? Einer, der es wissen muss, ist Stefan Petzner. Der 37 Jahre alte \u00d6sterreicher war als ganz junger Politiker enger Vertrauter, Sprecher und Wahlkampfhelfer von J\u00f6rg Haider, des 2008 bei einem Autounfall verstorbenen K\u00e4rntner Landeshauptmannes und Rechtspopulisten der \u00f6sterreichischen FP\u00d6 und sp\u00e4ter der Abspaltung BZ\u00d6.<\/p>\n<p>Nach dem Tod Haiders ging es f\u00fcr Petzner innerhalb der Partei abw\u00e4rts, 2013 wurde er ausgeschlossen. Heute arbeitet er als PR-Unternehmer und Politikberater in Wien und hat mit seiner Vergangenheit als Rechtspopulist gebrochen.<\/p>\n<p><strong>Herr Petzner, Sie haben gesagt, Rechtspopulisten begegne man am besten mit Ignoranz. Wie weit kann man eine Partei ignorieren, die wie die AfD im Bundestag sitzt?<\/strong><\/p>\n<p>Adolf Hitler hat einmal in einer erstaunlich offenen Rede 1938 im M\u00fcnchner B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller den Aufstieg der NSDAP nachgezeichnet und dazu w\u00f6rtlich gesagt: \u201eDie erste Phase dieses Kampfes war, andere \u00fcberhaupt auf sich aufmerksam zu machen. Das war sehr schwierig. Es war ein Kampf um die Aufmerksamkeit, und man musste damals zu allen m\u00f6glichen bedenklichen Mitteln greifen, um diese Aufmerksamkeit zu erregen. Man musste auch mal etwas Krach machen, etwas Skandal machen, irgendjemanden sogar verpr\u00fcgeln! Das war ganz gleichg\u00fcltig. Aber man musste die Aufmerksamkeit erregen!\u201c Erstaunlich und erschaudernd zugleich, welche Parallelen es heute gibt. Und genau darum geht es mir, wenn ich immer wieder appelliere, der AfD eben nicht dauernd die ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, indem man auf jede ihrer Aktionen und Provokationen einsteigt, sondern stattdessen eine bewusst sachlich-n\u00fcchterne, inhaltliche Auseinandersetzung mit ihr zu pflegen. Das gilt gerade jetzt, da sie im Bundestag sitzt, umso mehr.<\/p>\n<p><strong>Sie waren enger Mitarbeiter von J\u00f6rg Haider, der auf Satire und Humor des politischen Gegners besonders d\u00fcnnh\u00e4utig reagierte. Was ist so gef\u00e4hrlich an Humor? <\/strong><\/p>\n<p>Kennzeichen rechtspopulistischer Bewegungen sind ihre hierarchischen Strukturen, die auf eine zentrale F\u00fchrungsfigur als hochstilisierten Heilsbringer ausgerichtet sind. Nichts ist diskreditierender, als dieser erl\u00f6ser\u00e4hnlichen Heilsfigur mit Spott, Humor und bei\u00dfender Ironie zu begegnen und sie so wieder zu vermenschlichen. Daher reagieren Populisten auch so empfindlich darauf. Man kann das Stilelement des Humors und der Satire schon auch als Politiker einstreuen, aber nur sehr dosiert und vor allem, wenn man es auch sicher beherrscht.\u00a0Politiker sind ja meistens eher schlechte Humoristen. Da kann ein gut gemeinter Gag auch schnell nach hinten losgehen.<\/p>\n<p><strong>Wie hat J\u00f6rg Haider auf Satire reagiert? Wie der \u00f6sterreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Wie Strache ausnehmend empfindlich, weil es seinem politischen Konzept und charakterlichen Naturell v\u00f6llig zuwider lief. Wie gesagt: Populisten werden zu Heilsbringern stilisiert und glauben in ihrer narzisstischen Verblendung, sie seien es tats\u00e4chlich. Denken Sie nur an Donald Trump. Das macht sie umso d\u00fcnnh\u00e4utiger, gerade gegen\u00fcber Satire und Ironie.<\/p>\n<p><strong>Im Bundestag reagieren die Fraktionen teilweise mit Humor auf AfD-Antr\u00e4ge wie jenen, Deutsch als Landessprache im Grundgesetz zu verankern. Der SPD-Abgeordnete Saathoff konterte sogar auf Plattdeutsch und wurde von\u00a0den Kollegen daf\u00fcr gefeiert. War das gut?<\/strong><\/p>\n<p>Die Plattdeutsch-Rede fand ich sehr gelungen, weil sie zwei Effekte hatte: Erstens gelang in diesem Fall der politische Konter \u00fcber den Weg des Humors ausgezeichnet, andererseits konnte Saathoff damit das Vorurteil zerstreuen, das gerade Parteien wie die AfD zu streuen versuchen: Die im fernen Berlin sitzen in einem Glaspalast namens Bundestag und sind weit weg vom Volk. Saathoff hat mit seinem Plattdeutsch gezeigt,\u00a0dass dem nicht so ist, indem er so geredet hat wie der Mann von der Stra\u00dfe in seiner Heimat.<\/p>\n<p><strong>Haben Rechtspopulisten zu wenig Humor? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eIndem sie sich \u00fcber uns lustig machen, machen sie sich \u00fcber euch, das Volk, lustig\u201c: Eigentlich m\u00fcsste das das Ziel der AfD in ihren politischen Antworten auf die \u201eetablierten Parteien\u201c sein. Daf\u00fcr g\u00e4be es Mittel und Wege. Ich werde aber den Teufel tun, das der AfD zu verraten! Extremisten sind im Kern traurige Menschen, die das Lachen verlernt haben, weil sie die Freude an der Welt, wie sie sie vorfinden, verloren haben und mit ihr so gar nichts anfangen k\u00f6nnen. Daher wollen sie ja auch immer den totalen Umsturz der Welt. Das gilt f\u00fcr Linke wie f\u00fcr Rechte.<\/p>\n<p><strong>Andere Strategien der Parteien gegen\u00fcber der AfD sind die rhetorisch-moralische Entr\u00fcstung wie bei Cem \u00d6zdemirs Abrechnung mit der AfD im Fall Deniz Y\u00fccels \u2013 oder die k\u00fchl-arrogant-wirkende Abkanzlung, wie sie der FDP-Abgeordnete Wolfgang Kubicki in Talkshows und auch im Bundestag beherrscht. Geht diese Strategie auf oder ist sie kontraproduktiv?<\/strong><\/p>\n<p>Ich empfand weder \u00d6zdemirs Rede zu Y\u00fccel gelungen noch das abkanzelnde Verhalten von Kubicki. Beiden ist gemein, dass sie im Umgang mit der AfD das Gef\u00fchl der absoluten moralischen \u00dcberlegenheit und Privilegierung vermitteln wollen. Am Ende st\u00e4rken sie damit aber nur das Bild, das die AfD gegen\u00fcber ihren W\u00e4hlern zu zeichnen versucht: Wir als Vertreter des einfachen Volkes gegen die arroganten, abgehobenen Eliten der anderen Parteien, die euch l\u00e4ngst nicht mehr verstehen.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnten andere Parteien der AfD nicht einfach zugestehen, mitunter auch die richtigen gesellschaftspolitischen Fragen zu stellen, um sich dann den ihrer Meinung nach falschen Antworten zu widmen?\u00a0Oder muss immer alles in Bausch und Bogen verdammt werden, nur weil es die AfD sagt?<\/strong><\/p>\n<p>Das sollen sie ihr sogar unbedingt zugestehen! Es geht einerseits darum, gerade heikle, aber massentaugliche politische Themenfelder\u00a0nicht der AfD alleine zu \u00fcberlassen und andererseits klar zu machen, dass die AfD inhaltlich keine oder nur unzureichende L\u00f6sungen zu bieten hat. Wir d\u00fcrfen nicht vergessen:\u00a0Parteien wie die AfD leben ja auch wesentlich von Protestw\u00e4hlern, deren Eindruck nun einmal ist, dass sich die etablierte Politik nicht um die wahren Probleme der B\u00fcrger k\u00fcmmert. Dieser Eindruck darf nicht entstehen.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man dem\u00a0Versuch der AfD\u00a0begegnen, durch die eigene Pr\u00e4senz und Fotos leerer R\u00e4nge im Bundestag den Eindruck zu erwecken, die Vertreter der anderen Parteien seien unt\u00e4tig?<\/strong><\/p>\n<p>Ruhig Blut! Ich w\u00fcrde die Wirkung solcher Fotos nicht \u00fcberbewerten. F\u00fcr Parlamentarier sollte aber generell gelten, bei Sitzungen, gerade im gro\u00dfen Plenum, auch anwesend zu sein.<\/p>\n<p><strong>Manche fordern einen \u201esouver\u00e4nen\u201c Umgang mit der AfD im Bundestag. War es souver\u00e4n, den AfD-Mann Roland Reusch im ersten Durchgang der Wahl zum Geheimdienstkontrollgremium durchfallen zu lassen?<\/strong><\/p>\n<p>Man muss beim Umgang mit der AfD im Bundestag extrem aufpassen, dass nicht das Bild von nur noch zwei Lagern entsteht: die AfD auf der einen und alle anderen Parteien auf der anderen Seite, die sich trotz aller politischen und ideologischen Unterschiede gegen die AfD verb\u00fcndet haben. Damit macht man die AfD bedeutsamer, als sie ist und hilft ihr nur bei ihrem Streben nach Stigmatisierung und dabei, sich als Opfer zu inszenieren, als M\u00e4rtyrer. Drittens, und das ist sehr gef\u00e4hrlich, verschafft man ihr damit unfreiwillig ein sehr m\u00e4chtiges Alleinstellungsmerkmal, das sie erreichen will. N\u00e4mlich die\u00a0einzige echte Alternative zu den anderen Parteien zu sein.<\/p>\n<p><strong>\u00d6sterreich hat seit vielen Jahren Erfahrung mit rechtspopulistischen Parteien im politischen Spektrum. Wie haben sich die \u00f6sterreichischen Rechtspopulisten auf Satire und Humor eingestellt?<\/strong><\/p>\n<p>Sie versuchen mittlerweile, gute Miene zum b\u00f6sen Spiel zu machen, indem sie etwa an satirischen Fernsehformaten aktiv teilnehmen. Das ist aber nur bedingt erfolgreich. Ein Auftritt von FP\u00d6-Chef Strache bei einem Comedian, der in seiner Sendung in die Rolle des \u00f6sterreichischen Kaisers schl\u00fcpft, ist in \u00d6sterreich fast schon legend\u00e4r, weil Strache sich dazu hinrei\u00dfen lie\u00df, der Einladung in die Sendung zu folgen. Dort wurde er vom Gastgeber, dem Kaiser, aber derart geschickt in seine Einzelteile zerlegt, dass der Aufritt f\u00fcr ihn zu einer absoluten Blamage wurde. <em>(Petzner meint die ORF-Sendung \u201eWir sind Kaiser\u201c des Kabarettisten Robert Palfrader. Die Sendung war auch auf 3sat zu sehen \u2013 und lockte allerlei deutsche Prominente wie Helge Schneider und Lena Meyer-Landrut ins Studio, Anm. des Autors).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel erschienen bei FAZ.NET (23.03.2018) Von Martin Benninghoff Ein bisschen Spa\u00df muss sein \u2013 auch in der Politik. Manche Politiker versuchen im Bundestag, mit Humor und Satire auf die AfD zu reagieren. Kann das gutgehen? 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