{"id":1987,"date":"2018-03-28T12:06:32","date_gmt":"2018-03-28T10:06:32","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1987"},"modified":"2018-03-28T19:18:17","modified_gmt":"2018-03-28T17:18:17","slug":"kim-jong-un-gewiefter-taktiker-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1987","title":{"rendered":"Kim Jong-un, gewiefter Taktiker"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/ueberraschungsbesuch-in-china-so-taktiert-kim-jong-un-15516519.html\">Artikel erschienen bei FAZ.NET (28.03.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Mit dem Empfang durch Chinas Staatspr\u00e4sidenten Xi gelingt Nordkoreas Machthaber ein kleiner strategischer Befreiungsschlag. Und auch Peking ist zur\u00fcck im Spiel. Eine Analyse.<\/strong><\/p>\n<p>Kein Land der Welt umnebelt sich mit so viel Geheimnissen wie Nordkorea. Warum sollte es bei einem simplen Staatsbesuch anders sein? Und so hat sich heute erst best\u00e4tigt, was seit Sonntag die Runde machte: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un k\u00f6nnte zu seinem ersten Staatsbesuch im Ausland sein \u2013 in Chinas Hauptstadt Peking.<\/p>\n<p>Wobei: Ganz so simpel war dieser Staatsbesuch nat\u00fcrlich nicht. Er ist nach Jahren der diplomatischen Eiszeit mit dem traditionellen Verb\u00fcndeten China ein m\u00e4chtiges Signal in mehrere Richtungen, so m\u00e4chtig wie die sorgsam arrangierten und choreografierten politischen Volten Pj\u00f6ngjangs und Pekings nun mal sind. Nordkorea will sich mit dem Treffen wieder mehr Spielraum verschaffen, sich aus der Situation der vollst\u00e4ndigen Isolation befreien, in die es sich selbst hineinman\u00f6vriert hatte. Und China meldet sich wieder zur\u00fcck, als wichtige Stimme im diplomatischen Nervenkrieg, den bislang Nordkorea und Amerika (besser: der amerikanische Pr\u00e4sident Donald Trump) beherrschen.<\/p>\n<p><strong>Oftmals unwirsch und unzufrieden<\/strong><\/p>\n<p>China ist der traditionelle Verb\u00fcndete Nordkoreas, k\u00e4mpfte im Korea-Krieg auf Seiten von Kim Jong-uns Gro\u00dfvater Kim Il-sung und hat sich stets f\u00fcr den kleinen Bruderstaat eingesetzt, wenn auch oftmals unwirsch und unzufrieden. Zuletzt jedoch war das Verh\u00e4ltnis extrem abgek\u00fchlt: China tr\u00e4gt die UN-Sanktionen mit, macht hin und wieder die Grenzen dicht f\u00fcr chinesische Touristen und setzt das Land auch auf internationalem Parkett f\u00fcr seine Verh\u00e4ltnisse stark unter Druck. Einen \u201cregime change\u201c wollen die politisch Verantwortlichen in Peking nicht, aber auch keine Atommacht Nordkorea. Zwar ist China in wirtschaftlicher Hinsicht nicht auf die Importe Nordkoreas angewiesen, andererseits will Peking um fast jeden Preis verhindern, dass um Nordkorea ein Krieg entbrennt, der die Region in politischer und \u00f6konomischer Hinsicht v\u00f6llig destabilisieren k\u00f6nnte. Alleine deshalb ist eine Entspannung der Krise auf der koreanischen Halbinsel im Interesse Chinas.<\/p>\n<p>Zudem war zuletzt aufgefallen, dass China im Konflikt um das nordkoreanische Atom- und Raketenprogramm offenbar nur noch wenig m\u00e4\u00dfigenden Einfluss auf den kleinen Bruderstaat geltend machen konnte. Der Streit, die rhetorischen Scharm\u00fctzel liefen ohnehin zwischen Nordkorea und Amerika ab, China war fast zum Zuschauer verdammt. Mit den \u00f6ffentlichkeitswirksamen Fernsehbildern auf dem chinesischen Staatssender CCTV setzt Staatspr\u00e4sident Xi Jinping das Signal, wieder mitzuspielen, ein deutliches Signal: Wenn man die sorgsam ausgew\u00e4hlten Bilder anschaut, beschleicht einen der Eindruck, hier kommt der kleine Bruder (Kim Jong-un) zum gro\u00dfen Bruder (China) zum Rapport. Die Bilder sprechen eine klare Sprache: Die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse sind wieder hergestellt.<\/p>\n<p><strong>Wohlstand statt Isolation f\u00fcr Nordkorea?<\/strong><\/p>\n<p>Der Besuch Kims l\u00e4sst sich vorsichtig auch als diplomatischer Hilferuf an China interpretieren. Kim Jong-un hat \u2013 nach allem was wir wissen \u2013 sein Ziel erreicht, Nordkorea zur Atommacht aufzubauen. Dass das Raketenprogramm noch im Aufbau begriffen ist und die Frage nur bedingt gekl\u00e4rt ist, wie und an welchen Stellen das Land den amerikanischen Kontinent bedroht, spielt nur eine nebens\u00e4chliche Rolle. Fakt ist, S\u00fcdkorea sowieso, Japan und wohl auch Teile Amerikas liegen direkt im Fadenkreuz m\u00f6glicher nordkoreanischer Angriffe, das Bedrohungspotential wirkt also aus Sicht Pj\u00f6ngjangs bestens.<\/p>\n<p>Kims zweites zentrales Ziel, die Verbesserung des Lebensstandards seiner eigenen Bev\u00f6lkerung, ist jedoch nur unzureichend erf\u00fcllt. Zwar hat sich die Versorgungslage entspannt, und auch die Anzahl von Konsumg\u00fctern fast aller Art im Land zeigt eine Wohlstandskurve, die langsam nach oben verl\u00e4uft. Aber: Dieser Pfad ist unter kompletter internationaler Isolierung kaum zu halten, das wei\u00df Kim Jong-un. Deshalb muss er zumindest den alten Verb\u00fcndeten und wichtigsten Handelspartner China aus der Phalanx der Sanktionsl\u00e4nder herausl\u00f6sen, um \u00f6konomisch und politisch wieder mehr Raum f\u00fcr sich und seine Politik zu schaffen.<\/p>\n<p>Wenn Kim Jong-un China wieder st\u00e4rker an seiner Seite wei\u00df, wird ihm das auch in m\u00f6glichen Verhandlungen und dem anberaumten Gipfeltreffen mit Donald Trump eine strategische Hilfe sein, eine weitere Option, Druck auf Amerika auszu\u00fcben. Der Knackpunkt wird sein, ob sich Nordkorea zur atomaren Abr\u00fcstung bereit erkl\u00e4rt. Auff\u00e4llig ist, dass im nordkoreanischen Staatsfernsehen bislang von Denuklearisierung keine Rede ist. Kim hat in China im Gegenzug Bedingungen von gro\u00dfer Vagheit genannt:\u00a0\u201eDie Frage der Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel kann gel\u00f6st werden, wenn S\u00fcdkorea und Amerika auf unsere Bem\u00fchungen mit Wohlwollen reagieren, eine Atmosph\u00e4re des Friedens und der Stabilit\u00e4t schaffen, w\u00e4hrend gleichzeitig progressive und synchrone Schritte in Richtung des Friedens ergriffen werden\u201c, zitierte ihn die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua.<\/p>\n<p>Im Grunde ist das die Strategie, die Pj\u00f6ngjang seit langem verfolgt. Gesch\u00e4ft und Gegengesch\u00e4ft. Dass Kim eine vollst\u00e4ndige Denuklearisierung wirklich anstrebt, ist allerdings \u00e4u\u00dferst zweifelhaft: Denn damit w\u00fcrde er sich der Waffe berauben, die sein Regime sch\u00fctzt und ihn und sein eigentlich kleines Land immer wieder an den Verhandlungstisch zur\u00fcckbringt, dieses Jahr voraussichtlich sogar mit dem amerikanischen Pr\u00e4sidenten h\u00f6chstselbst. Eines ist jedoch klar: Kim Jong-un ist ein gewiefter Taktiker, der in den ersten Jahren seiner Regentschaft nicht nur von manchen Mitstreitern in der F\u00fchrung des Landes, sondern auch massiv von den internationalen Akteuren untersch\u00e4tzt worden ist. Der kleine Bruder zum Rapport in Peking \u2013 ja, so kann man den Staatsbesuch interpretieren. Zugleich schwimmt sich Kim Jong-un ein St\u00fcck weit frei im Streit mit Amerika. Daran \u00e4ndert auch nichts, dass Chinas Staatspr\u00e4sident Xi aus Differenzen mit Kim keinen Hehl macht. Man habe sich\u00a0\u201efreim\u00fctig und freundschaftlich\u201c ausgetauscht. Eine Win-win-Situation f\u00fcr beide L\u00e4nder. In der derzeitigen amerikanischen Regierung wird man das ungern zur Kenntnis nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel erschienen bei FAZ.NET (28.03.2018) Von Martin Benninghoff Mit dem Empfang durch Chinas Staatspr\u00e4sidenten Xi gelingt Nordkoreas Machthaber ein kleiner strategischer Befreiungsschlag. Und auch Peking ist zur\u00fcck im Spiel. Eine Analyse. 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