{"id":2009,"date":"2018-04-10T15:22:10","date_gmt":"2018-04-10T13:22:10","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2009"},"modified":"2018-04-10T17:30:58","modified_gmt":"2018-04-10T15:30:58","slug":"make-wine-not-war","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2009","title":{"rendered":"Make wine not war"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/hobby-winzer-michael-ortmanns-baut-in-kongo-rotwein-an-15530073.html\">Text erschienen in der FAZ am 07.04.2018, Storytelling bei FAZ.NET am 10.04.2018<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Wein aus S\u00fcdafrika ist bekannt, aber aus Kongo? Der Darmst\u00e4dter Hobby-Winzer Michael Ortmanns baut im krisengesch\u00fcttelten Osten des Landes Rotwein an. Worauf kommt es in tropischen Gefilden an? <\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">FRANKFURT, im April. Es klingt gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig: Weinbau in Kongo. Aber warum eigentlich nicht? Wein aus S\u00fcdafrika ist schlie\u00dflich eine auf der ganzen Welt bekannte Marke, und auch in L\u00e4ndern wie Tansania und Kenia wird Wein angebaut. Andererseits sind das auch Urlaubsl\u00e4nder, nicht frei von Problemen, aber frei von B\u00fcrgerkriegen, und damit nicht vergleichbar mit dem zentralafrikanischen Staat Kongo.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Warum also Weinbau in Kongo? In einem Land, das f\u00fcr seine intakten Urw\u00e4lder bekannt ist, f\u00fcr Vulkane und Seen, dazu f\u00fcr immense Rohstoffvorkommen an Coltan, Kobalt und Gold, die es eigentlich zum reichsten Land Afrikas machen m\u00fcssten. M\u00fcssten. Denn Kongo ist eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder, ein B\u00fcrgerkriegsgebiet, zerrieben zwischen Regierungs- und Rebellentruppen. Ein Land, das seit langem leidet unter den Interessen rohstoffsuchender Gro\u00dfm\u00e4chte, einer kleptokratischen einheimischen Elite und den Nachwirkungen einer brutalen Kolonialgeschichte. Das Ausw\u00e4rtige Amt warnt vor Reisen in die \u00f6stlichen Regionen in Kongo. Es ist kein Land f\u00fcr liebliche Rebh\u00e4nge, lauschige Weinproben und eine s\u00fcdfranz\u00f6sische Sommelier-Kultur. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Das ist alles richtig \u2013 aber nicht die ganze Wahrheit, Das wei\u00df auch Michael Ortmanns. Der Darmst\u00e4dter, fr\u00fcher Pressesprecher der ARD-Talkshow \u201eSabine Christiansen\u201c, ist heute Konzernsprecher eines Energieunternehmens, zudem Hobby-Sommelier mit Ausbildung und Weinliebhaber. Und er ist immer mal wieder in Kongo unterwegs, seit die Bremerin Katja Reith, eine Freundin von ihm, in der ost-kongolesischen Stadt Goma lebt. Ihr s\u00fcdafrikanischer Partner Dries Coetzee betreibt in der Provinzhauptstadt am Lake Kivu eine Sicherheitsfirma. Gemeinsam mit den beiden kam Ortmanns auf die Idee, auf einer nahegelegenen Insel im See Rotwein anzubauen \u2013 \u201eauch als politische Botschaft\u201c, sagt er.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Strenggenommen war es der Plan eines anderen Freunds, eines Belgiers, der seit Ende der siebziger Jahre in Kongo lebte und sich Gedanken \u00fcber Weinbau dort machte \u2013 auch, weil in der Region Kaffee w\u00e4chst und Safran und Maniok, das Grundnahrungsmittel der Kongolesen. Doch aus der Idee wurde erst mal nichts. Nach dem Tod des Belgiers lie\u00dfen Ortmanns und seine Freunde dann dessen Idee wieder aufleben, als \u201eSchnapsidee\u201c, wie Reith sagt. Und ein bisschen auch als Reminiszenz an den verstorbenen Freund. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Doch Ortmanns wurde schnell klar: Mit Weinbau wie im Ahrtal oder in Franken hat das \u201enichts, aber auch rein gar nichts zu tun\u201c. Die Hitze im Land ist gut f\u00fcr die Trauben, auch die mineralischen B\u00f6den vulkanischen Ursprungs haben ihre Vorteile \u2013 aber die Feuchtigkeit, vor allem zur Regenzeit, und die im Vergleich zu deutschen oder franz\u00f6sischen Lagen dauerhaft geringe Lichtdauer k\u00f6nnten zum Problem werden. In Goma geht die Sonne jeden Tag gegen 18 Uhr unter, kein Sp\u00e4tsommerlicht bescheint die Trauben noch zu sp\u00e4ter Stunde. Also war Expertise n\u00f6tig, und die fand Ortmanns bei einem befreundeten Winzer in S\u00fcdtirol, in Bozen. Mit ihm w\u00e4hlte Ortmanns Rebsorten aus, die tropentauglich sein sollten, vor allem widerstandsf\u00e4hig gegen Pilze. Schlie\u00dflich fiel die Wahl auf Lagrein, Prior und mehrere Cabernet-Varianten. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Im M\u00e4rz 2018 flog Ortmanns mit 600 Setzlingen aus S\u00fcdtirol in zwei Aluminiumkisten nach Goma. Mit Hilfe seiner Freunde und zehn einheimischer M\u00e4nner begann die Pflanzung auf einem leicht geneigten Hang auf der Lake-Kivu-Insel \u2013 so kann das Regenwasser besser abflie\u00dfen. Doch neben der Feuchtigkeit k\u00f6nnten auch wilde Tiere den Setzlingen schaden. Auf der Insel leben Affen, gegen die V\u00f6gel mussten die Hobby-Winzer Z\u00e4une und Netze bauen. Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr aber kommt von unten: Termiten. Darauf wies ihn Wolfgang Sch\u00e4fer hin, zu dem Ortmanns in den Tagen der Pflanzung telefonisch Kontakt hielt, eine \u201eStandleitung\u201c, sagt er. Sch\u00e4fer gilt als einer der besten Kenner des tropischen Weinbaus, ein Mann f\u00fcr schwierige F\u00e4lle. Mit seiner Firma Tropical Viticulture Consultants ber\u00e4t er seit knapp 40 Jahren Unternehmen, tropische Winzer und solche, die es werden wollen. In Angola, Brasilien, Burundi, Kuba, Peru und anderen L\u00e4ndern hat er bei der Weinkultivierung geholfen, zuletzt war er in Indonesien und Aserbaidschan unterwegs. F\u00fcr ihn ist Ortmanns Wein-Idee in Kongo zwar nur ein kleines Nebenprojekt, das er bislang unentgeltlich ber\u00e4t \u2013 aber eines, das er sympathisch findet und das ihm Respekt abn\u00f6tigt: \u201eIch f\u00e4nde es schade, wenn so ein Versuch an einfachen Fehlern scheitert.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">M\u00f6gliche Fehlerquellen gibt es genug. \u201eFr\u00fcher war man der Meinung, dass Weinbau in den Tropen nicht funktioniert\u201c, sagt Sch\u00e4fer. Heute gebe es 160000 Hektar Weinbaugebiete in tropischen Regionen, Tendenz steigend. Der Vorteil: In den Tropen tragen die Reben auch dann, wenn in Europa keine Erntezeit ist \u2013 wenn man die mangelnde Lichtzufuhr in den Griff bekomme, sagt Sch\u00e4fer. Daf\u00fcr gibt es mehrere Methoden, die Reben so zu binden, dass sie gen\u00fcgend Sonne abbekommen. Zun\u00e4chst aber gehe es darum, den Anbau in Kongo auszuprobieren und zu schauen, ob die Reben das erste Jahr \u00fcberleben und gedeihen. Dann \u201ekann man sich weitere Gedanken machen\u201c, sagt Sch\u00e4fer.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">In Goma k\u00f6nne man leider nur einmal im Jahr ernten, in anderen tropischen Regionen hingegen mehrmals. \u201eDie Bedingungen in Ost-Kongo sind nicht ganz optimal\u201c, sagt Sch\u00e4fer, etwas zu viel Regen. Selbst f\u00fcr den Fachmann ist das ein Experiment mit ungewissem Ausgang: Von den ungef\u00e4hr 15000 Rebsorten auf der Welt hat Sch\u00e4fer nach eigenen Angaben rund 500 in den Tropen ausprobiert. 20 davon seien geeignet, den widrigen Umst\u00e4nden zu trotzen. Rotwein sei der richtige Wein f\u00fcr die Tropen, stabiler und widerstandsf\u00e4higer gegen W\u00e4rme als Wei\u00dfwein. Eine Temperatur von bis zu 22Grad sei zur Lagerung problemlos, je h\u00f6her die Temperatur, desto schneller die Reifung. In Deutschland wird bei etwa 12Grad gelagert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Ortmanns baut bei der Verarbeitung der Trauben, Abf\u00fcllung und Lagerung auf die Erfahrung eines Italieners, der in der N\u00e4he von Goma eine Bierbrauerei betreibt. Abgef\u00fcllt werden soll in Bierflaschen, die in Kongo 0,65 Liter fassen. F\u00fcr Sch\u00e4fer \u201eeine gute Idee\u201c, weil deren Kronkorken verschlussdicht und kosteng\u00fcnstig seien. Vielleicht k\u00f6nnte das die kongolesischen Konsumenten, bislang mehrheitlich eher Bier- als Weintrinker, zum Kauf animieren. Doch bei einem erwarteten Ertrag von 350 Litern, \u201ewenn es gut l\u00e4uft\u201c, wie Ortmanns sagt, l\u00e4sst sich ohnehin kein gro\u00dfer Profit herausschlagen. Ortmanns hat bisher rund 1500 Dollar in sein Projekt gesteckt und noch keinen Cent verdient. Ihm geht es um die politische Botschaft: \u201eEntwicklungshilfe funktioniert nicht, wenn man das Geld versickern l\u00e4sst\u201c, sagt er. Im Idealfall gelingt es ihm, Weinbau in Kongo zu etablieren und Einheimische auszubilden, die das Projekt selbst\u00e4ndig weiterf\u00fchren k\u00f6nnten. \u201eEigentlich braucht da keiner Hilfe aus Europa, Landwirtschaft ist deren t\u00e4gliches Brot\u201c, sagt Ortmanns.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">F\u00fcr ein Land wie Kongo, in dem mehr als zwei Drittel der Menschen weniger als zwei Dollar am Tag zum Leben haben, w\u00e4re das eine Hoffnung. Zwei Drittel der erwerbst\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung sind in der Landwirtschaft besch\u00e4ftigt, die meisten in wenig effizienter Selbstversorgung, weshalb das Land Nahrungsmittel importieren muss. An Tourismus in gr\u00f6\u00dferem Stil ist im krisengeplagten Goma wie im ganzen Land noch nicht zu denken, aber vorstellbar w\u00e4re nach Ansicht Sch\u00e4fers eine Entwicklung wie zum Beispiel in Thailand: Dort hat der Sohn des Red-Bull-Erfinders Chaleo Yoovidhya, Chalerm Yoovidhya, ganze Weinbaugebiete mit der Hilfe Sch\u00e4fers aus dem Boden gestampft. Die Idee: Weinbau als Attraktion \u00fcber die eng gefassten Weinliebhaber-Kreise hinaus etablieren, inklusive Elefantenreiten durch die Rebh\u00e4nge.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Vielleicht noch ein Hirngespinst f\u00fcr das B\u00fcrgerkriegsland Kongo, aber Ortmanns und seine Mitstreiter haben sich von ihrer \u201eSchnapsidee\u201c ja auch nicht abbringen lassen. Im Mai 2019 wird sich zeigen, ob die Reben Fr\u00fcchte tragen, und ob weitere \u00dcberlegungen \u00fcberhaupt sinnvoll sind. Bis dahin hei\u00dft es: abwarten und Wein trinken.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text erschienen in der FAZ am 07.04.2018, Storytelling bei FAZ.NET am 10.04.2018 Von Martin Benninghoff Wein aus S\u00fcdafrika ist bekannt, aber aus Kongo? Der Darmst\u00e4dter Hobby-Winzer Michael Ortmanns baut im krisengesch\u00fcttelten Osten des Landes Rotwein an. 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