{"id":2015,"date":"2018-04-14T15:42:36","date_gmt":"2018-04-14T13:42:36","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2015"},"modified":"2018-04-14T17:46:57","modified_gmt":"2018-04-14T15:46:57","slug":"einer-muss-den-job-ja-machen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2015","title":{"rendered":"Einer muss den Job ja machen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/eklat-bei-campinos-echo-rede-einer-muss-den-job-ja-machen-15540087.html\">Text erschienen bei FAZ.NET am 14.04.2018<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Tote-Hosen-S\u00e4nger Campino hat die Echo-B\u00fchne genutzt, um die Rapper Kollegah und Farid Bang zu kritisieren. Ist das schon das vielbeschworene Comeback politischer Popmusiker?<\/strong><\/p>\n<p>Dann also wieder Campino! Als der S\u00e4nger der Toten Hosen am Donnerstagabend die beiden umstrittenen Rapper Kollegah und Farid Bang auf der Echo-B\u00fchne wegen einer antisemitischen Textpassage kritisierte und sich auch allgemein gegen antisemitische, homophobe oder frauenfeindliche Aussagen wandte, musste mal wieder einer der alten Recken kommerzieller Rock- und Popmusik ran. Einer, der sich bei seinem letzten Engagement f\u00fcr das Benefiz-Projekt \u201eBand Aid\u201c eine blutige Nase geholt hatte, weil es Zweifel an der Sinnhaftigkeit solcher Aktionen gab, die, so der Vorwurf, zu h\u00e4ufig einen einseitigen Blick zum Beispiel auf die N\u00f6te in afrikanischen L\u00e4ndern generierten. Neben sachlicher Kritik hagelte es Spott f\u00fcr das Engagement Campinos \u2013 und anderer Promis.<\/p>\n<p>So leicht es einerseits scheint, sich als K\u00fcnstler f\u00fcr einen sozialen Zweck einzusetzen, so gro\u00df ist die Gefahr, dass das Engagement in Teilen der \u00d6ffentlichkeit gar nicht gut ankommt. Campino musste nach seiner Echo-Rede zwar einmal mehr Spott und Kritik einstecken, es d\u00fcrften aber die wohlwollenden oder sogar dankbaren Kommentare zumindest einen \u00e4hnlich hohen Resonanz-Anteil erhalten haben. Offenbar hat sich etwas ver\u00e4ndert: Nachdem jahrelang politisches Engagement von Pop- und Rockk\u00fcnstlern mindestens kritisch be\u00e4ugt worden war, so scheint es nun ein kleines Comeback des politischen K\u00fcnstlers zu geben, zumindest f\u00fcr diesen einen Fall. Wie nachhaltig die Entwicklung ist, das l\u00e4sst sich noch nicht sagen.<\/p>\n<p>Kommerziell erfolgreiche K\u00fcnstler, die sich als politisch verstehen, haben in Deutschland seit einiger Zeit ein Imageproblem, das teilweise selbst verschuldet ist. Der S\u00e4nger Herbert Gr\u00f6nemeyer beispielsweise, der erfolgreichste aus der Riege der stadiontauglichen Musiker, zu denen sonst noch andere Altstars wie Marius-M\u00fcller Westernhagen, Udo Lindenberg, Peter Maffay, oder bei den Bands die \u00c4rzte und eben die Toten Hosen geh\u00f6ren, hat sich mehrmals pauschal negativ \u00fcber Politiker ge\u00e4u\u00dfert: Er vertraue keinem deutschen Volksvertreter, sagte er und warf damit zugleich die Frage auf, ob er denn wirklich alle kennt. Auch das Engagement von BAP-S\u00e4nger Wolfgang Niedecken \u2013 oder auf internationalem Parkett von U2-Frontmann Bono oder Bob Geldof \u2013 stie\u00df nicht nur auf Gegenliebe von Fans und \u00d6ffentlichkeit. Zu konstruiert, zu wohlfeil, zu inkompetent, zu heuchlerisch, so die Vorw\u00fcrfe. Dass Bono viel Geld f\u00fcr die Entwicklungshilfe in Afrika gesammelt hat, ist allerdings unbestritten.<\/p>\n<p>Trotzdem kaufen K\u00fcnstlerkollegen, die eher im subkulturellen denn im kommerziellen Bereich unterwegs sind, es ihren prominenten Kollegen oft nicht ab, wenn die sich engagieren und zu einer moralischen Instanz aufschwingen. Wobei h\u00e4ufig mit zweierlei Ma\u00df gemessen wird: Wenn sich Schauspielerin Meryl Streep bei den amerikanischen Oscar-Verleihungen \u00fcber Pr\u00e4sident Donald Trump ausl\u00e4sst, dann wird das in Deutschland wohlwollender rezipiert als wenn sich Schauspieler Til Schweiger zur Fl\u00fcchtlingsdebatte \u00e4u\u00dfert. Warum? Weil Streep etwas Kl\u00fcgeres zu sagen hat? Oder weil K\u00fcnstler in Deutschland gef\u00e4lligst in ihren Schubladen zu bleiben haben? Politische S\u00e4nger wie Hannes Wader oder Konstantin Wecker klebten stets im Fach Liedermacher fest. Dass Ton Steine Scherben mit ihrem charismatischen S\u00e4nger Rio Reiser die Br\u00fccke zwischen Politik und Pop schlugen, war eher die Ausnahme \u2013 und ist Jahrzehnte her.<\/p>\n<p>Nach der Wiedervereinigung kam das Thema Rechtsradikalismus noch st\u00e4rker als zuvor auf und schob sich weit ins \u00f6ffentliche Bewusstsein, was ein Comeback politischer Popmusik zur Folge hatte. \u201eArsch huh\u201c, ein Anti-Rechts-Konzert auf dem K\u00f6lner Chlodwigplatz mit <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/cms.faz.net\/polopoly\/CM#\" data-rtr-id=\"1888aded49ac321a3f89ff5a778e8e451be955d2\" data-cke-saved-href=\"#\">BAP<\/a>, Brings und sogar Willy Millowitsch (!), wurde zur Legende, \u00fcberregional r\u00e4umten die \u00c4rzte mit ihrem Anti-Neonazi-Song \u201eSchrei nach Liebe\u201c ab sowie die Toten Hosen mit\u00a0\u201eSascha\u201c. Protestsongs im Biermann&#8217;schen Sinne waren das freilich nicht \u2013 eher die musikalischen Artikulationen von mehrheitsf\u00e4higen Meinungen. Politik und K\u00fcnstler lie\u00dfen sich bei solchen Gelegenheiten gerne zusammen auf der B\u00fchne blicken.<\/p>\n<p>Um die Jahrtausendwende \u00fcbertrieben es die Rockstars der ersten kommerziellen Garde: Als Westernhagen im Beisein von Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der das Bundesverdienstkreuz erhielt, oder Scorpions-S\u00e4nger Klaus Meine sich all zu gerne in die N\u00e4he der Bundesregierung begab, war es endg\u00fcltig vorbei mit dem Ansehen von Musikern mit politischem Sendungsbewusstsein. Ein Jahrzehnt der Zur\u00fcckhaltung folgte darauf: Tocotronic, Blumfeld, Wir sind Helden \u2013 sie geben und gaben sich weniger plakativ, verklausulieren ihre politische Zeitkritik eher lyrisch, zum Preis, eventuell weniger geh\u00f6rt zu werden in der politischen \u00d6ffentlichkeit. Daf\u00fcr stieg die Anerkennung bei Rezensenten und Fachleuten.<\/p>\n<p>Insofern w\u00e4re es eigentlich eine gute Nachricht, wenn Rap-Bands nach den politisch eher zahnlosen Fantastischen Vier oder Fettes Brot die Politik wieder in die Musik zur\u00fcckbr\u00e4chten. Aber nicht mit Grenz\u00fcberschreitungen, Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus und Homophobie. Aus der Szene meldeten sich nach der Echo-Verleihung immerhin die Rapper der Antilopen Gang deutlich zu Wort: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/musik\/antilopen-gang-kollegah-sei-ein-faschistischer-agitator-a-1202878.html\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/musik\/antilopen-gang-kollegah-sei-ein-faschistischer-agitator-a-1202878.html\">Sie bezeichneten Kollegah als \u201efaschistischen Agitator\u201c<\/a>. Aber das war eben eher eine Stimme aus der Subkultur. Dass beim Echo selbst Punk-Legende Campino den Mund aufmachen muss, zeigt, dass unter den kommerziell erfolgreichen K\u00fcnstlern auf die Altstars Verlass ist \u2013 und auf die J\u00fcngeren, die in ihrer Karriere noch etwas zu verlieren haben, offenbar weniger. Oder wie singt Panik-Rocker Udo Lindenberg? Einer muss den Job ja machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text erschienen bei FAZ.NET am 14.04.2018 Von Martin Benninghoff Tote-Hosen-S\u00e4nger Campino hat die Echo-B\u00fchne genutzt, um die Rapper Kollegah und Farid Bang zu kritisieren. Ist das schon das vielbeschworene Comeback politischer Popmusiker? Dann also wieder Campino! 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