{"id":2026,"date":"2018-04-20T10:13:02","date_gmt":"2018-04-20T08:13:02","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2026"},"modified":"2018-04-20T10:13:02","modified_gmt":"2018-04-20T08:13:02","slug":"propaganda-style","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2026","title":{"rendered":"Propaganda Style!"},"content":{"rendered":"<p>Artikel erschienen in der F.A.Z.\u00a0und als <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/was-popmusiker-in-nord-und-suedkorea-trennt-und-verbindet-15541184.html\">Storytelling bei FAZ.NET (jeweils am 20.04.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>An Musik scheiden sich \u00fcberall auf der Welt die Geister, auf der koreanischen Halbinsel aber sogar zwei politisch-ideologische Systeme. So gro\u00df die Kluft aber auch ist, Nord- und S\u00fcdkorea n\u00e4hern sich einander an. Ein bisschen zumindest.<\/strong><\/p>\n<p>Zu Beginn gleich die freundliche Warnung an die G\u00e4ste aus S\u00fcdkorea: \u201eIhre Ankunft in Pj\u00f6ngjang bringt gro\u00dfe Erwartungen mit sich.\u201c Sie kam von Hyon Song-wol, der Chefin der regimetreuen nordkoreanischen Frauenband Moranbong, die auf Wunsch von Machthaber Kim Jong-un gleich nach dessen Amtsantritt vor knapp sieben Jahren gegr\u00fcndet worden war. Die 41-J\u00e4hrige ist im stalinistisch regierten Nordkorea so etwas wie eine Mischung aus Helene Fischer und Andrea Nahles, machtvoll in Kultur und Politik. Seit 2017 ist sie sogar Mitglied im Zentralkomitee der Arbeiterpartei, in diesem Jahr nahm sie an den Vorbereitungsgespr\u00e4chen f\u00fcr die Olympischen Winterspiele in S\u00fcdkorea teil. W\u00e4hrend sich \u00fcberall in der Welt an Musik die Geister scheiden, so scheiden sich an der Bedeutung von Musik auf der koreanischen Halbinsel gleich zwei politisch-ideologische Systeme. Im S\u00fcden der weltweit erfolgreiche K-Pop, der f\u00fcr die Individualit\u00e4t der Jugend, aber auch f\u00fcr ihren Narzissmus steht, im Norden die staatlich dirigierte Propagandamusik, die ausschlie\u00dflich im Dienste des Regimes und der Glorifizierung der quasi-erbmonarchischen Kim-Dynastie steht. In Pj\u00f6ngjang ist jede Liedzeile politisch \u2013 und damit Chefsache.<\/p>\n<p>Keine einfache Aufgabe f\u00fcr die politisch oft unerfahrenen Pop- und Rocks\u00e4nger, die vergangene Woche zum ersten Mal nach zehn Jahren wieder in der nordkoreanischen Hauptstadt Pj\u00f6ngjang auftreten durften. Ein Minenfeld unter internationaler Beobachtung. Zahlreiche Popstars folgten der Einladung, darunter solche aus der K-Pop-Szene \u2013 wie die Girl-Band Red Velvet oder Seohyun, ehemaliges Mitglied von Girls&#8216; Generation \u2013 und Musikveteranen wie Cho Yong-pil, eine Art s\u00fcdkoreanischer Westernhagen oder Gr\u00f6nemeyer, und Yoon Do-hyun, der bereits 2002 in Pj\u00f6ngjang aufgetreten war. Das Gastspiel ist Teil der Entspannungsbem\u00fchungen im Vorfeld der Verhandlungen \u00fcber eine m\u00f6gliche Denuklearisierung Koreas und passt in die Zeit, in der Kim Jong-un versucht, der Welt ein freundlicheres Gesicht seines Regimes zu zeigen. Zum Konzert lie\u00df er sich pers\u00f6nlich blicken, lachte mit den jungen S\u00e4ngerinnen von Red Velvet und sorgte so f\u00fcr die gew\u00fcnschten Bilder eines menschelnden Diktators. Das 19-j\u00e4hrige Red-Velvet-Mitglied Yeri lie\u00df sich sogar dazu hinrei\u00dfen, den Handshake mit Kim als \u201eEhre\u201c zu bezeichnen, was in der konservativen Presse in S\u00fcdkorea nicht gut ankam. Kim d\u00fcrfte es eher gefallen haben \u2013 PR-Auftritt gelungen.<\/p>\n<p>Das Konzert reiht sich trotz der langen Pause in die seit gut 30 Jahren einge\u00fcbte Kulturdiplomatie zwischen den beiden verfeindeten Bruderstaaten ein, auch wenn die \u201eAtmosph\u00e4re dieses Mal besonders freundlich schien\u201c, wie Kang Dong-wan es beschreibt, Politikwissenschaftler an der Dong-A-University im s\u00fcdkoreanischen Busan. Michael Fuhr, Musikethnologe am Center for World Music an der Universit\u00e4t Hildesheim, sagt: \u201eSolche Treffen sind der Seismograph f\u00fcr die politische Atmosph\u00e4re beider L\u00e4nder.\u201c Nicht nur Seismograph, sondern auch ein EEG f\u00fcr das unterschiedliche kulturelle Bewusstsein, das den Norden und S\u00fcden jeweils nach knapp 70 Jahren Trennung pr\u00e4gt. \u201eDie Kluft ist mittlerweile riesig\u201c, attestiert Fuhr. Trotz dieser Unterschiede gibt es jedoch immer noch Gemeinsamkeiten, und die werden derzeit wieder st\u00e4rker betont, wie der Korea-Forscher Hannes Mosler von der FU Berlin feststellt. \u201eDer Austausch ist ein gutes Zeichen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Die heimlichen Stars in Nordkorea<\/strong><\/p>\n<p>Aber wof\u00fcr? Im streng abgeriegelten Nordkorea wird K-Pop offiziell unter Verschluss gehalten, zumal das s\u00fcdkoreanische Milit\u00e4r es f\u00fcr eine gute Idee h\u00e4lt, den Norden an der Demilitarisierten Zone \u00fcber Lautsprecher mit der Musik zu beschallen. Obwohl die Texte meist belanglos und unpolitisch sind, politisch unschuldig ist K-Pop damit nicht mehr. L\u00e4ngst sind seine Protagonisten auch heimliche Stars in Nordkorea. Ihre Musik gelangt auf USB-Sticks oder auf DVDs und Videos \u00fcber die undichte Grenze von China ins Land. Der Reiz des Verbotenen liegt auf der Hand, zudem spielen die Musiker mit westlichen Klischees etwa aus der Euro-Dance-\u00c4ra, die auch im Norden beliebt sind. Selbst Pj\u00f6ngjangs ehemalige oberste Regierungsband Pochonbo Electric Ensemble coverte den deutschen Modern-Talking-Klassiker \u201eBrother Louie\u201c. Die musikalische Grundierung passt also.Zu verdienen ist f\u00fcr die s\u00fcdkoreanische Musikindustrie im Norden nichts, der Verkauf erfolgt ausschlie\u00dflich \u00fcber Schwarzm\u00e4rkte. Aber als PR-Aktion, von der nicht nur Kim Jong-un profitiert, lohnt sich der Auftritt in Pj\u00f6ngjang dennoch. Denn der K-Pop, vor allem die Boy- und Girl-Gruppen, die auf die Attraktivit\u00e4t ihrer gecasteten Mitglieder bauen und fast rundum in TV-Soaps und in sozialen Netzwerken vermarktet werden, ist Teil einer umfassenden Globalisierungsstrategie. Eine Antwort der Musikindustrie auf die Asienkrise, die 1997 auch S\u00fcdkorea erfasste. Fast schlimmer noch als die wachsende Arbeitslosigkeit war damals der psychologische Effekt f\u00fcr das Land, dessen Wohlstandskurve bis dato jahrelang nach oben gezeigt hatte. Der Musikabsatz brach ein, also \u00fcberlegten die Musikmanager, wie sie vom heimischen Markt loskommen und neue M\u00e4rkte vor allem in China, Japan und seit Ende der 2000er-Jahre auch in Amerika erschlie\u00dfen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Mit Erfolg: K-Pop ist heute eine weltweit bekannte Marke, die die drei gro\u00dfen Talentschmieden SM Entertainment, JYP und YG pr\u00e4gen. Sie verpflichten die k\u00fcnftigen Stars oft in sehr jungen Jahren, bilden sie nicht nur in Choreografie und Gesang aus, sondern auch in Japanisch, Chinesisch und Englisch. Das letzte Album der Boyband BTS erschien auf Japanisch. Vor allem f\u00fcr die westlichen Musikm\u00e4rkte in Amerika, Gro\u00dfbritannien oder Deutschland setzen sie auf soziale Medien wie Youtube. Prominentestes Beispiel ist der Rapper Park Jae-sang, als Psy bekanntgeworden, der es mit seiner Single\u00a0\u201eGangnam Style\u201c auf milliardenfache (!) Klicks und somit auf mehrere Nummer-Eins-Positionierungen in den Charts gebracht hat. Auch in Deutschland.<\/p>\n<p>Am Fall Psy zeigt sich aber auch, wo Nordkorea die Grenzen zieht: Der exzentrische Rapper fuhr nicht mit zur Konzertreise nach Pj\u00f6ngjang. Die s\u00fcdkoreanische Regierung teilte das nur offiziell mit, gab aber keine Begr\u00fcndung ab, weshalb S\u00fcdkoreas erfolgreichster Pop-Export f\u00fcr den Norden nicht gut genug sein sollte. Musikethnologe Michael Fuhr vermutet, die \u201eSexualisierung\u201c in den Musikvideos und die \u201egefeierte Individualit\u00e4t\u201c des S\u00e4ngers k\u00f6nnten der Grund f\u00fcr eine Ablehnung durch die nordkoreanischen Kulturdiplomaten sein, vielleicht auch sein immenser Erfolg beim Klassenfeind Amerika. Spekulieren kann man zudem \u00fcber Psys entfernte \u00c4hnlichkeit mit Kim Jong-un, der Rapper w\u00e4re bei entsprechender Maskerade durchaus als Diktator-Parodie denkbar. Nordkorea selbst \u00e4u\u00dferte sich nicht dazu: Die staatliche Nachrichtenagentur betonte nur die \u201eDankbarkeit\u201c der S\u00fcdkoreaner f\u00fcr die \u201ewarme Gastfreundschaft\u201c im Norden. Dass Kim Jong-un nur die ihm genehmen Popgruppen zulie\u00df, \u00fcberrascht nicht, war der konservativen Presse in S\u00fcdkorea allerdings Anlass genug, Kritik an der \u201eShowveranstaltung\u201c zu \u00e4u\u00dfern, die nur dem Diktator nutze.<\/p>\n<p>Trotz Eiszeit und Wiederann\u00e4herung: Kultur ist in Nordkorea streng zweckgebunden und oberstes Propagandainstrument, was die Volksrepublik sogar in ihrer Verfassung festgeschrieben hat: \u201eDer Staat sorgt daf\u00fcr, dass die Sch\u00f6pfer und K\u00fcnstler mehr Werke mit hohem ideologischen und k\u00fcnstlerischen Gehalt schaffen und die Massen an der literarisch-k\u00fcnstlerischen T\u00e4tigkeit teilnehmen\u201c, hei\u00dft es im dritten Abschnitt, Artikel 52. Und:\u00a0\u201eDer Staat bewahrt unsere Sprache vor jeglichen Formen der \u00dcberfremdung.\u201c Kim Jong-un soll bei dem gemeinsamen Konzert in Pj\u00f6ngjang etwas verwundert gefragt haben, was die Anglizismen bedeuten, die die K-Pop-Stars in ihre koreanischen Texte einstreuten. Wobei auch das Koreanisch im Norden mittlerweile nicht mehr frei von Anglizismen ist. Zumindest berichtet Korea-Forscher Mosler von Gespr\u00e4chen mit Studierenden in Nordkorea, deren Sprache deutliche Einfl\u00fcsse von au\u00dfen aufweise.<\/p>\n<p><strong>NK-Pop als Antwort auf den K-Pop<\/strong><\/p>\n<p>Das zeigt, dass sich in Nordkorea zwar Freir\u00e4ume f\u00fcr Ver\u00e4nderungen \u00f6ffnen, aber noch immer steht die Gruppe, in ihrer h\u00f6chsten Form als Volksgemeinschaft stilisiert, \u00fcber dem Individuum. Eindrucksvoll zeigt sich das bei den Arirang Mass Games, einer Massenveranstaltung im Pj\u00f6ngjanger Erster-Mai-Stadion, die nach einem alten koreanischen Volkslied benannt ist. Bei dem Spektakel kreieren un\u00fcberschaubar viele Menschen in einer perfekt einstudierten Choreografie Bilder und Symbole, die nur ein Ziel haben: zu zeigen, dass alle an einem Strang ziehen. Zuletzt pausierten die Festspiele, nach Angaben des Reiseunternehmens Young Pioneer Tours sollen sie in diesem Jahr aber wiederaufgenommen werden.<\/p>\n<p>Diese \u00e4sthetische Botschaft steckt auch in den nordkoreanischen Musikgruppen, Kims NK-Pop als Antwort auf den K-Pop. Die bekannteste ist die bereits erw\u00e4hnte Moranbong Band, die ein gro\u00dfes Programm von altehrw\u00fcrdigen Volks- und Revolutionsliedern bis hin zu Mozart und Modern Talking im Repertoire hat. Auch wenn die Anmutung im Sound und der B\u00fchnenperformance f\u00fcr westliche und s\u00fcdkoreanische Beobachter altbacken wirkt, die Gruppe ist ein Gew\u00e4chs der Kim-Jong-un-\u00c4ra und hebt sich deutlich von Vorg\u00e4nger-Bands wie dem Pochonbo Electric Ensemble (\u201eLied vom Panzermann\u201c) oder dem Samjiyon Orchestra ab, das auf vertraute Instrumente wie das Akkordeon setzt. Die Frisuren k\u00fcrzer und die R\u00f6cke auch \u2013 die wechselnden Musikerinnen von Moranbong spielen auf modernen E-Gitarren und -B\u00e4ssen, auf E-Drumsets, Synthesizern und E-Geigen. Dass die Band nicht blo\u00df irgendeine ist, zeigte sich Ende 2015, als Kim sie auf Tournee nach China schickte. Kurz vor dem ersten Auftritt allerdings flog die Band wieder zur\u00fcck, ohne offizielle Begr\u00fcndung. Ger\u00fcchte machten die Runde, es habe \u201eKommunikationsprobleme\u201c mit den chinesischen Gastgebern gegeben, m\u00f6glicherweise wegen der Liedtexte, die den Chinesen zu amerikafeindlich waren. Aber das ist nicht best\u00e4tigt. M\u00f6glich ist auch, dass Kims Ehefrau Ri Sol-ju in Sachen Musik gro\u00dfen Einfluss auf ihren Mann hat: Sie war S\u00e4ngerin des ehemals sehr popul\u00e4ren Unhasu Orchestra.<\/p>\n<p>Am schwierigsten ist es f\u00fcr westliche Bands, in Nordkorea aufzutreten. Der slowenischen Avantgarde-Gruppe Laibach gelang es 2015, in Pj\u00f6ngjang vor einem Publikum aus Diplomaten und Ausl\u00e4ndern aufzutreten, gemeines Volk war eher wenig zu sehen. Die Band, die mit stilistisch-\u00e4sthetischen Klischees aus totalit\u00e4ren Kontexten agiert (und damit zu einer Art Vorreiter f\u00fcr Industrial-Metal-Bands wie Rammstein wurde), d\u00fcrfte in ihrer Ironie als K\u00fcnstlerkollektiv in Pj\u00f6ngjang kaum verstanden worden sein. Im Vorfeld wurde nat\u00fcrlich erwartbar zensiert, Nummern aus dem Programm gestrichen, dennoch blieb es bei den Auftritten. Bislang hat es keine Nachahmer gegeben, Nordkorea ist f\u00fcr westliche Pop- und Rockmusiker schwieriges Terrain.<\/p>\n<p>Das kann sich nur \u00e4ndern, wenn sich das Land f\u00fcr den chinesischen Weg entscheiden sollte. W\u00e4hrend der \u00d6ffnungsphase unter Deng Xiaoping durften die ersten westlichen Bands nach China reisen: Die britische Popband Wham! mit S\u00e4nger George Michael soll die erste gewesen sein, aus Deutschland kam relativ fr\u00fch die K\u00f6lner Rockband BAP. Die d\u00e4nische Gruppe Michael learns to rock feierte jahrelang gro\u00dfe Erfolge in China. Frei von Schwierigkeiten ist das auch heute nicht: Als der Autor dieser Zeilen mit seiner Band The Smu mehrfach in China auf Tour war, mussten die Liedtexte durch die Zensur der chinesischen Beh\u00f6rden. Bei Konzerten in Shanghai und Hangzhou sa\u00dfen Mitarbeiter der \u00f6rtlichen Stadtverwaltungen bei der Generalprobe in der ersten Reihe, um sicherzustellen, dass die chinesische Flagge, die Teil der B\u00fchnenshow war, sorgsam behandelt wurde und nicht auf den Boden fiel. Das war dann aber auch schon alles. Denkbar, dass Nordkorea eines Tages ein \u00e4hnlich unproblematisches Terrain f\u00fcr Pop- und Rockmusiker aus dem Westen und S\u00fcdkorea wird. Bleibt nur die Frage: Wann?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel erschienen in der F.A.Z.\u00a0und als Storytelling bei FAZ.NET (jeweils am 20.04.2018) Von Martin Benninghoff An Musik scheiden sich \u00fcberall auf der Welt die Geister, auf der koreanischen Halbinsel aber sogar zwei politisch-ideologische Systeme. 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