{"id":2028,"date":"2018-04-25T14:46:09","date_gmt":"2018-04-25T12:46:09","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2028"},"modified":"2018-05-09T11:56:22","modified_gmt":"2018-05-09T09:56:22","slug":"nicht-ohne-mein-kopftuch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2028","title":{"rendered":"Nicht ohne mein Kopftuch"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/muslimische-schueler-in-wuppertal-nicht-ohne-mein-kopftuch-15557751.html\">Teil 1 der Mini-Serie zu muslimischen Sch\u00fclern in Deutschland (erschienen am 25.04.2018 bei FAZ.NET) <\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff und Martin Franke, Wuppertal<\/em><\/p>\n<p><strong>Die Debatte um ein Kopftuchverbot ist zur\u00fcck: Sollten Sch\u00fclerinnen unter 14 Jahren eine islamische Kopfbedeckung tragen d\u00fcrfen? Politiker sind sich uneins \u2013 was sagen die Betroffenen dazu? Teil 1 der Mini-Serie.<\/strong><\/p>\n<p>Das Thema Kopftuchverbot f\u00fcr Sch\u00fclerinnen unter 14 Jahren spaltet Politik und \u00d6ffentlichkeit in Deutschland. Die Integrationsstaatssekret\u00e4rin von Nordrhein-Westfalen, Serap G\u00fcler (<a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/cms.faz.net\/polopoly\/CM#\" data-rtr-id=\"30eb8234582224cf91e66839fb0c63a8cca9d541\" data-cke-saved-href=\"#\">CDU<\/a>), spricht sich f\u00fcr ein Verbot aus, weil sie die \u201efreie Entfaltung des Kindes\u201c durch ein Kopftuch gef\u00e4hrdet sieht. Der deutsch-israelische Psychologe Ahmad Mansour sagt, dass Kinder mit Kopftuch sexualisiert w\u00fcrden. Und auch FDP-Chef Christian Lindner ist daf\u00fcr, dass sich heranwachsende Teenager vor der Pubert\u00e4t nicht das Haar verdecken d\u00fcrfen, da dies in die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung eingreife.<\/p>\n<p>Anderer Meinung ist dagegen die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Annette Widmann-Mauz (CDU). Sie sagt, dass ein Verbot nicht das \u201eProblem, das dahintersteht\u201c, l\u00f6se. <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article175299778\/Integrationsbeauftragte-Annette-Widmann-Mauz-sieht-Kopftuchverbot-kritisch.html\" data-cke-saved-href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article175299778\/Integrationsbeauftragte-Annette-Widmann-Mauz-sieht-Kopftuchverbot-kritisch.html\">Der Zeitung \u201eWelt\u201c sagte sie dazu:<\/a> \u201eWichtig ist doch, dass wir uns fragen, wie wir an diese schwierigen F\u00e4lle rankommen.\u201c Die aktuelle Debatte, die vor wenigen Wochen in \u00d6sterreich entbrannt ist, wird nun stellvertretend im bev\u00f6lkerungsreichsten Bundesland Deutschlands gef\u00fchrt. Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Joachim Stamp von der FDP will ein Kopftuchverbot pr\u00fcfen, Ministerpr\u00e4sident Armin Laschet (CDU) unterst\u00fctzt diesen Kurs. Aus der Sicht des Islamwissenschaftlers Mouhanad Khorchide mit gutem Grund: \u201eIn den meisten F\u00e4llen beeinflusst der Vater das M\u00e4dchen subtil dazu, Kopftuch zu tragen\u201c, sagt der Leiter des Zentrums f\u00fcr islamische Theologie der Universit\u00e4t M\u00fcnster.<\/p>\n<p>Doch was sagen eigentlich die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler selbst dazu? Bisher wurden sie von Seiten der Politik kaum gefragt. Auch nicht, welche Motive es f\u00fcr das Tragen des Kopftuches gibt und ob dies freiwillig geschieht. Zahlen, wie viele M\u00e4dchen \u00fcberhaupt von einem Verbot betroffen w\u00e4ren, sind nicht vorhanden. Sicher ist: Es gibt eine Vielzahl von Sch\u00fclerinnen mit Kopftuch schon in der f\u00fcnften Klasse, wie am St\u00e4dtischen Gymnasium in Wuppertal zu sehen ist. Von den 795 Sch\u00fclern ist rund jeder vierte muslimisch, etwas mehr als die H\u00e4lfte davon sind M\u00e4dchen. Aus den Aussagen (insbesondere) der Sch\u00fclerinnen zum Kopftuch lassen sich verschiedene Faktoren ablesen, aber auch ein Junge hat seine Meinung dazu.<\/p>\n<p><strong>Kopftuch &#8211; freiwillig oder erzwungen?<\/strong><\/p>\n<p>Die 12 Jahre alte Mara <em>(alle Namen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ge\u00e4ndert)<\/em> hat von der Debatte um das Kopftuch geh\u00f6rt, sie ist schon in jungen Jahren damit vertraut, dass das Thema in Deutschland und nicht nur dort die Gem\u00fcter erhitzt und kontrovers diskutiert wird. Sie selbst ist seit der f\u00fcnften Klasse verschleiert, jetzt geht sie in die siebte Klasse. Sie sagt: \u201eViele denken, dass wir das aus Zwang machen. Wir tun es freiwillig zum Dienst an Gott.\u201c Wenn eine muslimische Frau m\u00f6chte, k\u00f6nne sie das Kopftuch jederzeit wieder abnehmen, so Mara. Sp\u00e4testens nach der Hochzeit aber sollte sie sich bedecken, \u201eweil man ja schon einen Mann hat\u201c.<\/p>\n<p>\u201eSp\u00e4testens\u201c, wirft ihr Klassenkamerad Ali ein, der alleine unter lauter M\u00e4dchen den Reportern Rede und Antwort steht. F\u00fcr muslimische Frauen gebe es keine richtige Zeit, um mit dem Kopftuchtragen zu beginnen, sagt er. Aber auch er bem\u00fcht ein \u00e4hnliches Argument wie Mara: \u201eWenn man einen Mann hat als Frau, dann k\u00f6nnen ja andere M\u00e4nner die Haare sehen, und das ist wegen der Religion nicht gut.\u201c<\/p>\n<p>Der Junge aus der siebten Klasse meint die Regeln des Koran zu kennen. Gefragt, ob es auch f\u00fcr M\u00e4nner im Islam Kleidungsvorschriften gibt, sagt er: \u201eDie M\u00e4nner d\u00fcrfen sich fast \u00fcberall so kleiden, wie sie wollen. Beim Beten sollte man l\u00e4ngere Hosen tragen, das Knie muss bedeckt sein. M\u00e4nner d\u00fcrfen die Haare zeigen.\u201c Ist das nicht ungerecht? Die M\u00e4dchen lachen, ja, ein wenig unfair sei das schon, aber nach genauerem Nachdenken auch in Ordnung. Weil M\u00e4nner und Frauen verschiedene Rollen im Leben bekleideten und, wie ein anderes M\u00e4dchen aus der siebten Klasse sagt, \u201eeigene Pr\u00fcfungen\u201c zu bestehen h\u00e4tten. Das regele so der Koran.<\/p>\n<p>So klar Sahra zum Beispiel der Meinung ist, dass ein Kopftuch laut Koran Pflicht ist, so locker nehmen M\u00e4dchen wie sie die Regel \u2013 noch zumindest: \u201eManche Leute in Deutschland denken ja, dass muslimische Eltern total streng sind. Aber das ist nicht so. Die sind genauso wie deutsche Eltern\u201c, sagt sie. \u201eMeine Eltern w\u00fcnschen sich das schon, aber ich habe immer gesagt, erst sp\u00e4ter. Weil ich will studieren. Eine Freundin von mir hat das Kopftuch auch wieder ausgezogen in der Schule, weil die Lehrer sie so komisch angesehen haben. Viele Leute denken halt, nur weil man ein Kopftuch hat, ist man ein Terrorist. Das ist nicht okay.\u201c<\/p>\n<p><strong>Erstes Motiv: Mama tr\u00e4gt Kopftuch<\/strong><\/p>\n<p>Ist die Wahl zwischen Freiwilligkeit und Zwang \u00fcberhaupt die richtige, um den Motiven auf den Grund zu kommen? Oder ist es nicht vielmehr der Alltag in den Familien, der das Kopftuchtragen irgendwann attraktiv macht, ohne dass die Kinder dies in reiner Freiwilligkeit tun oder andersherum gewaltsam gezwungen werden? Auch der Islamwissenschaftler Khorchide sagt: \u201eWir befinden uns in einer grauen Zone, in der weder von Freiwilligkeit noch von Unfreiwilligkeit gesprochen werden kann.\u201c<\/p>\n<p>Ein Vorbild in Sachen Kopftuch sind zweifellos die M\u00fctter und Schwestern. aus der f\u00fcnften Klasse wird oft gefragt, warum sie schon mit zehn Jahren ihr gesamtes Haar verdecke. \u201eIch wollte Kopftuch tragen, weil meine Mutter das auch tut. Ich habe gewartet, bis ich in die f\u00fcnfte Klasse gekommen bin.\u201c Ein Kopftuchverbot f\u00e4nde Sara daher schade, sie sagt: \u201eIch darf nicht gezwungen werden, das auszuziehen.\u201c Ein anderes M\u00e4dchen aus der neunten Klasse beschreibt, wie gerne sie es schon in der sechsten Klasse, also mit elf Jahren, getragen h\u00e4tte. Ihr Vater habe es ihr damals jedoch ausgeredet, weil es zu fr\u00fch sei. Auch das eine Argumentation, die immer wieder zu h\u00f6ren ist: Das Kopftuch ist demnach eine Sache, die f\u00fcrs Erwachsenwerden steht, so wie im Auto-vorne-sitzen oder die bedingte Gesch\u00e4ftsf\u00e4higkeit. Zumindest in den Erz\u00e4hlungen ihrer Kinder achten manche Eltern darauf, dass ihr Nachwuchs nicht zu fr\u00fch zum Kopftuch greift, um den M\u00fcttern und gro\u00dfen Schwestern nachzueifern.<\/p>\n<p>Die 14 Jahre alte Amira aus der neunten Klasse wollte das Kopftuch gerne tragen, auch wenn ihre Mutter auf den richtigen Zeitpunkt hinwies. \u201eAlle meine Geschwister tragen das, und irgendwie war ich auch daf\u00fcr bereit. Das gef\u00e4llt mir einfach.\u201c Zuhause und in ihrem direkten Umfeld st\u00e4rke sie das Kopftuch, sie f\u00fchlt sich zugeh\u00f6rig. Au\u00dferhalb dieser kleinen Welt f\u00fchle sie sich manchmal aber auch ausgegrenzt, sagt sie. F\u00fcr ein Schulpraktikum in einer Arztpraxis h\u00e4tte sie das Kopftuch ausziehen m\u00fcssen, das wollte die Chefin der Praxis, das Praktikum musste Laila woanders machen. Junis, die in die siebte Klasse geht, will mit dem Kopftuch noch bis zum Ende des Studiums warten, damit es einfacher f\u00fcr sie wird. Sie erz\u00e4hlt von einer Freundin an einer anderen Schule, die das Kopftuch wieder ausgezogen habe, weil sie sich von den Lehrern nicht akzeptiert f\u00fchlte.<\/p>\n<p><strong>Zweites Motiv: Einfluss von Imamen und V\u00e4tern<\/strong><\/p>\n<p>Am Wochenende gehen einige der Sch\u00fcler in nahegelegene t\u00fcrkische und arabische Moscheen. Die M\u00e4dchen beten mit ihren M\u00fcttern, die Jungen mit ihren V\u00e4tern oder Br\u00fcdern. Samstags und oder sonntags besuchen die meisten von ihnen zus\u00e4tzlich zur regul\u00e4ren Schule den Arabischunterricht oder eine Koranschule. Dort lesen sie das heilige Buch des Islam, lernen Suren auswendig und \u00fcbersetzen sie ins Deutsche. Ihr Wissen \u00fcber die Religion beziehen sie aus solchen Stunden, von Religionsgelehrten und ihren Eltern. Islamischen Religionsunterricht gibt es am St\u00e4dtischen Gymnasium Wuppertal-Vohwinkel bisher nicht, die muslimischen Kinder gehen in einen Philosophiekurs, in dem sie auch \u00fcber das Christen- und Judentum, Buddhismus und Hinduismus informiert werden. Allerdings nur wenig \u00fcber alternative Interpretationen des Islam in Sachen Kopftuch erfahren.<\/p>\n<p>Dementsprechend gefestigt sind die Auffassungen der M\u00e4dchen und jungen Frauen, auch wenn sie sich viele Gedanken machen: \u201eDer Koran beschreibt eindeutig, dass eine Frau ein Kopftuch tragen muss\u201c, sagt die 15 Jahre alte Yara, die verschleiert ist. Ihre Freundin Mayla, die ihr schwarzes Haar offen zeigt, f\u00fcgt hinzu, dass sie eine deutsche \u00dcbersetzung des Koran in der t\u00fcrkischen Moschee in Wuppertal gelesen habe. Sie wisse, dass es verschiedene \u00dcbersetzungen und damit Interpretationen des Buches gebe. Bei Uneindeutigkeiten frage sie deshalb den Imam oder ihre Eltern. Die Deutsche Islamkonferenz schreibt in einem Beitrag zum Schwerpunkt Kopftuch, dass keine der drei Suren, die haupts\u00e4chlich zur Begr\u00fcndung der Kopfverschleierung angef\u00fchrt werden, eine explizite Vorschrift f\u00fcr ein Kopftuch gebe. Die befragten Sch\u00fclerinnen erreichen solche Botschaften offenbar nur ungen\u00fcgend. \u201eWir richten uns eher nach unserer Umgebung, deswegen w\u00fcrde ich nach meinen Eltern gehen\u201c, sagt Mayla, deren Eltern aus Jerusalem stammen. Viele meinen, der Beginn der Pubert\u00e4t sei der richtige Startpunkt f\u00fcrs Kopftuchtragen.<\/p>\n<p>Auch im Arabischunterricht au\u00dferhalb der Schule wird \u00fcber das Kopftuch gesprochen, erz\u00e4hlt ein M\u00e4dchen aus der neunten Klasse: \u201eWir haben \u00f6fter dar\u00fcber geredet, was das eigentlich f\u00fcr Wirkungen hat und was man da macht. Im Koran steht: Wir sollen unsere Sch\u00f6nheit bedecken, das soll nur unser Mann sehen.\u201c Mit anderen Worten: Damit andere M\u00e4nner sich nicht angezogen f\u00fchlen, ist ein Kopftuch notwendig, so das Argument. Sie sagt auch: \u201eWenn wir gleich w\u00e4ren, dann w\u00e4re die Vergewaltigungsrate an Frauen nicht so viel h\u00f6her als bei M\u00e4nnern. Daran merkt man, dass die Frauen sich nicht so leicht wehren k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Allerdings zeigt sich auch hierbei, in welchem Konfliktstress die M\u00e4dchen stehen. So sehr sie solche patriarchalen Rollenbilder wiedergeben und sogar verteidigen, so wenig wollen sie sie in jeder Alltagssituation befolgen. \u201eFrauen sollten aber die gleichen Berufe ergreifen k\u00f6nnen\u201c, sagt Mayla. Und Yunis aus der siebten Klasse sagt glasklar: \u201eAber ich w\u00fcrde meinem Mann schon sagen, dass er nicht das Sagen hat, und w\u00fcrde ihm keinen Kaffee bringen, weil Gleichberechtigung ist mir wichtig, mein Mann kann sich selbst einen Kaffee nehmen.\u201c Da muss auch Ali lachen.<\/p>\n<p>Die M\u00e4dchen leben mit Widerspr\u00fcchen, ihr Grundtenor: Das Kopftuch sei einerseits religi\u00f6se Pflicht, anderseits sei es auch v\u00f6llig in Ordnung, sich dagegen zu entscheiden. Keines der befragten M\u00e4dchen verbindet negative Gef\u00fchle mit dem Kopftuch, mit Ausnahme eines M\u00e4dchens aus der neunten Klasse, das eines Tages nach der Hochzeit ebenfalls das Kopftuch tragen m\u00f6chte oder soll. Aber erst, nachdem sie \u201eihr Leben gelebt\u201c habe, wie sie sagt. Bis dahin wolle sie eben \u201eShoppen gehen\u201c und sich nicht einengen lassen. Wobei ihr ihre verschleierten Freundinnen widersprechen, f\u00fcr sie sei das Kopftuch Teil des Lebens, das sie nicht einschr\u00e4nke.<\/p>\n<p><strong>Drittes Motiv: Halt und Struktur im Leben<\/strong><\/p>\n<p>Das Kopftuch ist zudem ein Zeichen der Gruppenzugeh\u00f6rigkeit. Die Identifikation kann sich sowohl an der nationalen Identit\u00e4t der Eltern orientieren, als auch an einer bestimmten Religionsgemeinschaft. Die befragten Kinder denken und sprechen auf Nachfrage in Kategorien wie \u201edie Deutschen\u201c und sagen auch \u201ewir Marokkaner\u201c, obwohl sie in den allermeisten F\u00e4llen in Deutschland geboren sind. Die Kinder sind durch ihre Eltern mit deren Herkunftsl\u00e4ndern stark verbunden und fahren jedes Jahr in die T\u00fcrkei, den Libanon, die Pal\u00e4stinensergebiete oder nach Marokko in den Urlaub. Dar\u00fcber hinaus f\u00fchlen sie sich aber auch als Wuppertaler oder Deutsche, wobei die lokale Identifikation wichtiger scheint als die nationale. Aischa aus der f\u00fcnften Klasse empfindet die Debatte \u00fcber ein Kopftuchverbot offenbar sogar als so ausgrenzend, dass sie sich motiviert f\u00fchlt, zu sagen, wie gerne sie doch in Deutschland bleiben m\u00f6chte, weil es \u201ehier so sch\u00f6n\u201c sei.<\/p>\n<p>Wenn eine Mutter nur mit Kopftuch auf die Stra\u00dfe geht, wie eine Siebtkl\u00e4sslerin erz\u00e4hlt, ist das ein Vorbild f\u00fcr sie. F\u00fcr sie ist das St\u00fcck Stoff aber auch ein identit\u00e4tsstiftendes Merkmal: \u201eIch habe mich in meiner Personalit\u00e4t gest\u00e4rkt und wertgesch\u00e4tzt gef\u00fchlt. In dem Moment habe ich zu einer Gruppe geh\u00f6rt\u201c, sagt sie. F\u00fcr ein anderes M\u00e4dchen bedeutet das Kopftuch vor allem Halt und Bew\u00e4hrtes: \u201eDas bringt mein Leben in ein bisschen Struktur, wenn ich etwas habe, woran ich mich halten kann.\u201c Feste Regeln im Alltag, einen ungef\u00e4hren Leitfaden im Leben, auch die Verschleierung der Haare als Teil der islamischen Gebote geh\u00f6ren f\u00fcr sie dazu.<\/p>\n<p>Die gemeinsamen Gebete in den Moscheen werden als identit\u00e4tsstiftend und gruppenst\u00e4rkend erlebt, ein M\u00e4dchen erz\u00e4hlt von einer kleinen Feier in der Familie, als sie begonnen habe, das Kopftuch zu tragen. In solchen F\u00e4llen hat die Verh\u00fcllung sogar etwas von einem Initiationsritus, von einer Art Tor in die Erwachsenenwelt, das das Kind mit einigem Stolz erf\u00fcllt. Wie gro\u00df m\u00fcssen die N\u00f6te sein, wenn ein solches M\u00e4dchen vielleicht in wenigen Jahren mit den strikten und konservativen Regeln in Konflikt ger\u00e4t? Eine Lehrerin am St\u00e4dtischen Gymnasium erz\u00e4hlt von fr\u00fcheren Sch\u00fclerinnen, die zwar Kopftuch trugen, aber auch Sex hatten oder sogar abtrieben \u2013 zuhause mussten sie dann weiterhin den Schein von Keuschheit wahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil 1 der Mini-Serie zu muslimischen Sch\u00fclern in Deutschland (erschienen am 25.04.2018 bei FAZ.NET) Von Martin Benninghoff und Martin Franke, Wuppertal Die Debatte um ein Kopftuchverbot ist zur\u00fcck: Sollten Sch\u00fclerinnen unter 14 Jahren eine islamische Kopfbedeckung tragen d\u00fcrfen? 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