{"id":2030,"date":"2018-04-26T19:44:58","date_gmt":"2018-04-26T17:44:58","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2030"},"modified":"2018-05-09T11:50:14","modified_gmt":"2018-05-09T09:50:14","slug":"in-deutschland-gehe-ich-nicht-mehr-schwimmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2030","title":{"rendered":"&#8222;In Deutschland gehe ich nicht mehr schwimmen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/muslimische-schueler-in-deutschland-gehe-ich-nicht-mehr-schwimmen-15557811.html\">Teil 2 der Mini-Serie \u00fcber muslimische Sch\u00fcler (erschienen am 26.04.2018 bei FAZ.NET)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff und Martin Franke, Wuppertal<\/em><\/p>\n<p><strong>Wie leben muslimische Kinder ihre Religion? Wie klappt das Zusammenleben im Klassenzimmer? Wir haben Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler eines Gymnasiums gefragt, wie sie es mit Beten, Fasten und Heiratspl\u00e4nen halten. Ein gro\u00dfes Problem liegt bei deren Eltern. Teil 2 der Mini-Serie.<\/strong><\/p>\n<p>Wann darf ich Sex haben? Darf ich vor der Ehe wenigstens k\u00fcssen? Kann ich einen Christen heiraten? Oder einen Atheisten? Dass Jugendliche oft mehr Fragen als Antworten haben, ist keine Spezialit\u00e4t von Muslimen, und doch kann eine muslimische Jugend verdammt kompliziert sein. Die Zwillinge Lara und Sahra <em>(alle Namen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ge\u00e4ndert),<\/em> die im Wuppertaler Stadtteil Vohwinkel in die neunte Klasse des St\u00e4dtischen Gymnasiums gehen, finden Antworten bei Youtube, genauer: dem deutsch-muslimischen satirischen Jugendkanal \u201eDattelt\u00e4ter\u201c. Hier erfahren sie zum Beispiel, dass Sex vor der Ehe eigentlich nicht erlaubt ist, K\u00fcssen aber irgendwie schon. Und vor allem, dass auch andere Muslime nicht nur die reine Lehre leben, sondern versuchen, sich in einem Dickicht aus weltlichen und religi\u00f6sen Regeln irgendwie durchzuschlagen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die religi\u00f6s erzogenen Kinder und Jugendlichen unter den 795 Sch\u00fclern am Wuppertaler Gymnasium ist das eine besonders schwere Aufgabe. Rund jeder vierte Sch\u00fcler ist muslimisch, das Gros sind Protestanten und Katholiken, 128 kommen ohne Bekenntnis aus. Rund 330 Sch\u00fcler haben einen Migrationshintergrund, viele stammen aus der T\u00fcrkei, aus arabischen L\u00e4ndern und Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Was viele Sch\u00fcler eint, mit denen wir haben sprechen k\u00f6nnen: Sie sind religi\u00f6s, beten regelm\u00e4\u00dfig und kennen sich mehr oder minder gut mit den Grundregeln ihrer Religionen aus. Das gilt auch f\u00fcr die Christen, die zum Teil evangelischen Freikirchen angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Und so ist auch der Islam f\u00fcr die 205 muslimischen Sch\u00fcler Alltag. Mara geht in die f\u00fcnfte Klasse, ihre Eltern stammen urspr\u00fcnglich aus dem Libanon. \u201eBei uns spielt Religion eine gro\u00dfe Rolle, weil wir sollen ja die Regeln befolgen, die Gott uns in den Koran geschrieben hat\u201c, sagt sie. Ein M\u00e4dchen aus der siebten Klasse: \u201eIm Koran steht, dass Gott schon alles vorbestimmt hat.\u201c Ein anderes M\u00e4dchen, das die neunte Klasse besucht, sagt: \u201eIch bin sehr religi\u00f6s und tue alles, was ein Muslim tun sollte. F\u00fcnf Mal am Tag Beten, dazu Spenden und Fasten.\u201c Die Kinder spenden teilweise Geld aus ihren Spardosen f\u00fcr wohlt\u00e4tige Zwecke \u2013 die soziale Abgabe, Zakat, ist eine der f\u00fcnf religi\u00f6sen Grundpfeiler des Islam. Eine Pflicht f\u00fcr gl\u00e4ubige Muslime. Einen islamischen Bekenntnisunterricht gibt es an der Schule nicht. Die muslimischen Kinder gehen entweder in den Philosophiekurs oder nehmen am evangelischen oder katholischen Religionsunterricht teil. Ein Sch\u00fcler habe gesagt, der Religionsunterricht einer anderen Religion sei besser als der atheistische Philosophieunterricht, erz\u00e4hlt Schulleiter Kai Hermann.<\/p>\n<p><strong>Auffallen in der Multi-Kulti-Stadt Wuppertal?<\/strong><\/p>\n<p>Da auch christliche Kinder wie die F\u00fcnftkl\u00e4sslerin Olga, deren Mutter aus Kasachstan und deren Vater aus Griechenland stammt, beten und in die Kirche gehen, f\u00e4llt Religiosit\u00e4t am Gymnasium nicht weiter auf. Anders aber sieht es in der Au\u00dfenwelt aus, selbst in der Multi-Kulti-Stadt Wuppertal, die einen Migrantenanteil von gut einem Drittel hat. Als die 14 Jahre alte Mara, die in die neunte Klasse geht, ein Praktikum in einer Arztpraxis absolvieren wollte, verbot ihr die Chefin das Kopftuch. Also suchte sie sich einen anderen Platz. F\u00fcr Max aus der f\u00fcnften Klasse ist das Leben in dieser Beziehung leichter. Weder an seinem Vornamen noch seinem Aussehen kann man erkennen, dass seine Eltern aus der T\u00fcrkei stammen. \u201eDas merkt halt niemand\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Das Thema Beten hat es in sich: Am benachbarten Johannes-Rau-Gymnasium war im vergangenen Jahr ein Streit mit riesigem Medienecho ausgebrochen, nachdem die Schulleitung ein Bet-Verbot erlassen hatte. Zuvor waren muslimische Sch\u00fcler beim angeblich provozierenden Beten in den Schulfluren zur Mittagszeit gesehen worden. Solche Probleme gibt es am St\u00e4dtischen Gymnasium bislang nicht, was wohl auch an den Sch\u00fclern selbst liegt. Ali, f\u00fcr den der Islam \u201egenauso wichtig wie Essen und Trinken ist, fast noch wichtiger\u201c, holt nach der Schule am Abend das Mittagsgebet nach. Auch das erlaubt der Islam, es kommt immer auf die Interpretation an. Ein M\u00e4dchen aus der siebten Klasse findet es \u201ecool\u201c, wenn es einen Gebetsraum an ihrer Schule geben w\u00fcrde. Am Johannes-Rau-Gymnasium entschied man sich nach dem Streit gegen einen fest eingerichteten Gebetsraum. Dort wird einem Sch\u00fcler bei Bedarf am Mittag ein freier Raum aufgeschlossen \u2013 so soll Gr\u00fcppchenbildung vermieden werden. In Vohwinkel scheint es daf\u00fcr noch keinen Bedarf zu geben.<\/p>\n<p>Konflikttr\u00e4chtiger gestaltet sich die Frage des Fastens im Ramadan. Je nachdem, auf welche Jahreszeit und damit Sonnenscheindauer der Ramadan f\u00e4llt, k\u00f6nnen die Tage ohne Essen und Trinken lang werden, bis abends endlich das Fasten gebrochen werden kann. \u201eDie Lehrer sagen, wir sind m\u00fcde\u201c, erz\u00e4hlt Ali und grinst: \u201eIch kann mir vorstellen, dass die Lehrer sich damit nicht so gut auskennen. Viele finden, das ist schlecht, aber das ist es nicht, es ist ja ein Dienst an Gott\u201c, sagt er. Andererseits zeigen sich hierbei die Sch\u00fcler sehr flexibel: Fast alle wissen, dass kranke Menschen, Stillende oder auch Reisende vom Fasten befreit sind, es allerdings nachholen sollten. Fast jeder kann berichten von der Oma, der Mutter oder dem Bruder mit Krankheiten wie Diabetes, die das Fasten unm\u00f6glich machen. Ein M\u00e4dchen verzichtet zwar aufs Essen, nicht aber aufs Trinken. Kompromisse sind eher die Regel denn die Ausnahme.<\/p>\n<p><strong>Die Burkinis h\u00e4ngen wieder im Schrank<\/strong><\/p>\n<p>Au\u00dfer der Frage des Kopftuches erhitzt ein anderes Thema die Gem\u00fcter in der \u00f6ffentlichen Debatte: der schulische Schwimmunterricht. Wer den Islam konservativ auslegt, h\u00e4lt sich an das Verh\u00fcllungsgebot, und das bedeutet auch, im Schwimmbad m\u00f6glichst keine freie Haut zu zeigen. Etliche der befragten M\u00e4dchen haben sich in der Vergangenheit Burkinis gekauft, also Ganzk\u00f6rperschwimmanz\u00fcge, die nur F\u00fc\u00dfe, H\u00e4nde und Gesicht freilassen. Fast keines zieht die Burkinis noch an, fast keines geht mehr schwimmen in Deutschland.<\/p>\n<p>Ein M\u00e4dchen aus der siebten Klasse, Aleyna, erz\u00e4hlt, dass sie in der T\u00fcrkei im Urlaub immer so gerne schwimmen gehe. In einem Bad nur f\u00fcr Frauen, wo M\u00e4nner nicht hineinschauen k\u00f6nnen. Und in Deutschland? \u201eWenn ich ehrlich bin, gehe ich hier nicht mehr schwimmen\u201c, sagt sie. Am verpflichtenden Schwimmunterricht hat sie allerdings teilgenommen. Der wird in Wuppertal in der f\u00fcnften Klasse erteilt, \u201eda war ich noch offen\u201c, sagt sie, das hei\u00dft: noch ohne Kopftuch. Ein M\u00e4dchen sagt: \u201eIch hatte auch einen Burkini gekauft. Aber je \u00e4lter ich werde, desto weniger wird das akzeptiert. Man wird schief angeguckt.\u201c Ein anderes ist nach eigenen Angaben einmal aus einem Freibad fast hinausgeworfen worden, weil der Bademeister ihre Schwimmkluft f\u00fcr Stra\u00dfenklamotten gehalten habe. Sportunterricht scheint hingegen f\u00fcr die befragten Kinder weniger ein Problem zu sein: \u201eMan stopft das Kopftuch etwas fester in den Pulli, damit das h\u00e4lt, und dann ist das gut\u201c, sagt ein M\u00e4dchen aus der siebten Klasse.<br \/>\nDie M\u00e4nner sind die \u201eChefs im Hause\u201c<\/p>\n<p>Im Verh\u00e4ltnis der Kinder untereinander scheinen solche Konflikte kein besonders gro\u00dfes Problem zu sein. Der F\u00fcnftkl\u00e4ssler Torben, der aus einer christlich-bosnischen Familie stammt, hat \u201eviele Freunde unter den Muslimen\u201c. Eine Siebtkl\u00e4sslerin mit kroatischen Wurzeln spricht mit ihrer muslimischen Freundin gerne \u00fcber \u201eunsere Religionen, \u00fcber \u00e4hnliche Propheten \u2013 und wir haben ja auch Wallfahrtsorte und so\u201c. Nur bei der Partnerwahl spielt die Religion pl\u00f6tzlich wieder eine gro\u00dfe Rolle: \u201eIch habe neulich meinen Papa gefragt, und der hat gesagt, es ist so, im Islam m\u00fcssen die Frauen einen muslimischen Mann heiraten, weil der Mann hat ja die Regeln im Haus\u201c, sagt die zw\u00f6lfj\u00e4hrige Mayla . Muslimische M\u00e4nner hingegen d\u00fcrften auch deutsche Frauen heiraten, weil die ja \u201eChefs im Hause\u201c seien. Solche patriarchalen Denkmuster finden sich immer wieder in den Erz\u00e4hlungen der jungen M\u00e4dchen. Aische fand das \u201eam Anfang unfair, aber dann habe ich gesehen, dass es irgendwo auch Sinn hat.\u201c Sie hat ihren Umgang damit gefunden: \u201eAlso, ohne die Regel w\u00fcrde ich meinem Geschmack nach trotzdem einen muslimischen Mann heiraten.\u201c<\/p>\n<p>Die Lehrer sind im Umgang mit solchen Aussagen gespalten. Sascha Becker, der als Philosophie-Lehrer die \u201egro\u00dfen Fragen\u201c mit den Sch\u00fclern behandelt, sagt, dass Religion eine \u201eriesige Rolle\u201c spiele, unabh\u00e4ngig der Konfession. \u201eMan merkt, dass die Kinder am Anfang in der f\u00fcnften und sechsten Klasse noch relativ unkritisch mit ihrem eigenen kulturellen Hintergrund umgehen.\u201c Becker stellt immer wieder fest, dass die Sch\u00fcler im Laufe der Jahre verbl\u00fcfft sind, wenn sie neue Blickwinkel auf Kulturen und Religionen bekommen. Sch\u00fcler in der achten und neunten Klasse w\u00fcrden ihre eigenen \u00dcberlieferungen mit einem Mal hinterfragen. Ihm f\u00e4llt aber auch auf, dass bei den Jugendlichen ein hohes Bed\u00fcrfnis vorhanden ist, in ihrer eigenen religi\u00f6sen Gemeinschaft den herrschenden Normen und Werten entsprechen zu wollen. \u201eDie wollen nicht auffallen, sie wollen als normales Mitglied in der Gruppe wahrgenommen werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eBestimmte Sachen muss man in Kauf nehmen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Themen wie Ramadan sieht der Lehrer daher nicht als problematisch an: \u201eWenn ich mir angucke, mit welchem Aufwand gerade in K\u00f6ln und D\u00fcsseldorf Karneval gefeiert wird, da wird sich bestimmt auch keiner die Frage stellen, ob das ein unzul\u00e4ssiger Eingriff in den Schulalltag ist. Es sind kulturelle Traditionen, und wenn man als ein weltoffenes Land dazu bereit ist, solche unterschiedlichen Traditionen als Gewinn zu begreifen, dann geh\u00f6rt es hinzu, dass man bestimmte Sachen in Kauf nehmen muss.\u201c<\/p>\n<p>Eine Lehrerin, die nicht namentlich genannt werden m\u00f6chte, f\u00fchlt sich hingegen unbehaglich: \u201eAls ich jung war, spielte Religion keine Rolle mehr. Jetzt ist das wieder ein richtiges Thema.\u201c Ein Thema, \u00fcber das sie gerne mehr mit den Eltern der Kinder sprechen, ja debattieren w\u00fcrde. Aber die erreiche man kaum, die Elternarbeit sei ein \u201eriesiges Problem\u201c. Sogar jene, die schon lange in Deutschland leben, meldeten sich oftmals nicht, gingen nicht ans Telefon und reagierten nicht auf Schreiben.<\/p>\n<p>Vielleicht gibt es aber Hoffnung: Ali Akin, der Vater eines Sch\u00fclers, ist mit zwei Jahren aus der T\u00fcrkei nach Wuppertal gekommen, und engagiert sich in der Klassenkonferenz, will in der Schulpflegschaft mitarbeiten. Das k\u00f6nne auch f\u00fcr die anderen Familien mit Migrationshintergrund ein gro\u00dfes Vorbild sein, sagt eine junge Lehrerin. Eines ist sicher: An den offenen und wissbegierigen Kindern liegt es jedenfalls nicht, Abschottung scheint vor allem ein Problem der Eltern zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil 2 der Mini-Serie \u00fcber muslimische Sch\u00fcler (erschienen am 26.04.2018 bei FAZ.NET) Von Martin Benninghoff und Martin Franke, Wuppertal Wie leben muslimische Kinder ihre Religion? Wie klappt das Zusammenleben im Klassenzimmer? 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