{"id":2034,"date":"2018-04-27T11:34:32","date_gmt":"2018-04-27T09:34:32","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2034"},"modified":"2018-04-27T11:34:32","modified_gmt":"2018-04-27T09:34:32","slug":"nicht-in-die-freiheit-einer-religion-eingreifen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2034","title":{"rendered":"&#8222;Nicht in die Freiheit einer Religion eingreifen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/philosophielehrer-ueber-muslimische-schueler-15562833.html\">Dritter und letzter Teil der Mini-Serie \u00fcber muslimische und generell religi\u00f6se Sch\u00fcler (FAZ.NET, 27.04.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff und Martin Franke, Wuppertal<\/em><\/p>\n<p><strong>Sascha Becker ist Lehrer f\u00fcr praktische Philosophie in Wuppertal. Im Gespr\u00e4ch mit FAZ.NET erkl\u00e4rt er, warum er von einem Kopftuchverbot f\u00fcr Sch\u00fclerinnen nichts h\u00e4lt. F\u00fcr die Gegner hat er eine klare Botschaft.<\/strong><\/p>\n<p>Wer weder evangelisch noch katholisch ist, geht in den Philosophieunterricht. So war es fr\u00fcher. Mittlerweile aber hat sich das Bild ge\u00e4ndert, denn im Unterricht von Sascha Becker, einem Lehrer f\u00fcr praktische Philosophie am St\u00e4dtischen Gymnasium Wuppertal-Vohwinkel, sitzen auch religi\u00f6se Sch\u00fcler, darunter Muslime. Da die Schule im Gegensatz zu anderen in Nordrhein-Westfalen bislang keinen Islamunterricht anbietet, bleibt ihnen der Philosophiekurs \u2013 oder einer der beiden christlichen Religionskurse. F\u00fcr Sascha Becker ein spannendes Feld, aber auch eines mit Herausforderungen.<\/p>\n<p><strong>Herr Becker, Sie unterrichten praktische Philosophie f<\/strong><strong>\u00fcr Sch<\/strong><strong>\u00fcler, die nicht am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen. Ist das ein ganz normales Unterrichtsfach wie jedes andere?<\/strong><\/p>\n<p>Ein ganz normaler Unterricht ist es in Philosophie nie, weil das ja die gro\u00dfen Fragen sind, die f\u00fcr viele Sch\u00fcler sehr spannend sind. Man hat aber eine sehr gro\u00dfe Heterogenit\u00e4t in den Gruppen. Einige Sch\u00fcler lieben diese F\u00e4cher, und es gibt auch Sch\u00fcler, die sagen: \u201eLass mich damit zufrieden.\u201c Aber sie werden alle in diesem Unterricht genau wie sp\u00e4ter in der Oberstufe auch mit den fundamentalen Fragen konfrontiert, die die Philosophie seit zweieinhalbtausend Jahren auszeichnen. Und das ist immer hochspannend.<\/p>\n<p><strong>Religion spielt wahrscheinlich auch hinein.<\/strong><\/p>\n<p>Religion ist immer ein Thema. Nat\u00fcrlich nicht das einzige, aber ein immens wichtiges.<\/p>\n<p><strong>Wie sehr besch<\/strong><strong>\u00e4ftigt Religion die Sch<\/strong><strong>\u00fcler auf dem Schulhof heutzutage?<\/strong><\/p>\n<p>Das wage ich selber gar nicht zu beurteilen. Was ich beobachten kann oder in Gespr\u00e4chen mit Sch\u00fclern herausgeh\u00f6rt habe, sind immer Einzelmeinungen. Ich kann sagen, dass f\u00fcr einzelne Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler Spiritualit\u00e4t eine sehr gro\u00dfe Rolle spielt. Und da ist es auch relativ egal, welche Konfession oder Religion das ist. Das betrifft christliche Sch\u00fcler, muslimische Sch\u00fcler, das sind aber auch hinduistische Sch\u00fcler oder Sch\u00fcler aus noch ganz anderen Kulturkreisen. Daneben gibt es aber noch eine andere Gruppe von Gl\u00e4ubigen. Ich nenne sie immer die \u201eWeihnachts-Christen\u201c beziehungsweise die \u201eRamadan-Moslems\u201c. Das sind die Leute, die f\u00fcr sich selber sagen, \u201eJa, ich bin religi\u00f6s\u201c, aber da sind eher Folklore und Feste wichtig. F\u00fcr sie pers\u00f6nlich ist Religion eher ein wichtiger Teil der Kultur.<\/p>\n<p><strong>Hat sich die Begeisterung f\u00fcr Religion <\/strong><strong>ver<\/strong><strong>\u00e4ndert? L<\/strong><strong>\u00e4sst sich ein bestimmter Zeitpunkt feststellen, an dem das Interesse <\/strong><strong>merklich zunimmt?<\/strong><\/p>\n<p>Man merkt, dass die Kinder in der f\u00fcnften und sechsten Klasse noch relativ unkritisch mit ihrem eigenen kulturellen Hintergrund umgehen. Das ist das, was sie kennen, was f\u00fcr sie gesetzt ist. Sie sind dann immer wieder sehr verbl\u00fcfft, wenn sie im Laufe des Unterrichts mehr \u00fcber andere Kulturen und Religionen erfahren. In der f\u00fcnften Klasse geht es eher beschreibend um die drei gro\u00dfen abrahamitischen Religionen. In den sp\u00e4teren Jahrg\u00e4ngen kommen die \u00f6stlichen Religionen noch mit ins Spiel. Und da merkt man, dass viele Sch\u00fcler, gerade in der achten und neunten Klasse, wirklich auf Sinnsuche sind. Die hinterfragen sich auch selbst. Sie wollen auch mal eine andere Perspektive einnehmen und sind sehr kritisch gegen\u00fcber ihren eigenen \u00dcberlieferungen. Die einen kommen dann ins Stahlbad und merken: \u201eMeine eigenen \u00dcberzeugungen, die ich bisher so unkritisch gepflegt habe, halten bestimmten Dingen nicht stand.\u201c Wir haben in der neunten Klasse eine sehr anstrengende Phase f\u00fcr strenggl\u00e4ubige Sch\u00fcler, wenn wir uns mit dem Theodizee-Problem besch\u00e4ftigen, also der Frage, wie ein Sch\u00f6pfergott es zulassen kann, dass es so viel Leid und B\u00f6ses auf der Welt gibt. Das ist gerade f\u00fcr die Religi\u00f6sen ein Tiefschlag. Wenn sie sich dann noch mit Feuerbachs Thesen zur Projektion auseinandersetzen, sieht man bei einigen schon die Kinnlade herunterfallen. Die einen sagen dann durchaus, sie k\u00f6nnten das nicht entkr\u00e4ften und ziehen daraus ihre Konsequenzen. Die anderen gehen aber auch gest\u00e4rkt aus solchen Herausforderungen.<\/p>\n<p><strong>Wie wird das Thema Schwimmunterricht an Ihrer Schule behandelt? Gibt es den als Teil des Sportunterrichts?<\/strong><\/p>\n<p>Auf jeden Fall. Unsere fr\u00fchere Schulleiterin war selber Sportlehrerin und hat von Anfang an durchgesetzt, dass jeder Sch\u00fcler und jede Sch\u00fclerin an unserer Schule wirklich an jeder Unterrichtsveranstaltung teilnimmt. Mittlerweile gibt es auch Badebekleidung, die religi\u00f6sen Glaubensvorschriften entspricht. Damit hat sich diese Diskussion erledigt.<\/p>\n<p><strong>Und das Thema Ramadan? Da passiert es, dass Sch<\/strong><strong>\u00fcler <\/strong><strong>\u00fcber den Fastenmonat unkonzentriert sind. Ist das ein Einschnitt in den deutschen Schulalltag?<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind ja hier in der Peripherie des Rheinlandes. Wenn ich mir angucke, wie in K\u00f6ln und D\u00fcsseldorf Karneval gefeiert wird, finde ich das scheinheilig. Da fragt auch keiner, ob das ein unzul\u00e4ssiger Eingriff in den Schulalltag ist. Es sind kulturelle Traditionen, und wenn man als ein weltoffenes Land dazu bereit ist, solche unterschiedlichen Traditionen als Gewinn zu begreifen, dann geh\u00f6rt es auch dazu, dass man bestimmte Sachen in Kauf nehmen muss. Manchmal muss ich als nichtgl\u00e4ubiger Philosophielehrer den Kindern aber auch erkl\u00e4ren, was ihre religi\u00f6sen Rechte und Pflichten eigentlich sind. Das ist mitunter ganz am\u00fcsant.<strong>Gibt es da eine klare Altersregelung, wer fasten darf und wer nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Im Islam gibt es klare Regelungen und Ausnahmen. Wir stellen den Kindern aber keine Bedingungen. Das k\u00f6nnen wir auch gar nicht machen. Das w\u00e4re ein unzul\u00e4ssiger Eingriff in die pers\u00f6nliche Religionsfreiheit und damit jedem Sch\u00fcler und jeder Lehrkraft anheimgestellt. Was man aber sagen muss, ist, dass bei den Kindern und j\u00fcngeren Jugendlichen ein hohes Bed\u00fcrfnis vorhanden ist, in ihrer eigenen religi\u00f6sen Gemeinschaft den herrschenden Normen und Werten entsprechen zu wollen. Das ist den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern gerade in der sechsten, siebten und teilweise auch noch in der achten Klasse ganz wichtig. Bevor die Pubert\u00e4t so richtig zuschl\u00e4gt, sind viele Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sehr konformistisch. Sie wollen nicht auffallen, sondern als normales Mitglied in der Gruppe wahrgenommen werden \u2013 und f\u00fcr die Muslime geh\u00f6rt das Fasten dazu.<\/p>\n<p><strong>Es gibt derzeit die Debatte, die aus <\/strong><strong>\u00d6sterreich <\/strong><strong>\u00fcbergeschwappt ist: Kopftuchverbot f<\/strong><strong>\u00fcr Kinder unter 14 Jahren<\/strong><strong>. Was halten Sie davon?<\/strong><\/p>\n<p>Wir hatten in NRW ja ein Kopftuchverbot f\u00fcr Unterrichtende, also eine \u00e4hnliche Rechtsprechung, wie wir sie in Baden-W\u00fcrttemberg und Bayern auch haben. Diese Rechtsprechung ist gekippt worden. 2015 hat das Bundesverfassungsgericht gesagt, es ist ein nicht zu vertretender Eingriff in die pers\u00f6nliche Freiheit des Beamten, der Beamtin oder desjenigen, der im \u00f6ffentlichen Dienst besch\u00e4ftigt ist. Wenn f\u00fcr die Berufsgruppe, die zur weltanschaulichen Neutralit\u00e4t qua Amt verpflichtet ist, ein Kopftuchverbot gekippt ist, sehe ich pers\u00f6nlich keine Grundlage daf\u00fcr, dass ich in die Religionsfreiheit eines Kindes oder der Eltern eingreifen soll. Wenn es eine religi\u00f6se Vorschrift ist, \u00e4hnlich wie das Tragen einer Kippa im Judentum oder eines Turbans bei den Sikhs, dann ist es ein eben ein Zeichen f\u00fcr die Aus\u00fcbung der jeweiligen Religion. Ob das so ist, m\u00fcssen die religi\u00f6sen Gemeinschaften entscheiden, nicht ich oder der Gesetzgeber. Dann gibt es religi\u00f6se Praktiken wie zum Beispiel Beschneidungen, die deutlich vor der Religionsm\u00fcndigkeit einsetzen. Daher liegt vor der Religionsm\u00fcndigkeit der Ball bei den Eltern. Ich kann ja nicht so weit in die Freiheit einer Religion eingreifen, dass ich sage: \u201eMoment mal, die Religionsaus\u00fcbung muss bis zum vierzehnten Lebensjahr warten.\u201c Ich glaube, kein christliches Elternteil w\u00fcrde dem zustimmen, wenn man sagen w\u00fcrde, wir m\u00fcssen den Leuten die Taufe verbieten, weil das Kind noch nicht religionsm\u00fcndig ist. Deswegen stehe ich dem sehr kritisch gegen\u00fcber.<\/p>\n<p><strong>Kommt die Debatte bei den Sch<\/strong><strong>\u00fclern <\/strong><strong>\u00fcberhaupt an?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Weil wir die Diskussion im Grundsatz ja auch hier haben. Wir haben an unserer Schule das gesamte Spektrum an religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen. Wir haben hier beispielsweise v\u00f6llig s\u00e4kularisierte Christen, v\u00f6llig s\u00e4kularisierte Muslime oder Menschen, f\u00fcr die Religion \u00fcberhaupt keine Rolle spielt. Auf der anderen Seite haben wir auch strenggl\u00e4ubige Christen und strenggl\u00e4ubige Muslime an der Schule. Die Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen gleicher Konfession sind schon erhellend. Man beobachtet, dass die streng religi\u00f6sen Muslime und ihre s\u00e4kularisierten Glaubensgenossen miteinander diskutieren. Das ist die Auseinandersetzung, die wirklich hart gef\u00fchrt wird und wo man auch merkt, dass sie sich nicht auf die Schule beschr\u00e4nkt. Da geht der Riss auch teilweise durch Familien.<strong>Inwiefern?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt muslimische Familien, die \u00fcberhaupt gar kein Problem damit haben, wenn eine 15- oder 16-J\u00e4hrige sich in einen Klassenkameraden verliebt, ihn mit nach Hause bringt und ihren Eltern vorstellt. Bei anderen ist das ein absolutes Tabuthema. Das wird eher totgeschwiegen, als dass man sich damit auseinandersetzen m\u00f6chte. Das sind eher die Konflikte, die wir tagt\u00e4glich in der Schule haben. Wie gehen Familien damit um, dass ihre Kinder andere Interessen und Werte haben als sie selber? Also keine intellektuellen Debatten \u00fcber Sexismus, sondern eher lebenspraktische Probleme.<\/p>\n<p><strong>Viele l<\/strong><strong>ehnen das Kopftuch ab<\/strong><strong>, weil es angeblich nicht zu unserer Gesellschaft passt. Was sagen Sie, auch mit Blick auf Ihre Sch<\/strong><strong>\u00fcler, Leuten, die so argumentieren?<\/strong><\/p>\n<p>Was meiner Meinung nach unheimlich wichtig ist, ist eine Kultur der Anerkennung. Sie ist das A und O. Wenn ein Sch\u00fcler sich wertgesch\u00e4tzt f\u00fchlt, dann ist er auch bereit, Leistung zu zeigen und Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Er f\u00fchlt sich aufgehoben in einer Gemeinschaft und als echter Teil von dieser. Wenn ich einem Sch\u00fcler aber st\u00e4ndig signalisiere, dass er nicht dazugeh\u00f6rt, dass er das oder jenes nicht kann und kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr etwas hat, dann wird sich auch seine Bereitschaft, sich auf neue Erfahrungen einzulassen, sp\u00fcrbar reduzieren. Es ist doch kein Zufall, dass die ganzen Leute, die in den letzten Jahren als islamistische Gewaltt\u00e4ter auff\u00e4llig geworden sind, gescheiterte Existenzen waren. Das waren immer Leute, denen genau das verwehrt wurde. Ich verstehe das nicht. Wir haben in den letzten vierzig Jahren kulturell so viele K\u00e4mpfe ausgetragen, in denen es um gesellschaftliche Emanzipation ging, um Befreiung, um das Recht jedes einzelnen auf ein selbstbestimmtes Leben. Die Frage ist doch nicht, ob jemand ein Kopftuch tr\u00e4gt oder einen Nasenring, gr\u00fcne, gelbe oder gar keine Haare hat. Das ist doch nicht das, worum es hier eigentlich geht. Wenn man mal genauer hinsieht, dann sind die Mechanismen, die bei den rechtsextremen Jugendlichen aus der Uckermark auftreten, genau die gleichen wie bei radikalisierten, jungen, muslimischen Heranwachsenden in den abgeschriebenen Ballungsregionen von Westdeutschland. Sie sind ausgeschlossen. Und dagegen muss man etwas tun.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dritter und letzter Teil der Mini-Serie \u00fcber muslimische und generell religi\u00f6se Sch\u00fcler (FAZ.NET, 27.04.2018) Von Martin Benninghoff und Martin Franke, Wuppertal Sascha Becker ist Lehrer f\u00fcr praktische Philosophie in Wuppertal. 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