{"id":2048,"date":"2018-05-18T15:07:15","date_gmt":"2018-05-18T13:07:15","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2048"},"modified":"2018-05-18T15:07:15","modified_gmt":"2018-05-18T13:07:15","slug":"ketten-sprengen-auf-nordkoreanisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2048","title":{"rendered":"Ketten sprengen auf Nordkoreanisch"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/exklusiver-film-ueber-nordkorea-die-jangmadang-generation-15578668.html\">Beitrag erschienen bei FAZ.NET (18.05.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Auf politischer B\u00fchne tut sich etwas im Korea-Konflikt. Aber wie geht es den Nordkoreanern selbst? FAZ.NET zeigt exklusiv den Film \u201eThe Jangmadang Generation\u201c auf Deutsch. Er l\u00e4sst junge, gefl\u00fcchtete Nordkoreaner zu Wort kommen.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/the-jangmadang-15589276.html\">Hier kommen Sie zum Film!<\/a><\/p>\n<p>Wann immer es in diesen Tagen um Nordkorea geht, steht die \u201egro\u00dfe Politik\u201c im Mittelpunkt \u2013 vor allem das Atomprogramm und die Frage, ob sich das Regime von Kim Jong-un auf eine vollst\u00e4ndige Denuklearisierung einl\u00e4sst oder nicht. Gespannt schauen alle auf das geplante Gipfeltreffen zwischen dem amerikanischen Pr\u00e4sidenten Donald Trump und Kim am 12. Juni, das mittlerweile doch wieder zu wackeln scheint: Wie k\u00f6nnte ein Deal aussehen, der es beiden Seiten erlaubt, ihn als politischen Erfolg zu verbuchen?<\/p>\n<p>Vielleicht ist es nur eine subjektive Beobachtung: Aber der Eindruck dr\u00e4ngt sich auf, dass inmitten dieser zweifellos wichtigen Zeit f\u00fcr die koreanische Halbinsel die ganz konkreten Lebensumst\u00e4nde der Nordkoreaner etwas aus dem Fokus der Welt\u00f6ffentlichkeit geraten sind. Oder anders gefragt: Nat\u00fcrlich w\u00fcrde eine Denuklearisierung Koreas den Menschen dort konkret helfen, aber k\u00f6nnte ein politischer Deal das Regime in Pj\u00f6ngjang nicht (auch) stabilisieren? Und die innere Repression damit zementieren?<\/p>\n<p>Die Antwort ist spekulativ. Aber zumindest ist es nicht falsch, neben aller Weltpolitik den Blick auf die Menschen zu richten: Wie leben die rund 24 Millionen Nordkoreaner, haben sich ihre Bedingungen seit dem Antritt von Machthaber Kim Jong-un vor gut sieben Jahren ge\u00e4ndert, vielleicht sogar verbessert? Sicher ist nur: Die Menschen in Nordkorea sind keine Au\u00dferirdischen, sie arbeiten, gr\u00fcnden Familien und versuchen, durchs Leben zu kommen, wie \u00fcberall auf der Welt. Sicher ist, dass sich kein Mensch in einem westlichen Staat vorstellen kann, was es hei\u00dft, in einem nahezu totalit\u00e4r regierten Land morgens aufzuwachen und abends in Bett zu gehen.Die Bev\u00f6lkerung lebt in einem beispiellosen System der politischen Repression. Zwar gibt es seit einigen Jahren deutliche Verbesserungen beim Lebensstandard zu erkennen, alleine wenn man sich die gestiegene Zahl an Restaurants, die bessere Kleidung und Ern\u00e4hrung der Bewohner vor Augen f\u00fchrt. Im Land ist eine Mittelschicht entstanden, die zeigt, was sie hat: Handys, gelegentlich sogar Autos, Geld f\u00fcr Drinks. Einem gr\u00f6\u00dferen, kaum sichtbaren Teil vor allem fernab der glitzernd-modernisierten Metropole Pj\u00f6ngjang aber geht es noch immer wesentlich schlechter als der urbanen Elite. Die Bewegungsfreiheit der Nordkoreaner ist stark eingeschr\u00e4nkt, Kommunikation ins Ausland praktisch unm\u00f6glich. Selbst verglichen mit anderen autokratischen Systemen sind die politischen Freiheiten f\u00fcr den Einzelnen in Nordkorea dramatisch gering.<\/p>\n<p><strong>Spontanit\u00e4t bedeutet Furcht<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber ihr Leben ist im Ausland wenig bekannt. Besucher \u2013 Touristen und Journalisten \u2013 d\u00fcrfen nur an organisierten Touren teilnehmen, in der Regel begleitet von zwei Fremdenf\u00fchrern und einem Fahrer. Dieses Team sorgt sich zwar r\u00fchrend um die Reisenden, aber es ist auch dazu da, den G\u00e4sten nur das Sch\u00f6ne und Entwickelte zu zeigen und sie weitgehend von der Bev\u00f6lkerung zu isolieren. Gelingt einmal der Kontakt zu Einheimischen, so steht den Fremdenf\u00fchrern der Schwei\u00df auf der Stirn. In Nordkorea wird nichts oder fast nichts dem Zufall \u00fcberlassen: Spontanit\u00e4t bedeutet Furcht, Furcht vor dem \u201eZwischenfall\u201c, dem nicht Vorhersehbaren, das dem Fremdenf\u00fchrer die Karriere und die Privilegien kosten kann. Der Druck muss f\u00fcr sie immens sein.<\/p>\n<p>Wir wissen es praktisch nur aus den Erz\u00e4hlungen Gefl\u00fcchteter, wie es den Nordkoreanern in ihrem Land ergeht. Durch sie gibt es exklusive Einblicke, die bei einer begleiteten Tour niemals gezeigt werden, von Armut, Mangel, Repression, von Bestrafung in den Arbeitslagern beziehungsweise Umerziehungslagern. Der Jurist Michael Kirby hat 2014 im Auftrag der Vereinten Nationen mehr als 300 Augenzeugenberichte und Fl\u00fcchtlingsgeschichten zusammengetragen. Seiner Sch\u00e4tzung nach sind rund 80.000 bis 120.000 politische Gefangene in mehreren dieser Lager weggesperrt. Die Regierung in Pj\u00f6ngjang bestreitet die Existenz solcher Lager (obwohl es Satellitenaufnahmen gibt), l\u00e4sst aber auch keine Forscher oder Fachleute der Vereinten Nationen ins Land. Kirby durfte auch nicht einreisen.<\/p>\n<p>Der vorliegende Film \u201eThe Jangmadang Generation\u201c nimmt genau diesen Augenzeugen-Blickwinkel ein und verschafft uns Einblicke in das verschlossene Land durch die Augen junger, gefl\u00fcchteter Nordkoreaner, in ihren Alltag, auch hinter die Mauern in die Lager der politisch Verfolgten. Aber nicht nur: Sie erz\u00e4hlen auch von Solidarit\u00e4t, Gastfreundschaft und einem erstaunlichen Improvisationstalent.\u00a0 W\u00e4hrend der gro\u00dfen Hungersnot in den neunziger Jahren waren sie Kinder oder Jugendliche, und in dieser Zeit ist \u2013 so die These des Films \u2013 das Vertrauen vieler Nordkoreaner in ihren Staat endg\u00fcltig verlorengegangen. Die Vertrauenskrise hat dazu gef\u00fchrt, dass vor allem die Jungen ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben, um \u00fcber die Runden zu kommen.<\/p>\n<p><strong>Hoffnung durch freie M\u00e4rkte<\/strong><\/p>\n<p>So wie Joo Yang, die sechs Jahre alt war, als sie mitansehen musste, wie die Menschen vom Hunger geschw\u00e4cht auf der Stra\u00dfe lagen oder mit blo\u00dfen H\u00e4nden Gras abrissen und a\u00dfen. Mit 14 Jahren begann sie, Sojabohnen auf den freien M\u00e4rkten zu verkaufen, die \u00fcberall im Land entstanden. Oder Kan Min, der mit neun Jahren von seiner Mutter getrennt worden war, und danach ein Leben als Stra\u00dfendieb fristete. Oder Danbi, die Kleidung aus China \u00fcber den Grenzfluss schmuggelte, ihre Freunde damit ausstaffierte, sie \u00fcber den Markt laufen lie\u00df und so den Verkauf ankurbelte. Das verbindende Element, das sind die M\u00e4rkte, \u201eJangmadang\u201c, das kleine St\u00fcckchen Privatwirtschaft, das die Menschen vom unzul\u00e4nglichen staatlichen Verteilungssystem unabh\u00e4ngig macht. Zumindest ein bisschen. Und somit auch geistig ein St\u00fcck frei werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die Protagonisten des Films, den die internationale Nichtregierungsorganisation \u201eLiberty in North Korea\u201c (LiNK) produziert hat, haben es allesamt geschafft, von Nordkorea \u00fcber China nach S\u00fcdkorea und Amerika zu fl\u00fcchten. Nach eigenen Angaben hat die Organisation rund 800 Fl\u00fcchtlingen aus China heraus geholfen \u2013 und damit aus der Gefahrenzone, denn China schickt aufgegriffene Nordkoreaner zur\u00fcck in deren Heimat. Zudem helfen die Aktivisten bei der Eingliederung in die Zielgesellschaften S\u00fcdkoreas oder Amerikas, was rund 3000 Dollar kostet pro Fl\u00fcchtling.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich: Die bewegenden Geschichten der Fl\u00fcchtlinge k\u00f6nnen nicht nachrecherchiert werden, es ist m\u00f6glich, dass jemand \u00fcbertreibt \u2013 aber es ist auch m\u00f6glich, dass die Interviewpartner untertreiben. Solange das nordkoreanische Regime internationalen Beobachtern und Journalisten keine Chance gibt, im Land frei und ohne Einschr\u00e4nkung zu recherchieren, bleiben Fl\u00fcchtlingsberichte (und die Geschichten von \u00dcberl\u00e4ufern) die einzige und mit Sicherheit auch beste Quelle, um den Vorhang Nordkoreas ein wenig zu l\u00fcften. Die Vielzahl \u00e4hnlicher Erlebnisse spricht eine deutliche Sprache. \u201eThe Jangmadang Generation\u201c wird bei verschiedenen Medien auf der ganzen Welt in zw\u00f6lf Sprachen gezeigt, im deutschsprachigen Raum<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/the-jangmadang-15589276.html\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/the-jangmadang-15589276.html\"> l\u00e4uft der Film exklusiv bei FAZ.NET<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag erschienen bei FAZ.NET (18.05.2018) Von Martin Benninghoff Auf politischer B\u00fchne tut sich etwas im Korea-Konflikt. Aber wie geht es den Nordkoreanern selbst? FAZ.NET zeigt exklusiv den Film \u201eThe Jangmadang Generation\u201c auf Deutsch. Er l\u00e4sst junge, gefl\u00fcchtete Nordkoreaner zu Wort&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2048\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Ketten sprengen auf Nordkoreanisch<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[156,134,1],"tags":[530,305,529],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2048"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2048"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2048\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2049,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2048\/revisions\/2049"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2048"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2048"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2048"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}