{"id":2052,"date":"2018-05-24T19:06:35","date_gmt":"2018-05-24T17:06:35","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2052"},"modified":"2018-05-24T19:06:35","modified_gmt":"2018-05-24T17:06:35","slug":"warum-ein-staedte-spagat-keine-gute-idee-ist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2052","title":{"rendered":"Warum ein St\u00e4dte-Spagat keine gute Idee ist"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2018\/05\/24\/warum-ein-staedte-spagat-mit-kind-keine-gute-idee-ist-32\/\">Artikel erschienen bei FAZ.NET (24.05.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Fernpendeln mit Kind \u2013 klingt verr\u00fcckt, machen aber etliche Arbeitnehmer. Was mit einem S\u00e4ugling noch funktionieren mag, wird umso schwieriger, je gr\u00f6\u00dfer das Kind wird.<\/strong><\/p>\n<p>Als Elias noch nicht geboren war und meine Frau und ich nicht wussten, ob unser Sohn seinem pr\u00e4natalen Ultraschallbild wirklich \u00e4hnlich sieht oder nicht (er tat es schlie\u00dflich ziemlich haargenau), stellten wir uns die bange Frage: Wird der Kleine nun in Frankfurt am Main geboren oder doch eher in Berlin, unserer damaligen Heimatstadt? Oder gar in Fulda, G\u00f6ttingen, Wolfsburg, Erfurt, Eisenach oder Halle an der Saale, wo der ICE-Sprinter durchfuhr, je nachdem, ob wir die West- oder Ostzugverbindung w\u00e4hlten?<\/p>\n<p>Zu der Zeit pendelten wir zwischen Berlin und Frankfurt. Meine Frau, die bereits im Mutterschutz war, und ich fuhren fast w\u00f6chentlich zwischen unserer Wohnung im Berliner Stadtteil Charlottenburg und meiner Arbeitsstelle als Redakteur der F.A.Z. im Frankfurter Gallusviertel beziehungsweise der kleinen Zweitwohnung in einem Vorort hin und her. Selbst drei Tage vor der unerwartet fr\u00fchen Geburt im Herbst 2016 hockten wir beide \u2013 oder auch zweieinhalb \u2013 mit dickem Bauch (meine Frau, in diesem Fall darf man das sagen!) und ohne dicken Bauch (ich) zwischen Koffern und Currywurst verspeisenden Mallorca-Urlaubern im Bordbistro auf schmalen Sitzen eingepfercht, auf denen der Hintern nur zur H\u00e4lfte Platz findet. Mit einem Ungeborenen traut man sich noch nicht in die rettende Ger\u00e4umigkeit des Kinderabteils.<\/p>\n<p>Dabei h\u00e4tten die Wehen jederzeit losschlagen k\u00f6nnen. Wir hatten uns vorbereitet, zumindest partiell. Also, nicht auf den schlimmsten aller F\u00e4lle, die Sturzgeburt bei Tempo 280 zwischen Bitterfeld und Lutherstadt Wittenberg, wohl aber auf Frankfurt und Berlin, wo wir uns jeweils eine Geburtsstation in einem Krankenhaus ausgeguckt hatten. Zu der Zeit h\u00e4tte ich allerdings mein Jahresgehalt daf\u00fcr verpf\u00e4ndet, damit uns das Schicksal des Geburtstermins, das ja trotz allen technischen Schnickschnacks noch immer weitgehend unplanbar ist, unbedingt in Berlin und nicht in Frankfurt erwischt. Warum? Weil man doch in diesen sensibel-privaten Tagen dort sein m\u00f6chte, wo man zuhause ist. Wo man nach den Tagen im Krankenhaus gemeinsam nach Hause fahren kann, dieses Mal mit \u201emaxi cosi\u201c, aus dem der kleine neue Mitbewohner erwartungsfroh in die Welt lugt, die ihm die Eltern bieten.<\/p>\n<p>Wir hatten Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: In der Nacht von einem Samstag auf Sonntag ging es pl\u00f6tzlich los, als wir im Berliner Bett lagen, gut 20 Stunden bevor ich wieder nach Frankfurt in den Zug gestiegen w\u00e4re. In solchen Momenten glaubt man an eine Art Vorsehung oder Schicksal, zumindest solange der Hormonspiegel auch beim Vater anh\u00e4lt. Also Krankenhaus in Berlin-Westend. Und die ersten Tage des Mutterschutzes und der Elternzeit konnten wir zuhause verbringen, im kalten Berlin, das sich f\u00fcr uns aber unglaublich warm anf\u00fchlte.<\/p>\n<p>Heute ist Elias 18 Monate alt. Von den bangen Pendelgeschichten seiner Geburt wei\u00df er nichts, es sei denn, man fragt sich, ob auch ein ungeborenes Kind den Stress und die Hetze eines Pendlerlebens mitbekommt. Dann wei\u00df er es eher unbewusst. Mobil ist er jedenfalls geblieben, so mobil, wie meine Gro\u00dfeltern in ihrem ganzen Leben nicht waren. Bis vor kurzem ist Elias h\u00e4ufig mitgependelt, bis wir von Berlin ins Rhein-Main-Gebiet gezogen sind, um ihm den Stress und uns die Kosten k\u00fcnftig zu ersparen. In den vielen Bahnh\u00f6fen, die er kennenlernen musste, ist er aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen, so viele Z\u00fcge, was er mit ausgestrecktem Zeigefinger und einem lauten \u201eBa, Ba, Ba\u201c (f\u00fcr Bahn) quittierte. In verschiedenen Betten hat er geschlafen; ob ihm die h\u00e4ufige Umstellung geschadet oder sogar gutgetan hat, auch darum wird es in einem der n\u00e4chsten Texte gehen.<\/p>\n<p>Bei allen k\u00fcnstlichen Diskussionen \u00fcber die Notwendigkeit eines Eltern-F\u00fchrerscheins oder irgendeiner Art von Qualit\u00e4tskontrolle: Nicht nur pauschal das Elternsein ist beim ersten Kind Neuland, sondern auch das Elternsein in einer Umgebung, die das ziemlich erschwert. Pendeln ist da nur ein Faktor, mangelnde Betreuungsm\u00f6glichkeiten bei berufst\u00e4tigen Paaren ein anderes. Oder aber die gar nicht so leichte Rollenfindung in der neuen Kleinfamilie. Was es bedeutet, eine Familie zusammenzuhalten in einem Zustand der mindestens gelegentlichen Zerrissenheit, kann nachempfinden, wer zweieinhalb Jahre einen St\u00e4dte-Spagat hinter sich hat. Empfehlenswert ist das aber nicht, wie diesem Text zumindest zwischen den Zeilen zu entnehmen sein sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel erschienen bei FAZ.NET (24.05.2018) Von Martin Benninghoff Fernpendeln mit Kind \u2013 klingt verr\u00fcckt, machen aber etliche Arbeitnehmer. Was mit einem S\u00e4ugling noch funktionieren mag, wird umso schwieriger, je gr\u00f6\u00dfer das Kind wird. 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