{"id":2054,"date":"2018-05-28T22:23:02","date_gmt":"2018-05-28T20:23:02","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2054"},"modified":"2018-06-14T15:11:18","modified_gmt":"2018-06-14T13:11:18","slug":"als-sie-fuer-honecker-und-kim-il-sung-uebersetzte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2054","title":{"rendered":"Als sie f\u00fcr Honecker und Kim Il-sung \u00fcbersetzte"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/chef-dolmetscherin-der-ddr-als-sie-fuer-erich-honecker-uebersetzte-15569829.html?premium\">Artikel erschienen in der F.A.Z. und bei FAZ.NET (am 28.05.2018)<\/a><\/p>\n<p><strong>Als Dolmetscherin war die Koreanistin Helga Picht hautnah dabei, wenn sich Erich Honecker und Nordkoreas Machthaber Kim Il-sung getroffen haben. Wer ist die Zeitzeugin, die gleich in drei L\u00e4ndern und Systemen angeeckt ist?<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>Als die Fernsehbilder vom Gipfeltreffen der beiden koreanischen Staatsf\u00fchrer im April die Runde machen, sitzt Helga Picht im fernen Bernau bei Berlin besonders aufmerksam vor dem Fernseher. Vor allem, als die graue Eminenz der nordkoreanischen Au\u00dfenpolitik, Kim Yong-nam, neben dem Diktator Kim Jong-un auftaucht. \u201eDer ist immer noch dabei\u201c, sagt Picht, \u201emein alter Freund, auch wenn wir uns Jahrzehnte nicht mehr gesehen haben\u201c.<\/p>\n<p>Die 84 Jahre alte ehemalige Koreanistik-Professorin und der 90 Jahre alte Chefdiplomat kennen sich noch aus Zeiten, als Picht die sozialistischen Br\u00fcder und Schwestern aus Nordkorea \u00fcbersetzte. Sie war jahrzehntelang die Chefdolmetscherin der DDR-Staatsf\u00fchrung, wann immer es um Korea ging. Sie war dabei, wenn Erich Honecker mit Nordkoreas Staatsgr\u00fcnder Kim Il-sung zusammentraf, sie sch\u00fcttelte dessen Sohn Kim Jong-il die Hand. Ihr Sch\u00fcler R\u00fcdiger Frank, heute Professor und Nordkorea-Fachmann, schreibt \u00fcber sie: \u201eSie kannte Nordkorea bis hin in die oberste F\u00fchrung aus eigener Anschauung. Sie hat ihren Studenten ein Verst\u00e4ndnis Nordkoreas nahegebracht, wie man es in dieser Tiefe nur selten findet.\u201c<\/p>\n<p>Ein Verst\u00e4ndnis, das auch Kim Yong-nam an ihr gesch\u00e4tzt haben d\u00fcrfte. Doch beide trennen mittlerweile Welten. Kim kann sich seit Jahrzehnten im inneren Machtzirkel Pj\u00f6ngjangs halten, er \u00fcberstand etliche \u201eS\u00e4uberungswellen\u201c, die enge Familienangeh\u00f6rige wie Jang Song-thaek nicht \u00fcberlebten. Als nominelles Staatsoberhaupt ist er heute so etwas wie das, was Andrei Gromyko in der Sowjetunion war \u2013 der hart verhandelnde, aber freundliche Diplomat, gebildet, erfahren, polyglott. Er konnte seiner Ideologie und seinem System treu bleiben. Selbst im hohen Alter offenbar unverzichtbar f\u00fcr den jungen Diktator Kim Jong-un, der gerade seine ersten Laufversuche auf internationaler B\u00fchne hinter sich hat.<\/p>\n<p>\u00dcber Helga Picht hingegen fegt die Geschichte bereits zur Wendezeit 1989\/90 hinweg, als ihr die politische Heimat, die DDR, abhandenkommt. Und etwas sp\u00e4ter dazu das Land, das ihre Begeisterung f\u00fcr die koreanische Kultur und ihre Menschen entfacht hat: Nordkorea. Bitter ist die betagte Koreanistin deshalb nicht. Sie ist eine Frau geblieben, die nicht nur als Dolmetscherin h\u00e4ufig zwischen den St\u00fchlen sitzt. Sie strahlt Lebenslust aus, die Milde des Alters, aber auch den Willen, von ihrer Sozialisation, ihren Idolen aus der zum gr\u00f6\u00dften Teil untergegangenen sozialistischen Welt nicht vollends lassen zu wollen.<\/p>\n<p>1955 fliegt Picht zum ersten Mal nach Nordkorea. Was sie dort sieht, pr\u00e4gt sie f\u00fcrs ganze Leben: Menschen, die in Erdl\u00f6chern wohnen oder sich in Bombenkratern einrichten, zerlumpte Kinder, ausgemergelte Alte. Der Korea-Krieg hat die Hauptstadt Pj\u00f6ngjang fast vollst\u00e4ndig in Schutt und Asche gelegt, Erinnerungen werden wach an die eigenen Kriegserlebnisse, als Picht als Elfj\u00e4hrige aus ihrer Heimatstadt Schwedt an der Oder, das an der heutigen deutsch-polnischen Grenze liegt, ins westlichere Prenzlau fliehen musste. Das, was sie in Korea sieht, politisiert die Jungsozialistin weiter. \u201eNie wieder Krieg, das war und ist meine zentrale Devise\u201c, sagt sie. Das Dolmetscherpraktikum absolviert sie in der neu eingerichteten DDR-Botschaft in Pj\u00f6ngjang, die in einem h\u00f6lzernen Provisorium untergebracht ist.<\/p>\n<p><strong>Kim Il-sung beeindruckt sie<\/strong><\/p>\n<p>In der noch jungen DDR macht Picht Karriere. Ihre Koreanisch-Kenntnisse, die sie an der Universit\u00e4t und in Sprachkursen vertieft, macht sie interessant f\u00fcr den Staat, der international Verb\u00fcndete sucht und im sozialistischen Teil Koreas auch findet. Ab 1956 dolmetscht sie nordkoreanische Delegationen, die nach Ost-Berlin kommen, 1960 geht sie zum Studium nach Pj\u00f6ngjang auf die elit\u00e4re Kaderschmiede der Kim-Il-sung-Universit\u00e4t. Sp\u00e4ter wird sie Diplomatin. Sie lernt die M\u00e4chtigen der DDR kennen, Walter Ulbricht zum Beispiel, und den ehemaligen Partisanenk\u00e4mpfer und Staatsgr\u00fcnder Nordkoreas, Kim Il-sung.<\/p>\n<p>Der Charismatiker, um den auch 24 Jahre nach dem Tod in seiner Heimat ein aufw\u00e4ndiger Personenkult betrieben wird, beeindruckt Picht \u2013 bis heute. Was denkt die lange Zeit \u00fcberzeugte DDR-B\u00fcrgerin \u00fcber die Diktatur als Staatsform? \u201eKim hat an der Spitze einer Entwicklungsdiktatur den Nordkoreanern einen bescheidenen, aber wachsenden Wohlstand beschert, zumindest eine Zeitlang\u201c, sagt sie. Dar\u00fcber, dass Kim Dissidenten und die Opposition selbst in der eigenen Partei gnadenlos verfolgen l\u00e4sst, und seine Nachfolger es ihm bis heute gleichtun, spricht Picht nicht so gerne. \u201eIch rede nur \u00fcber die Dinge, die ich mit eigenen Augen gesehen habe.\u201c<\/p>\n<p>Rund zehn Mal dolmetscht sie Kim Il-sung, der sie eines Tages fragt, ob sie nicht einen Koreaner heiraten will, um die Menschen und nicht nur die Sprache noch besser kennenzulernen. Picht winkt ab: \u201e Tut mir leid, ich bin verheiratet, habe zwei Kinder, das ist zu sp\u00e4t.\u201c Kim sagt nur: \u201eSchade.\u201c Picht lacht, als sie das erz\u00e4hlt, aber selbst in dieser privaten Anekdote erkennt sie die\u00a0\u201eKlugheit\u201c des Diktators: \u201eEr wusste instinktiv, was meine Schw\u00e4che ist. Ich habe nie unter Koreanern gelebt.\u201c Kim, der menschelnde Despot?<\/p>\n<p>In Erinnerung geblieben ist ihr ein Vier-Augen-Gespr\u00e4ch zwischen Ulbrichts Nachfolger Erich Honecker und Kim Il-sung: Nach dem \u00fcblichen\u00a0\u201eProtokoll-Gepl\u00e4nkel\u201c habe Kim zu Honecker gesagt, man sei sich in allem einig, bis auf die Frage der Wiedervereinigung. Honecker betont zu dieser Zeit die Eigenst\u00e4ndigkeit der DDR, derweil Kim am Ziel der Wiedervereinigung mit S\u00fcdkorea festh\u00e4lt. Das Protokoll, das Picht schreibt, verschwindet \u2013 und taucht nie wieder auf, die Risse im sozialistischen Lager sollen offenbar verdeckt bleiben.<\/p>\n<p>Dass der real existierende Sozialismus schon l\u00e4ngst im Inneren fault, merkt Picht auch bei anderer Gelegenheit: Als sie 1986 Honecker nach Nordkorea begleitet, sitzen beide auf der R\u00fcckfahrt ins Hotel alleine im Auto, vorne nur der Fahrer und die Sicherheitsbeamten. Honecker schaut aus dem Fenster und sagt sinngem\u00e4\u00df, dass es auf dem Land viel \u00e4rmlicher aussehe, als es die Genossen Nordkoreaner darstellen m\u00f6chten. \u201eGenosse\u201c, entgegnet Picht wie aus der Pistole geschossen, \u201ewann warst Du zum letzten Mal in Mecklenburg?\u201c Honecker spricht mit ihr auf dem weiteren R\u00fcckweg kein Wort mehr.<\/p>\n<p><strong>Teil der intellektuellen Elite der DDR<\/strong><\/p>\n<p>Zu dem Zeitpunkt ist Picht angesehene Koreanistik-Professorin und Teil der intellektuellen DDR-Elite. Im Flur ihres Hauses in Bernau, das auf dem Grundst\u00fcck steht, auf dem fr\u00fcher zu DDR-Zeiten das Wochenendhaus f\u00fcr sie, ihren mittlerweile verstorbenen Mann und die beiden S\u00f6hne stand, h\u00e4ngt eine Zeichnung des abgerissenen Palastes der Republik in Berlin. \u201eEine Schande, dass der weg ist\u201c, sagt sie, \u201eda waren fr\u00fcher oft Veranstaltungen oder Tanzb\u00e4lle, wo wir hingegangen sind\u201c. F\u00fcr das Au\u00dfenministerium schreibt Picht zehn Jahre lang interne Analysen \u00fcber Nordkorea, die \u201eJuche\u201c-Ideologie der Eigenst\u00e4ndigkeit, die kulturellen und politischen Verh\u00e4ltnisse. Auch zur Staatssicherheit Erich Mielkes bestehen Kontakte: \u201eDenen habe ich gesagt, ich mache keine Aussagen zu irgendwelchen Einzelpersonen, daran hat man sich gehalten.\u201c<\/p>\n<p>Trotz der engen Verquickung: Ihr Verh\u00e4ltnis zur DDR k\u00fchlt seit den sp\u00e4ten siebziger Jahren ab: \u201eIch war der Meinung, dass Sozialismus ohne Demokratie nicht m\u00f6glich ist\u201c, sagt sie. \u201eDie Partei war aber mehr und mehr verkommen, zum Schluss unertr\u00e4glich und von B\u00fcrokraten gef\u00fchrt!\u201c Selbst die Spitzenleute, die sie einst sch\u00e4tzte, wie den langj\u00e4hrigen Vorsitzenden des Ministerrates, Willi Stoph,\u00a0\u201ehatten zum Schluss keinerlei Bezug mehr zur Realit\u00e4t\u201c. Das Band bekommt einen weiteren Riss, als die SED-B\u00fcrokraten Picht 1988 die Reise zu den Olympischen Spielen in die s\u00fcdkoreanische Hauptstadt Seoul verbieten. Die Dolmetscherin, die Honecker und anderen sehr nahegekommen war, soll nicht im Land des Klassenfeindes ins Plaudern kommen.\u00a0\u201eIch war stinksauer.\u201c<\/p>\n<p><strong>Kim Jong-il, der Playboy<\/strong><\/p>\n<p>Noch einmal nach Nordkorea darf sie kurz vor der Wende 1989: Honeckers Kronprinz Egon Krenz, als Politb\u00fcromitglied unter anderem zust\u00e4ndig f\u00fcr die sozialistische Jugend des Landes, f\u00fchrt eine Delegation zu den Weltfestspielen nach Pj\u00f6ngjang an. Bei einem Treffen mit Kim Il-sung bietet sich die Gelegenheit, dessen Sohn und sp\u00e4teren Nachfolger Kim Jong-il aus der N\u00e4he zu betrachten. F\u00fcr Picht eine Entt\u00e4uschung: \u201eEin Playboy\u201c, sagt sie, im Umgang sch\u00fcchtern wohl auch wegen seiner Sprachbehinderung, wortkarg und l\u00e4ngst nicht so charismatisch wie sein Vater. Sie sch\u00fcttelt seine Hand, das war es.<\/p>\n<p>Mit dem Personenkult rund um die Kims kann sie ohnehin nicht so viel anfangen, auch wenn sie die Gr\u00fcnde daf\u00fcr zu kennen meint \u2013 das Streben nach einem eigenen Weg in Abgrenzung zu Moskau und Peking. Das Angebot, Propagandatexte der Kims mit solch vermessenen Titel wie \u201cKim Jong-il, der gro\u00dfe Lehrer f\u00fcr Journalisten\u201c ins Deutsche zu \u00fcbersetzen, lehnt sie ab. \u201eDa habe ich mal gelogen\u201c, sagt sie, \u201eund gesagt, ich habe keine Zeit. Dabei hatte ich keine Lust, das war mir zu bl\u00f6d.\u201c Ein Teil dieser Propagandamaschine wollte sie nicht sein.<\/p>\n<p>Mit dem Mauerfall in Deutschland bricht f\u00fcr Picht die ohnehin l\u00e4ngst nicht mehr heile sozialistische Welt zusammen. Sie f\u00fchlt sich missverstanden und als Teil der DDR-Elite mit Wohnung an der Berliner Oranienburger Stra\u00dfe, Freizeith\u00e4uschen in Bernau und Kontakten in die erste F\u00fchrungsriege des untergegangenen Staates angefeindet. Im M\u00e4rz 1992 gibt sie ihre Professur an der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin auf, sie will sich nicht \u201ekriminalisieren\u201c lassen, weigert sich, die DDR als \u201eVerbrecherstaat\u201c anzusehen, wom\u00f6glich auf einer Stufe mit der Nazi-Diktatur Hitlers, die sie so verabscheut.<\/p>\n<p><strong>Endlich Reisefreiheit, ab nach S\u00fcdkorea<\/strong><\/p>\n<p>In den neunziger Jahren ist sie Mitglied der SED-Nachfolgepartei PDS, aber auch die Bande rei\u00dft, als deren Parteispitze Bundeswehreins\u00e4tze im Rahmen von UN-Mandaten f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt. Picht, f\u00fcr die \u201eNie wieder Krieg\u201c noch immer gilt, gibt ihr Parteibuch ab. Paradoxerweise bietet ihr der Mauerfall die Reisefreiheit nach S\u00fcdkorea, die sie fr\u00fcher nie hatte. Dort wird sie freundlich empfangen und in Medien als gefragter Interviewpartner herumgereicht, auch da sie, die Deutsche, per Herkunft als Fachfrau f\u00fcr Wiedervereinigungsfragen gilt. Dass ihr Rat an die S\u00fcdkoreaner ausgerechnet vom im S\u00fcden verhassten Kim Il-sung stammt, verschweigt sie lieber: \u201e&#8217;Jeder muss seinen eigenen Kopf benutzen und den eigenen Weg suchen.&#8216; Das hat er fr\u00fcher immer gesagt, leider sp\u00e4ter immer weniger.\u201c<\/p>\n<p>Picht f\u00fchlt sich wohl im boomenden S\u00fcdkorea, in Nordkorea erkennt sie hingegen Parallelen zur sp\u00e4ten DDR. Sie kritisiert, dass im Norden \u201ejede noch so kleine Kleinigkeit von irgendeinem B\u00fcrokraten abgesegnet werden muss\u201c. Und sagt \u00f6ffentlich, dass die DDR deshalb implodiert sei, weil es ihr an Demokratie gemangelt habe. Als sei das noch nicht genug, setzt sie einen drauf: Der Osten Deutschlands sei im Vergleich zu Nordkorea allerdings ein \u201eHort demokratischer Verh\u00e4ltnisse\u201c gewesen. Unerh\u00f6rt, das ist zu viel f\u00fcr die koreanischen Sozialisten im Norden: Als Picht 2001 nach Nordkorea reisen m\u00f6chte, wird ihr, der Freundin des Landes, das Visum verwehrt. Ihr Traum, einmal mit dem Zug von Berlin \u00fcber Moskau nach Pj\u00f6ngjang und Seoul zu fahren, muss ein Traum bleiben. Ihr Korea lebt in den Erinnerungen und den B\u00fcchern, die sie \u00fcbersetzt hat. Und den Fernsehbildern von Gipfeltreffen. Wobei:\u00a0\u201eAch, da hat sich nicht viel ver\u00e4ndert. Die Chefs reden, und die anderen sitzen daneben und d\u00fcrfen l\u00e4cheln.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel erschienen in der F.A.Z. und bei FAZ.NET (am 28.05.2018) Als Dolmetscherin war die Koreanistin Helga Picht hautnah dabei, wenn sich Erich Honecker und Nordkoreas Machthaber Kim Il-sung getroffen haben. 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