{"id":2058,"date":"2018-06-02T15:59:22","date_gmt":"2018-06-02T13:59:22","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2058"},"modified":"2018-06-26T13:48:00","modified_gmt":"2018-06-26T11:48:00","slug":"gespielte-arroganz-gehoert-dazu","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2058","title":{"rendered":"&#8222;Gespielte Arroganz geh\u00f6rt dazu&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/marius-mueller-westernhagen-im-gespraech-gespielte-arroganz-gehoert-dazu-15618083.html?premium=0x23f9a8a4b42319ed352f551b9dcc146e&amp;GEPC=s2\">Interview erschienen in der F.A.S. und bei FAZ.NET (02. bzw. 03.06.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff und Oliver Georgi, Berlin<\/em><\/p>\n<p><strong>Einer der bekanntesten Rockstars Deutschlands wird im Dezember 70 Jahre alt. Marius M\u00fcller-Westernhagen \u00fcber sein Image, die H\u00f6hen und Tiefen seiner Karriere, den Skandal um den Echo und die Weichei-Stimmen heutiger S\u00e4nger.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Herr M\u00fcller-Westernhagen, Sie werden in diesem Dezember 70. W\u00e4re eine Karriere wie die Ihre heute noch m\u00f6glich?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, ich glaube nicht. Wenn du Erfolg haben willst, nachhaltigen, langfristigen Erfolg, dann musst du dir deinem Publikum gegen\u00fcber Loyalit\u00e4t erarbeiten. Aber das wird ja heute gar nicht mehr probiert. Das liegt sicher auch daran, dass die Plattenfirmen mittlerweile Shareholder sind. Die m\u00fcssen immer innerhalb von drei Monaten Erfolge vorweisen \u2013 f\u00fcr mich geht das in einem kreativen Business nicht. Ich habe mich mal mit einem CEO von Warner in Amerika gestritten, weil ich gesagt habe: Man kann nicht jedes Jahr ein Album machen, das millionenfach verkauft wird und auf Nummer 1 geht. Da hat der geantwortet: Wieso denn nicht? Das kapieren die gar nicht. Heutzutage werden Stars \u00fcber Marktforschung gemacht \u2013 man fragt die Leute, was sie haben wollen, und liefert dann. Als K\u00fcnstler verkauft man sich \u2013 das finde ich nicht sehr befriedigend. Die Substanz fehlt.<\/p>\n<p><strong>Aber war das fr\u00fcher wirklich so anders?<\/strong><\/p>\n<p>Definitiv, ich bin durch Musik sozialisiert worden, die anders war. Bob Dylan hat Zeilen geschrieben, die f\u00fcr uns Leits\u00e4tze wurden \u2013 das ist das Geheimnis f\u00fcr Erfolg: Dass man etwas ausdr\u00fcckt, was andere zwar empfinden, aber selbst nicht artikulieren k\u00f6nnen. Das passiert heute nicht mehr, es gibt nur noch Anbiederei. Und das sage ich, obwohl ich kein Freund von Nostalgie bin, im Gegenteil.<\/p>\n<p><strong>Ist die Musik flacher geworden?<\/strong><\/p>\n<p>Sie hat weniger Qualit\u00e4t als fr\u00fcher. Wenn man sich heute Songs von Jimi Hendrix oder Led Zeppelin anh\u00f6rt, das waren hochkomplexe St\u00fccke. Die Pop- und Rockmusik h\u00e4tte zu einer eigenen Kunstform wie der Jazz werden k\u00f6nnen, aber das wurde verspielt. Heute gibt es nur noch Gier, weil immer mehr Platten verkauft werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Aber K\u00fcnstler wollten doch schon immer Platten verkaufen.<\/strong><\/p>\n<p>Schon, aber im Gegensatz zu fr\u00fcher lassen sich viele K\u00fcnstler heute viel zu schnell locken und verschei\u00dfern. Die machen ein gro\u00dfartiges erstes Album, und dann soll das zweite bitte noch ein bisschen publikumsfreundlicher werden, und schon ist es vorbei mit den Anspr\u00fcchen, weil die gro\u00dfe Kohle lockt. Mir hat Geld in dem Sinne nie etwas bedeutet. Ich genie\u00dfe es, aber mehr auch nicht.<\/p>\n<p><strong>Sie haben drei Alben gemacht, bis sich 1978 mit \u201eMit Pfefferminz bin ich dein Prinz\u201c der Erfolg einstellte. War das Publikum fr\u00fcher geduldiger mit seinen K\u00fcnstlern?<\/strong><\/p>\n<p>Das Publikum, aber auch die Plattenfirmen. Als K\u00fcnstler hatte man mehr Zeit, sich zu entwickeln. Obwohl sich meine ersten Alben immer schlechter verkauften, lie\u00df man mich weitermachen und ausprobieren. Bei \u201ePfefferminz\u201c hatte ich damals das gro\u00dfe Gl\u00fcck, Siggi Loch als Plattenchef zu haben. Der hat zwar auch nicht verstanden, worum es mir ging, aber er dachte offenbar: Wenn einer so unversch\u00e4mt ist und sein Ding einfach durchzieht, dann muss irgendwas dahinter sein.<\/p>\n<p><strong>Wann kommt das n\u00e4chste Album?<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann immer erst Neues schreiben, wenn etwas abgeschlossen ist. Wir setzen im August noch die Unplugged-Tour fort, au\u00dferdem ist meine vertragliche Situation gerade nicht ganz klar. Die Plattenfirma, mit der ich das Unplugged-Album gemacht habe, hat zwar noch eine Option auf ein weiteres Album, aber w\u00e4hrend der Arbeit an Unplugged hat sie st\u00e4ndig Druck auf mich ausge\u00fcbt und versucht, mir reinzureden. So arbeite ich nicht.<\/p>\n<p><strong>Sie haben sich beim MTV-Unplugged-Konzert in Berlin \u00fcber die Regeln der Reihe lustig gemacht, die Gaststars auf der B\u00fchne vorsieht. Kann man ein Format nutzen, ohne seine Regeln zu akzeptieren?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, weil ich es tragisch finde, wie die Reihe immer mehr verkommt. Am Anfang, mit Nirvana, Neil Young und anderen, waren die MTV-Unplugged-Konzerte ein tolles Format. Das war die K\u00f6nigsdisziplin, in der man zeigen musste, was man wirklich draufhat. Inzwischen ist das nicht mehr so, weil vieles nachbearbeitet wird. Ich wei\u00df von bekannten Leuten, deren Unplugged-Konzerte vollst\u00e4ndig nachproduziert wurden. Und dann tapert bei jedem zweiten Song noch ein Gaststar rein, und alle haben sich lieb, obwohl sie sich kaum kennen \u2013 so etwas wollte ich nicht machen. Also habe ich Udo Lindenberg und andere auf die B\u00fchne geholt, zu denen ich eine echte Beziehung habe. Au\u00dferdem wollte ich Udo einfach gern mal trommeln sehen <em>(lacht)<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Er scheint ja auch noch regelm\u00e4\u00dfig zu \u00fcben&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Als ich Udo fragte, ob er auf einen Gastauftritt Lust h\u00e4tte, war er total entspannt und sagte <em>(ahmt Lindenberg nach)<\/em>: Hey, klaro, alles easy. Aber als er dann zu den Proben kam, kannte er das Arrangement von vorne bis hinten, und ich dachte: Hey, Udo hat echt ge\u00fcbt! Er ist schon sehr ehrgeizig.<\/p>\n<p><strong>Lindenberg hat nach Jahren in der Versenkung ein gro\u00dfes Comeback erlebt \u2013 beneiden Sie ihn daf\u00fcr?<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt nicht, warum sollte ich? Udo hat schwere Zeiten hinter sich, deshalb freue ich mich wahnsinnig dar\u00fcber, dass er noch mal so gew\u00fcrdigt wird. Er genie\u00dft dieses <em>limelight<\/em>. Trotzdem muss er aufpassen. Er darf es jetzt nicht \u00fcbertreiben.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p>\n<p>Er sollte rechtzeitig merken, wann es reicht, wann es auch wieder gut ist. Die Gefahr, dass man sich verkauft, ist zu gro\u00df, und viele Leute kriegen das nicht mit. Dann machst du dich zu deiner eigenen Karikatur. Und verlierst dich.<\/p>\n<p><strong>Hatten Sie in Ihrer Karriere selbst mal diese Angst, sich zu verlieren?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, in der Zeit meiner Stadionkonzerte in den Neunzigern, in der ich mich konstant \u00fcberfordert gef\u00fchlt habe. Ich wollte nicht die \u00dcberfigur sein, vor der Leute in Ohnmacht fallen. Auch der Druck war unglaublich hoch, schon \u00f6konomisch. Warner Deutschland, meine damalige Plattenfirma, wurde in dieser Zeit von mir und Phil Collins finanziert \u2013 wenn wir keine Platten machten, hatten die ein schlechtes Ergebnis.<\/p>\n<p><strong>Es f\u00e4llt schwer zu glauben, dass Sie den Ruhm in dieser Zeit nicht auch sehr genossen haben&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es anfangs toll, ein Riesenstar zu sein und diese gewaltigen Shows zu spielen. Es ist unfassbar, auf eine B\u00fchne zu gehen und die Energie von hunderttausend Leuten zu sp\u00fcren, die dir zujubeln. Aber dann beginnt es sich zu wiederholen, und man hat nur noch die M\u00f6glichkeit, immer noch gr\u00f6\u00dfer zu werden. Ich wusste pl\u00f6tzlich nicht mehr, warum ich das alles mache, weil die Verpackung wichtiger geworden war als der Inhalt. Stadionkonzerte haben mit musikalischer Qualit\u00e4t nichts mehr zu tun.<\/p>\n<p><strong>Trotzdem haben viele es f\u00fcr arrogante Koketterie gehalten, dass Sie damals Ihren R\u00fcckzug aus den Stadien verk\u00fcndeten. Haben Sie das verstanden?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, sehr gut sogar. Es gibt ja auch viele K\u00fcnstler, die sich auf solchen Mega-B\u00fchnen sehr wohl f\u00fchlen. Aber ich war nie so jemand, ich bin privat eher introvertiert. Ich habe die \u00d6ffentlichkeit immer nur in Kauf genommen und nie genossen.<\/p>\n<p><strong>Gab es eine Phase, in der Sie dachten, Ihnen k\u00f6nne keiner was?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Aber ich kann sehr arrogant sein gegen\u00fcber Menschen, die mich bei der Arbeit behindern. Da kann ich ekelhaft werden, gegen\u00fcber Plattenfirmen oder Tourpromotern, vielleicht sogar brutal. Aber ich war nie zynisch gegen\u00fcber dem Publikum. Es gab h\u00f6chstens eine gespielte Arroganz, die geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n<p><strong>Sie haben einmal erz\u00e4hlt, dass Sie unter Melancholie und teilweise Depressionen leiden.. .<\/strong><\/p>\n<p>Ja, da ist eine Tendenz vorhanden<em> (lacht)<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Wie h\u00e4lt man das aus: diese Stille nach einem Stadion-Auftritt vor 100.000 Leuten?<\/strong><\/p>\n<p>Nach einem Konzert dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung wachst du am n\u00e4chsten Tag auf und denkst, das war nicht Realit\u00e4t. Ein rauschhafter Zustand. Du brauchst so viel Energie, um das aufzufangen und gleichzeitig die Kontrolle zu behalten, das kostet wahnsinnig viel Kraft. Ich hatte in dieser Zeit h\u00e4ufig Heulkr\u00e4mpfe, nicht weil ich traurig war, sondern weil diese Spannung raus musste. Trotzdem habe ich mich nie f\u00fcr besser gehalten als andere Leute.<\/p>\n<p><strong>Gab es einen Moment, wo es in Richtung Drogen h\u00e4tte kippen k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, schon durch meinen Vater nicht. Er war ein hochbegabter Schauspieler, kam v\u00f6llig zerst\u00f6rt aus dem Krieg und hat gesoffen. Das war f\u00fcr mich ein Grund, die Finger von Drogen zu lassen. Ich habe lieber die Kontrolle. Im Endeffekt zahlt es sich aus, wenn man Dinge nicht macht, von denen man nicht \u00fcberzeugt ist. Das erzeugt Respekt bei Menschen, sie nehmen dich ernst.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie mal dar\u00fcber nachgedacht, Ihre Alben zu \u00fcbersetzen und auf Englisch zu singen?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, dann h\u00e4tte ich erst recht nirgendwo mehr hingehen k\u00f6nnen, ohne dass Leute mir hinterherrufen. Meine amerikanischen Musiker sagen mir immer: Komm r\u00fcber in die Staaten, wir spielen hier, und du singst auf Deutsch, ganz egal, die Leute f\u00e4nden das in jedem Fall gut. Vielleicht mache ich das ja mal. Die Jungs von Rammstein zeigen, dass man damit durchaus gro\u00dfen Erfolg haben kann: im Ausland auf Deutsch zu singen.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie Rammstein mal angesprochen, ob sie Lust auf eine Zusammenarbeit h\u00e4tten?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe Till Lindemann vor einer Weile gesagt, dass ich gerne mal etwas gemeinsam mit ihm machen w\u00fcrde. Aber bislang ist noch nichts vereinbart. Der Grat, auf dem Rammstein sich bewegt, ist ja auch nicht ungef\u00e4hrlich. Ich finde die Shows beeindruckend, weil f\u00fcr mich von Anfang an klar ist, dass sie absurdes Theater sind.<\/p>\n<p><strong>Rammstein zitiert faschistische \u00c4sthetik.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, aber es ist klar als Zitat erkennbar. Wenn du Rammstein richtig begreifst, sind sie gro\u00dfartig.<\/p>\n<p><strong>Welche Bedeutung hat Provokation in der Kunst?<\/strong><\/p>\n<p>Du musst immer erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, warum du etwas machst, Provokation darf nie Provokation nur um ihrer selbst willen sein. Mir wurde oft vorgeworfen, dass ich den Song \u201eDicke\u201c gemacht habe \u2013 aber da verwende ich ganz offensichtlich ein Klischee nach dem anderen. Das ist f\u00fcr mich als Satire klar erkennbar. Das ist auch der Unterschied zur Debatte um Farid Bang, Kollegah und die Echo-Verleihung: Dass Menschen, die im KZ gesessen haben oder dort ermordet wurden, so menschenverachtend zum Teil eines Produkts gemacht werden, das geht nicht. Das hat mit Provokation in der Kunst nichts mehr zu tun.<\/p>\n<p><strong>Keine Provokation als Selbstzweck: Warum haben Sie den Song \u201eDicke\u201c trotzdem jahrelang nicht gespielt?<\/strong><\/p>\n<p>Weil der Song so falsch interpretiert wurde, obwohl dicke Menschen ihn teilweise sehr gefeiert haben. Die meisten haben die Ironie nicht verstanden. Das ist ein gro\u00dfes Problem in Deutschland, diese Ironiefreiheit. Deutsche sehen alles immer nur eins zu eins.<\/p>\n<p><strong>Sie haben wegen des Skandals um Farid Bang und Kollegah Ihre sieben Echos zur\u00fcckgegeben. Sind Sie mit der Wirkung dieses Signals zufrieden?<\/strong><\/p>\n<p>Die Botschaft ist verstanden worden, glaube ich. Ich wollte zeigen, dass das grunds\u00e4tzliche Problem ein gesellschaftliches ist. Es ist der Verfall einer kultivierten Gesellschaft, dem wir gerade zuschauen. Und wir sind alle so abgestumpft gegen\u00fcber \u00c4u\u00dferungen durch das Internet, jeder f\u00fchlt sich so pr\u00e4potent, irgendetwas zu sagen zu allem M\u00f6glichen und Leute zu beleidigen in der Anonymit\u00e4t des Internets, dass man dagegen etwas tun muss. Ich sah auch \u00fcberhaupt keine andere M\u00f6glichkeit, als meine Echos zur\u00fcckzugeben. Jeder kann sch\u00f6ne Statements abgeben, die keinem weh tun. Aber das reicht doch nicht.<\/p>\n<p><strong>War das der Grund, warum Sie Ihre Echos zur\u00fcckgegeben haben: damit es endlich mal weh tut?<\/strong><\/p>\n<p>Ich hielt es f\u00fcr meine Pflicht, das zu tun, und wollte ein Zeichen setzen. Als die Sache mit Kollegah und Farid Bang aufkam, habe ich mich erst gefragt: Warum gibt jetzt keiner seine Echos zur\u00fcck? Klaus Voormann war am Anfang der Einzige, aber der ist nicht so bekannt. Dann hat der Echo-Mitentwickler Thomas M. Stein auch noch gesagt, dass Herr Voormann den Echo zur\u00fcckgibt, sei in etwa so interessant, wie dass in Hongkong ein Sack Reis umf\u00e4llt. Da habe ich gedacht: Schau an, ihr Ignoranten, so viel Respekt bringt ihr uns also entgegen. Klaus Voormann ist einer der Gro\u00dfen, er ist eine Legende. Aber das k\u00f6nnen viele gar nicht mehr w\u00fcrdigen.<\/p>\n<p><strong>H\u00e4tte Campino, dessen Rede bei der Gala f\u00fcr Aufsehen gesorgt hat, seinen Echo auch zur\u00fcckgeben sollen?<\/strong><\/p>\n<p>Das w\u00e4re sicher konsequent gewesen, aber man muss auch die Drucksituation bei der Echo-Verleihung bedenken. Es ist nat\u00fcrlich einfacher, diese Entscheidung nach reiflicher \u00dcberlegung zu treffen.<\/p>\n<p><strong>Warum hat es die ganzen Jahre zuvor offenbar niemanden \u2013 auch Sie nicht \u2013 gest\u00f6rt, dass Kollegah und Farid Bang solche Sachen singen?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht, weil es lange keinem weh getan hat. Viele bei der Echo-Verleihung sind keine K\u00fcnstler mehr, sondern Leute, die mal einen Hit hatten und dann schnell wieder in der Versenkung verschwinden. Vielleicht haben wir uns alle zu lange von dieser Belanglosigkeit einlullen lassen. Ich f\u00fchle mich mitschuldig. Die Kritik, warum erst jetzt so ein Aufschrei stattfindet, ist absolut berechtigt.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie den Eindruck, dass die Musikbranche aus der Echo-Debatte gelernt hat?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin skeptisch. Ich h\u00e4tte mir zum Beispiel gew\u00fcnscht, dass die Echo-Verantwortlichen alle, die in Deutschland etwas in der Musik zu sagen haben, zusammenrufen, um zu \u00fcberlegen, was zu tun ist. Aber das ist nicht geschehen, mich hat bis heute niemand kontaktiert. Das ist doch bezeichnend, diese Sprachlosigkeit. Und es zeigt auch, wie wenig Solidarit\u00e4t es unter K\u00fcnstlern gibt. Daf\u00fcr habe ich aber eine Anfrage vom Haus der Geschichte in Bonn erhalten. Die wollen die Echos haben, als Zeitzeugnis.<\/p>\n<p><strong>Warum sind K\u00fcnstler heute nicht mehr so politisch wie fr\u00fcher?<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten, die jetzt ihre Echos nicht zur\u00fcckgegeben haben, haben einfach Angst vor ihren Plattenfirmen. Das hatte ich zum Gl\u00fcck noch nie, was haben die mir schon zu sagen?<\/p>\n<p><strong>Oder ist es Angst, die Fans zu verprellen?<\/strong><\/p>\n<p>Auch darum habe ich mich noch nie gek\u00fcmmert. Ich kann sagen, dass ich meine Fans noch nie beschissen habe. Wenn sie nicht damit leben k\u00f6nnen, dass ich Stellung beziehe, dann ist das ihr Problem. Aber ich kann einfach nicht anders.<\/p>\n<p><strong>Sie haben auch in Bezug auf Gerhard Schr\u00f6der immer Stellung bezogen, mit dem Sie eng verbunden sind. Gef\u00e4llt Ihnen seine Freundschaft mit Wladimir Putin?<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Freundschaft ist im Sande verlaufen, nachdem Gerhard Schr\u00f6der aus der aktiven Politik ausgeschieden ist. Ich finde das schade. Obwohl er ein ganz anderes Image hat, ist Schr\u00f6der ein wahrer Intellektueller. Er ist ein unfassbar kluger Kopf. Aber ich gebe zu: Ich verstehe nicht, warum er so nah an Putin dran ist. Und erst recht nicht, wieso er so wenig Kritisches sagt.<\/p>\n<p><strong>Mit Schr\u00f6der verbindet Sie, dass auch Sie lange mit Ihrem Testosteron-Image gespielt haben. Empfinden Sie die aktuelle deutsche Musik auch als \u201eJammerlappen-Pop\u201c wie manche, die sich \u00fcber Bands wie Revolverheld oder Tim Bendzko lustig machen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, wenn ich mir die meisten deutschen Produktionen anh\u00f6re, dann sind das f\u00fcr mich Ergebnisse der Popakademie. Ich h\u00f6re die Harmonielehre, h\u00f6re die typischen Melodien und diese Weichei-Stimmen. Das ist langweilige Fabrikation, aber leider System. In den letzten Jahren haben die meisten Produzenten alles unternommen, um der Musik ihre Seele auszutreiben. Aber eine Musik, die nicht ehrlich gemeint und aufrichtig empfunden ist, kann auch keine Bedeutung haben. Ich gebe aber zu, dass meine Generation es viel einfacher hatte. Wir waren w\u00fctend und hatten klare Widerst\u00e4nde, wir wollten auf keinen Fall so werden wie unsere Eltern. Heute wollen die Kinder dasselbe, was ihre Eltern haben \u2013 nur besser.<\/p>\n<p><strong>Wenn man auf Ihre Karriere zur\u00fcckschaut, ist das \u201eLive\u201c-Album von 1989 zentral. Einige St\u00fccke des Albums, etwa \u201eWei\u00dft du, dass ich gl\u00fccklich bin\u201c, sind Hits geworden.<\/strong><\/p>\n<p>Hits? Ich hatte nie einen! <em>(Lacht.)<\/em><\/p>\n<p><strong>Es wurde in der Live-Version jedenfalls bekannter als in der Studioversion. W\u00fcrden Sie das als Ihr bestes Album bezeichnen?<\/strong><\/p>\n<p>Das \u201eLive\u201c-Album war zweifellos wichtig, aber als mein bestes Album empfinde ich immer noch \u201eIn den Wahnsinn\u201c von 2002. Das finde ich gut gelungen, weil es mich am meisten anpackt.<\/p>\n<p><strong>Was war Ihr schlechtestes Album?<\/strong><\/p>\n<p>Das zweite und das dritte Album, die waren sehr weinerlich (\u201eBitters\u00fc\u00df\u201c und \u201eGanz allein krieg ich\u2019s nicht hin\u201c). Da war ich auf keinem guten Weg. \u201eDas Herz eines Boxers\u201c von 1982 ist auch voll in die Hose gegangen. Das war das erste Mal, dass ich in England aufgenommen habe. Damals mussten die einem die ganze Zeit zeigen, dass sie das alles erfunden haben. Au\u00dferdem waren alle vollkommen auf Koks und ich clean. Jedes St\u00fcck endet doppelt so schnell, wie es angefangen hat <em>(lacht)<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Und in neuerer Zeit?<\/strong><\/p>\n<p>Ich finde, dass die Qualit\u00e4t seit \u201eIn den Wahnsinn\u201c zugenommen hat. Auch \u201eNahaufnahme\u201c fand ich recht gelungen. Und \u201eAlphatier\u201c war einfach ein tolles Bandprojekt und eine tolle Tour durch kleine Clubs. Es ist komisch: Wir K\u00fcnstler haben auf der B\u00fchne immer mehr M\u00f6glichkeiten und k\u00f6nnen immer gr\u00f6\u00dfere Illusionen schaffen, aber es sagt mir immer weniger. Mich regt es nicht mehr auf, wenn irgendwas explodiert, das habe ich schon alles gesehen. Musik muss mir etwas sagen.<\/p>\n<p><strong>Was sagen Ihnen nach Jahrzehnten Ihre alten Songs noch? \u201eWeil ich dich liebe\u201c oder \u201eWillenlos\u201c spielen Sie heute anders als fr\u00fcher.<\/strong><\/p>\n<p>Weil ich vieles ganz anders h\u00f6re als fr\u00fcher. \u201eWeil ich dich liebe\u201c fand ich im Original immer seltsam arrangiert, ich habe den Song nie gern gespielt. Vor dem \u201eUnplugged\u201c-Konzert habe ich mich mit der Gitarre hingesetzt, verschiedene Tempi ausprobiert und einen Akkord ver\u00e4ndert, von Dur zu Moll. Das hat die Qualit\u00e4t des Songs unglaublich erh\u00f6ht. \u201eWillenlos\u201c jetzt so umzubauen wird mir leider nicht gelingen, weil das ein richtiger Popsong ist.<\/p>\n<p><strong>Manche K\u00fcnstler nehmen Jahrzehnte sp\u00e4ter ihre gro\u00dfen Alben noch einmal neu auf. F\u00e4nden Sie das reizvoll?<\/strong><\/p>\n<p>Absolut, zum Beispiel das \u201ePfefferminz\u201c- Album. Als ich mir das neulich nach langer Zeit noch einmal angeh\u00f6rt habe, dachte ich: Wow, das ist richtig gut! Als wir das damals in den Musicland Studios in M\u00fcnchen aufgenommen haben, hat der Toningenieur morgens die Maschinen angemacht und ist dann rausgegangen, weil er gedacht hat, das sind eh nur Idioten. Uns hat damals niemand ernst genommen, wir mussten unser Zeug in k\u00fcrzester Zeit aufnehmen. Und trotzdem hat das Album eine eigene Kraft. Nach 40 Jahren noch einmal mit diesen alten Songs zu experimentieren f\u00e4nde ich spannend.<\/p>\n<p><strong>Wie ertr\u00e4gt man es als Musiker, dass die Fans immer die gro\u00dfen Hits h\u00f6ren wollen, \u00fcber die man selbst vielleicht seit Jahren hinweg ist?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist harte Arbeit. Ich versuche bei Tourneen zu neuen Platten immer, das ganze neue Album zu spielen, auch wenn ich wei\u00df, dass das vielleicht nicht gleich ankommt. Bei der \u201eNahaufnahme\u201c-Tour war ich sechs Jahre nicht mehr auf der B\u00fchne gewesen, da wollten die Leute nur die alten Knaller h\u00f6ren. Da muss man dann echt moderieren.<strong>Sp\u00fcren Sie vor einer neuen Tour immer noch Versagensangst, wie ganz am Anfang?<\/strong><\/p>\n<p>Die hat man immer. Aber die Begeisterung, die wir bei der \u201eAlphatier\u201c-Tour in den kleinen Clubs gesp\u00fcrt haben, wo das Publikum auch die neuen Sachen sehr wohlwollend aufgenommen hat, macht das mehr als wett. Da habe ich wieder richtig Lust darauf bekommen, in kleinen Hallen zu spielen, weil man viel n\u00e4her an den Leuten dran ist. Au\u00dferdem ist das Schlager-Publikum, das man automatisch dabei hat, wenn man die Gr\u00f6l-Nummern in den gro\u00dfen Stadien spielt, seit \u201eAlphatier\u201c und dem \u201eUnplugged\u201c-Album wieder weg.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie mal \u00fcberlegt, die Erwartungen der Leute gar nicht mehr zu erf\u00fcllen: kein \u201eJohnny Walker\u201c am Ende?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es mich nicht interessiert, mache ich es auch nicht.<\/p>\n<p><strong>\u201eSexy\u201c spielen Sie aber immer&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Ja, aber immer mit Widerwillen. Das ist ein Stimmenkiller. Au\u00dferdem kann ich mir nicht vorstellen, immer noch \u201egefangen zwischen deinen langen Beinen\u201c zu singen, wenn ich ein alter Sack bin.<\/p>\n<p><strong>Gibt es einen Punkt, an dem Sie sagen w\u00fcrden: Jetzt h\u00f6re ich auf?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, wenn ich keine Lust mehr h\u00e4tte und mich die Musik nicht mehr befriedigen w\u00fcrde. In den letzten Jahren habe ich mir diese Frage aber nie gestellt. Heute freue ich mich den ganzen Tag auf ein Konzert. Fr\u00fcher war ich oft nur noch genervt, wenn ich wieder auf die B\u00fchne musste. Das ist der Vorteil, wenn man in meinem Alter ist und sozial einigerma\u00dfen gut gestellt: dass man nur noch die Dinge zu tun braucht, auf die man Lust hat.<\/p>\n<p><em>Die Fragen stellten Martin Benninghoff und Oliver Georgi.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview erschienen in der F.A.S. und bei FAZ.NET (02. bzw. 03.06.2018) Von Martin Benninghoff und Oliver Georgi, Berlin Einer der bekanntesten Rockstars Deutschlands wird im Dezember 70 Jahre alt. Marius M\u00fcller-Westernhagen \u00fcber sein Image, die H\u00f6hen und Tiefen seiner Karriere,&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2058\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">&#8222;Gespielte Arroganz geh\u00f6rt dazu&#8220;<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[156,232,1],"tags":[249,511,411,538,412],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2058"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2058"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2058\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2093,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2058\/revisions\/2093"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2058"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2058"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2058"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}