{"id":2065,"date":"2018-06-07T14:43:24","date_gmt":"2018-06-07T12:43:24","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2065"},"modified":"2018-06-07T14:43:24","modified_gmt":"2018-06-07T12:43:24","slug":"wir-vaterlandsverraeter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2065","title":{"rendered":"Wir Vaterlandsverr\u00e4ter"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2018\/06\/07\/wir-vaterlandsverraeter-81\/\">Artikel erschienen im F.A.Z.-Blog &#8222;Schlaflos&#8220; (07.06.2018) <\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><strong>Das Ideal von M\u00e4nnlichkeit hat sich zum Gl\u00fcck gewandelt. Aber gerade deshalb ist es umso besch\u00e4mender, dass Kindererziehung immer noch vor allem in Frauenhand ist. Wie kann das sein?<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Wir wollten vieles anders machen als unsere V\u00e4ter. Vielleicht weniger, als unsere V\u00e4ter anders machen wollten als ihre V\u00e4ter. Dazu waren wir zu sehr befreundet, die gro\u00dfen Autorit\u00e4tsk\u00e4mpfe fr\u00fcherer Vater-Sohn-Generationen blieben aus. Aber die typische westdeutsche Hausfrauenehe \u2013 die Mutter gibt ihren Beruf zugunsten der Kinder und des Ehemannes auf, manchmal ein Leben lang, der Vater macht prinzipiell so weiter wie bisher \u2013 wollten wir nicht mehr f\u00fchren. Weil wir ja moderner sind. Dachten wir.<\/span><\/p>\n<p><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Doch als meine Freunde V\u00e4ter wurden, wiederholten sich altbekannte Muster, die wir eigentlich ad acta legen wollten. Und auch bei mir zuhause war es nicht besser: Wir sind ganz sch\u00f6n konventionell. Meine Frau ist seit der Geburt unseres Sohnes in Elternzeit, der Kleine ist nun 18 Monate alt. Ich selbst habe, gest\u00fcckelt, insgesamt vier Monate Elternzeit genommen. Das entspricht ungef\u00e4hr dem Bild, das die statistischen Daten abgeben. Zwar nehmen V\u00e4ter heute mehr Elternzeit als zu den Anfangstagen der familienfreundlichen Regelung vor mehr als zehn Jahren, der Durchschnitt liegt bei etwas mehr als drei Monaten. Aber Frauen nehmen viel l\u00e4nger Elternzeit, im Mittel um ein Jahr. Das ist er also noch, der gro\u00dfe kleine Unterschied.<br \/>\nAber ich will hier nicht mit Statistiken langweilen. Wer tags\u00fcber mit offenen Augen durch Deutschlands Innenst\u00e4dte geht (und auf den D\u00f6rfern wird es kaum besser sein), wei\u00df es schon l\u00e4ngst: Kindererziehung ist noch immer gr\u00f6\u00dftenteils Frauensache. Hier ein paar v\u00f6llig subjektive Eindr\u00fccke aus Berlin, Frankfurt, Oberursel und dem Rheinland, kein Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit:<br \/>\n<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Auf Spielpl\u00e4tzen sind V\u00e4ter einsam. Gef\u00fchlt um die 80 Prozent sind es die M\u00fctter, die ihre Kinder auf die Wippe hieven oder ihnen beim Rutschen sekundieren; die Sonn- und Feiertage ausgenommen, da steigt die V\u00e4terrate enorm.<\/span><\/li>\n<li><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">In den Drogeriem\u00e4rkten der Republik ziehen nur einige wenige V\u00e4ter ihre einsamen Bahnen, derweil die M\u00fctter die Szenerie zwischen Duschgel und Windeln beherrschen. Selbst vor dem M\u00e4nnerregal mit den Rasierern stehen vornehmlich Frauen, die f\u00fcr ihre M\u00e4nner die Klingen kaufen (oder sie dann selbst benutzen).<\/span><br \/>\n<span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><\/span><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><\/span><\/li>\n<li><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Bei &#8222;Tchibo&#8220; sieht\u2019s nicht besser aus. Mal schnell ein paar Kindersocken kaufen? UV-Kleidung f\u00fcr den Kleinen? Oder ein Planschbecken? Neben den kaffeeschl\u00fcrfenden Rentnern m\u00e4nnlichen Geschlechts dominieren in der Altersgruppe 20 bis 45 die Frauen.<\/span><br \/>\n<span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><\/span><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><\/span><\/li>\n<li><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Oder in Krabbelgruppen: Offiziell wei\u00df ich dar\u00fcber nichts, ich war nie bei einer. Aber es ist zu vernehmen, dass der M\u00e4nneranteil bei einer Frankfurter Gruppe bei eins zu sieben lag, ein V\u00e4ter-Anteil von mickrigen 14 Prozent.<\/span><br \/>\n<span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><\/span><\/li>\n<li><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Gleiches Bild im Elterncaf\u00e9: Drei M\u00e4nner und 15 Frauen, der Anteil der M\u00e4nner also bei 20 Prozent. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Eltern-Kind-Sportgruppen (Buggy-Sport) oder Runden zur musikalischen Fr\u00fcherziehung.<\/span><br \/>\n<span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><\/span><\/li>\n<li><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Wenn das erste Kind da ist, kl\u00e4rt sich offenbar flugs die Rollenverteilung beim Autofahren: Papa f\u00e4hrt, und Mama h\u00e4lt die Kleinen vom Beifahrersitz aus mit Snacks und Spielen bei Laune. Das war bei meinen Omas auch nicht anders, da hatte die eine aber keinen F\u00fchrerschein und die andere praktisch keine Fahrpraxis.<\/span><br \/>\n<span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><\/span><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><\/span><\/li>\n<li><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Tags\u00fcber Spazierengehen mit Kinderwagen ist die gr\u00fcne H\u00f6lle! Es begegnen einem fast nur Frauen, die einander mitf\u00fchlend zunicken, wenn die Kinder unleidlich sind.<\/span><br \/>\n<span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><\/span><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><\/span><\/li>\n<li><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Im erweiterten Familienkreis werden eher die V\u00e4ter nach dem Beruf und die M\u00fctter nach den Kindern gefragt. Fremde, die dem Kleinen ein Bonbon oder Gummib\u00e4rchen anbieten, stellen die &#8222;Darf er das?&#8220;-Frage bevorzugt der Mutter, selbst wenn Vater und Mutter anwesend sind.<\/span><br \/>\n<span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Dass irgendwas in Schieflage beim Geschlechterverh\u00e4ltnis in Erziehungsfragen geraten ist, hatte ich schon vermutet, als ich noch kinderlos war \u2013 und es bei Partys bei den Jungs auf dem Balkon meist etwas lustiger zuging als bei den Frauen drinnen. Heute wei\u00df ich, warum: Selbst auf Partys k\u00f6nnen M\u00fctter \u2013 wenn die Kinder dabei sind \u2013 nie richtig abschalten. Sie schauen, wo die Kleinen hin sind, dass sich keines den Kopf st\u00f6\u00dft, halten gesch\u00e4lte \u00c4pfelchen und M\u00f6hren in Plastikboxen bereit (so wie der Outback-Farmer sein Spinnenbissgegengift immer griffbereit in der Medizinbox hat), derweil die V\u00e4ter eher die Bierflasche im Anschlag haben oder sich eine Kippe drehen.<\/span><\/p>\n<p><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\"><\/span><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Bevor die Klischee- und Differenzierungspolizei ihr Veto einlegt: Das ist nat\u00fcrlich alles furchtbar klischeehaft. Ja, sicher. Und nat\u00fcrlich trifft das nicht auf alle zu. Aber ich habe in Hamburg gelebt, in K\u00f6ln, in Berlin \u2013 und fr\u00fcher als Jugendlicher auch in einem 6000-Einwohner-Dorf, jetzt lebe ich wieder etwas l\u00e4ndlicher. Und ich komme im Arbeits-, Bekannten- und Familienkreis mit allerlei unterschiedlichen Milieus und Bildungsgraden zusammen. Nat\u00fcrlich gibt es eine Reihe Ausnahmen, im eigenen Freundeskreis, erst recht in Berlin, wo ohnehin einiges anders l\u00e4uft als im Rest der Republik. In der Hauptstadt ist der Anteil von Freiberuflern h\u00f6her, die sich die Zeit mit den Kindern leichter einteilen k\u00f6nnen. In Prenzlauer Berg oder erst recht in Neuk\u00f6lln (aber auch in Frankfurt-Bornheim, K\u00f6ln-S\u00fclz, Hamburg-Altona, M\u00fcnchen-Maxvorstadt) sind althergebrachte Rollenmuster sicherlich weniger pr\u00e4sent als in einem Eifel-Dorf. Wenn St\u00e4dter nur den Fortschritt sehen, sollten sie f\u00fcr einen Moment ihre Blase verlassen.<\/span><\/p>\n<p><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Trotzdem, die wahrgenommene Tendenz ist nun mal furchtbar nah am Klischee, und am Anfang steht immer die Betreuungsfrage: Wer sich haupts\u00e4chlich um das Kind k\u00fcmmert (und nicht nur morgens, abends oder mal am Wochenende), ist in den Themen so drin, dass sie den Alltag weitgehend bestimmen. Wann es Zeit f\u00fcr den Mittagsschlaf ist? Frag doch mal diejenige, die meistens da ist! Wie deute ich die Zeichen, wenn das Baby wie ein T\u00e4ubchen gurrt oder schreit wie am Spie\u00df? Frag doch mal diejenige, die meistens da ist! Wenn das Kind an ein Elternteil so gew\u00f6hnt ist, dass es sich vom anderen nicht ins Bett bringen l\u00e4sst, ist es vorbei mit all den gut gemeinten Vors\u00e4tzen, sich die Erziehungsarbeit parit\u00e4tisch zu teilen.<br \/>\nDaraus folgt: Die Betreuungs-Nummer-Eins hat hyperkompetent und permanent ansprechbar zu sein. Die Nummer Zwei, bei uns zuhause bin ich das, kann Verantwortung \u00fcbernehmen, kann diese aber genauso wieder abgeben an die Nummer Eins. Das er\u00f6ffnet Spielr\u00e4ume: f\u00fcr andere Interessen, Hobbys, Freunde und Themen. Kurzum: Die Betreuungs-Nummer-Zweien \u2013 und das sind hierzulande noch die Mehrzahl der V\u00e4ter \u2013 k\u00f6nnen halbwegs so weiterleben wie zuvor, mit Einschr\u00e4nkungen nat\u00fcrlich. Wer das \u00e4ndern will, muss f\u00fcr eine m\u00f6glichst gleichverteilte Erziehungsarbeit sorgen.<\/span><\/p>\n<p><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Das ist nicht leicht \u2013 und von vielen nicht gewollt. Zum Beispiel von denen, die davon profitieren, den M\u00e4nnern, die nach der Geburt des ersten Kindes so weitermachen k\u00f6nnen wie bisher. Und von manchen Frauen, die die Verantwortung f\u00fcr die Kinder an sich ziehen, nicht unbedingt f\u00fcr die finanzielle Versorgung der Familie zust\u00e4ndig sein wollen, und nebenbei ganz froh sind, sich eine Zeitlang aus dem beruflichen Konkurrenzkampf zu verabschieden. Beide stecken mehr oder minder bewusst in tradierten Rollenmustern fest, die in Deutschland\/West anders aussehen als in Deutschland\/Ost oder auch in Frankreich. Solche Dinge sind erstaunlich ver\u00e4nderungsresistent, aber zu einem gro\u00dfen Teil kulturbedingt und nicht in Stein gemei\u00dfelt. Wer traditionell leben m\u00f6chte, hat dazu viele M\u00f6glichkeiten (obwohl es auch da Anfeindungen gibt). Wer nicht so leben will, st\u00f6\u00dft schnell an die Grenzen, die das Faktische zieht.<br \/>\nDaraus erw\u00e4chst ein System, das sich selbst ern\u00e4hrt: Wenn auf Spielpl\u00e4tzen ausschlie\u00dflich Frauen das Wort f\u00fchren, steigt der Anreiz nur bedingt, sich als Mann dazuzugesellen. Gibt es da so etwas wie einen Wunsch nach Homogenit\u00e4t? Vielleicht insofern, dass geteilte Erfahrungen einen guten Gespr\u00e4chsstoff abgeben. Mehr V\u00e4ter, mehr V\u00e4ter-Erfahrungen, die sich zu teilen lohnen, so entsteht unter V\u00e4tern mehr Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Themen aus dem Erziehungsalltag. Gleiches gilt f\u00fcr Kindercaf\u00e9s und Krabbelgruppen, um die ich bisher einen m\u00f6glichst weiten Bogen geschlagen habe. Das d\u00fcrfte vielen V\u00e4tern durchaus gefallen: Wer fr\u00fchmorgens den Sieben-Uhr-Flieger von K\u00f6ln nach Berlin oder den ICE von Hamburg nach Frankfurt nimmt, wird das Gef\u00fchl nicht los, aus Versehen eine Karte f\u00fcrs M\u00e4nnerabteil gebucht zu haben. Mir scheint \u2013 und das ist jetzt streng wissenschaftlich fundiert -, man blickt dabei nicht nur in gl\u00fcckliche Gesichter von V\u00e4tern, die froh sind, die Woche endlich von der bl\u00f6den Familie weg zu sein.<\/span><\/p>\n<p><span id=\"work_6966\" class=\"p_textOutput\">Die gute Nachricht zum Schluss: Die Rollenverteilung bricht langsam auf, es gibt eine Entgeschlechtlichung der T\u00e4tigkeiten, die fr\u00fcher als typisch weiblich oder typisch m\u00e4nnlich galten. Das Idealbild von M\u00e4nnlichkeit hat sich gewandelt; wo es fr\u00fcher f\u00fcr V\u00e4ter peinlich war, den Kinderwagen zu schieben, gibt es heute bei j\u00fcngeren M\u00e4nnern nur noch in betont konservativen Milieus solche Vorbehalte. Und nach der Geburt wird st\u00e4rker aufs Bonding geachtet, also darauf, dass auch V\u00e4ter die Bindung zum Kind durch k\u00f6rperliche N\u00e4he st\u00e4rken. Aber dennoch: Wie kommt es wohl, dass V\u00e4ter besonders gerne ihre Elternzeit nehmen, wenn sie mit der Familie in Urlaub fahren wollen? Und nicht dann, wenn es darum geht, den Alltag mit Kind einzurichten? Wie sagte unser Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier einmal? \u201eWir m\u00fcssen uns ehrlich machen.\u201c Tja, vielleicht sind an diesem Punkt die V\u00e4ter dran.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel erschienen im F.A.Z.-Blog &#8222;Schlaflos&#8220; (07.06.2018) Von Martin Benninghoff Das Ideal von M\u00e4nnlichkeit hat sich zum Gl\u00fcck gewandelt. Aber gerade deshalb ist es umso besch\u00e4mender, dass Kindererziehung immer noch vor allem in Frauenhand ist. Wie kann das sein? 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