{"id":2067,"date":"2018-06-08T12:28:42","date_gmt":"2018-06-08T10:28:42","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2067"},"modified":"2018-06-08T12:28:42","modified_gmt":"2018-06-08T10:28:42","slug":"zwischen-bankraeuber-und-drogendealer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2067","title":{"rendered":"&#8222;Zwischen Bankr\u00e4uber und Drogendealer&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/frust-des-lokalpolitikers-marco-pagano-zwischen-bankraeuber-und-drogendealer-15626032.html\">Artikel erschienen bei FAZ.NET (08.06.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong><span id=\"work_256867\" class=\"p_textOutput\">Knapp 15 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich \u2013 davon aber nur etwas mehr als drei Prozent in der Politik. Woran das liegen k\u00f6nnte, beschreibt ein K\u00f6lner Lokalpolitiker, der die Brocken gefrustet hinwirft.<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Was l\u00e4uft falsch, wenn man schon mit 38 Jahren von der Politik die Nase voll hat? Marco Pagano ist noch Bezirksb\u00fcrgermeister im rechtsrheinischen Kalk, seit 2004 engagiert er sich in der <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/cms.faz.net\/polopoly\/CM#\" data-rtr-id=\"c2d4fa5cdfe3231ed958e72fcd36d6afd3774812\" data-cke-saved-href=\"#\">SPD<\/a>, seit 2009 mit Mandat in der Bezirksvertretung. Eigentlich ein typischer Parteiaufstieg \u00fcber den Ortsvereinsvorsitz bis zum Bezirksb\u00fcrgermeisterstuhl \u2013 mit guten Aussichten, dass es so weitergeht.<\/p>\n<p>Doch der Vater zweier Kinder und Informationswirt bei den K\u00f6lner Abfallwirtschaftsbetrieben hat genug: In einem emotionalen Facebook-Post lie\u00df er seine W\u00e4hler wissen, dass \u201etrotz der Erfolge ein gro\u00dfer Teil meiner politischen Arbeit f\u00fcr die Tonne ist\u201c. Und: \u201eOft fehlte mir auch der Respekt gegen\u00fcber der ehrenamtlichen Politik, ob in der Verwaltung oder \u2013 so ehrlich muss man auch sein \u2013 auch bei vielen Menschen in den Veedeln\u201c. Im FAZ.NET-Gespr\u00e4ch erkl\u00e4rt Pagano, was ihn derart entt\u00e4uscht und gefrustet hat.<\/p>\n<p><strong>Herr Pagano, Sie beklagen fehlenden Respekt vor ehrenamtlichen Politikern. Was ist passiert? <\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeit hat auch viel Spa\u00df gemacht. Aber was mich sehr wohl bewegt: In der Gesellschaft herrscht eine unglaublich hohe Erwartungshaltung, die man gar nicht erf\u00fcllen kann. St\u00e4ndig soll man als ehrenamtlicher und unbezahlter Lokalpolitiker erreichbar sein und liefern. Rund um die Uhr. Einer will Ver\u00e4nderungen, andere echauffieren sich dagegen. Egal, ob Hochzeitstag oder Kindergeburtstag \u2013 wehe, Du bist mal nicht erreichbar. Man macht es keinem recht.<\/p>\n<p><strong>Hat keiner Verst\u00e4ndnis, wenn Sie pers\u00f6nlich mal an einer Veranstaltung nicht teilnehmen k\u00f6nnen? <\/strong><\/p>\n<p>Doch. Aber nur solange man nicht selbst betroffen ist. Wenn es um das eigene Problem geht, dann z\u00e4hlt kein Kindergeburtstag. Und auch keine Lungenentz\u00fcndung, wie ich einmal leidvoll erfahren musste. Sind sie nicht betroffen, dann hat man pl\u00f6tzlich Verst\u00e4ndnis, dass auch ich Familie habe.<\/p>\n<p><strong>Was hat Sie noch gefrustet? <\/strong><\/p>\n<p>Der mangelnde Ver\u00e4nderungswille der Leute. Da wollen Sie was ver\u00e4ndern in einem Stadtteil, finden sogar bei der Verwaltung Geh\u00f6r, aber dann l\u00e4uft die ganze alte Garde der Bewohner Sturm, die keine Ver\u00e4nderung und blo\u00df alles so wie immer belassen will. Das macht einen m\u00fcrbe.<\/p>\n<p><strong>Viele Kommunalpolitiker mussten vor allem in der Hochphase der Fl\u00fcchtlingspolitik viel aushalten&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Ja, wenn Blicke t\u00f6ten k\u00f6nnten&#8230; Ich erinnere mich an mehrere Veranstaltungen, bei denen ich den ganzen Hass abbekommen habe. Da ging es um die Verteilung von Fl\u00fcchtlingen und dass gut situierte Stadtteile eben auch Fl\u00fcchtlinge aufnehmen m\u00fcssen und nicht die ganze Arbeit und Last auf den Schultern der schw\u00e4cheren Quartiere abgeladen werden darf. Das eine waren Argumente, dass die Immobilien an Wert verlieren, was ja nicht passiert ist. Dar\u00fcber hinaus gab es schlichtweg Hass, Spr\u00fcche und verbale Rohheit. Klar, ein dickes Fell muss man als Politiker haben, aber das ging weit \u00fcber das hinaus, was ich aushalten wollte.<\/p>\n<p><strong>Viele Lokalpolitiker verbringen ihre Sonntage am Bratwurststand auf dem Sommerfest. Sie haben Ihre Termine zuletzt reduziert \u2013 wie? <\/strong><\/p>\n<p>Indem ich Schwerpunkte auf meine Themen gesetzt habe: auf Verkehr und Wohnen zum Beispiel. Ich war konsequenter und habe mehr Zeit zuhause als auf Terminen verbracht. Aber das gen\u00fcgt eben nicht. Ich m\u00f6chte mein Leben nicht mehr von den Gremien- und anderen Pflichtterminen abh\u00e4ngig machen. Ich habe mich auch gefragt, ob diese st\u00e4ndige Anwesenheitspflicht \u00fcberhaupt noch zeitgem\u00e4\u00df ist.<\/p>\n<p><strong>Und: Ist sie noch zeitgem\u00e4\u00df? <\/strong><\/p>\n<p>Vor 15 Jahren, als ich angefangen habe, Politik zu machen, war es richtig, ein \u201eK\u00fcmmerer\u201c zu sein, sich alles anzuh\u00f6ren. Aber die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert: Durch die Digitalisierung sind die Menschen anders vernetzt, es funktioniert nicht mehr alles \u00fcber den Ortsverein oder das Dorffest. Wichtig ist doch, Erfolge zu zeigen und daf\u00fcr zu arbeiten. Daf\u00fcr muss man nicht zu jedem Termin. Der Sonntag war bei mir zuletzt konsequent frei von Terminen. Durch die Schwerpunktsetzung konnte ich auch verhindern, mich im Klein-Klein zu verzetteln. Aber die Frage der Ansprache ist auch eine Generationenfrage: \u00c4ltere sind manchmal noch weniger gut vernetzt und haben andere Bed\u00fcrfnisse als J\u00fcngere. Oft sind auch die Menschen in b\u00fcrgerlichen Stadtteilen lauter, was Ihre Forderungen angeht, als jene aus sozial schwachen Gebieten. Da besteht die Gefahr, dass manche Bev\u00f6lkerungsteile nicht mehr wahrgenommen werden.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich in den vergangenen Jahren das Ansehen der Politiker gewandelt? <\/strong><\/p>\n<p>Es ist gesunken. Irgendwo unter dem Bankr\u00e4uber, aber noch knapp \u00fcber dem Drogenh\u00e4ndler. Diese Klischees und Pauschalurteile, die man von manchem zu h\u00f6ren bekommt: \u201eDer macht sich die Taschen voll\u201c, der \u201eVerbrecher vom Dienst\u201c. Wer soll da noch freiwillig und ehrenamtlich Politik machen? An dieser Verrohung hat auch die AfD ihren Anteil, die pauschal ver\u00e4chtlich \u00fcber Politiker redet und mit einfachen Botschaften eben auch bei typischer SPD-Klientel teilweise punkten kann. Aber ich verstehe manchmal auch: Wieso sollen die Leute dich noch w\u00e4hlen, wenn du nicht so h\u00e4ufig Ergebnisse liefern kannst, weil du eben auch von Verwaltung und anderen nicht beeinflussbaren Faktoren abh\u00e4ngig bist? Dann sucht man sich eben eine Alternative, im wahrsten Sinn des Wortes.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnte man das Politiker-Image verbessern? <\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte aus dem Ehrenamt einen Posten f\u00fcr Berufspolitiker machen, der sich dann voll und ganz dem Amt widmen k\u00f6nnte \u2013 und dann auch \u00fcber die entsprechende Macht und einen Apparat verf\u00fcgt. Mein Bezirk hat 120.000 Einwohner. Au\u00dferhalb K\u00f6lns w\u00e4re ich also hauptamtlicher Oberb\u00fcrgermeister einer mittelgro\u00dfen Stadt. Mindestens genauso wichtig ist aber auch ein Umdenken in der Gesellschaft: Es fehlt der Respekt. Dabei gibt es nicht Politik und B\u00fcrger, beides sind Bestandteile einer Gesellschaft. Es darf kein Gegeneinander sein, sondern ein Zusammenarbeiten auf Augenh\u00f6he mit gegenseitigem Verst\u00e4ndnis. Dann klappt es k\u00fcnftig auch besser.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel erschienen bei FAZ.NET (08.06.2018) Von Martin Benninghoff Knapp 15 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich \u2013 davon aber nur etwas mehr als drei Prozent in der Politik. 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