{"id":2087,"date":"2018-06-19T15:13:07","date_gmt":"2018-06-19T13:13:07","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2087"},"modified":"2018-06-19T15:13:07","modified_gmt":"2018-06-19T13:13:07","slug":"fliegt-fern-so-lange-die-beine-kurz-sind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2087","title":{"rendered":"Fliegt fern, so lange die Beine kurz sind"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2018\/06\/19\/fliegt-fern-lange-die-beine-kurz-sind-120\/\">&#8222;Schlaflos&#8220;, Familienblog auf FAZ.NET (erschienen am 19.06.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>F\u00fcr manche Kritiker sind Fernreisen mit Baby nah dran am Tatbestand der Kindesmisshandlung. So ein Quatsch! Wer ein paar Dinge beachtet, kann das Abenteuer auch mit Familie genie\u00dfen.<\/strong><\/p>\n<p>Mein gelegentlich beschr\u00e4nktes Vaterhirn neigt zu Schwarz-Wei\u00df-Wahrnehmungen. Nicht bei Politik, aber bei Familienthemen. Als ich in meinem Umfeld im vergangenen Jahr erz\u00e4hlte, dass meine kleine Familie \u2013 meine Frau, unser damals knapp einj\u00e4hriger Sohn Elias und ich \u2013 eine Fernreise nach Australien und Neuseeland planten, prasselten zwei Reaktionen auf uns ein. Die erste: Das ist eine sch\u00f6ne Idee, endlich mal mehr Zeit f\u00fcr die Familie, das schwei\u00dft zusammen, ach, dazu h\u00e4tten wir fr\u00fcher auch gerne die M\u00f6glichkeit gehabt. Zweite Reaktion: Ja, seid ihr denn des Wahnsinns? Neuseeland? Mit einem Baby? Die weite Reise, der lange Flug, die Strahlenbelastung, das ist nicht gut f\u00fcrs Kind \u2013 muss das sein? Wie w\u00e4re es denn mit, sagen wir mal, zwei Wochen K\u00fchlungsborn oder Norderney, Chiemsee oder Gardasee, wenn es denn schon weiter weg sein muss? Aber es musste sein, weil wir es wollten.<\/p>\n<p>Okay, das ist ein wenig unfair. Nicht alle Vorbehalte waren Kokolores, einige Kritikpunkte hatten einen wahren Kern, waren aber hoffnungslos \u00fcbertrieben. Aber dazu sp\u00e4ter mehr. Auff\u00e4llig war, dass diejenigen, die vor ihrer Elternschaft kein Interesse an Fernreisen hatten und immer schon lieber nach Spanien ans Meer gefahren waren, dies nun zur allgemeing\u00fcltigen Regel erhoben. Und ihre kleine Welt zum Ma\u00dfstab machten, jetzt aber im Dienste des Kinderschutzes. Eine Heuchelei, zum Gl\u00fcck aber die Minderheit. Diejenigen hingegen, die immer schon wussten, was gro\u00dfartig an Reisen in fernere L\u00e4nder ist, versuchen das als Eltern weiterhin m\u00f6glich zu machen. Nat\u00fcrlich mit Zugest\u00e4ndnissen und R\u00fccksichtnahme auf die neuen Bed\u00fcrfnisse und Beschr\u00e4nkungen, die ein Baby mit in die Familie bringt. Jedenfalls wurde aus einem allt\u00e4glichen und privaten Thema etwas, was zur Meinungs\u00e4u\u00dferung einlud.<\/p>\n<p>Das betraf vor allem den langen Flug. Fernfl\u00fcge treiben offenbar manchen Leuten, die vornehmlich die kleineren Flugzeuge aus dem innereurop\u00e4ischen Luftverkehr kennen, den Schwei\u00df auf die Stirn. Alles halb so wild, auch wenn es zweifellos angenehmere T\u00e4tigkeiten gibt: Wir starteten an einem Mittag im kalten November 2017 von unserem Zuhause und wussten, uns steht eine knapp drei\u00dfigst\u00fcndige Flugodyssee von Berlin-Tegel \u00fcber London nach Sydney mit einem technischen Tank-Stopp in Dubai bevor. Wenigstens wollten wir uns den Stress mit dem \u00f6ffentlichen Nahverkehr in Berlin ersparen und nahmen ein Taxi, auch um erst m\u00f6glichst kurz vor Abflug am Flughafen anzukommen. Unser Sohn Elias kaperte sofort die Sitze am Flugsteig und kletterte zwischen den Wartenden umher, er war entspannt, entspannter als wir. F\u00fcr uns hielt sich der Spa\u00df zugegebenerma\u00dfen etwas in Grenzen. Kinder nehmen das lockerer, vorausgesetzt die Eltern bewahren Ruhe und machen die Kleinen mit ihren projizierten \u00c4ngsten nicht verr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Wir waren ja gewappnet, was soll schon passieren? Und in den Flugzeugen sitzen nicht nur ein oder zwei Kinder, sondern zig, die Linien sind nat\u00fcrlich vorbereitet: Ab zwei Jahren ben\u00f6tigen Kleinkinder einen eigenen Platz im Flieger, zuvor k\u00f6nnen sie auf dem Scho\u00df der Eltern Platz nehmen. Das spart Geld, denn in diesem Fall berechnen die Fluggesellschaften als Daumengr\u00f6\u00dfe zwischen zehn und 25 Prozent des normalen Ticketpreises. Wir hatten bei der australischen Fluggesellschaft Qantas ein Babybettchen reserviert, damit Elias gut schlafen konnte. Mit seinem knappen Jahr passte er da noch gerade so hinein. Das Babybettchen ist im Falle der gro\u00dfen A380-Flugzeuge an mehreren Mittelw\u00e4nden aus- und einklappbar montiert. Sollte\u00a0 das Kind schlafen, wird es darin mit einem Netz vor den Folgen pl\u00f6tzlicher Turbulenzen oder Luftl\u00f6cher gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Die verbreitete Sorge, auch bei einem Fernflug in einem A320 zu sitzen, so wie vielleicht auf der Strecke Hamburg-Wien oder M\u00fcnchen-Mallorca, ist unbegr\u00fcndet. Auf den Langstrecken setzen die Fluggesellschaften Gro\u00dfraumjets wie den A380 oder die Boeing 777 ein, die sind ger\u00e4umig, leise, wackeln weniger in der Luft, und bieten zumindest im Falle des A380 viel Platz im Fu\u00dfraum, den Elias mit seinen Spielsachen zum Kinderbereich umfunktionierte. Er machte sich auch einen Spa\u00df daraus, durchs Flugzeug zu spazieren, zu schauen, wohin die Stewardessen und Stewards verschwunden waren, die Treppe ins Obergeschoss hochzuklettern und mit den anderen Passagieren zu flirten. Kontakte sind garantiert.<\/p>\n<p>Klar, das ist f\u00fcr die Eltern anstrengend: Ein knapp einj\u00e4hriges Kind muss rund um die Uhr beaufsichtigt werden, Getr\u00e4nkewagen, unachtsame Passagiere, pl\u00f6tzlich auftretende Turbulenzen sind potentielle Gefahrenquellen. Den gr\u00f6\u00dften Stress hat uns die Frage bereitet, ob Elias einen l\u00e4ngeren Schreianfall bekommen w\u00fcrde, m\u00f6glicherweise sogar ausgerechnet dann, wenn die Bordlichter gedimmt sind, weil alle schlafen wollen. Wie reagieren die Sitznachbarn? Verst\u00e4ndnisvoll? Oder so vorwurfsvoll, wie die etwas durchgeknallte entfernte Verwandte, die zuvor am Telefon behauptet hatte, Fernfliegen mit Kind sei nichts als Bel\u00e4stigung der anderen Passagiere? Zum Gl\u00fcck kam es nicht dazu, der Kleine war bis auf eine ganz kurze Ausnahme die ganze Zeit \u00fcber bestens gelaunt. Es gab ja so viel zu sehen.<\/p>\n<p>Ein wenig Vorsorge f\u00fcr unliebsame Momente schadet aber nicht. Wir hatten Nasentropfen mit Kochsalzl\u00f6sung im Gep\u00e4ck, die wir prophylaktisch gaben, damit Elias\u2018 Atemwege frei blieben, was beim Start und vor allem der Landung hilfreich ist, wenn es Druck auf die Ohren gibt. Bei Babys erleichtern Schnuller oder Flaschennuckel den Druckausgleich, Stillbabys k\u00f6nnen im Notfall angelegt werden. Wenn das Flugzeug abhebt oder zur Landung ansetzt, werden die Kinder auf dem Scho\u00df von Vater oder Mutter mit einer Gurtverl\u00e4ngerung gesichert (wobei es hierbei Diskussionen gibt, ob das sicher genug ist).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Versorgung an Bord sind wir auf Nummer sicher gegangen und haben unsere eigene Babynahrung mitgebracht. Zwar bieten die Fluggesellschaften \u201eBaby-Men\u00fcs\u201c an, und die waren teilweise gar nicht schlecht (frische Banane, Fr\u00fcchte im Glas, Cracker), aber zu trinken wurde s\u00fc\u00dfer Saft gereicht \u2013 nicht optimal. Einfaches Trinkwasser h\u00e4lt nat\u00fcrlich jede Bordk\u00fcche bereit, und das Personal w\u00e4rmt die mitgebrachte Milch mal eben auf, das ist \u00fcberhaupt kein Problem. Beim Hinflug mit Qantas war der Service etwas unaufmerksam, beim R\u00fcckflug hingegen gut \u2013 Tagesform. Emirates war in jeder Hinsicht entspannt. Auch Windeln war kein Problem, in den Bordtoiletten, von denen es gen\u00fcgend gibt, befinden sich ausklappbare Wickeltische, alles enger als zuhause, aber man muss ja auch nicht gleich in die Boeing oder den Airbus einziehen.<\/p>\n<p>Was das Ganze unn\u00f6tig erschwert, ist der Stress, den man sich selbst macht. Und der Schlafmangel. Ich bin so ein Kandidat, der im Flieger eher kein Auge zumacht. Nach gef\u00fchlten 5000 Blockbustern und einer Playlist von A wie \u201eAlice in Chains\u201c bis X wie \u201eThe XX\u201c im bordeigenen Entertainment-System sowie dem einen guten Buch, das ich schon immer lesen wollte (\u201eDer Mann ohne Eigenschaften\u201c), f\u00fchlte ich mich schon kurz vor Dubai wie ein ausgewrungener Lappen. Und dann wachte Elias nat\u00fcrlich auf und wollte bespa\u00dft werden, putzmunter und fidel. W\u00e4hrend des Tank-Stopps mussten wir das Flugzeug f\u00fcr eine Stunde verlassen, das war schon grenzwertig, wenn man zu m\u00fcde ist, um den richtigen Flugsteig wiederzufinden (zum Gl\u00fcck h\u00e4lt das Personal am Dubaier Flughafen Kinderwagen bereit. Aber daf\u00fcr bin ich schon zu gro\u00df!)<\/p>\n<p>Wer sich das aber zutraut und nicht davor zur\u00fcckschreckt, morgens um sieben Uhr mit einem hellwachen Kind in Sydney anzukommen, wenn man sich eigentlich am liebsten ins Bett legen m\u00f6chte, der muss sich wahrlich keine Sorgen machen. Zumal es einem m\u00f6glichst leicht gemacht wird: Am Londoner Flughafen Heathrow gibt es hervorragende Kinderbereiche mit kleinen H\u00fcpfburgen, Spiel-Gummizellen und unentwegtem Kaffeenachschub f\u00fcr die Eltern. Beim Boarding darf man zusammen mit den K\u00f6rperbehinderten zuerst ins Flugzeug steigen. Die Freigep\u00e4ckmengen variieren zwar von Gesellschaft zu Gesellschaft, aber unserer Erfahrung mit Qantas und Emirates nach war es \u00fcberhaupt kein Problem, einen Kinderwagen und eine sperrige Wandertrage einzuchecken. Und wer nicht permanent \u00fcber den Atlantik jettet, muss sich keine \u00fcbersteigerten Sorgen vor H\u00f6henstrahlung machen: Laut dem Bundesamt f\u00fcr Strahlenschutz ist die zus\u00e4tzliche Strahlenbelastung f\u00fcr Gelegenheitsflugg\u00e4ste \u201edurch das Fliegen sehr gering und gesundheitlich unbedenklich; das gilt auch f\u00fcr Schwangere und Kleinkinder\u201c.<\/p>\n<p>Also, los geht\u2019s, wer\u2019s mag. Ich fange jetzt nicht damit an, dass eine Autofahrt mit Kind und Kegel von K\u00f6ln nach R\u00fcgen statistisch das risikoreichere Unterfangen ist als ein Flug. Und ja, es gibt umweltfreundlichere Reisevarianten, mit dem Zug in die Alpen zum Beispiel. Aber all den Kritikern sei gesagt, dass die meisten solche Fernreisen auch nicht alle drei Wochen unternehmen, und dass es eine gute Idee speziell f\u00fcr die ersten anderthalb bis zwei Lebensjahre des Kindes ist. Danach wird es teurer und schwieriger, die Kleinen zu bespa\u00dfen oder am Sitz zu halten. Sie schlafen auch weniger. Und das bedeutet f\u00fcr die Eltern: noch weniger Schlaf. Sp\u00e4testens beim Tank-Stopp in Dubai r\u00e4cht sich das.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Schlaflos&#8220;, Familienblog auf FAZ.NET (erschienen am 19.06.2018) Von Martin Benninghoff F\u00fcr manche Kritiker sind Fernreisen mit Baby nah dran am Tatbestand der Kindesmisshandlung. So ein Quatsch! 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