{"id":2090,"date":"2018-06-25T16:50:13","date_gmt":"2018-06-25T14:50:13","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2090"},"modified":"2018-06-25T16:50:13","modified_gmt":"2018-06-25T14:50:13","slug":"die-maschine-laeuft-und-laeuft-und-laeuft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2090","title":{"rendered":"Die Maschine l\u00e4uft und l\u00e4uft und l\u00e4uft"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/pop\/guns-n-roses-in-mannheim-die-maschine-laeuft-und-laeuft-15658542.html\">Text erschienen im FAZ.NET-Feuilleton (25.06.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff, Mannheim<\/em><\/p>\n<p><span id=\"work_295622\" class=\"p_textOutput\"><strong>Guns N\u2019 Roses zu Gast auf dem Mannheimer Maimarktgel\u00e4nde: Der lebende Rockstar-Mythos ist sich f\u00fcr kein Klischee zu schade, und die Fans lieben das. Allerdings macht sich auch erster Unmut breit.<\/strong> <\/span><\/p>\n<p>H\u00e4tte es das vor 20 Jahren gegeben? \u201eDie Mannheimer Polizei zieht eine durchweg positive Bilanz nach dem Konzert der Band Guns N&#8216; Roses\u201c, hei\u00dft es in einer Pressemitteilung noch in der Nacht zu Montag. Bitte was? Was ist denn da los? Die angeblich gef\u00e4hrlichste Band der Welt, ber\u00fcchtigt f\u00fcr Eskapaden und einen S\u00e4nger, der fr\u00fcher Konzertfotografen verpr\u00fcgelte und mit seinen leichten bis mittelschweren psychopathischen Anwandlungen den Archetyp des aggressiven Rockstars gab \u2013 ein Liebling der Polizei?<\/p>\n<p>Axl Rose ist mittlerweile 56 Jahre alt, den Jugends\u00fcnden weitgehend entwachsen. Als Guns N&#8216; Roses sich 2016 partiell wiedervereinigten und ihre gro\u00dfe \u201eNot In This Lifetime Tour\u201c starteten, sollen sich die beiden anderen Mitglieder der Urbesetzung, Gitarrist Slash und Bassist Duff McKagan, gegen\u00fcber ihrem sprunghaften Frontmann ausbedungen haben, dass Rose dieses Mal p\u00fcnktlich auf den B\u00fchnen zu erscheinen habe \u2013 und die Fans, Band und Tourveranstalter nicht wieder zwei oder drei Stunden warten l\u00e4sst wie zu Zeiten der legend\u00e4ren \u201eUse Your Illusion\u201c-Tour. Rose h\u00e4lt sich mit gro\u00dfer Disziplin daran, so auch gestern Abend.<\/p>\n<p>Es ist 19.26 Uhr, vier Minuten vor dem angek\u00fcndigten Konzertbeginn, als das Vorspiel beginnt: Auf dem gro\u00dfen Bildschirm in der Mitte der B\u00fchne startet der Trailer, ein gro\u00dfer Panzer schie\u00dft in Richtung Publikum, es ist die g\u00e4nzlich unironische \u00c4sthetik einer Stadionband, die sich stets sehr ernst genommen hat, und die deshalb und wegen der teils altbacken wirkenden grafischen Umsetzung voll in die Klischeekiste greift. Aber sei&#8217;s drum, Guns N&#8216; Roses ist die pure Rockstar-Ikone, die anderswo peinlich und wie ihre eigene Karikatur wirken w\u00fcrde, nicht aber hier unter den rund 50.000 herbeigepilgerten Fans auf dem Mannheimer Maimarktgel\u00e4nde. Die Band ist Kult, selbst Zwanzigj\u00e4hrige, die noch nicht einmal geboren waren, als Axl Rose und Slash schon nicht mehr miteinander sprachen, tragen heute ihre T-Shirts, so wie vielleicht nur noch bei Nirvana, Metallica oder AC\/DC. Das muss schon eine Art Magie sein.<\/p>\n<p>Wenige Minuten sp\u00e4ter legen Rose, Slash, McKagan aus der Urbesetzung, Keyboarder Dizzy Reed aus der Zeit der \u201eUse Your Illusion\u201c-Tour, Gitarrist Richard Fortus aus Axls\u00a0\u201cChinese Democracy\u201c-\u00c4ra und die Neuzug\u00e4nge Frank Ferrer (Schlagzeug) und Melissa Reese (Keyboard und Background Vocals) \u2013 wie meist \u2013 mit \u201eIt&#8217;s so easy\u201c los. Die anderen Urmitglieder Steven Adler und Izzy Stradlin sind nicht dabei, aber das haben die Fans mittlerweile verwunden. Wichtig ist: Slash und Axl Rose m\u00f6gen sich wieder, na ja, sie teilen zumindest wieder die gro\u00dfe B\u00fchne auf der offenen Freifl\u00e4che.<\/p>\n<p><strong>29 Songs, dreieinhalb Stunden Show<\/strong><\/p>\n<p>Das Set danach dauert drei Stunden und 20 Minuten, 29 Songs! Fulminant, erst recht f\u00fcr die Herren im fortgeschrittenen Alter. Die Setlist ist ein Best of ihrer ja gar nicht so umfangreichen Diskografie von gerade einmal sechs Alben, wobei \u201eChinese Democracy\u201c, das 2008 erschienene Werk, ja mehr eine Axl-Rose-Solo-Scheibe ohne Mitwirkung von Slash und Duff McKagan ist. Dazu ein paar Cover-Versionen, die nach wie vor grandiose Version von \u201eLive and Let Die\u201c und, nat\u00fcrlich, \u201eKnockin&#8216; on Heavens Door\u201c.<\/p>\n<p>Es wird viel geboten f\u00fcrs Geld, keine Frage: Die Band liefert mittlerweile wie ein Uhrwerk. Alle Hits. P\u00fcnktlich. Ohne Eskapaden. Das ist zwar keine Kunst, aber Handwerk auf h\u00f6chstem Niveau. Rose ist stimmlich an diesem Abend sehr gut drauf, kein Vergleich mit anderen kommerziell erfolgreichen Stadion-Rockstars dieser \u00c4ra, wie Jon Bon Jovi, der seine Songs fast nicht mehr singen kann und stattdessen seiner Band und dem neuen Gitarristen Phil X die hohen Passagen \u00fcberl\u00e4sst. Rose schafft noch alle H\u00f6hen, auch wenn er in den letzten 20 Minuten konditionell etwas nachl\u00e4sst \u2013 aber das w\u00e4re auch jedem Mittzwanziger nach knapp dreieinhalb Stunden auf einer B\u00fchne dieser Gr\u00f6\u00dfe so gegangen. Abgesehen von einem dicken Einsatz-Patzer beim Soundgarden-Cover \u201eBlack Hole Sun\u201c ist Rose um Meilen besser als vor zehn oder 15 Jahren. Insgesamt ist die Band spielerisch auf den\u00a0 Punkt \u2013 kein Vergleich mit dem vielfach kritisierten ersten Deutschland-Konzert in Berlin vor wenigen Wochen.<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr alle, die die Band seit Jahren und Jahrzehnten verfolgen, fehlen die \u00dcberraschungsmomente, so wie im vergangenen Jahr in Hannover beispielsweise, als pl\u00f6tzlich und f\u00fcr alle unerwartet AC\/DC-Gitarrist Angus Young mit auf die B\u00fchne sprang. Die Songs sind weitgehend gleich geblieben, nur wenige St\u00fccke leicht umarrangiert. Slash liefert \u2013 wie seit Jahrzehnten gewohnt \u2013 sein Instrumentalst\u00fcck mit der Filmmelodie aus \u201eDer Pate\u201c, im Anschluss folgt, nat\u00fcrlich, \u201eSweet Child of Mine\u201c, am Schluss \u201eParadise City\u201c. Pyrotechnik, Raketen, Goldregen. Die Band zieht s\u00e4mtliche Rockstar-Register. Erwartbar und genau das, was die Fans wollen. Allerdings lie\u00df sich Rose offenbar erweichen, den knochentrocken-starken Song von Slashs und Duffs zwischenzeitlicher Supergroup \u201eVelvet Revolver\u201c, \u201eSlither\u201c, mit ins Programm zu nehmen. Im Gegenzug spielt Slash klaglos Axls Songs aus der \u201eChinese Democracy\u201c-\u00c4ra, auch wenn er dann \u2013 als Statement? \u2013 seine giftgr\u00fcne Gitarre nimmt statt der guten alten Gibson Les Paul, mit der er seinen singenden Marshall-Sound bei St\u00fccken wie \u201eEstranged\u201c oder \u201eNovember Rain\u201c veredelt.<\/p>\n<p>Ob das Publikum begeistert ist? Schwer zu sagen. Die ersten 20 Minuten ist die Stimmung noch recht verhalten, bei \u201eWelcome to the Jungle\u201c explodiert sie dann, um dann bei neueren Songs wie \u201eThis I Love\u201c wieder abzuflachen. Aber ein solches Open-Air-Konzert ist ohnehin wie ein lebendiger Organismus. Mal wird der gut ausgesteuerte Klang vom Winde verweht, mal k\u00e4mpft sich die Leadgitarre in den Vordergrund und der Gesang verschwindet hinter einer breiten Schallmauer, seltener verh\u00e4lt es sich genau umgekehrt. Insgesamt aber ist der Sound besser als beim Konzert in Berlin, wo viele danach ihren Unmut \u00fcber den Klangbrei auf Twitter kundtaten.Was bleibt, ist ein zwiesp\u00e4ltiges Bild: Guns N&#8216; Roses f\u00e4hrt einerseits eine \u2013 nach den Ma\u00dfst\u00e4ben dieses Genre \u2013 grandiose Show ab, andererseits verwalten die Musiker ihr gro\u00dfes Erbe nur noch, nicht zuletzt, um ihren Mythos nach Jahren der Funkstille vor allem zwischen Slash und Axl Rose wieder zu Geld zu machen. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, die laufende Tour geh\u00f6rt jetzt schon zu den kommerziell erfolgreichsten Tourneen aller Zeiten. Aber die Frage, ob neben allem Marketing und Handwerk k\u00fcnstlerisch etwas zu erwarten ist, bleibt unbeantwortet. Reicht die reine Dienstleistung?<\/p>\n<p><strong>Gemeinsames Bierchen? Kaum vorstellbar<\/strong><\/p>\n<p>Im Internet machen zunehmend mehr Fans ihrem \u00c4rger Luft, dass die Band finanziell alles aus ihrem gro\u00dfen Namen herauspresst, aber nichts Neues ank\u00fcndigt. Wer die Vorgeschichte, die langj\u00e4hrigen Streitigkeiten und den schwierigen Charakter von Axl Rose in Rechnung stellt, mag nicht so recht an neues Material glauben, zumal die Musiker auf der B\u00fchne weitgehend aneinander vorbei agieren. Ob sie nach dem Konzert gemeinsam ein Bierchen trinken gehen? Kaum vorstellbar, eher rauschen sie in eigener Limousine ins separierte Hotelzimmer. W\u00e4re ein gemeinsamer Studioaufenthalt \u00fcberhaupt noch denkbar? Zumindest w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, dass sie ihre alte Musik neu interpretieren w\u00fcrden, um auch den grunds\u00e4tzlich konservativen Hardrockfan zu ersch\u00fcttern. Auch wenn der das nicht will, aber das haben Konservative nun mal an sich.<\/p>\n<p>Was aber bis in alle Ewigkeit bleibt, ist die herrliche musikalische Naivit\u00e4t einer Band, die kein Klischee vermeiden muss; sie hat sie ja schlie\u00dflich erfunden. Fill-ins auf dem Schlagzeug wie bei \u201eNovember Rain\u201c, die einen Schlagzeuglehrer zwar leicht err\u00f6ten lassen und im Rocklexikon der gr\u00f6\u00dften musikalischen Klischees stehen, aber eben untrennbar mit dieser Band verbunden sind. Wie einst der Schrei von Joe Cocker. Oder die Kopfstimme von Prince. Insofern ist es auch ein Alleinstellungsmerkmal im Rockstarhimmel, eine Coverversion von Pink Floyds \u201eWish You Were Here\u201c aufzuf\u00fchren, bei der Slash und der zweite Gitarrist Richard Fortus sich solistisch duellieren. Ja, bitte, wo gibt es so was? Das sind eigentlich Einf\u00e4lle von Sch\u00fclerbands, an der Popakademie w\u00fcrde man daf\u00fcr Spott ernten. Aber: Guns N&#8216; Roses darf das.<\/p>\n<p>Na und, w\u00fcrde einem Slash ohnehin entgegen rotzen: Was dieser Mann, der in den dreieinhalb Stunden nat\u00fcrlich weder Sonnenbrille noch Zylinder absetzt, den ganzen Abend liefert, ist mehr als Gitarrespielen, er ist nichts anderes als die Rockstar-Chiffre schlechthin. Wenn er spielt, r\u00e4keln sich auf der Leinwand Schlangen (er ist Schlangenliebhaber), und ein animierter Totenkopf mit Zylinder h\u00fcpft \u00fcber den Bildschirm. Selbst wenn Rockmusik eines Tages tot sein sollte, steht Slash noch im Fegefeuer und spielt das Solo von \u201eDon&#8217;t Cry\u201c l\u00e4ssig zu Ende, schmei\u00dft die Gibson ins Feuer \u2013 und angelt sich die Doppelhalsgitarre, die ein verschwitzter Roadie ihm hinh\u00e4lt. Alleine deshalb pilgern die Fans eben hin. Heute und wahrscheinlich auch noch in der Zukunft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text erschienen im FAZ.NET-Feuilleton (25.06.2018) Von Martin Benninghoff, Mannheim Guns N\u2019 Roses zu Gast auf dem Mannheimer Maimarktgel\u00e4nde: Der lebende Rockstar-Mythos ist sich f\u00fcr kein Klischee zu schade, und die Fans lieben das. Allerdings macht sich auch erster Unmut breit.&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2090\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Die Maschine l\u00e4uft und l\u00e4uft und l\u00e4uft<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[156,232,1],"tags":[378,379,376,561,377],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2090"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2090"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2090\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2091,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2090\/revisions\/2091"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2090"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2090"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2090"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}