{"id":2094,"date":"2018-06-26T19:18:49","date_gmt":"2018-06-26T17:18:49","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2094"},"modified":"2018-06-26T19:18:49","modified_gmt":"2018-06-26T17:18:49","slug":"die-angst-der-eltern-vor-dem-kontrollverlust","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2094","title":{"rendered":"Die Angst der Eltern vor dem Kontrollverlust"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2018\/06\/26\/die-angst-der-eltern-vor-dem-kontrollverlust-143\/\">Beitrag f\u00fcr F.A.Z.-Familienblog &#8222;Schlaflos&#8220; (erschienen am 26.06.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Eltern schaden ihren Kindern, wenn sie sie nicht mehr von der Hand lassen. Aber was treibt \u00fcberf\u00fcrsorgliche Eltern an: echte Sorge oder unbegr\u00fcndete \u00c4ngste?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Junge, der auf einem stra\u00dfenbreiten Wanderweg permanent von seinen Eltern zur\u00fcckgepfiffen wird, obwohl er bergseitig an ungef\u00e4hrlicher Stelle geht. Ein M\u00e4dchen, das nicht am Bach spielen darf, weil es sich aus Angst vor einer Erk\u00e4ltung blo\u00df keine nassen F\u00fc\u00dfe holen soll. Ein M\u00e4dchen am Tisch, abseits aller steilen H\u00e4nge und rei\u00dfenden Fl\u00fcsse, das mit Kuchenkr\u00fcmeln spielt. Darf sie nicht. Und mit dem Stuhl kippelt. Darf sie schon gar nicht. Kinder, die nicht nur Fahrradhelm tragen und eine neongelbe Warnweste, sondern auch eine hohe Fahne ans R\u00e4dchen befestigt bekommen, um Tage sp\u00e4ter zu h\u00f6ren, dass sie die M\u00fctter doch sowieso lieber mit dem Auto zur Schule fahren. Ein Junge, der nicht in die pralle Sonne nach drau\u00dfen gehen darf, aus Angst vor Hautkrebs. Ein anderer Junge, der nicht alleine am Waldrand spielen soll, aus Sorge vor einem Gewaltverbrecher. Ein Neugeborenes, das auf einer speziellen Matte zur Atemkontrolle schl\u00e4ft und die ganze Nacht mittels eines Babyphones mit eingebauter Kamera beobachtet wird. Big daddy is watching you!<\/p>\n<p>Die Reihe k\u00f6nnte man fortsetzen, und das Schlimmste: Die Beispiele sind alle dem wahren Leben der vergangenen f\u00fcnf Jahre entnommen. Nicht, dass ich hier das Hautkrebsrisiko f\u00fcr Kinder oder die tats\u00e4chlich erheblichen Gefahren f\u00fcr Sch\u00fcler im Stra\u00dfenverkehr oder die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr einen pl\u00f6tzlichen Kindstod kleinreden m\u00f6chte, f\u00fcr viele der Beispiele lassen sich gute Argumente finden, warum Eltern ihr Kind davor sch\u00fctzen m\u00f6chten. Aber es geht um mehr: Wie tarieren Eltern im Jahr 2018 das Verh\u00e4ltnis von Freiheit und Kontrolle ihrer Kinder aus? Nach meiner (nat\u00fcrlich nicht repr\u00e4sentativen) Beobachtung verhalten sich viele Eltern \u00fcbervorsichtig, indem sie ihre Kinder selbst vor kleinen Lebensrisiken absichern wollen. Der Begriff &#8222;Helikopter-Eltern&#8220; macht dazu die Runde, aber der trifft es nur teilweise. Es geht vielmehr um Eltern, die ihre Kinder permanent an der kurzen Leine halten. Mit der Folge, dass dem Nachwuchs zu wenig Raum f\u00fcr eigenverantwortliches und eigenst\u00e4ndiges Ausprobieren bleibt, ja ihnen sogar das Recht genommen wird, sich, im \u00fcbertragenen Sinne, eine blutige Nase zu holen. Wie sonst sollen Kinder lernen, Situationen \u2013 und die meisten davon im Leben werden unvorhersehbar sein \u2013 richtig einzusch\u00e4tzen und zu meistern, wenn nicht durch eigene Erfahrungen?<\/p>\n<p>Die meisten dieser Lebenssituationen werden sich ja nicht unter Laborbedingungen abspielen. Wer, wenn nicht das Kind, das gelernt hat, zu improvisieren, Frustration auszuhalten und die eigenen Impulse und Gef\u00fchle zu kontrollieren, kann sich dann richtig verhalten? Es geht nicht um reine Anpassung im Sinne eines stupiden Opportunismus. Es geht um Selbstbestimmung und das n\u00f6tige Selbstbewusstsein, eigene Entscheidungen zu treffen und bei Gegenwind daf\u00fcr einzustehen. Wer als Kind aber von \u00fcberf\u00fcrsorglichen M\u00fcttern und V\u00e4tern auf die Wippe gehievt wird, ohne die Chance zu bekommen, es selbst zu versuchen und, ja, auch zu scheitern, wird das Bewusstsein, etwas geschafft zu haben, nicht kennenlernen. Wer die Chance gar nicht erst bekommt, aus eigenen Fehlern Schlussfolgerungen zu ziehen, wird m\u00f6glicherweise sp\u00e4ter selbstgemachte Fehler seiner Umgebung zuschieben. Erst den Eltern. Den Gro\u00dfeltern. Sp\u00e4ter der Frau, dem Mann, den eigenen Kindern. Oder sogar reichlich diffus und ganz allgemein der Gesellschaft, ein S\u00fcndenbock f\u00fcr die selbst begangenen Fehler muss dann her. Wer sich nichts zutraut, erlebt seine Umgebung aber als unkontrollierbar und daher gef\u00e4hrlich. Und wird auch seine Kinder in diesem Sinne erziehen.<\/p>\n<p>An den Kontroll-Anspr\u00fcchen mancher zeitgen\u00f6ssischer Eltern gemessen, hatte ich als Kind gen\u00fcgend Freiraum, Fehler zu machen und mich auszuprobieren. Wir haben zuhause zwar die Freizeit auch gemeinsam verbracht und sonntags Ausfl\u00fcge unternommen, samstags war ich mit meinem Vater meist einkaufen \u2013 und habe von der gelben Telefonzelle aus gelegentlich zuhause anrufen m\u00fcssen, weil wir den Einkaufszettel verlegt hatten. Aber die Nachmittage nach der Schule, Teile des Wochenendes und der Ferien konnte ich mit meinen Freunden zum Beispiel im Wald verbringen: Buden bauen, irgendwelche Scharm\u00fctzel mit \u201everfeindeten\u201c Jungs inszenieren. Nicht alles war verplant, nicht alles in Watte verpackt. Nat\u00fcrlich gab es auch in meiner Kindheit Zeiten, an denen ich zuhause sein sollte. Und Grenzen. Aber der Freiheit war neben der Reglementierung ein weiter Raum zugestanden. Gab es dazu gro\u00dfe Sorgen der Eltern? Vor Krankheit? Verletzungen? Zu viel Sonne? Vor Dieben und Vergewaltigern, die hinterm Baum lauern? Sollten meine Eltern so gedacht haben, dann habe ich damals nicht viel davon mitbekommen. Muss ich sie mal fragen beim n\u00e4chsten Kaffeetrinken.<\/p>\n<p>Im Ernst: Solchen Gefahren gab es damals genauso wie heute, nur die Sensibilit\u00e4t scheint heute um ein Vielfaches h\u00f6her zu sein. In Deutschland sind im vergangenen Jahr zehntausende Kinder Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden, leider \u00e4ndert sich an diesen Zahlen seit Jahren wenig. Aber einen drastischen Anstieg gibt es nicht. Vor allem sexuelle \u00dcbergriffe sind nach wie vor kaum einzud\u00e4mmen, wobei die Dunkelziffer sehr hoch ist. Dass es insgesamt bei Sexualstraftaten einen Anstieg gibt, hat mit einer Reform im Sexualstrafrecht zu tun, wodurch mehr Leute angezeigt werden. Mehr als 4000 Kinder wurden im vergangenen Jahr schwer misshandelt, die H\u00e4lfte davon war j\u00fcnger als sechs Jahre. Die meisten dieser F\u00e4lle geschehen im \u201esozialen Nahbereich\u201c, wie es unsch\u00f6n hei\u00dft, zuhause in den Familien. Auch das nichts Neues, leider Stand der Dinge seit langem. Schlimm genug, dass man das nicht in den Griff bekommt, auch wenn die Hilfe- und Aufkl\u00e4rungsm\u00f6glichkeiten heute besser als fr\u00fcher sind. Wer es mit dem Schutz vor Lebensrisiken ernst meint, sollte seine Kinder daher unbedingt in den Wald schicken. Zuhause ist es gef\u00e4hrlicher. Aber was nutzen schon solche Erkenntnisse, wenn das Gef\u00fchl, die \u201egef\u00fchlte Realit\u00e4t&#8220;, in Zeiten von fake news wirkm\u00e4chtiger ist als die Wirklichkeit? Und manche der M\u00e4r verfallen, fr\u00fcher sei alles besser gewesen? Gerade Eltern sind daf\u00fcr anf\u00e4llig.<\/p>\n<p>Dass die angeblich guten, alten Zeiten sicherer gewesen seien, ist grober Unfug. Dazu nur eine kleine Anekdote aus meinem eigenen Leben: Ich war elf oder zw\u00f6lf, als sich ein etwas \u00e4lterer Junge, damals vielleicht 14 oder 15, an meine Freunde und mich heranmachte. Er wohnte ein paar Stra\u00dfen weiter und war meiner Erinnerung nach leicht geistig behindert, jedenfalls waren wir ihm, obwohl einige Jahre j\u00fcnger, intellektuell \u00fcberlegen. Er suchte uns als Spielkameraden, er zeigte Interesse an uns. Wie wir alsbald merken sollten, zeigte er dies auf unangenehme und sexualisierte Art und Weise. Eines Tages wollte er sich mit uns an einem \u201egeheimen Ort\u201c treffen, hinter einem gro\u00dfen Stromkasten am Waldrand. Was er da von uns wollte, interessierte uns nicht wirklich, da wir beschlossen, ihn zu linken. Wir bestellten ihn zum Spa\u00df um eine bestimmte Uhrzeit dorthin, erschienen nat\u00fcrlich nicht, sondern lagen feixend im nahen Geb\u00fcsch, um sich \u00fcber sein verdattertes Gesicht k\u00f6niglich zu am\u00fcsieren, als er merkte, dass er versetzt wurde. Jahre sp\u00e4ter dachte ich, es w\u00e4re gut gewesen, unsere Eltern davon zu unterrichten. Ich hatte geh\u00f6rt, dass der Junge versucht hatte, ein kleines Nachbarm\u00e4dchen in einen Haus-Rohbau zu locken. Zum Gl\u00fcck wurde Schlimmeres verhindert, wie genau, das entzieht sich meiner Kenntnis. Der Junge jedenfalls flog auf und verschwand aus der Nachbarschaft \u2013 aber vielleicht h\u00e4tten wir diese Eskalation verhindern k\u00f6nnen, wenn wir uns gegen\u00fcber den Eltern ger\u00fchrt h\u00e4tten. Dann h\u00e4tte man Opfer und T\u00e4ter fr\u00fchzeitiger helfen k\u00f6nnen. Dennoch, was bleibt: Wir konnten unsere erlebte Situation selbst\u00e4ndig meistern.<\/p>\n<p>So etwas gibt das n\u00f6tige Selbstvertrauen, auch mit anderen schwierigen Situationen klarzukommen. Aber woher kommt dann die Angst heutiger Eltern vor dem Kontrollverlust und der Katastrophe? Beim Thema Angst und Gewalt und Kriminalit\u00e4t spielen wir Medien eine nicht immer r\u00fchmliche Rolle, \u00fcber die Vielzahl an Talkshows, bei denen schon im Sendungstitel Assoziationsrahmen von Fl\u00fcchtlingen und Kriminalit\u00e4t (wenn auch mit Fragezeichen) aufgezogen werden, wird derzeit zurecht kontrovers debattiert. Auch die Beinahe-Echtzeitberichterstattung von Medien ist nicht immer unproblematisch. Das Unsicherheitsgef\u00fchl steigt auch deshalb, weil jede Krise, und sei sie im hintersten Hindukusch, mittlerweile viel st\u00e4rker globalisiert ist und dadurch in unsere Gefilde schwappt. Nicht nur durch Medien, sondern physisch. Die gestiegene weltweite Migration verlagert Krisen und Probleme partiell in andere Weltgegenden, aber es ist mehr die Furcht vor Ver\u00e4nderung als die Ver\u00e4nderung selbst, die das Denken vergiften kann. Sonst w\u00e4re es unerkl\u00e4rbar, dass vor allem diejenigen, die nie Kontakt mit Migranten haben, die gr\u00f6\u00dften (dann h\u00e4ufig unbegr\u00fcndeten) \u00c4ngste entwickeln. Die Sorge vor Einbr\u00fcchen ist auch so ein schwieriger Patient, dem noch nicht einmal die frohe Botschaft, dass die Zahl der Einbr\u00fcche zur\u00fcckgeht, helfen kann. Auch ich habe im erweiterten Familienkreis bereits den Satz \u201ein diese Welt kann man keine Kinder mehr setzen\u201c h\u00f6ren m\u00fcssen. Wenn nicht in diese Welt \u2013 in welche denn dann? Wer so etwas sagt, kann Vergangenheit und Gegenwart offenbar nicht mehr in einen sinnvollen Bezug setzen.<\/p>\n<p>Das ist nicht alles: Der Leistungsgedanke und der \u00fcbersteigerte Wunsch nach einer makellosen Performance im Alltag \u2013 im Supermarkt, auf dem Spielplatz, gegen\u00fcber Freunden \u2013 kann ebenfalls zu einem \u00fcbertriebenen Kontrollwahn f\u00fchren (es gibt allerdings auch das Gegenteil: Eltern, die ihre Kinder gar nicht begrenzen). Zumal die Freizeit mit den durchorganisierten Kindern ohnehin knapp bemessen ist, folglich ist man bem\u00fcht, das Ergebnis zu perfektionieren. Da st\u00f6ren schreiende Kinder an der Kasse: In unserer Feedbackkultur sind die zugegebenerma\u00dfen nicht sehr hilfreichen Kommentare der Mitmenschen dann nicht mehr ertr\u00e4glich \u2013 in einer durch und durch privatisierten Welt schon mal gar nicht: Was erlauben die sich? Auch die Vielzahl an Anbietern, die Kindergeburtstage von A bis Z organisieren, spricht B\u00e4nde: Nichts wird hier mehr dem Zufall \u00fcberlassen; bedauerlich nur, dass die Freude in den Kindergesichtern nicht gleich mitgebucht werden kann. Im Gegensatz zu manchen unbegr\u00fcndeten \u00c4ngsten ist dies sogar eine pragmatische und nachvollziehbare Reaktion auf den Zeitmangel in den Familien. Bleibt nur die Frage, ob sie auch f\u00fcrs Kind vern\u00fcnftig ist. Auswege aus diesem Stresstest f\u00fcr Eltern und Kind sind nicht leicht gefunden, die zeitliche Verdichtung setzt den Familien eben zu. Vielleicht hilft es als erstes, in den Freir\u00e4umen, die einem mit den Kindern bleiben, die Z\u00fcgel einfach mal lockerer zu halten. Und sich nicht verr\u00fcckt machen zu lassen durch Kriege, Terror, schlechte Nachrichten und die &#8222;Performance&#8220; der Nachbarm\u00fctter und -v\u00e4ter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag f\u00fcr F.A.Z.-Familienblog &#8222;Schlaflos&#8220; (erschienen am 26.06.2018) Von Martin Benninghoff Eltern schaden ihren Kindern, wenn sie sie nicht mehr von der Hand lassen. Aber was treibt \u00fcberf\u00fcrsorgliche Eltern an: echte Sorge oder unbegr\u00fcndete \u00c4ngste? 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