{"id":2101,"date":"2018-07-12T12:51:01","date_gmt":"2018-07-12T10:51:01","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2101"},"modified":"2018-07-12T12:51:24","modified_gmt":"2018-07-12T10:51:24","slug":"gebirgsgrat-statt-spassbad","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2101","title":{"rendered":"Gebirgsgrat statt Spa\u00dfbad"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2018\/07\/12\/viel-besser-als-in-spassbaedern-201\/\">Erschienen in &#8222;Schlaflos &#8211; Das Familienblog der F.A.Z.&#8220; (12.07.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Wahrscheinlich ist das Hochgebirge nicht die ideale Reiseregion f\u00fcr Kleinkinder. Aber auch hier kann man die Interessen von Kindern und Erwachsenen unter einen Hut bekommen, wenn man ein paar Dinge beachtet.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr einen Tag durfte ich mich wie Reinhold Messner f\u00fchlen. Frei. Ungebunden. Im Alleingang auf die Gipfel. Ohne Zuhilfenahme von Hilfsmitteln, im puristischen Alpinstil eben. Ohne den Aufwand einer Expeditionslogistik. Ja, denn so f\u00fchlt es sich normalerweise an, wenn meine Frau, unser 20 Monate alter Sohn Elias und ich im Hochgebirge unterwegs sind, und wir f\u00fcr den Kleinen Cracker, Fr\u00fcchte, Brot, K\u00e4se, Trinkflasche, Sonnenhut, Sonnencreme, Strumpfhose, Hose zum Wechseln, T-Shirt zum Wechseln, Fleece, Windeln und Regenjacke einpacken und eine Sonnenbrille, die er ohnehin niemals aufsetzt. Selbstredend bin ich dabei in Personalunion Gipfelaspirant und Basislager-Sherpa, schleppe genannte Utensilien wie ein Yak zwischen Baumgrenze und Gletscherseen und nat\u00fcrlich auch wieder zur\u00fcck, da er die meisten Nahrungsmittel in der H\u00f6he sowieso verschm\u00e4ht.<\/p>\n<p>Was hatte sich mir in der vergangenen Woche also eine Chance er\u00f6ffnet, als mir meine Frau mitteilte, wegen ihrer Erk\u00e4ltung an diesem Tage nichts unternehmen zu k\u00f6nnen und doch lieber mit Elias im Tal bleiben zu wollen. Hosianna, eine argumentative Steilvorlage, um mit gutem Gewissen einen Ego-Trip ins Gebirge zu unternehmen. Ganz alleine! Ohne Vorr\u00e4te f\u00fcr die n\u00e4chsten drei Jahre, nur mein kleiner Rucksack und ich. Herrlich! Das Kind mitnehmen? W\u00e4re doch unverantwortlich, was, wenn ich mir einen Fu\u00df br\u00e4che, und der Kleine alleine auf sich gestellt pl\u00f6tzlich dort oben ausharren m\u00fcsste? Nein, nein, das lassen wir mal lieber sein. Die Fakten sprachen definitiv f\u00fcr meinen Alleingang, und der elterlichen Vernunft soll man nicht widersprechen.<\/p>\n<p>Vom M\u00f6lltal\u00a0 im \u00f6sterreichischen K\u00e4rnten stieg ich \u00fcber die Nossberger H\u00fctte und die Niedere Gradenscharte auf 2800 Metern Seeh\u00f6he zur Lienzer H\u00fctte im Osttiroler Debanttal. Die schwere \u201eDeuter\u201c-Trage hatte ich zuhause gelassen, ebenso wie die schweren Gedanken, die sonst permanent beim Kind hinten in der Trage lagern: Ist dem Kleinen zu kalt? Warum schl\u00e4ft er so lange? Schadet ihm die H\u00f6he? Einfach nur steigen, dem inneren Trott folgen, Alpenrosen anstarren, an vereisten Bergseen hocken und Murmeltiere erschrecken. Herrlich! Aber wie es so ist, h\u00e4ngen die Gedanken dann doch irgendwann wieder beim Kind: W\u00e4re das nicht auch nett f\u00fcr den Kleinen hier? Und: Passen Kleinkinder und Hochgebirge \u00fcberhaupt zusammen? Schwierige Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe \u2013 und die mir auch an diesem Tag wieder ins Bewusstsein r\u00fcckte.<\/p>\n<p>Wenige Meter unterhalb der drahtseilversicherten Scharte stieg mir ein Vater mit seinem sch\u00e4tzungsweise drei Jahre alten Sohn entgegen. Der Vater sah aus wie ein Bergf\u00fchrer oder wie Leute, die eben aussehen wollen wie ein Bergf\u00fchrer. Teure Funktionskleidung, die von \u201eMammut\u201c, Gletscherbrille, sonnengebr\u00e4unter Skilehrer-Teint. Der Sohn hockte l\u00e4ssig und entspannt auf den Schultern, w\u00e4hrend sich der Vater eher wie eine alte Dampfzahnradbahn am steilsten Streckenabschnitt den Berg hinauf qu\u00e4lte. Also doch kein Bergf\u00fchrer. Die beiden h\u00e4tten ein tolles Paar f\u00fcr den Katalog \u201eUnverantwortlich, aber gr\u00f6\u00dftm\u00f6glich cool\u201c abgegeben. Weiter unten schleppte ein Vater, im normalen Leben wohl eher couch potatoe denn Spitzenbergsteiger, seine vielleicht vier Jahre alte Tochter in einer Trage den Hang hinauf, schwitzend, schnaufend, schlecht gelaunt statt freundlich gr\u00fc\u00dfend. Kurz darauf schob eine Mutter ihren sieben oder acht Jahre alten Sohn mit der flachen Hand unterm Hintern voran, und der Junge sah nicht so aus, als wolle er dem Ger\u00f6llhang noch einen H\u00f6henmeter abtrotzen. Ist das noch kindgerecht oder schon unverantwortlich?<\/p>\n<p>Die Frage treibt mich um, seit wir mit dem kleinen Elias in die Berge fahren. Wahrscheinlich muss man sich selbst gegen\u00fcber so ehrlich sein und zugeben, dass es geeignetere Reiseorte f\u00fcr Klein- und Kleinstkinder gibt als alpine Regionen. Nat\u00fcrliche Str\u00e4nde, wo die Kinder buddeln k\u00f6nnen, und k\u00fcnstliche Badelandschaften zum Beispiel, wo sie in lustig-bunten Rutschen dem Wellental entgegen schlittern. Aber was nutzt es dem Nachwuchs, wenn der Vater wegen schlechter Laune im Spa\u00dfbad kurz vorm Amoklauf steht, weil er die ganze fritten- und chlorgeruchgeschw\u00e4ngerte Umgebung selbst unter Ausreizung s\u00e4mtlicher Toleranzspeicher nicht eine Sekunde ertragen kann? Oder ihm der Bissen am Cluburlaub-Massenspeisungsbuffet im Hals stecken bleiben w\u00fcrde, so dass sich die Abneigung schon in blo\u00dfem Gedanken als psychologische Schmierinfektion in eine ernsthaft-somatische Magen-Darm-Erkrankung transformiert? Die gute Laune w\u00e4re ohnehin nur Fiktion, und aus dem Spa\u00df- w\u00fcrde schnell ein Hassbad. Dieser Preis w\u00e4re selbst f\u00fcrs Kindeswohl zu hoch.<\/p>\n<p>Also fuhren wir im vergangenen Jahr in die Berge, obwohl der Kleine gerade einmal ein Dreivierteljahr auf dem Buckel hatte \u2013 und dieses Jahr wieder. Nat\u00fcrlich beherzigten wir die Regeln der Anpassung, schraubten unser Tourenprogramm bis zur Unkenntlichkeit auf das Mindestma\u00df herunter und sorgten f\u00fcr eine langsame H\u00f6henakklimatisierung. F\u00fcr Kleinstkinder sollte bei 2000 H\u00f6henmetern Schluss sein, dort oben nimmt der Mensch in etwa so viel Sauerstoff im Blut auf wie in den k\u00fcnstlich erzeugten Druckverh\u00e4ltnissen im Flugzeug. Auch sollten sie nicht l\u00e4nger als vier Stunden am Tag bewegungsunf\u00e4hig in der Trage sitzen, immer gen\u00fcgend trinken und vor der Sonne und K\u00e4lte gesch\u00fctzt sein. Hundertprozentig vern\u00fcnftig haben wir uns damals nicht verhalten: Als wir Elias einmal auf 2500 H\u00f6henmeter in die hochalpine Region mitnahmen, gefiel uns nach einer Zeit sein Allgemeinzustand nicht wirklich, er wirkte m\u00fcder und passiver als sonst. Also stiegen wir sofort ab. W\u00e4ren wir gleich besser in niedrigeren Gefilden geblieben. Passiert ist nichts, aber sch\u00f6n war anders.<\/p>\n<p>Ein solcher Fehler ist uns nicht mehr passiert. Mittlerweile ist Elias mit seinen 20 Monaten ohnehin stabil genug f\u00fcrs Hochgebirge. Kleinkinder wie er k\u00f6nnen bei entsprechender sorgf\u00e4ltiger H\u00f6henanpassung bis zur 2500- oder (bei optimalen Wetterbedingungen) gar bis zur 3000-Meter-Marke aufsteigen, allerdings m\u00fcssen Eltern unbedingt auf die Hitze und K\u00e4lte achten. Das Kind k\u00fchlt unheimlich schnell aus oder \u00fcberhitzt. Solange Elias begierig in der Landschaft herumschaut und mit den Murmeltieren sch\u00e4kert, kein Problem. W\u00e4hrend er schl\u00e4ft, kontrollieren wir aber h\u00e4ufiger seinen Allgemeinzustand, sorgen zwischendrin f\u00fcr ausreichend Pausen und Abwechslung beim langem Sitzen in der Trage. Und f\u00fcr spannende Pausen in Alpenvereinsh\u00fctten oder Almen, die was f\u00fcr Kinder bieten, wie Spielger\u00e4te, Alpakas im Garten, oder B\u00e4che vor der T\u00fcr, wo sich Staud\u00e4mme bauen lassen. Das Hochgebirge ist eine abwechslungsreiche Spielwiese voller Kraxeleien und Aktivit\u00e4tsangeboten \u2013 sch\u00f6ne Aussichten und Panoramen interessieren Kinder nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p>Letztlich ist am wichtigsten, dass die Eltern kinderfreundliche Touren planen, die deutlich unterhalb ihrer eigenen Leistungsgrenze angesiedelt sind, damit immer Kraftreserven und gen\u00fcgend Erfahrung mit im Rucksack sind. Und dass die Touren insgesamt nicht l\u00e4nger als vier, f\u00fcnf Stunden dauern und schnelle Abstiege jederzeit m\u00f6glich sind. \u00dcber die Niedere Gradenscharte h\u00e4tte ich Elias also locker mitnehmen k\u00f6nnen, \u00fcber den St\u00fcdlgrat am Gro\u00dfglockner, eine mittelschwere Kletterei, allerdings nat\u00fcrlich nicht. Wenn man das beherzigt, lassen sich die Interessen der Eltern mit denen der Kinder einigerma\u00dfen unter einen Hut bekommen. Nicht immer und nicht perfekt. Aber einigerma\u00dfen harmonisch. So harmonisch, wie der Besuch im Spa\u00dfbad niemals sein k\u00f6nnte. Dann schon lieber Murmeltiere erschrecken!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen in &#8222;Schlaflos &#8211; Das Familienblog der F.A.Z.&#8220; (12.07.2018) Von Martin Benninghoff Wahrscheinlich ist das Hochgebirge nicht die ideale Reiseregion f\u00fcr Kleinkinder. 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