{"id":2106,"date":"2018-07-26T10:46:10","date_gmt":"2018-07-26T08:46:10","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2106"},"modified":"2018-07-26T10:47:21","modified_gmt":"2018-07-26T08:47:21","slug":"nordkorea-soll-diplomatisch-ausgehungert-werden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2106","title":{"rendered":"Nordkorea diplomatisch aushungern?"},"content":{"rendered":"<p>Artikel erschienen bei FAZ.NET am 26.07.2018<\/p>\n<p><strong>Nur wenige Staaten pflegen so enge Kontakte mit Nordkorea wie Deutschland. Doch Fachleute bem\u00e4ngeln die Zur\u00fcckhaltung im Ausw\u00e4rtigen Amt. \u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Von Martin Benninghoff<\/p>\n<p>Wenn Bundesau\u00dfenminister Heiko Maas (SPD) seinen Fu\u00df in die entmilitarisierte Zone an der streng bewachten Grenze zwischen Nord- und S\u00fcdkorea setzt, an diesen symbolisch aufgeladenen Ort der zementierten koreanischen Teilung, dann reist die Frage der Wiedervereinigung mit. Das ist immer so, wenn deutsche Spitzenpolitiker nach Korea reisen. Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier \u00fcberreichte dem s\u00fcdkoreanischen Pr\u00e4sidenten Moon Jae-in vor einiger Zeit ein Portr\u00e4t Willy Brandts, der \u201emit seiner mutigen Ostpolitik den Weg der deutschen Wiedervereinigung gebahnt\u201c habe. Und auch der Au\u00dfenminister wird sich Fragen anh\u00f6ren m\u00fcssen zum deutschen Vorbild f\u00fcr die geteilte koreanische Halbinsel \u2013 und nach der Rolle der Deutschen im gegenw\u00e4rtigen Wiederann\u00e4herungsprozess zwischen dem Westen und Nordkorea. Vermutlich auch kritische.<\/p>\n<p>In den Entspannungsbem\u00fchungen zwischen dem amerikanischen Pr\u00e4sidenten Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un spielt Deutschland keine Rolle. Die beiden Staatsf\u00fchrer dominieren die Wahrnehmung und die Berichterstattung, im Hintergrund ziehen ihre Diplomaten sowie die S\u00fcdkoreas, Chinas und Japans die F\u00e4den. Dabei ist Deutschland f\u00fcr Nordkorea mehr als nur ein weit entfernter europ\u00e4ischer Staat: Wie sonst vielleicht nur Schweden verf\u00fcgt Deutschland \u00fcber hervorragende Kontakte in die nordkoreanische Politik und Zivilgesellschaft, vor allem im humanit\u00e4ren und kulturellen Bereich.<\/p>\n<p>Der Bundestagsabgeordnete und Korea-Fachpolitiker Hartmut Koschyk (CSU) fordert daher eine st\u00e4rkere Rolle Deutschlands: \u201eIch w\u00fcrde das sehr begr\u00fc\u00dfen.\u201c Korea-Forscher sekundieren: \u201eIch halte es f\u00fcr richtig, den Dialog und Austausch auf m\u00f6glichst vielen \u2013 sowohl politischen als auch unpolitischen Ebenen \u2013 aufrecht zu erhalten und auszubauen\u201c, sagt Hannes Mosler von der FU Berlin. R\u00fcdiger Frank von der Universit\u00e4t Wien, der sich gerade in der s\u00fcdkoreanischen Hauptstadt Seoul aufh\u00e4lt, schl\u00e4gt Deutschland als \u201eneutralen Vermittler und Mediator\u201c im Atomkonflikt zwischen Pj\u00f6ngjang und Washington vor. Deutschland sei \u201eanerkannt und respektiert, aber ohne mit China oder Amerika vergleichbare unmittelbare politische Interessen auf der Halbinsel\u201c zu verfolgen.<\/p>\n<p>Die wichtigsten Gespr\u00e4chskan\u00e4le laufen \u00fcber die deutsche Botschaft in Pj\u00f6ngjang und die nordkoreanische in Berlin. Nur wenige westliche L\u00e4nder verf\u00fcgen \u00fcberhaupt \u00fcber offizielle diplomatische Beziehungen mit Nordkorea, Deutschland ist eines davon. Der fr\u00fchere Au\u00dfenminister Joseph Fischer (Gr\u00fcne) belebte die Beziehungen 2001 wieder, nachdem sie jahrelang nur noch auf der niedrigeren diplomatischen Stufe einer St\u00e4ndigen Vertretung Deutschlands in der nordkoreanischen Hauptstadt betrieben worden waren. Botschafter Thomas Sch\u00e4fer wurde k\u00fcrzlich pensioniert, sein Nachfolger Pit Heltmann tritt in diesen Tagen sein Amt in Pj\u00f6ngjang an.<\/p>\n<p>Die enge Verbundenheit zwischen Deutschland und Nordkorea geht noch auf alte DDR-Verbindungen zur\u00fcck. Nach 1949 geh\u00f6rte die DDR zu den engsten Partnern Nordkoreas im Ostblock. Schon fr\u00fch besuchte man sich, Staatsgr\u00fcnder Kim Il-sung reiste nach Ost-Berlin und in andere St\u00e4dte, Erich Honecker und sp\u00e4ter Egon Krenz besuchten die Genossen in Asien. Die DDR beteiligte sich mit Krediten und Arbeitskr\u00e4ften am Wiederaufbau des Landes, das nach dem Korea-Krieg 1950 bis 1953 in Schutt und Asche lag. Noch heute erinnern sich \u00e4ltere Nordkoreaner in der Hafenstadt Hamh\u016dng wehm\u00fctig und mit Dankbarkeit an die Architekten und Handwerker aus Deutschland, die die zerst\u00f6rte Stadt neu aufbauen halfen.<\/p>\n<p>Aber was ist von den positiven Beziehungen im wiedervereinigten Deutschland geblieben? Auf diplomatischer Ebene nicht viel, kritisieren Nordkorea-Fachleute, und sie nehmen dabei das Au\u00dfenministerium in Berlin in den Blick. \u201eDas Ausw\u00e4rtige Amt scheint der Ansicht zu sein, dass man Nordkorea isolieren sollte\u201c, sagt Mosler. \u201eIch habe den Eindruck, Nordkorea soll diplomatisch ausgehungert werden, damit man sie in die Knie zwingt, weil man davon ausgeht, dass das Land kurz vor dem Zusammenbruch steht.\u201c<\/p>\n<p>Vor dem innerkoreanischen Gipfel zwischen Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und dem s\u00fcdkoreanischen Pr\u00e4sidenten Moon Jae-in im April sollte offenbar ein ranghoher nordkoreanischer Diplomat, der Leiter der internationalen Abteilung der Arbeiterpartei, nach Europa und auch nach Deutschland reisen. Das Ausw\u00e4rtige Amt lehnte nach Darstellung mehrerer Quellen ein Treffen ab, im Bundeskanzleramt sei man hingegen einem Gespr\u00e4chstermin zumindest auf einer mittleren oder unteren Ebene nicht abgeneigt gewesen. Das Ausw\u00e4rtige Amt hat sich bisher auf Anfrage dazu nicht ge\u00e4u\u00dfert. Letztlich sagten die Nordkoreaner den Besuch des Diplomaten aus unbekannten Gr\u00fcnden ab. Sp\u00e4testens seitdem sitzt das Misstrauen der Nordkoreaner gegen\u00fcber der deutschen Diplomatie tief, kein leichter Auftakt f\u00fcr den neuen Botschafter, der am Anfang vor allem eines tun muss: Vertrauen schaffen.<\/p>\n<p>Nach Ansicht von CSU-Politiker Koschyk liegt die Zur\u00fcckhaltung im Ausw\u00e4rtigen Amt darin begr\u00fcndet, dass man dort ohne Not keine weiteren Konfliktherde mit der amerikanischen Regierung schaffen m\u00f6chte. Andere schildern F\u00e4lle von Nordkoreanern, die in Deutschland studieren sollten, die aber letztlich kein Visum bekommen h\u00e4tten, weil die Bearbeitungszeit herausgez\u00f6gert worden sei. Woran es auch immer liegen mag, die diplomatische Zur\u00fcckhaltung trifft auch die Aktivit\u00e4ten der deutschen Vereine und Initiativen, die seit Jahren und teilweise seit Jahrzehnten enge Kontakte mit Nordkorea pflegen. Das Goethe-Institut war mit einem Lesesaal in Pj\u00f6ngjang vor Ort, der schon vor etlichen Jahren allerdings wieder geschlossen wurde. In Gespr\u00e4chen mit Entwicklungshelfern fallen Begriffe wie \u201eSpannungsfeld\u201c, in dem sich Organisationen in Nordkorea bewegten \u2013 vor dem Hintergrund unterschiedlicher Str\u00f6mungen und Ansichten im Ausw\u00e4rtigen Amt, wie mit Nordkorea umzugehen sei. Zitiert werden m\u00f6chte keiner.<\/p>\n<p>In Nordkorea engagieren sich deutsche Organisationen oft humanit\u00e4r, in zweiter Instanz betreiben sie immer eine Art \u201eWandel durch Ann\u00e4herung\u201c. Das \u201eInteresse in beiden Koreas an den deutschen Teilungserfahrungen ist nach wie vor gro\u00df\u201c, sagt Koschyk, freilich unter verschiedenen Pr\u00e4missen: In Nordkorea wird offiziell ein f\u00f6derales Korea, also ein Land mit zwei Systemen auf Augenh\u00f6he, propagiert. In S\u00fcdkorea f\u00fcrchtet man vor allem den Kollaps des verarmten Nordens, verbunden mit einem m\u00f6glicherweise unsicheren Verbleib der Atomwaffen und einer orientierungslosen Bev\u00f6lkerung auf der Flucht. Und die wirtschaftlichen Folgen, die den deutschen Aufbau Ost um ein Vielfaches an Dramatik \u00fcbersteigen d\u00fcrften.<\/p>\n<p>S\u00fcdkorea geh\u00f6rt zu den 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt: Das Land war 2017 die sechstgr\u00f6\u00dfte Exportnation, es hatte das neuntgr\u00f6\u00dfte Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf; beim Wirtschaftswachstum lag es im ersten Quartal 2018 auf Platz sechs. In Nordkorea verschlechtert sich hingegen die ohnehin schon schlechte Situation: Das BIP sei im vergangenen Jahr um 3,5 Prozent zur\u00fcckgegangen, sch\u00e4tzt die s\u00fcdkoreanische Zentralbank. Den R\u00fcckgang begr\u00fcnden die Notenbanker mit den internationalen Sanktionen, die die nordkoreanische Wirtschaft weitgehend im Zangengriff halten, sowie den D\u00fcrren in diesem Jahr.<\/p>\n<p>Mindestens genau so gro\u00df sind die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden L\u00e4ndern, in Sprache, Musik, Lifestyle. Anders als in weiten Teilen der fr\u00fcheren DDR lassen sich in Nordkorea heute keine ausl\u00e4ndischen Sender empfangen, Internet gibt es nur direkt an den Grenzen und unter gro\u00dfen Gefahren \u2013 und die Teilung dauert nun schon knapp 30 Jahre l\u00e4nger als die deutsche. Wie w\u00fcrde Korea wohl dastehen, w\u00e4re es analog zu Deutschland schon 1990 wiedervereinigt worden? Die \u00f6konomische Teilung w\u00e4re damals schon enorm gewesen, die kulturelle und mentale jedoch geringer als heute.<\/p>\n<p>Nordkoreaner, die als Fl\u00fcchtlinge in den S\u00fcden kommen, k\u00e4mpfen bisweilen mit massiven Integrationsproblemen, auch weil sie sich als B\u00fcrger zweiter Klasse diskriminiert f\u00fchlen und im Land der hypermodernen Technik kaum zurechtfinden. Deshalb seien Kontakte mit der Au\u00dfenwelt umso wichtiger, sagt Mosler. Eine \u201eArt Isolationsbelagerung, wie es einige bef\u00fcrworten, ist eine primitive Methode aus dem Mittelalter und zuvor, die Konfrontation und Aggression provoziert \u2013 und dessen Folgen nicht abzusch\u00e4tzen sind\u201c. Oder wie es Frank sagt: \u201eEine L\u00f6sung kann Deutschland nicht bieten, aber auf dem Weg dorthin helfen.\u201c Bleibt die Frage, ob sich Au\u00dfenminister Maas des Themas annimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel erschienen bei FAZ.NET am 26.07.2018 Nur wenige Staaten pflegen so enge Kontakte mit Nordkorea wie Deutschland. 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