{"id":2110,"date":"2018-07-26T20:02:35","date_gmt":"2018-07-26T18:02:35","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2110"},"modified":"2018-07-26T20:03:19","modified_gmt":"2018-07-26T18:03:19","slug":"wollmilchsau-oder-schraeger-vogel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2110","title":{"rendered":"Wollmilchsau oder schr\u00e4ger Vogel?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2018\/07\/26\/tagesmutter-eierlegende-wollmilchsau-statt-schraeger-vogel-221\/\">Beitrag f\u00fcr den F.A.Z.-Blog &#8222;Schlaflos&#8220; (erschienen am 26.07.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Im August ist es soweit: Elias geht zur Tagesmutter. Die war gar nicht leicht zu finden. Und ist das \u00fcberhaupt eine gute Idee? Worauf man achten sollte.<\/strong><\/p>\n<p>Elias wei\u00df noch nicht, was ihn im n\u00e4chsten Monat erwartet. Bisher drehte sich die Welt einzig und allein um ihn. Die Mama war nahezu Vollzeit f\u00fcr ihn da, unser Heim sein Kosmos, die Welt da drau\u00dfen zwar ein Ausflugsziel, aber keines, wo es ihn nach festem Stundenplan hinzieht. Freundschaften mit anderen Kindern spielten f\u00fcr ihn eher eine untergeordnete Rolle, nur bei Besuchen und auf dem Spielplatz traf er auf Gleichaltrige. Die Welt muss f\u00fcr ihn so ausgesehen haben, als sei das ganze Leben so&#8230; sch\u00f6n, idyllisch.<\/p>\n<p>Das wird sich ab August \u00e4ndern, wenn unser 20 Monate alter Elias zur Tagesmutter und meine Frau wieder arbeiten geht. Aber weniger sch\u00f6n und weniger idyllisch wird es deswegen lange nicht. Es wird nur: anders.<\/p>\n<p>Wir sind froh, dass der n\u00e4chste Schritt in seiner und unserer Entwicklung endlich kommt, er w\u00e4re wohl schon fr\u00fcher eingetreten, h\u00e4tten wir wegen Umzug nicht abwarten m\u00fcssen. Und doch: Wenn das Kind aus dem Schutzraum zu Hause in die externe Betreuung wechselt (fr\u00fcher sagte man &#8222;Kindergartenkind&#8220;), dann ist das ein Schritt ins gro\u00dfe Unbekannte. Wie wird das neue Familienleben funktionieren? F\u00fcr Elias, der heute noch ein anderes Leben lebt als schon n\u00e4chsten Monat? F\u00fcr die Mutter, die sich auf den Job freut, aber auch ein St\u00fcck loslassen muss? Und f\u00fcr mich, da ich k\u00fcnftig in einem halbwegs starren Korsett eines geregelten Wochenablaufs stecke zwischen Kind hinbringen und Kind abholen \u2013 mit nur wenig Ausbruchsm\u00f6glichkeiten? Schon beim Schreiben dieser Zeilen wird mir ganz anders.<\/p>\n<p>Aber kein Grund f\u00fcr Horrorgeschichten, Elias ist ja nur stundenweise in Betreuung: 20 Stunden wird er f\u00fcrs erste zur Tagesmutter gehen, die wir nach einigem Suchen haben finden k\u00f6nnen. Das war nicht leicht, und an einen Kitaplatz war in der Rhein-Main-Region schon mal gar nicht zu denken. Also Tagesmutter, die m\u00f6glichst eierlegende Wollmilchsau sein sollte. Eine, die zu bestimmten Zeiten kann. Zu der wir den Kleinen mal mittags bringen und an einem anderen Tag erst um 17 Uhr abholen k\u00f6nnen. Die sich darauf einl\u00e4sst, dass die anderen Kinder morgens zum Fr\u00fchst\u00fcck gebracht werden, Elias aber erst am sp\u00e4teren Vormittag. Letztlich fand meine Frau eine geeignete Kandidatin, die zwar Wert auf ihre Tagesstrukturen und Rituale legt, aber auch offen f\u00fcr Sonderw\u00fcnsche ist.<\/p>\n<p>Geeignet \u2013 das muss ja keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sein. In unserem Land, in dem man kein Moped ohne Versicherungskennzeichen fahren darf, ist das Tagesmuttergesch\u00e4ft noch immer relativ ungeregelt, wobei sich manches verbessert hat und es mittlerweile auch gesetzliche Vorschriften gibt. Immerhin ist die Bindung ans Jugendamt gest\u00e4rkt. Tagesm\u00fctter, die ganztags betreuen, m\u00fcssen eine amtliche Pflegeerlaubnis vorweisen sowie ein makelloses F\u00fchrungszeugnis und einen Gesundheitsnachweis. Gesch\u00fctzt ist der Beruf aber nicht (Journalist darf sich auch jeder nennen!), und eine langj\u00e4hrige Ausbildung wie Erzieher- und Erzieherinnen in Kitas genie\u00dfen sie in der Regel auch nicht. Unsere hatte mal ein italienisches Restaurant. Auch nicht schlecht, dann schmeckt die Pasta bestimmt gut und nicht wie aus der Packung. Aber reicht das? (\u00dcbrigens: Es gibt auch Tagesv\u00e4ter, allerdings noch viel weniger als Tagesm\u00fctter.)<\/p>\n<p>Wir haben uns pers\u00f6nlich ein Bild von ihr gemacht. Meine Frau war bei ihr, Tage sp\u00e4ter sa\u00df auch ich auf ihrem Wohnzimmersofa. Wir haben zwei Stunden geplaudert, uns ihre R\u00e4umlichkeiten angesehen, geschaut, ob die Chemie stimmt. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass wichtig sein soll, ob die Tagesmutter bei dem Termin Kaffee kocht. Das hat sie dann wohl vers\u00e4umt, aber wenn das alles ist? Wichtiger war f\u00fcr mich zu sehen, wie sie mit dem Kleinen umgeht, der im Hintergrund gespielt hat. Ob sie duldsam oder cholerisch reagiert? Souver\u00e4n oder hektisch? Wir sind keine Hardcore-Alles-Muss-Perfekt-Sein-Eltern, die sofort klagen, wenn uns was krumm kommt. Aber wo weder Ausbildungsstandards noch Erfahrungsberichte Auskunft geben, braucht es andere vertrauensbildende Ma\u00dfnahmen. Zumal es unter Tagesm\u00fcttern eine Reihe \u201eschr\u00e4ge V\u00f6gel\u201c gibt, wie sich meine Frau auszudr\u00fccken pflegt \u2013 als Kinder- und Psychotherapeutin speist sich ihr Urteil aus der Berufspraxis.<\/p>\n<p>Es ist ja nicht nur die Bastelstunde am Donnerstag, sondern ein gro\u00dfer Teil der Woche, die Elias k\u00fcnftig bei ihr im Haushalt verbringt, gemeinsam mit drei oder vier ihm noch fremden Kindern. Die Tagesmutter hat uns \u00fcberzeugt im Umgang mit ihm, und gefallen hat uns ihre Motivation, sich in Kursen weiterzubilden, was sie einmal die Woche macht. Sie, die gar nicht mehr so jung ist, ist neugierig geblieben, nicht abgestumpft und lernbegierig \u2013 eine sympathische Einstellungsvoraussetzung. Der Rest, nun gut, da sind wir Anf\u00e4nger und unerfahren, das werden wir sehen, wenn Elias erst einmal bei ihr ist.<\/p>\n<p>Fragen, die uns bei der Auswahl geholfen haben:<\/p>\n<p><strong>\u00d6rtlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Ist die Wohnung ger\u00e4umig, freundlich und sauber?<\/p>\n<p>Gibt es gen\u00fcgend Spielzeug und Orte des R\u00fcckzugs f\u00fcr die Kinder?<\/p>\n<p>Wo kann das Kind mittags schlafen?<\/p>\n<p>Garten? Spielplatz in der N\u00e4he?<\/p>\n<p><strong>Pers\u00f6nlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Ist die Tagesmutter offen und reagiert sie ad\u00e4quat auf Nachfragen?<\/p>\n<p>Welche Aus- und Weiterbildungen hat sie absolviert?<\/p>\n<p>Kann man mit ihr eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen?<\/p>\n<p>Wie ist das Umfeld? Eigene Familie, eigene Kinder?<\/p>\n<p>Als erstes kommt die Eingew\u00f6hnung. Elias und meine Frau besuchen die Tagesmutter bereits in diesem Monat auf einem nahegelegenen Spielplatz, damit sich der Kleine an seine zuk\u00fcnftige Auch-Bezugsperson und die anderen Kleinkinder gew\u00f6hnen kann. Anfang August folgt die eigentliche Eingew\u00f6hnung, die ich ein paar Tage \u00fcbernehme. Es ist sinnvoll, dass dies eine Person tut oder maximal zwei Personen, um das Kind nicht weiter zu verwirren. F\u00fcr Elias wie f\u00fcr alle Kinder ist die Umstellung ein tiefer Einschnitt in den gewohnten Tagesrhythmus.<\/p>\n<p>Kleinstkinder, die nur wenige Monate alt sind, gew\u00f6hnen sich am schnellsten ein, bei \u00c4lteren ist es schwieriger. Wir stellen uns das folgenderma\u00dfen vor: Am Anfang wollen wir den Kleinen f\u00fcr ein, zwei, drei Stunden in die Betreuung geben. Ich bleibe dabei, auch wenn ich mich im Hintergrund halte, im Zweifelsfall bin ich aber als Backup-Bezugsperson da \u2013 das soll Elias wissen. Vielleicht k\u00f6nnen wir die Dauer am dritten Tag steigern. Am vierten Tag sollte dann der erste Trennungsversuch folgen: Weint das Kind, und die Tagesmutter kann es auch nach einer angemessenen Zeit nicht beruhigen, kann man nochmal in den Raum gehen. Grunds\u00e4tzlich ist es nicht unser Ding, aus allem den gro\u00dfen Abschied zu zelebrieren, das verunsichert das Kind nur. Aber nat\u00fcrlich sind nicht wir die, die das bestimmen, sondern Elias, dessen Reaktion ich beim besten Willen nicht vorhersehen kann. Da hat jedes Kind seine individuellen Eigenarten.<\/p>\n<p>Nicht alles behagt: Es tritt neben den Eltern und der Familie eine weitere Bezugsperson in das Leben des Kindes, die \u2013 zeitlich gesehen \u2013 mehr vom Kind hat als zum Beispiel die Gro\u00dfeltern, die wegen der geografischen Distanz nicht immer zur Stelle sein k\u00f6nnen. Selbst die krude Vorstellung, dass sich Elias irgendwann mehr zur Tagesmutter hingezogen f\u00fchlen k\u00f6nnte als zu uns Eltern, keimt gelegentlich auf, auch wenn das ein wenig realistisches psychologisch bedingtes M\u00e4tzchen zu sein scheint. Die Schraubpresse, in die unser Alltag alleine durch die festen Zeiten der Tagesmutter gezurrt wird, gef\u00e4llt mir nicht. Andererseits bringt eine Tagesmutter ein Mindestma\u00df an Flexibilit\u00e4t mit. Sie hat auch andere Vorteile im Vergleich zur gr\u00f6\u00dferen Kita: Das Kind ist in einer Kleingruppe untergebracht, der Betreuungsschl\u00fcssel ist im Vergleich zur Kita gut. Darin spiegelt sich auch so etwas wie ein Familienleben wider, inklusive Essens- und Schlafenszeiten im privateren Umfeld. Zudem ist die Tagesmutter eine konstante Bezugsperson, in der Kita wechseln die Erzieher und Erzieherinnen hingegen.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch Nachteile: Was passiert, wenn die Tagesmutter krank wird? Manche sind Netzwerken angeschlossen, so dass eine Kollegin einspringt, andere Einzelk\u00e4mpferinnen. Ist sie ihrer Aufgabe gewachsen? K\u00f6rperlich und mental? Und ist ihr Erziehungsstil und ihre Pers\u00f6nlichkeit wirklich das, was wir f\u00fcr den Kleinen erwarten? Das ist schwierig zu beurteilen, theoretisch k\u00f6nnten die ersten Eindr\u00fccke t\u00e4uschen. Sollte es allerdings wirklich Probleme geben, kann man immer noch reagieren \u2013 aber von vorneherein das Schlimmste anzunehmen, w\u00e4re unrealistisch und ressentimentgeladen. Und: Eine Tagesmutter kostet nat\u00fcrlich. In unserem Fall wahrscheinlich um die 300 Euro im Monat, inklusive Verpflegung. Das Jugendamt h\u00e4lt durch Zusch\u00fcsse die Kosten insgesamt auf ertr\u00e4glichem Niveau.<\/p>\n<p>Ob das in unserer grenzenlosen Naivit\u00e4t angedachte Arrangement klappt? Keine Ahnung, das werden wir schon sehen. Nicht alles wird perfekt funktionieren. Und wahrscheinlich wird Elias auch mal eine Tr\u00e4ne weinen, andererseits wird es Zeit, dass er seinen Radius langsam aber sicher erweitert und ein wenig vom Rockzipfel vor allem der Mutter l\u00e4sst und endlich mehr mit Gleichaltrigen zu tun bekommt. Und sollten sich Probleme auftun, hilft die alte Regel: Sch\u00e4tzungsweise 100 Milliarden Menschen lebten und starben bereits auf der Erde, mehr als sieben Milliarden bev\u00f6lkern sie aktuell. Wir sind mit diesem Thema also nicht allein, auch wenn sich die Betreuungssituation in der, sagen wir mal, Jungsteinzeit doch ein wenig von der heutigen unterschied. Daf\u00fcr lagen Wohnh\u00fctten und -h\u00f6hlen n\u00e4her am Arbeitsplatz. Aber das ist ein anderes Thema.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag f\u00fcr den F.A.Z.-Blog &#8222;Schlaflos&#8220; (erschienen am 26.07.2018) Von Martin Benninghoff Im August ist es soweit: Elias geht zur Tagesmutter. Die war gar nicht leicht zu finden. Und ist das \u00fcberhaupt eine gute Idee? Worauf man achten sollte. 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