{"id":2122,"date":"2018-08-21T17:08:38","date_gmt":"2018-08-21T15:08:38","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2122"},"modified":"2018-08-21T17:08:38","modified_gmt":"2018-08-21T15:08:38","slug":"nicht-die-mama","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2122","title":{"rendered":"Nicht die Mama!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/\">F.A.Z.-Blog &#8222;Schlaflos&#8220; (erschienen bei FAZ.NET, 21.08.2018)<\/a><\/p>\n<p><strong><span id=\"work_1279\" class=\"p_textOutput\">Wenn das Kind erst z\u00f6gerlich sprechen lernt, nicht verzagen: Es kommt schon noch. Und dann werden Sie sich nach den Zeiten zur\u00fccksehnen, in denen es keine Familiengeheimnisse ausplauderte.<\/span><\/strong><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>Wann sollte mein Kind sprechen k\u00f6nnen? P\u00e4dagogen halten den Ball flach und sagen meist, bis zum zweiten Lebensjahr sei fast jedes Tempo in der Entwicklung normal. Einzelne W\u00f6rter oder Zwei-Wort-S\u00e4tze, je nach der Zeit, die sich ein Kind l\u00e4sst, je nach Geschlecht. Jungs brauchen nach landl\u00e4ufiger Meinung und wohl auch nach wissenschaftlicher Ansicht etwas l\u00e4nger als M\u00e4dchen (hier gibt es allerdings verschiedene Ansichten, wie gravierend die Unterschiede sind). Ruhig Blut also! Bei Elias habe ich mir irgendwann schon ein paar kritische Gedanken gemacht, ob sein Tempo stimmt. Junge hin, Junge her. Wir sprachen viel mit ihm, lasen ihm vor. Er hatte zwar f\u00fcr sein Alter ein umfangreiches passives Wortverst\u00e4ndnis: Wenn man ihn bat, holte er einem den Spielzeughammer. Oder er schaltete die Stereoanlage alle drei\u00dfig Sekunden aus, worum ich ihn allerdings nie gebeten hatte, wirklich nicht. Aber aktiv sprechen? Das wollte er nur sparsam und mit wenigen W\u00f6rtern.<br \/>\nIn der Lall-Phase der ersten Lebensmonate bezeichnete er seine Umgebung mit speziellen Wortkreationen, die bis heute nicht im Duden stehen, aber trotzdem von den Eingeweihten, also von uns, verstanden wurden. Als wir beispielsweise auf Reisen mit Wohnmobil waren, weckten uns morgens gelegentlich irgendwelche Kr\u00e4hen, die vor dem Autofenster einen unglaublichen Tumult veranstalteten. Elias war sofort fit und wach \u2013 und begr\u00fc\u00dfte uns und die schwarzen V\u00f6gel mit seinem eigens adaptierten Kr\u00e4hensound. Zur\u00fcck in Deutschland zeigte er gro\u00dfes Interesse an den stets zur Unzeit gurrenden Tauben, die br\u00e4sig auf dem Dach hockten, &#8222;gurr-gurr&#8220;. In einem Anflug geistiger Umnachtung imitierte ich damals die Flugger\u00e4usche der von mir ungeliebten Tauben, etwa so: &#8222;faffaffaffaffaffaffaffaffaffa&#8220;. Zu meinem Gl\u00fcck intoniert Elias diese Ger\u00e4usche auch heute noch bei jedem Vogel, der im Tornado-Tiefflug \u00fcber die Veranda st\u00fcrzt.<br \/>\nAus den Zwei-Silben-Lauten entwickelte Elias danach das obligatorische &#8222;Mama&#8220;. Wie der Name schon sagt, bezeichnet er damit in erster Linie die Mama. Allerdings in zweiter Linie und in stoischer Unbeirrbarkeit bis heute auch mich. Wenn der Kleine auf Mamas Arm ist und ich den Raum verlasse, ruft er mir &#8222;Mama, Mama&#8220; hinterher, was in meiner positiven Interpretation so viel hei\u00dft wie &#8222;Papa, bleib hier&#8220;. Hoffentlich hei\u00dft es nicht: &#8222;Gut, dass Du gehst.&#8220; Wie auch immer, manchmal nennt er mich &#8222;Mama&#8220; und sch\u00fcttelt dabei den Kopf, sozusagen als Nemesis der Mama oder auch: &#8222;Nicht die Mama&#8220;. Ist das fr\u00fchkindliche Dialektik? Ganz so schmeichelhaft finde ich das nicht, und daran ist die amerikanische Disney-Serie &#8222;Die Dinos&#8220; aus den neunziger Jahren schuld. Das notorisch aufs\u00e4ssige Baby Sinclair bezeichnet darin seinen vertrottelten Vater Earl, einen Baumschubser, eine Art Homer Simpson der Kreide- und Jurazeit, mit hinrei\u00dfender Konsequenz als &#8222;Nicht die Mama&#8220;, im amerikanischen Original &#8222;not the mama&#8220;, um ihn gr\u00f6\u00dftm\u00f6glich ins Abseits der Familie zu stellen, wo er dank der Schwiegermutter sowieso schon steht.<br \/>\nWirklich pers\u00f6nlich nehme ich das nat\u00fcrlich nicht, im Gegenteil: Wie mir meine Frau, gelernte Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, versichert, zeigt sich darin nur die Tatsache, dass Elias uns als Einheit begreift, die zusammengeh\u00f6rt und seine kleine Welt stabilisiert. Also doch Dialektik mit Mama-These und Papa-Antithese, die er in seine eigene, die Welt stabilisierende Synthese \u00fcberf\u00fchrt. Die Ausdifferenzierung dieser kuscheligen kleinen Behaglichkeit ist ja in vollem Gange, und manchmal verplappert er sich jetzt und sagt &#8222;Papa&#8220;. Aber es wirkt jedes Mal so, als h\u00e4tte er sich versprochen. Wenn ich ihm mit dem Wort &#8222;Papa&#8220; komme, schaut er mich mit gro\u00dfen Augen an und nutzt die n\u00e4chste Gelegenheit, vom Thema abzulenken, indem er nach drau\u00dfen zeigt: &#8222;Faffaffaffaffaffaffaffaffa&#8220;.<br \/>\nMittlerweile explodiert seine Sprachentwicklung. Alles und jedes wird bezeichnet, und sei es auch nur der schn\u00f6de Kamin am Nachbarhaus. &#8222;Min Min&#8220;, sagt er dann, und ich wei\u00df kaum, was ich sagen soll, au\u00dfer: &#8222;Ja, Min, \u00e4h Ka-Min. Genau, Kamin!&#8220; In unserer Wohnung m\u00f6chte er derzeit gef\u00fchlte hundert Mal am Tag die Treppe hochsteigen. Da ich meistens eher unwillig bin, schiebt er mich mit erstaunlicher Vehemenz vom Gartenstuhl und in Richtung der Treppe, w\u00e4hrend er im Brustton kleinkindlicher \u00dcberzeugungskraft &#8222;hoben, hoben&#8220; sagt, eine Mischung aus &#8222;hoch&#8220; und oben&#8220;. Meines Wissens nach auch ein Begriff, der es bislang nicht in den Duden geschafft hat.<br \/>\nAllerdings ist das eine gef\u00e4hrliche Zeit. F\u00fcr meine Frau und mich. Nachdem wir neulich ein paar Tage im Urlaub waren, wo man eben abends nochmal irgendwo im Landgasthaus essen geht, sagt Elias zu jedem gef\u00e4rbten Getr\u00e4nk, egal ob Cola, Apfelsaft oder Wein, &#8222;Bier&#8220;. Alles ist ihm &#8222;Bier&#8220;, selbst Bier ist &#8222;Bier&#8220; bei ihm, was ja an sich beruhigend ist. Allerdings lie\u00dfe der Fokus auf Alkohol tief in unsere privaten Gewohnheiten blicken, wenn es denn stimmen w\u00fcrde. Trotzdem f\u00fchlt man sich ertappt, wenn er das bei der Tagesmutter permanent zum Besten gibt. Schlimmer aber als das in unserer Kultur allseits anerkannte Rauschgetr\u00e4nk Bier sind die Begriffe, die einem zuhause mal eben herausrutschen, und die ich hier schriftlich nicht wiedergeben will. Die plappert Elias furchtbar gerne nach, so dass ich mich k\u00fcnftig dringend am Riemen rei\u00dfen muss. Das d\u00fcrfte allerdings ein auswegloses Unterfangen sein, und ich kapituliere schon in dem Moment, in dem ich diesen Satz hier aufschreibe.<br \/>\nJedenfalls sind wir mittlerweile sehr entspannt, was die Sprachentwicklung angeht. Die Dinge, die man beherzigen sollte, um den Prozess zu unterst\u00fctzen, tun wir meistens sowieso: viel sprechen mit dem Kind, auch beim Wickeln erz\u00e4hlen, benennen und erwidern, dem Kind zuh\u00f6ren, B\u00fccher vorlesen und auch mal ein Lied vorsingen, denn mit Sprachmelodie geht vieles leichter. Der Rest kommt dann hoffentlich von selbst. Vielleicht sogar das Wort &#8222;Papa&#8220;. Eines Tages. Bald. Wenn ihn die Tauben nicht mehr interessieren. &#8222;Faffaffaffaffaffaffaffaffa&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F.A.Z.-Blog &#8222;Schlaflos&#8220; (erschienen bei FAZ.NET, 21.08.2018) Wenn das Kind erst z\u00f6gerlich sprechen lernt, nicht verzagen: Es kommt schon noch. Und dann werden Sie sich nach den Zeiten zur\u00fccksehnen, in denen es keine Familiengeheimnisse ausplauderte. 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