{"id":2136,"date":"2018-09-11T19:49:08","date_gmt":"2018-09-11T17:49:08","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2136"},"modified":"2018-09-11T19:49:31","modified_gmt":"2018-09-11T17:49:31","slug":"wenn-eltern-nur-noch-ueber-kinder-reden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2136","title":{"rendered":"Wenn Eltern nur noch \u00fcber Kinder reden"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2018\/09\/11\/wenn-eltern-nur-noch-ueber-ihre-kinder-sprechen-393\/\">Beitrag bei F.A.Z-Schlaflos-Blog (erschienen am 11.09.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Es nervt Sie, wenn Leute nur von ihrem Job erz\u00e4hlen? Dann kennen Sie noch keine Eltern, die nur \u00fcber ihre Kinder sprechen. Da hilft nur noch eines: der Notausgang.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Sie keine Kinder haben, dann kennen Sie das: Eltern, die nur \u00fcber ihre Kinder und deren Gro\u00dftaten sprechen, aber sonst fast jedes interessante Thema auslassen. Oder aber Sie haben schon ein paar Jahre Elternschaft auf dem Buckel, Ihr Nachwuchs hat etwas an Glanz und Unfehlbarkeit verloren (was normal ist), und Sie haben Distanz gewonnen. Distanz und die Erkenntnis, dass Ihre Kinder zwar gro\u00dfartig und nat\u00fcrlich die sch\u00f6nsten, besten, kl\u00fcgsten und genialsten Exemplare der Welt sind, aber eben doch nur unter anderen sch\u00f6nsten, besten, kl\u00fcgsten und genialsten Kindern der Welt. Dann d\u00fcrfte es Ihnen bisweilen l\u00e4cherlich vorkommen, wie frischgebackene Eltern \u00fcber ihr Kind sprechen. Wenn Sie wohlwollend sind, dann l\u00e4cheln Sie nur und erinnern sich an die Zeit, als Ihr Kind gerade auf die Welt gekommen war. Und verstehen pl\u00f6tzlich, warum junge Eltern so sind wie sie sind.<\/p>\n<p>Aber es gibt F\u00e4lle, da mag man kaum noch wohlwollend sein, auch wenn man eigene Kinder hat. Wenn andere den lieben langen Tag \u00fcber nichts anderes mehr sprechen und Euphorie und Hingabe nur noch entwickeln, wenn es um die eigenen Kinder geht. Am Telefon. Auf Feiern. Auf Whatsapp mit albumlangen Bilderkaskaden der lieben Kleinen, wie sie irgendwo herumturnen. Und wenn man es wagt, ein anderes Thema anzuschneiden \u2013 sagen wir mal: Alexander Gerst auf der Raumstation ISS \u2013, dann schaffen es diese Personen tats\u00e4chlich, den Bogen zu schlagen: &#8222;Nein, ich k\u00f6nnte das nicht, so lange von der Familie getrennt sein.&#8220; Was w\u00e4re aus der Welt blo\u00df geworden, wenn James Cook im Hafen von Plymouth die Gangway zur Seite gelegt h\u00e4tte mit den Worten: &#8222;Nein, ich kann das nicht, ich will bei der Familie bleiben.&#8220; Oder Reinhold Messner am Fu\u00dfe des Mount Everest gesagt h\u00e4tte, &#8222;ach wisst Ihr, ich bleibe lieber in S\u00fcdtirol&#8220;. Die Welt w\u00e4re wohl, vorsichtig formuliert, ein weniger armseliger geraten.<\/p>\n<p>Zugegeben, das ist ein bisschen polemisch. Aber nur ein bisschen: Wir haben selbst ein Kind, und ich spreche auch gerne \u00fcber den Kleinen, seine Entwicklungsschritte und die Dinge, die er tut. Es ist auch unser wichtigstes Thema. Es ist doch v\u00f6llig normal, wenn junge Eltern sich \u00fcber ihren Nachwuchs freuen und in den ersten Wochen kein anderes Thema mehr haben. Sie sind stolz, sie sind auch gefordert, denn gerade beim ersten Kind sind Eltern in eine neue Rolle geworfen, die nicht so leicht auszuf\u00fcllen ist. Hinzu kommen gesellschaftliche Erwartungshaltungen, wie man sich als Eltern zu verhalten hat \u2013 und hier macht sich verd\u00e4chtig, wer nicht im siebten Himmel schwebt. Das ist sinnvoll: Wer sein Kind gar nicht thematisiert, es also im wahren Sinne des Wortes nicht ausreichend zum Thema macht, k\u00f6nnte sein Kind tats\u00e4chlich vernachl\u00e4ssigen. Mindestens emotional, manchmal auch physisch.<\/p>\n<p>Aber wann wird aus einer guten Sache eine pathologische? Wenn Eltern gar kein anderes Thema mehr kennen und all ihre W\u00fcnsche und unerreichten Ziele auf das wehrlose Kind projizieren? Das liegt nahe, zumal Psychologen meinen, dass gefestigte Pers\u00f6nlichkeiten etwas seltener die Kinder thematisieren als labilere Charaktere. Nicht weil sie ihre Kinder weniger lieb haben oder sie gar vernachl\u00e4ssigen, sondern weil sie sich nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber die Kinder definieren. Sie definieren sich nicht nur als Vater oder Mutter, sondern eben auch als Individuum, das alleine wertvoll ist. Und \u00fcber Beruf, Hobbys, vielleicht politische Einstellungen und allgemein Haltungen. Ist das egoistisch? Nein, denn diejenigen, die kein anderes Thema mehr kennen au\u00dfer ihre Kinder, tun dies nicht nur, weil sie sie abg\u00f6ttisch lieben, sondern sie lenken damit von sich selbst ab, schieben ihre Kinder ins Rampenlicht, um sich selbst im dunklen Schutzraum zu verbarrikadieren.<\/p>\n<p>Dabei m\u00fcsste ihnen klar sein: Wer viel \u00fcber seine Kinder preisgibt, der erz\u00e4hlt vor allem viel \u00fcber sich selbst. Wie schnell wird aus der Schilderung \u00fcbers Kind ein impliziter Vortrag \u00fcber die Weltsicht der Mutter oder des Vaters. Pl\u00f6tzlich steckt man mittendrin in der Betreuungsdebatte, bekommt Weisheiten zu den Geschlechterrollen untergejubelt oder zu Ausl\u00e4ndern. Gerade bei Vollzeitm\u00fcttern erstaunt, wie sehr sie die Erziehung ihrer Kinder mit politisch-gesellschaftlichen Vorstellungen durchtr\u00e4nken, ohne sie explizit zu benennen. Da entwickeln M\u00fctter eine Verve, die man von ihnen gar nicht gewohnt war, eine Verve zwischen Aggression und Euphorie, zwischen Offenheit und Abwehr. Solche Leute erscheinen besonders verletzlich, sie sind immer in der Gefahr, dass eine Bemerkung \u00fcbers Kind sie schmerzt. Souver\u00e4nit\u00e4t sieht anders aus.<\/p>\n<p><strong>Ein ausgepr\u00e4gtes M\u00fctter-Ph\u00e4nomen<\/strong><\/p>\n<p>Solange vor allem M\u00fctter das Gros der Erziehungsarbeit in Deutschland \u00fcbernehmen, bleibt das wohl auch ein besonders ausgepr\u00e4gtes Mutter-Ph\u00e4nomen. Vollzeitm\u00fctter besch\u00e4ftigen sich einfach am l\u00e4ngsten und ausdauerndsten mit den Kindern, und zugleich erfahren sie weniger Einfl\u00fcsse von au\u00dfen. Dar\u00fcber beschweren sich viele M\u00fctter, vor allem wenn die Kinder langsam &#8222;aus dem Gr\u00f6bsten heraus sind&#8220;. Viele umtreibt das Gef\u00fchl, nicht hinreichend anerkannt zu sein, im Gegensatz zu den berufst\u00e4tigen M\u00fcttern. Sie f\u00fchlen sich dann gedr\u00e4ngt, Leistung zu zeigen in ihrem T\u00e4tigkeitsfeld, und das ist die Kindererziehung. In einer Gesellschaft wie der unsrigen, bei der man am ehesten Anerkennung bekommt, wenn man beruflich erfolgreich ist, ist das eine rationale Reaktion.<\/p>\n<p>Aber ist sie auch gesund? Ja und nein. Ja, sie ist gesund, weil Kinder von der Zuwendung profitieren. Nein, sie ist ungesund, wenn Eltern aus ihrer Elternrolle etwas Hervorgehobenes ableiten, sich gar den Kinderlosen \u00fcberlegen f\u00fchlen, die die wunderbaren Gef\u00fchle und Erlebnisse, die mit dem Kinderkriegen einhergehen, nicht erlebt haben. Das ist dann der Punkt, an dem Kinderlose aus dem Gespr\u00e4ch aussteigen, obwohl nat\u00fcrlich etwas dran ist. Aber der Fokus auf das Kinderthema ist nur dann sozial vertr\u00e4glich, wenn das Gegen\u00fcber nicht au\u00dfer Acht gelassen wird. Beziehungen funktionieren nicht, wenn der eine erz\u00e4hlt und der andere nur artig zuh\u00f6ren muss. Das gilt f\u00fcr Freunde, erst recht gilt das f\u00fcr Beziehungen, die pl\u00f6tzlich Schlagseite bekommen, weil der eine Partner nur noch Augen f\u00fcr das Kind hat, aber nicht mehr f\u00fcr die Zweisamkeit, in der es mal nicht um den Nachwuchs geht. Stellen Sie sich im Gegenzug vor, Ihre Freundin spricht nur noch \u00fcber ihren Job \u2013 wer k\u00f6nnte das auf Dauer ertragen?<\/p>\n<p>Nicht zuletzt haben die Kinder ein Recht auf Eltern, die souver\u00e4n mit beiden Beinen im Leben stehen \u2013 und sich f\u00fcr andere Themen interessieren. Sie haben ein Recht auf Privatheit, m\u00fcssen nicht permanent im Spotlight ihrer Elternaufmerksamkeit stehen. Sie d\u00fcrfen sich zur\u00fcckziehen, ihre eigenen Schutzr\u00e4ume ausf\u00fcllen. Und dazu geh\u00f6rt ein gesundes Umfeld an Familie, Freunden und Bekannten, das nicht das Weite sucht, weil die Eltern nur noch \u00fcber die Kinder reden. Das ist wie mit den Urlaubsbildern: Die ersten 30 bis 50 m\u00f6gen interessant sein, danach wird es einfach nur noch zur Qual und man sucht verzweifelt den Notausgang. Da hilft es auch nicht, dass der Bildervortrag gut gemeint ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag bei F.A.Z-Schlaflos-Blog (erschienen am 11.09.2018) Von Martin Benninghoff Es nervt Sie, wenn Leute nur von ihrem Job erz\u00e4hlen? Dann kennen Sie noch keine Eltern, die nur \u00fcber ihre Kinder sprechen. Da hilft nur noch eines: der Notausgang. 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