{"id":2140,"date":"2018-09-25T16:01:24","date_gmt":"2018-09-25T14:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2140"},"modified":"2018-09-25T16:01:44","modified_gmt":"2018-09-25T14:01:44","slug":"2140","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2140","title":{"rendered":"Stadt oder Land?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2018\/09\/25\/glueckliche-kindheit-auf-dem-land-oder-in-der-stadt-458\/\">Beitrag in &#8222;Schlaflos&#8220;, Familienblog der F.A.Z.<\/a>\u00a0(25.09.2018)<\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Wer Kinder bekommt, stellt sich die Glaubensfrage: Wo wollen wir leben, wo wachsen die Kleinen am besten auf? Beide Varianten haben ihre Vorteile \u2013 und Fallstricke.<\/strong><\/p>\n<p>Wir wollen aufs Land ziehen. Ein Satz wie eine Sturzgeburt. Gestern noch jung und hip und Gro\u00dfstadtbewohner \u2013 heute Familienmensch und pl\u00f6tzlich verantwortlich f\u00fcr einen neuen Menschen, der andere Bed\u00fcrfnisse hat als man selbst. Irgendwann zwischen 30 und 40 setzt dann bei manchen Eltern die Stadtflucht ein, sie ziehen aufs Land in ein Dorf, in eine Kleinstadt \u2013 oder in den Speckg\u00fcrtel einer Metropole. Das klingt ja zu verf\u00fchrerisch: Auf dem Land ist mehr Platz, die Blumen bl\u00fchen, die Bienen summen, die Welt ist noch in Ordnung. Soweit die Klischees. Aber ganz davon abgesehen, dass Land nicht gleichbedeutend mit Astrid Lindgrens Bullerb\u00fc oder Michels Katthult-Hof ist, und nicht jeder Landbewohner ein freistehendes Eigenheim mit gro\u00dfem Garten, gleich einen ganzen Bauernhof oder einen Streichelzoo zur Verf\u00fcgung hat: Wo lebt es sich denn nun besser, auf dem Land mit all dem Platz, dem Gr\u00fcn und G\u00fcllegeruch, oder der Stadt mit all ihren Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten?<\/p>\n<p>Die Frage ber\u00fchrt mehr als das blo\u00dfe Familiengl\u00fcck, denn, so viel sei vorweg gesagt, eine gl\u00fcckliche Kindheit ist \u00fcberall m\u00f6glich. In einem f\u00f6deral organisierten Land wie Deutschland, das erst sp\u00e4t zur Einheit fand und gedanklich noch immer in kleine F\u00fcrstent\u00fcmer zersplittert ist, wird die Debatte schlichtweg schon seit Jahrhunderten gef\u00fchrt, oft unvers\u00f6hnlich: Schon im Mittelalter galten St\u00e4dte in den Augen vieler Landbewohner als dreckig, korrumpiert und voller schr\u00e4ger V\u00f6gel, Diebe und Hurenb\u00f6cke aller Art. St\u00e4dter reagieren zu allen Zeiten sauer bis belustigt, wenn sie solche pauschalen Urteile h\u00f6ren. Die Landeier! Keine Ahnung haben die! Auch heute noch spielen Stadt-Land-Konflikte eine Rolle, zum Beispiel als der ehemalige Berlin-Neuk\u00f6llner Bezirksb\u00fcrgermeister Heinz Buschkowsky seinen Bestseller &#8222;Neuk\u00f6lln ist \u00fcberall&#8220; ver\u00f6ffentlichte. Der Berliner Kiez mit dem hohen Migrantenanteil und den sozialen Problemen ist sp\u00e4testens seitdem vor allem auf dem Land so etwas wie die Chiffre f\u00fcr Parallelgesellschaften und Kriminalit\u00e4t. Und \u00fcberhaupt f\u00fcr alles, was in der Stadt schieflaufen kann.<\/p>\n<p>Dass das einseitig ist, wissen zum Gl\u00fcck nicht nur diejenigen, die gerne in Neuk\u00f6lln abends rausgehen, die Restaurants besuchen und die quirligen Stra\u00dfen mit ihren abwechslungsreichen Angeboten an Gesch\u00e4ften nutzen. Soziale Probleme, Gewalt und Kriminalit\u00e4t kommen ebenso vor in Neuk\u00f6lln, Schwarz-Wei\u00df-Erz\u00e4hlungen aber helfen keinem weiter, es sei denn, man f\u00fchlt sich wohl in seinen Elfenbeint\u00fcrmen an Ressentiments und Klischees. Und so verh\u00e4lt es sich generell mit den Klischees \u00fcber Stadt und Land: Wer D\u00f6rfer f\u00fcr Kulissen der neuen Folge von &#8222;Bauer sucht Frau&#8220; h\u00e4lt, wird im Hunsr\u00fcck, Westerwald oder der Schw\u00e4bischen Alb nur Bauernt\u00f6lpel entdecken. Wer St\u00e4dte f\u00fcr den Hort aller gesellschaftlichen Probleme schlechthin h\u00e4lt, wird nur noch Clanstrukturen erkennen und selbst die Eisdiele unter Aspekten der Schutzgeldkriminalit\u00e4t betrachten. Dass beide Haltungen in ihrer Pauschalit\u00e4t blanker Unsinn sind, muss hier nicht weiter er\u00f6rtert werden. Im harmlosen Fall dienen Stereotype ja auch nur der Auszeit und der Erholung f\u00fcr stressgeplagte St\u00e4dter und Landbewohner \u2013 Zeitschriften wie &#8222;Landlust&#8220; leben davon. Auch der Deutsche Alpenverein, der in seiner neuesten Ausgabe des &#8222;Panorama&#8220;-Heftes eine Geschichte bringt, in der die Gro\u00dfstadt als mehr oder minder \u00fcbler Gegenpol zum idyllischen Alpenland herhalten muss, stimmt gelegentlich in den Chor ein. Als wenn das die Alternativen sind.<\/p>\n<p>Dabei ist das eine Erwachsenendiskussion: F\u00fcr Kinder ist die intakte Natur zwar wichtig, aber nicht f\u00fcr die Erholung. Kinder brauchen ein vern\u00fcnftiges soziales und famili\u00e4res Umfeld und viel Kontakt zu Gleichaltrigen. Was n\u00fctzt einem Kind die sch\u00f6ne Blumenwiese, wenn es darauf alleine spielt? Was nutzen die vielen kulturellen Angebote einer Gro\u00dfstadt, wenn es vereinsamt in einer Hochhaussiedlung hockt? Dar\u00fcber hinaus haben Stadt und Land ihre Eigenheiten \u2013 und damit auch Vor- und Nachteile:<\/p>\n<p><strong>Entdeckerland<\/strong><br \/>\nKinder wollen auf Entdeckertour gehen, bauen, basteln, gestalten. Solche R\u00e4ume gibt es in D\u00f6rfern, im Wald, auf abgeernteten Feldern. Aber auch in St\u00e4dten, auf Spielpl\u00e4tzen, Bauspielpl\u00e4tzen, in Parks. Studien und der gesunde Menschenverstand belegen allerdings, dass Landkinder fr\u00fcher auf eigene Faust losziehen, derweil Stadtkinder l\u00e4nger an der Hand der Eltern unterwegs sind, aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden: Autoverkehr, Stra\u00dfenbahnen, Fahrradfahrer, insgesamt die viel gr\u00f6\u00dfere Bev\u00f6lkerungsdichte, sorgen f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Gefahrenquellen. Die Luft ist in der Regel auf dem Land besser, das ist nat\u00fcrlich ein wichtiger Standortfaktor, der f\u00fcrs Land spricht. Die Zahl der Atemerkrankungen soll deshalb in urbanen Gegenden h\u00f6her sein. Luftschadstoffe k\u00f6nnen Krankheiten wie Pseudokrupp beg\u00fcnstigen, aber dazu reicht auch eine Raucherwohnung auf dem Land.<\/p>\n<p><strong>Gleichaltrige<\/strong><br \/>\nJe \u00e4lter Kinder werden, desto mehr treten sie aus dem elterlichen Schatten und desto wichtiger werden gleichaltrige Freunde. Kinder lernen so, sich mit anderen auseinanderzusetzen, B\u00fcndnisse zu schlie\u00dfen, sich zu behaupten \u2013 und Empathie f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse anderer zu entwickeln. Zwar kann es in l\u00e4ndlichen Gemeinden einen st\u00e4rkeren Zusammenhalt durch die gewachsenen Nachbarschaften und oftmals umtriebigen Vereine geben, daf\u00fcr ist die Betreuungsquote in St\u00e4dten h\u00f6her, auch weil das Angebot an Betreuungsm\u00f6glichkeiten besser ist. Der engere Raum und die Bev\u00f6lkerungsdichte in St\u00e4dten sorgen f\u00fcr dichte Kontaktm\u00f6glichkeiten, in der Siedlung, den Spielpl\u00e4tzen, auf den B\u00fcrgersteigen und Innenh\u00f6fen. In St\u00e4dten sind die Distanzen k\u00fcrzer \u2013 vor allem die Eltern von Teenagern auf dem Land d\u00fcrften ein Klagelied anstimmen, dass sie ihre Kinder \u00fcberall hinfahren m\u00fcssen, weil der \u00f6ffentliche Nahverkehr so schlecht ausgebaut ist.<br \/>\n<strong>Vorbereiten f\u00fcrs Leben<\/strong><br \/>\nD\u00f6rfer und Landkreise sind in der Regeln homogener, was die soziale und kulturelle Herkunft angeht. Wer in Gro\u00dfst\u00e4dten aufw\u00e4chst, erf\u00e4hrt Migration zum Beispiel nicht nur als Medienthema, sondern als Alltag. Alltag in der Nachbarschaft, in der Schule, auf dem Spielplatz. Und im pers\u00f6nlichen Kontakt verliert vieles den Schrecken, das gilt genauso f\u00fcr die soziale Herkunft: Zwar separieren sich die Bev\u00f6lkerungsschichten und Einkommensklassen auch in der Stadt. Wer in Berlin-Charlottenburg lebt, tut dies in anderer Nachbarschaft als in besagtem Neuk\u00f6lln. Aber die Distanzen sind geringer, man begegnet sich leichter. Wenn man nicht gerade im Nobelstadtteil Grunewald wohnt und mit seinem Porsche nur direkt auf die Autobahn nach Potsdam f\u00e4hrt, wird man als Berliner zwangsl\u00e4ufig leichter andere Lebensentw\u00fcrfe kennenlernen als zum Beispiel in einem kleinen Dorf an der Mosel. Das kann anstrengend sein \u2013 in der Regel gewinnt man aber mehr als man verliert. Und da wir alle in einer zunehmend vielf\u00e4ltigen Gesellschaft leben, kann es nicht schaden, schon als Kind ein wenig vorbereitet zu sein.<\/p>\n<p>Im Idealfall haben alle die freie Wahl, wo sie leben. Aber die Mietpreissituation zwingt gerade junge Familien oder Alleinverdiener in die Au\u00dfenbezirke oder ganz aufs Land. Die Gutverdiener k\u00f6nnen es sich leisten, in die Rei\u00dfbrett-Siedlungen am Stadtrand zu ziehen, die oftmals nicht schlecht an den \u00f6ffentlichen Nahverkehr angeschlossen sind. Ob einem das gef\u00e4llt, ist Geschmackssache: Zum einen sind die oft ideal f\u00fcr Kinder, weil bestens ausgestattet mit Spielpl\u00e4tzen, und der Verkehr h\u00e4lt sich auch in Grenzen. Andererseits neigen diese Siedlungen zur sozialen Homogenit\u00e4t und damit Abgeschlossenheit. Eltern sollten ja auch nicht ihre eigenen Bed\u00fcrfnisse vergessen und \u00fcberlegen, wo sie sich am wohlsten f\u00fchlen. Und dann gibt es ja noch den Urlaub, um das zu genie\u00dfen, was einem sonst im Alltag fehlt: Wandertouren f\u00fcr den St\u00e4dter, St\u00e4dtereisen f\u00fcr die Dorfbewohner. Als Auszeit f\u00fcr stadtgeplagte St\u00e4dter oder landgenervte Landbewohner. Und als Horizonterweiterung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag in &#8222;Schlaflos&#8220;, Familienblog der F.A.Z.\u00a0(25.09.2018) Von Martin Benninghoff Wer Kinder bekommt, stellt sich die Glaubensfrage: Wo wollen wir leben, wo wachsen die Kleinen am besten auf? 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