{"id":2145,"date":"2018-09-27T10:49:50","date_gmt":"2018-09-27T08:49:50","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2145"},"modified":"2018-09-27T10:49:50","modified_gmt":"2018-09-27T08:49:50","slug":"akt-der-absoluten-unhoeflichkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2145","title":{"rendered":"&#8222;Akt der absoluten Unh\u00f6flichkeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/koelns-frueherer-ob-fritz-schramma-unverschaemt-so-mit-uns-unterstuetzern-umzugehen-15807559.html\">Interview erschienen bei FAZ.NET (27.09.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Fritz Schramma hat sich jahrelang f\u00fcr den Bau der Ditib-Zentralmoschee in K\u00f6ln eingesetzt. Dass sie nun der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Erdogan einweihen soll, kritisiert der langj\u00e4hrige Oberb\u00fcrgermeister der Stadt \u2013 genau wie die Rolle der Ditib.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Herr Schramma, am Samstag er\u00f6ffnet Erdogan die gro\u00dfe Ditib-Moschee in K\u00f6ln. Sie haben sich sehr f\u00fcr den Bau eingesetzt. Haben Sie sich die Einweihung so vorgestellt? <\/strong><\/p>\n<p>Nein, auf keinen Fall. Wir h\u00e4tten die Moschee gerne aus anderer Perspektive er\u00f6ffnet. Wir h\u00e4tten uns einen Tag der offenen T\u00fcr oder ein Volksfest mit Beteiligung der Bev\u00f6lkerung gew\u00fcnscht, so wie es auch immer artikuliert worden ist. Als Ort f\u00fcr alle Muslime, aber auch f\u00fcr alle Andersgl\u00e4ubigen, als Plattformen des Dialogs.<\/p>\n<p><strong>Sind Sie denn offiziell eingeladen worden? <\/strong><\/p>\n<p>Nein, ich bin gerade nochmal am Briefkasten gewesen. Ich bin bislang nicht offiziell eingeladen worden, einen Anruf aus dem Vorstand hatte ich mal bekommen, dass eine Einladung folgt. Wenn da noch kurzfristig was kommt, ich wei\u00df noch nicht, ob ich dem folgen werde. Es ist ja auch, um es gelinde zu sagen, eine unversch\u00e4mte Art, so mit Leuten umzugehen, die sich mehr als zehn Jahre f\u00fcr diesen Bau eingesetzt haben.<\/p>\n<p><strong>F\u00fchlen Sie sich benutzt?<\/strong><\/p>\n<p>Die Ditib ist da einzuordnen zwischen Unprofessionalit\u00e4t und B\u00f6swilligkeit. Ich wei\u00df nicht, ob sie es nicht k\u00f6nnen oder nicht wollen, vielleicht eine Mischung. Es gibt Leute, die sagen, ohne meine Mediation w\u00e4re die Moschee nicht fertig geworden, was auch nicht ganz unrichtig ist. Ich habe auch mit der Oberb\u00fcrgermeisterin <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/cms.faz.net\/polopoly\/CM#\" data-cke-saved-href=\"#\" data-rtr-id=\"d0e1b19b916e2fb3afabd94c088f9327efd8d9f7\">Henriette Reker<\/a> gesprochen, sie hat mittlerweile eine Einladung bekommen. Sehr formlos und auch ohne programmatische Inhalte.<\/p>\n<p><strong>Wird sie hingehen?<\/strong><\/p>\n<p>Sie wird dann hingehen, wenn sie ein Rederecht bekommt. Da w\u00fcrde ich drauf bestehen und nicht als Statist oder einfacher Gast hingehen.<\/p>\n<p><strong>Sie sind Mitglied des Beirates, der vor Jahren von der Ditib gegr\u00fcndet wurde, um die Kommunikation mit Politik und B\u00fcrgern voranzubringen. Der scheint nun in Aufl\u00f6sung, nachdem einige Mitglieder gefrustet ihren Austritt erkl\u00e4rt haben.<\/strong><\/p>\n<p>Die letzte offizielle Sitzung war zu Beginn des Jahres, und zu dem Zeitpunkt haben wir den Fortschritt des Baus und der Nutzung erkl\u00e4rt bekommen. Wir haben nachgefragt, wann die Er\u00f6ffnung geplant ist, die wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Gleichzeitig haben wir die Frage gestellt, wie es mit dem Beirat weitergeht, wenn der Bau abgeschlossen ist. Wir wollten auch zuk\u00fcnftig als begleitendes Gremium zur Verf\u00fcgung stehen, wenn das denn gew\u00fcnscht ist, und zwar in der Art, dass wir die programmatische Ausgestaltung der Moschee mitgestalten. Konzerte, Lesungen, Diskussionen, Vortr\u00e4ge, das h\u00e4tten wir gerne mitgestaltet. Ich wei\u00df, dass das G\u00fcrzenich-Orchester schon vorbereitet war, zur Er\u00f6ffnung etwas beizutragen, ebenso ein gro\u00dfer Kirchenchor. Es h\u00e4tte ein Volksfest werden k\u00f6nnen und damit auch ein gutes Zeichen f\u00fcr Integration. Die Chancen sind leider alle vertan.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie von der Ditib eine Antwort bekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, leider nicht. Der Beirat ist deshalb auch in Aufl\u00f6sung. Wir erwarten eine Antwort von der Ditib, die Kommunikation mit dem Vorstand ist leider sehr schleppend.<\/p>\n<p><strong>Wann ist bei Ihnen der Punkt erreicht, dass Sie sagen, es reicht mir, ich engagiere mich nicht mehr f\u00fcr die Moschee? <\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, dieses Wochenende wird f\u00fcr mich sehr entscheidend sein. Der Grad der Zumutung ist so nicht mehr hinnehmbar. Ein Akt der absoluten Unh\u00f6flichkeit. Ein Schlag ins Gesicht aller, die sagen, die T\u00fcrken seien besonders gastfreundlich. Wenn das der Stil ist, sich in einem Gastland zu gerieren, dann ist das v\u00f6llig daneben.<\/p>\n<p><strong>Was bekommen Sie f\u00fcr R\u00fcckmeldungen von t\u00fcrkischst\u00e4mmigen K\u00f6lnern?<\/strong><\/p>\n<p>Ganz unterschiedlich. Wenn ich mit Taxifahrern zum Beispiel spreche, dann gibt es welche, die stehen voll und ganz hinter der t\u00fcrkischen Regierungspartei AKP und Erdogan und r\u00fchmen dessen Verdienste. Andere sind Erdogan-Gegner, die t\u00fcrkischst\u00e4mmige Community ist gespalten.<\/p>\n<p><strong>Ihre Hoffnung war, dass die gro\u00dfe Moschee integrationsf\u00f6rderlich ist. Bleiben Sie dabei? <\/strong><\/p>\n<p>Das ist auf jeden Fall ein R\u00fcckschritt im Moment. Aber man muss das trennen: Die Moschee ist in ihrer Architektur und in der Konzeption so geplant, dass sie einen Beitrag zur Integration leisten kann. Wenn man denn will. Aber es zeigt sich im Verhalten der Ditib mittlerweile st\u00e4rker, dass der Verband von der t\u00fcrkischen Religionsbeh\u00f6rde abh\u00e4ngt, vor allem finanziell. Nach au\u00dfen wurde immer wieder betont, wir sind politisch neutral. Das kann man fast nicht mehr glauben. Aber diese sch\u00f6n gebaute Moschee wird den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten oder den aktuellen Ditib-Vorstand \u00fcberleben.<\/p>\n<p><strong>War es denn nicht naiv, zu glauben, dass sich die Ditib vom t\u00fcrkischen Staat l\u00f6st? <\/strong><\/p>\n<p>Ja, gut, das kann man so bezeichnen. Aber wir haben keine andere M\u00f6glichkeit, als mit den offiziellen Verantwortlichen zu sprechen, die suchen wir uns ja nicht aus. Wenn ich mit diesen Leuten gar nicht rede, dann isoliere ich sie wieder und schiebe sie in die Situation, in der sie vorher waren, in die Hinterhof-Politik. Wir hatten vor zehn Jahren auch eine ganz andere Gespr\u00e4chsebene. Insofern kann man sagen, heute wissen wir alles besser, da waren wir naiv. Ich sehe das anders, ich meine, es war sehr vern\u00fcnftig und klug, mit denen im Gespr\u00e4ch zu sein. Es geht um die Menschen, die hier leben. Wir haben hier mehr als 100.000 Muslime in K\u00f6ln, und wir sind daran interessiert, dass es ein friedliches Miteinander in der Stadtgesellschaft gibt.<\/p>\n<p><strong>Gerade zu Beginn der Planungsphase gab es starken Gegenwind von rechter, teilweise von rechtsradikaler Seite &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Es wird sicherlich auch jetzt wieder aus dem rechten Lager h\u00e4mische Kommentare geben, die genau in die Kerbe hauen und einen als Naivling bezeichnen werden, trotzdem stehe ich dazu: Den Muslimen steht nat\u00fcrlich das Recht zu, auf ihrem eigenen Gel\u00e4nde eine solche Moschee zu bauen. Daf\u00fcr habe ich mich eingesetzt, und dazu stehe ich.<\/p>\n<p><strong>Welche Lehren f\u00fcr die Zukunft gibt es? Kann man Tr\u00e4gervereine wie die Ditib nicht st\u00e4rker auf Regeln festlegen, kann man den von Ihnen gew\u00fcnschten Beirat nicht f\u00fcr einen langen Zeitraum zur politischen Bedingung machen? <\/strong><\/p>\n<p>Ja, eine solche Regelung k\u00f6nnte ich mir schon vorstellen. Das k\u00f6nnte man verpflichtend machen. Mir ist aber lieber, die kommen von selbst auf einen zu. Ich werden nochmal den Versuch eines Gespr\u00e4chs starten, wenn sich die ganze Aufregung um den Erdogan-Besuch gelegt hat. K\u00f6ln ist am Samstag im Ausnahmezustand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>ZUR PERSON<\/strong><\/p>\n<p>Fritz Schramma, 71, war von 2000 bis 2009 K\u00f6lns Oberb\u00fcrgermeister. In seine Amtszeit fiel die kontroverse Diskussion, ob die geplante <strong>Zentralmoschee des t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Moscheeverbandes Ditib im Stadtteil Ehrenfeld zu gro\u00df gerate,<\/strong> und ob der \u201erepr\u00e4sentative Bau\u201c, wie es h\u00e4ufig hie\u00df, eine gelungene Bereicherung f\u00fcr K\u00f6ln oder eher Machtsymbol eines politischen t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Islams sei. In die hitzig gef\u00fchrte Kontroverse schalteten sich damals auch Intellektuelle ein: Ralph Giordano, lehnte die Moschee ab, der Journalist <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/cms.faz.net\/polopoly\/CM#\" data-cke-saved-href=\"#\" data-rtr-id=\"8162809bdbd292beb1c604f66360bf282cc937ee\">G\u00fcnter Wallraff<\/a> w\u00fcnschte sich eine neue \u201eTouristenattraktion\u201c. Schramma war einer der Wortf\u00fchrer der Moschee-Bef\u00fcrworter.<\/p>\n<p>Nach der Grundsteinlegung 2009 verz\u00f6gerte sich die Einweihung der Moschee um Jahre, auch weil sich die Ditib mit den Architekten wegen Baum\u00e4ngeln stritt. Eine geplante Einweihung wurde mehrfach verschoben. Seit vergangenem Jahr ist die Moschee de facto ge\u00f6ffnet, offiziell soll sie nun vom t\u00fcrkischen Staatspr\u00e4sidenten <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/cms.faz.net\/polopoly\/CM#\" data-cke-saved-href=\"#\" data-rtr-id=\"c9ba48c3a7688dae931ef8be592b9e359144e529\">Recep Tayyip Erdogan<\/a> am Samstag eingeweiht werden. Was die Diskussion wieder befl\u00fcgelt: Ist die Moschee ein Symbol f\u00fcr gescheiterte oder gelingende Integration? Die Frage stellt sich auch, weil die Ditib, die zwar formal ein deutscher Verein ist, in Wirklichkeit der t\u00fcrkischen Religionsbeh\u00f6rde untersteht und von ihr finanziell abh\u00e4ngig ist und zudem im Moment streng auf Erdogan-Kurs f\u00e4hrt. Derzeit wird diskutiert, ob der Verfassungsschutz den Verein \u00fcberpr\u00fcfen sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview erschienen bei FAZ.NET (27.09.2018) Von Martin Benninghoff Fritz Schramma hat sich jahrelang f\u00fcr den Bau der Ditib-Zentralmoschee in K\u00f6ln eingesetzt. 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