{"id":2162,"date":"2018-10-10T09:16:19","date_gmt":"2018-10-10T07:16:19","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2162"},"modified":"2018-10-10T09:16:19","modified_gmt":"2018-10-10T07:16:19","slug":"frisch-geschluepft-schon-getauft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2162","title":{"rendered":"Frisch geschl\u00fcpft, schon getauft?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2018\/10\/09\/frisch-geschluepft-schon-getauft-498\/\">Beitrag im &#8222;Schlaflos&#8220;-Blog der F.A.Z. (erschienen am 09.10.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Das Kind ist da, muss nun die Taufe her? Was fr\u00fcher selbstverst\u00e4ndlich war, spielt f\u00fcr manche Eltern keine Rolle mehr \u2013 andere sind ratlos. Was bringt eine Taufe? Und muss das Kind nicht eigentlich selbst irgendwann entscheiden?<\/strong><\/p>\n<p>Vermutlich habe ich ein Mal zu viel eine katholische Taufe besucht.<\/p>\n<p>Immer dann, wenn der Priester am Taufbecken den Eltern und Paten die Frage &#8222;Widersagt ihr dem Satan, dem Urheber des B\u00f6sen?&#8220; in dieser oder einer \u00e4hnlichen Formulierung stellte, w\u00e4re ich am liebsten sofort aus der Kirche gelaufen oder aus dem n\u00e4chstbesten Kirchenfenster gesprungen. &#8222;Ich widersage&#8220;, die erwartete Antwort, machte die Sache nicht besser, es ist f\u00fcr viele nur die Kapitulation vor einem Kirchen-Schauspiel, das sie unter Androhung famili\u00e4rer Konsequenzen zu ertragen bereit sind.<\/p>\n<p>Es ist schon klar, dass Theologen an dieser Stelle einhaken m\u00f6chten, um mir die Abrenuntiatio diaboli einzuordnen und zu erkl\u00e4ren. Aber aus einer lebensweltlichen Perspektive gedacht, sind Begriffe wie &#8222;Satan&#8220; und &#8222;das B\u00f6se&#8220; schlichtweg keine, die ich aussprechen m\u00f6chte. Da kann man mir gleich drohen, den Rest meines Lebens mit Bruder Malachias von Hildesheim aus &#8222;Der Name der Rose&#8220; eine karge Kemenate bei Wasser und Brot zu teilen, nat\u00fcrlich bei entsprechender t\u00e4glicher Bibel-Exegese auf Latein.<\/p>\n<p>Aber nicht nur deshalb haben wir uns erst einmal gegen die Taufe unseres Sohnes Elias entschieden \u2013 katholisch w\u00e4re die ohnehin nicht geworden. Die Taufe ist vielmehr f\u00fcr Katholiken und Protestanten eine ernste Sache, ein Sakrament. Also nichts, das man aus gesellschaftlichem Druck oder Opportunismus unterschreiben sollte. Das Kind wird durch sie ein Leben lang in die Glaubensgemeinschaft der Christen aufgenommen, und wenn die Eltern damit wenig anfangen k\u00f6nnen, warum sollte es f\u00fcr das Kind gut sein? Wobei: Ganz so einfach ist der Fall bei mir nicht, dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst ist die Taufe kein gesellschaftliches Muss mehr. Zwar sind die Zahlen immer noch beachtlich: 2016 wurden laut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 163.000 Kinder evangelisch getauft, 2015 etwas mehr als 161.000. In der r\u00f6misch-katholischen Kirche wurden 2015 laut Statistischem Bundesamt 167.226 Kinder getauft, die Verteilung zwischen Protestanten und Katholiken entspricht ungef\u00e4hr dem Verh\u00e4ltnis der beiden Konfessionen in Deutschland. Mittlerweile sind geringf\u00fcgig mehr Menschen katholisch als evangelisch getauft, das war einmal umgekehrt. Allerdings ist bei beiden Konfessionen die Taufbegeisterung seit Jahrzehnten im Sinkflug begriffen, daran k\u00f6nnen auch gelegentliche Tauf-Hypes wie zuletzt im ansonsten eher s\u00e4kularen Berliner Kiez Prenzlauer Berg nichts \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das Gute ist: Dass die Taufe heute kein Muss mehr ist, sondern eine freiwillige Feier mit ungewisser Bedeutung\u00a0 f\u00fcr die Zukunft, f\u00fchrt zu einer Entkrampfung des Themas. So dachte man fr\u00fcher, ein S\u00e4ugling, der ungetauft stirbt, w\u00fcrde nicht von Gott angenommen werden. Solcher Kinderglaube ist zumindest in hiesigen Breitengraden wenn auch nicht ausgestorben, so doch zumindest marginalisiert. Sowohl die r\u00f6misch-katholische Kirche als auch die EKD halten so etwas f\u00fcr unvereinbar mit dem Bild eines liebenden Gottes. Allerdings: Auf dem R\u00fcckzug ist damit auch das Unhinterfragte und Hingenommene, das Tradierte und Einge\u00fcbte, eben das Religionsverst\u00e4ndnis fr\u00fcherer Generationen.<\/p>\n<p>Wer heute sein Kind taufen l\u00e4sst, muss wissen warum. Wer heute sein Kind nicht taufen l\u00e4sst, muss wissen warum. Ein paar Diskussionsanregungen, kein Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit:<\/p>\n<p><strong>Warum ein Kind taufen?<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Menschen werden in Religionen hineinsozialisiert, man lernt den Glauben nicht neutral-wissenschaftlich. Nur wer dabei ist, kann sich ein Bild machen.<\/li>\n<li>Glaube ist nicht in erster Linie eine rationale Angelegenheit, sondern wird \u00fcber Emotionen vermittelt. Kinder hinterfragen nicht direkt logische L\u00fccken, sie nehmen hin, das kann stabilisierend wirken.<\/li>\n<li>Im Glauben transportieren sich sch\u00f6ne Emotionen und Erlebnisse der Kindheit, an die man sich ein Leben lang erinnern kann: Trost und Erhabenheit, Weihnachten, Ostern, Erntedank.<\/li>\n<li>Das Christentum vermittelt christliche Werte wie N\u00e4chstenliebe.<\/li>\n<li>Die Taufe ist eines der gro\u00dfen Riten, die das Leben strukturieren. Wie sonst sp\u00e4ter die Konfirmation oder Kommunion, Hochzeit und Trauerfeiern.<\/li>\n<li>Kindergartenplatz oder Job bei einem kirchlichen Tr\u00e4ger? Die k\u00f6nnen als Gemeindemitglied einfacher zu bekommen sein.<\/li>\n<li>Kirche macht einen vertraut mit Kirchenmusik und anderen kulturellen Errungenschaften.<\/li>\n<li>Kirche schafft Gemeindeleben, sorgt f\u00fcr soziale Kontakte und f\u00fcr Taufpaten, die eine besondere soziale Beziehung eingehen. Und von Paten gibt es Geschenke.<\/li>\n<li>In manchen Regionen f\u00e4llt das Kind auf, wenn es nicht getauft ist (bayerische Landstriche, katholisches Rheinland).<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Warum eine Taufe unn\u00f6tig ist:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Wer etwas \u00fcber Religion erfahren m\u00f6chte, sollte sich lieber aus anderen Quellen informieren und die Religionen miteinander vergleichen. Nur so kann man sich ein neutrales Bild machen.<\/li>\n<li>Glaube ist eine irrationale Angelegenheit, die Kinder noch nicht durchschauen. Man sollte sie damit nicht indoktrinieren.<\/li>\n<li>Ein Mensch sollte selbst entscheiden, ob er Kirchenmitglied sein m\u00f6chte. Kindtaufen sind daher abzulehnen.<\/li>\n<li>Wenn die Eltern nichts mit Kirche zu tun haben: W\u00e4re es nicht r\u00fcckgratlos, wenn sie ihr Kind trotzdem taufen lie\u00dfen?<\/li>\n<li>Weihnachten und Ostern kann man auch feiern und als wichtig erachten, ohne getauft zu sein.<\/li>\n<li>Die sogenannten christlichen Werte speisen sich auch aus anderen Quellen. Ein aufgekl\u00e4rter Humanismus braucht keine Kirchen.<\/li>\n<li>Riten und Lebensereignisse sind wichtig, aber daf\u00fcr braucht es die Kirche nicht: Im Osten wird mitunter noch die Jugendweihe gefeiert, bei Hochzeiten k\u00f6nnen freie Redner f\u00fcr Feierlichkeit sorgen.<\/li>\n<li>F\u00fcr einen S\u00e4ugling ist der Taufvorgang eine Zumutung. Deswegen br\u00fcllen ja viele Kinder die Kirchengemeinde in Grund und Boden.<\/li>\n<li>Wer nicht getauft ist, zahlt sp\u00e4ter keine Kirchensteuer.<\/li>\n<li>In manchen Regionen f\u00e4llt das Kind auf, wenn es getauft ist (Teile von Ostdeutschland, Berlin, Gro\u00dfstadtmilieus)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das entscheidende Argument der Taufgegner ist die kindliche Religionsunm\u00fcndigkeit bei Kindtaufen, ein schlagendes Argument. Ein S\u00e4ugling oder Kleinkind hat keinerlei Einfluss, in welches Bekenntnis es geworfen wird. Es m\u00fcsste sich sp\u00e4ter als Erwachsener in einem aktiven Willensakt dazu durchringen, aus der Kirche auszutreten, wenn es damit nichts anfangen kann. So etwas ist schwer, f\u00fcr manche zumindest, mit einigem Abstand vergleichbar mit der Abgabe einer Staatsb\u00fcrgerschaft.<\/p>\n<p>Andererseits: Wem das schwerf\u00e4llt, bleibt besser sowieso gleich dabei. So geht es mir seit Jahren. Ich lebe in einem permanenten kognitiven Dissens, finde vieles, was die Evangelische Kirche in Deutschland tut, unterst\u00fctzenswert, manches lehne ich ab, bin aber eher ein Papiertiger ohne aktives Engagement. Heute w\u00e4re mir die Kirche wohl nicht wichtig genug, um in sie einzutreten. Insofern war meine Kindtaufe gut f\u00fcr die Kirche und wohl auch f\u00fcr mich,\u00a0 zumindest da ich keine schlechten Erfahrungen gemacht habe. Im Gegenteil: Gerne erinnere ich mich an die &#8222;Konfi-Zeit&#8220; zur\u00fcck, mit all den Freizeiten und Freunden. Aber eine freie Entscheidung, ja eine Entscheidung schlechthin, war die Taufe nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Ein Ausweg aus dem Dilemma ist die sp\u00e4tere Taufe im religionsm\u00fcndigen Alter von 14 Jahren. Jugendliche k\u00f6nnen ja trotzdem ungetauft am Konfirmationsunterricht teilnehmen und sich, wenn es denn zusagt, kurz vor der Konfirmation taufen lassen. Strenggenommen w\u00e4re die Konfirmation als Erneuerung des Taufversprechens dann hinf\u00e4llig, aber wer m\u00f6chte dann schon auf die Feier verzichten? Auch bei den Katholiken gibt es die M\u00f6glichkeit der Erwachsenentaufe. Und in der Schule k\u00f6nnen ohnehin alle Ungetauften den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht besuchen, um sich die Sache erst einmal in Ruhe anzuschauen.<\/p>\n<p>Zudem gibt es zunehmend mehr Anbieter von freien Taufen, so wie es auch freie Trauredner gibt. Mir pers\u00f6nlich w\u00e4re eine freie Taufe zu inhaltsleer, bei einer Trauung kann ich mir das aber gut vorstellen. Wir haben deshalb erst einmal rund um den ersten Geburtstag von Elias ein kleines Willkommensfest in der Familie gefeiert, weil uns solche Rituale durchaus etwas bedeuten. Als Ersatz-Taufe wollten wir das nicht verstanden wissen, das war es nicht. Solche Rituale abzuschaffen scheint mir in einer immer st\u00e4rker atomisierten Gesellschaft, in der es au\u00dfer Weihnachten und Fu\u00dfball-Weltmeisterschaften kaum noch Ereignisse gibt, die (fast) alle teilen, wenig erstrebenswert. Mit der richtigen Taufe warten wir vorerst noch \u2013 und \u00fcberlegen dann nochmal, ob sie vielleicht sp\u00e4ter eine Option f\u00fcr den Kleinen ist.\u00a0 Oder eben nicht. Dann muss ich vorerst auch nicht dem Satan abschw\u00f6ren, was mir meinen Alltag doch erheblich erleichtert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag im &#8222;Schlaflos&#8220;-Blog der F.A.Z. (erschienen am 09.10.2018) Von Martin Benninghoff Das Kind ist da, muss nun die Taufe her? Was fr\u00fcher selbstverst\u00e4ndlich war, spielt f\u00fcr manche Eltern keine Rolle mehr \u2013 andere sind ratlos. Was bringt eine Taufe? 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