{"id":2165,"date":"2018-10-11T10:40:22","date_gmt":"2018-10-11T08:40:22","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2165"},"modified":"2018-10-11T10:41:14","modified_gmt":"2018-10-11T08:41:14","slug":"kim-jong-un-ist-nicht-verbloedet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2165","title":{"rendered":"&#8222;Kim Jong-un ist nicht verbl\u00f6det&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/modrow-in-pjoengjang-kim-jong-un-ist-nicht-verbloedet-15829009.html\">Interview erschienen bei FAZ.NET (11.10.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Das nordkoreanische Regime betreibt Au\u00dfenpolitik nicht nur \u00fcber die Botschaft in Berlin. Auch alte Kan\u00e4le in die deutsche Linke werden angezapft. Der fr\u00fchere DDR-Regierungschef Modrow war k\u00fcrzlich in Pj\u00f6ngjang \u2013 auf Einladung von Kims Regime. Worum ging es?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Herr Modrow, Sie waren im September auf Einladung der Kim-Regierung in Nordkorea. Weshalb? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Modrow:<\/strong> Die nordkoreanische Regierung in Pj\u00f6ngjang hatte mich eingeladen \u2013 und ich war auch in Peking und in Seoul. Im Norden habe ich mit Ri Su-yong gesprochen<em> (Leiter der Abteilung f\u00fcr Au\u00dfenpolitik der Staatspartei PdAK, Anm. d. Red.).<\/em> Er hat mir gesagt, dass die nordkoreanische F\u00fchrung Frieden und Sicherheit auf der koreanischen Halbinsel wolle und nicht interessiert sei an einem Krieg. Und er hat mich gebeten, das auch im Rahmen meiner M\u00f6glichkeiten in die deutsche Politik zu transportieren.<\/p>\n<p><strong>Sie hatten zuvor schon von Ri einen Brief erhalten\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Ja, und er hat im Gespr\u00e4ch in Pj\u00f6ngjang seine Sicht der Dinge nochmal unterstrichen. Es ging auch darum, dass Nordkorea kein Interesse hat, mit Atomwaffen andere L\u00e4nder zu bedrohen, sondern Balancen herstellen will in einer Region, in der die Amerikaner milit\u00e4risch stark pr\u00e4sent sind.<\/p>\n<p><strong>Nordkorea existiert seit 70 Jahren, die DDR, f\u00fcr die Sie als SED-Chef von Dresden und sp\u00e4terer Regierungschef verantwortlich waren, zerfiel nach 40 Jahren. Was k\u00f6nnen Sie Nordkorea raten? <\/strong><\/p>\n<p>Das hat Herr Ri mir auch gesagt, da war Genugtuung zu versp\u00fcren. Nordkorea f\u00fchlt sich best\u00e4tigt, seinen eigenen Weg zu gehen und nicht so sehr wie die DDR dem sowjetischen Vorbild zu folgen. Pj\u00f6ngjang will vor allem die Wirtschaft entwickeln, sich selbst mehr um Wissenschaft und den technischen Fortschritt k\u00fcmmern. Meine Empfehlung ging in die Richtung, die geschlossene Sonderwirtschaftszone in Kaesong wiederzubeleben, den Familienaustausch zu forcieren, Vereinbarungen miteinander zu schlie\u00dfen, damit nicht mehr entscheidend ist, wer an den jeweiligen Regierungshebeln sitzt. Solche Schritte waren die DDR und die BRD auch gegangen. Bevor man eine Vertragsgemeinschaft werden kann, braucht es Vereinbarungen.<\/p>\n<p><strong>Warum kommt das Regime auf Sie zu? Mit Verlaub, Sie sind 90 Jahre alt. Und die Linke ist nicht in der Bundesregierung, hat also nur sehr begrenzt Einfluss auf die Au\u00dfenpolitik. <\/strong><\/p>\n<p>Die Kan\u00e4le der Koreaner in die Bundesregierung sind derzeit verstopft. Im Ausw\u00e4rtigen Amt setzt man voll darauf, dass Amerika die Hebel in Korea richtig stellt. Berlin begreift nicht, dass man in dieser Region nicht nur auf Washington setzen darf, sondern China miteinbeziehen muss. Dabei sollte die Bundesregierung jetzt helfen, Vertrauen zu bilden, und nicht nur einseitig die Sanktionen gegen Nordkorea pflegen. Deshalb wendet man sich an die, die zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Und was wollen Sie konkret tun? <\/strong><\/p>\n<p>Die Linke stellt im Oktober eine Kleine Anfrage im Bundestag zur Korea-Politik der Bundesregierung.<\/p>\n<p><strong>Auf dem Empfang zu Ihrem 90. Geburtstag in diesem Jahr waren die beiden koreanischen Botschafter eingeladen. Sie haben sich sogar gemeinsam mit Ihnen fotografieren lassen. <\/strong><\/p>\n<p>Ja, es gab die Gelegenheit, dass sie beide miteinander sprechen und sich nicht nur ignorieren. Aber im Moment ist es wohl in beiden L\u00e4ndern so, dass man in Seoul und Pj\u00f6ngjang wenig auf die Diplomatie der beiden Botschaften in Berlin setzt, weil die Bundesregierung wenig Interesse daran hat, ihren Kurs zu \u00e4ndern. F\u00fcr mich ist das unverst\u00e4ndlich, wenn man bedenkt, dass der s\u00fcdkoreanische Pr\u00e4sident Moon Jae-in im vergangenen Jahr sein Friedenskonzept f\u00fcr die koreanische Halbinsel in Berlin vorgestellt hat. In Berlin! Deutschland hat f\u00fcr die Koreaner eine Bedeutung.<\/p>\n<p><strong>Die amerikanische Regierung verlangt klar die vollst\u00e4ndige und unumkehrbare Denuklearisierung Nordkoreas, bevor Gegenleistungen wie Sanktionslockerungen in Frage kommen. Glauben Sie, dass es Kim Jong-un ernst damit meint? <\/strong><\/p>\n<p>Ich kann mir das vorstellen. Aber noch nicht jetzt. Eine Voraussetzung w\u00e4re ein Friedensvertrag, bislang gibt es ja nur einen Waffenstillstand. Jetzt ist die Frage: Wie kommt man zu einem Friedensvertrag? Das ist keine Frage mehr von Erkl\u00e4rungen, sondern von Verhandlungen. Kim Jong-un ist ein rationaler Akteur, der noch dazu in der Schweiz ausgebildet wurde. Der ist in der Schweiz nicht verbl\u00f6det.<\/p>\n<p><strong>Aber Abkommen k\u00f6nnen wieder gek\u00fcndigt oder gebrochen werden. Ist die atomare Bewaffnung nicht die beste M\u00f6glichkeit f\u00fcr Kim, seine Macht dauerhaft zu zementieren? <\/strong><\/p>\n<p>Im Moment ja. Aber es existieren mehrere Ebenen: Der s\u00fcdkoreanische Pr\u00e4sident Moon hat ein Interesse daran, dass der Friedensprozess weitergeht. Sonst ist er mitsamt seiner Regierung schnell weg vom Fenster. Der S\u00fcden wird deshalb ein Interesse daran haben, nicht nur an amerikanische Politik gebunden zu sein. Darin liegt eine Chance.<\/p>\n<p><strong>Sie hatten schon als SED-Chef von Dresden mit Nordkorea zu tun. N\u00e4mlich als Sie 1984 Staatsgr\u00fcnder Kim Il-sung bei seinem Staatsbesuch in der DDR trafen. Was war sein Anliegen damals? <\/strong><\/p>\n<p>Seine Haltung war: Nie wieder Krieg. Er wusste: Wenn es wieder einen Krieg geben sollte, w\u00e4re Amerika wieder dabei. Er hatte Sorgen vor den Ausma\u00dfen einer solchen Auseinandersetzung.<\/p>\n<p><strong>Gibt es Bef\u00fcrchtungen bei Ihren nordkoreanischen Gespr\u00e4chspartnern, dass der Norden im Falle einer Wiedervereinigung vom S\u00fcden geschluckt wird? Dass Nordkorea untergeht wie seinerzeit auch die DDR? <\/strong><\/p>\n<p>Das ist im Moment kein Thema, weil sie als souver\u00e4ner Staat agieren. Und sich sehr bewusst sind, dass sie das schon seit Jahren und Jahrzehnten tun.<\/p>\n<p><strong>Michael Kirby, der 2014 f\u00fcr die UN einen umfassenden Bericht zur schlechten Lage der Menschenrechte in Nordkorea vorgelegt hat, mahnt, die Welt solle das Thema Menschenrechte bei den Verhandlungen nicht vergessen. Stimmen Sie Kirby zu?<\/strong> <strong>Folter, Lagerhaft, Hinrichtungen \u2013 das alles gibt es doch in Nordkorea. <\/strong><\/p>\n<p>Ich halte es im Moment f\u00fcr falsch, das gro\u00df zu thematisieren. Dadurch w\u00fcrde der Friedensprozess torpediert und alles, wof\u00fcr sich Moon Jae-in derzeit einsetzt. Ich sage nicht, dass es das nicht gibt. Aber wer den Prozess st\u00f6ren will, soll das Thema aufbringen \u2013 danach erreicht man gar nichts mehr.<\/p>\n<p><strong>Aber das geht doch nur, wenn man sich sicher ist, dass Nordkorea die Menschenrechtslage im Laufe des Friedensprozesses von alleine verbessert. Glauben Sie wirklich daran? <\/strong><\/p>\n<p>Meine \u00dcberzeugung ist: Wer jetzt keine Ruhe hat, den Prozess nach vorne zu bringen, nicht begreift, was seit Jahren und Jahrzehnten in Korea eingefroren ist und das jetzt alles innerhalb eines Jahres auftauen will, der begreift die Sch\u00e4rfe des Konflikts nicht.<\/p>\n<p><strong>Zur Person:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Hans Modrow<\/strong>, geboren 1928, war von November 1989 bis April 1990 der letzte Vorsitzende des Ministerrates der DDR \u2013 und damit letzter Chef einer SED-Regierung. Er ist Vorsitzender des \u00c4ltestenrates der Partei Die Linke.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview erschienen bei FAZ.NET (11.10.2018) Von Martin Benninghoff Das nordkoreanische Regime betreibt Au\u00dfenpolitik nicht nur \u00fcber die Botschaft in Berlin. Auch alte Kan\u00e4le in die deutsche Linke werden angezapft. 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