{"id":2170,"date":"2018-10-12T14:36:24","date_gmt":"2018-10-12T12:36:24","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2170"},"modified":"2018-10-12T14:36:24","modified_gmt":"2018-10-12T12:36:24","slug":"die-studenten-sind-sehr-interessiert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2170","title":{"rendered":"&#8222;Die Studenten sind sehr interessiert&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/in-pjoengjang-deutscher-lehrt-an-nordkoreanischer-universitaet-15832426.html\">Erschienen bei FAZ.NET (12.10.2018)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Tilman Driessen aus Bonn lehrt derzeit als Dozent an einer privaten Universit\u00e4t in Nordkorea. Wie er dazu gekommen ist und was er dort mit den Studenten erlebt, schildert er exklusiv in Emails aus Pj\u00f6ngjang.<\/strong><\/p>\n<p>Wer in Nordkorea war, kennt die Frage, ob man denn \u00fcberhaupt in dieses abgeschottete Land reisen k\u00f6nne. Die Antwort ist: ja. Die gr\u00f6\u00dfere \u00dcberraschung allerdings: Man kann sogar in Nordkorea arbeiten. Unter Schwierigkeiten und nicht ganz so frei wie auf dem brummenden deutschen Arbeitsmarkt, aber doch erstaunlich einfach. Wenn man denn will.<\/p>\n<p>Einer der wollte, ist Tilman Driessen. Der promovierte Wirtschaftsingenieur aus Bonn, 58, arbeitet seit Jahren als Unternehmensberater und hat nebenbei noch einen Lehrauftrag an einer privaten Hochschule. Seine Idee, seinen Lehrauftrag f\u00fcr drei Monate ausgerechnet an die Privathochschule\u00a0\u201cPyongyang University of Science &amp; Technology\u201c (PUST) nach Pj\u00f6ngjang zu verlegen, kam ihm im Zuge der dramatischen Geschichte um den 2017 verstorbenen amerikanischen Studenten Otto Warmbier, der nach langer Haftzeit in Nordkorea kurz vor seinem Tod nach Amerika ausgeflogen worden war. Im Nachgang hatte die amerikanische Regierung ihren B\u00fcrgern verboten, nach Nordkorea zu reisen.\u00a0 \u201eDaher nahm ich an, dass die PUST qualifizierte Lehrkr\u00e4fte ben\u00f6tigt.\u201c<\/p>\n<p>Das hat Driessen offenbar ganz richtig eingesch\u00e4tzt, tats\u00e4chlich sucht die private Universit\u00e4t h\u00e4nderingend Wissenschaftler und Dozenten aus dem Ausland, <a href=\"https:\/\/pust.co\/index.php\/get-involved\/teach-at-pust\/\" data-cke-saved-href=\"https:\/\/pust.co\/index.php\/get-involved\/teach-at-pust\/\">auf der Homepage kann man sich direkt bewerben.<\/a> Die Offenheit der PUST f\u00fcr den internationalen Wissenschaftler-Markt ist eine dieser \u00dcberraschungen, denen man in Nordkorea immer wieder begegnet. Die Hochschule existiert seit 2010, hat eine Partneruni in China und wird von amerikanischen und s\u00fcdkoreanischen evangelikalen Christen durch Spenden finanziert.Gr\u00fcnder der Uni war politischer Gefangener<\/p>\n<p>Der Gr\u00fcnder der Uni ist Kim Chin-kyung. Er wurde 1935 in Seoul geboren, als die beiden Koreas noch zusammengeh\u00f6rten. F\u00fcr sein Herzensprojekt sammelte er mehr als 35 Millionen Dollar. Die Konstellation ist atemberaubend: Obwohl er eine Gro\u00dfspende der s\u00fcdkoreanischen Regierung bekam und zwischenzeitlich sogar als politischer Gefangener in einem nordkoreanischen Gef\u00e4ngnis sa\u00df, erlaubte die Staatsf\u00fchrung um den verstorbenen Diktator Kim Jong-il ihm sp\u00e4ter, in Nordkoreas Hauptstadt eine Dependance seiner chinesischen Uni aufzubauen. Das Kalk\u00fcl des Regimes: Wissenstransfer zum Nulltarif aus L\u00e4ndern, die Nordkorea technologisch und wirtschaftlich weit voraus sind. Driessens Zwischenbilanz nach anderthalb Monaten in Pj\u00f6ngjang: \u201eMein Eindruck geht dahin, dass sich \u2013 \u00e4hnlich wie in China in den Jahren nach Maos Tod \u2013 allm\u00e4hlicher Wandel und \u00d6ffnung abzeichnen.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr den Unternehmensberater, der in Pj\u00f6ngjang Kurse in Unternehmensgr\u00fcndung und Investition gibt, begann die Reise schon vor dem Abflugtermin Ende August. Nach der Zusage der Uni bekam er ein Handbuch mit Verhaltensknigge zugemailt, das deutlich macht: Die ausl\u00e4ndischen Fachkr\u00e4fte sollen unter sich bleiben und m\u00f6glichst keinen Kontakt zu den nordkoreanischen Studenten und der sonstigen Bev\u00f6lkerung bekommen. Sie werden auf dem Unigel\u00e4nde untergebracht, wo es auch eine eigene Infrastruktur mit W\u00e4scherei, Friseur und sogar Internetzugang gibt. Seine Studenten sind die k\u00fcnftige Elite in Politik und Wirtschaft. Da Kim Jong-un bei mehreren Gelegenheiten seinen Willen bekundet hat, in Zukunft st\u00e4rkeren Wert auf die wirtschaftliche Entwicklung zu legen, kommt der wirtschaftlich-technologischen Expertise der Ausl\u00e4nder besondere Bedeutung zu.<\/p>\n<p><em>Driessen: \u201eDie Studenten sind sehr qualifiziert und interessiert, offenbar bewusst selektiert, auch wenn der genaue Auswahl-Mechanismus unklar ist. Als weiteres Privileg m\u00fcssen sie anscheinend keinen Wehrdienst leisten, aber manche tun dies offenbar freiwillig. Im ersten Jahr erhalten sie konzentriert Englischunterricht, daneben auch Chinesisch und Deutsch, letzteres insbesondere f\u00fcr Medizinstudenten. Sie bezahlen nicht f\u00fcr ihr Studium, sondern bekommen (neben kostenlosem Essen und Zimmer) noch ein Taschengeld von circa zehn Euro im Monat, mit dem sie Schreibwaren oder S\u00fc\u00dfigkeiten kaufen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Laut Driessen d\u00fcrfen die Studenten das Gel\u00e4nde nur in Ausnahmef\u00e4llen verlassen. Wie die Dozenten \u2013 die allerdings Ausfl\u00fcge machen d\u00fcrfen \u2013 ist der Campus ihre kleine Lebenswelt.<\/p>\n<p><em>\u201eDas Universit\u00e4tsgel\u00e4nde d\u00fcrfen sie nur in Ausnahmef\u00e4llen verlassen, es ist quasi ein Internat, die Zimmer haben zwei Doppelstockbetten (also insgesamt 4 Betten) in einem Raum von circa 20 Quadratmeter. Sie tragen eine Universit\u00e4tsuniform mit schwarzem Rock oder Hose, wei\u00dfem Hemd und roter Krawatte f\u00fcr die Herren. Erst nach Graduation d\u00fcrfen die Studenten sich nach Wunsch kleiden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Nordkoreas Gesellschaft ist trotz der sozialistischen und in der Theorie progressiv-emanzipatorischen Ideologie durch und durch patriarchalisch organisiert. Das schl\u00e4gt sich auch in der Uni nieder, wo zumindest bei der Einf\u00fchrungsveranstaltung nach Angaben von Driessen nur f\u00fcnf bis zehn Prozent der Studierenden weiblich waren. Egal ob m\u00e4nnlich oder weiblich \u2013 die jungen Leute marschieren in Kolonnen zum Fr\u00fchst\u00fcck, Mittag- und Abendessen, stehen zu Beginn der Stunde auf und setzen sich erst nach Aufforderung.\u00a0\u201eEin Charme und eine Ehrerbietung, der man sich als Hochschullehrer kaum entziehen kann, im Vergleich zur laxen Einstellung der Studenten in Deutschland\u201c, meint Driessen.<\/p>\n<p>In einem derart durchreglementierten System lauern \u00fcberall Fettn\u00e4pfchen, auch davon wei\u00df der Dozent aus Bonn zu berichten:<\/p>\n<p><em>\u201eNeulich ist mir ist ein Faux-pas unterlaufen, ich hatte Notizen an der Tafel abfotografiert und dabei versehentlich nur die untere H\u00e4lfte der Fotos der Staatslenker Kim Il-sung und Kim Jong-il aufgenommen, die \u00fcber der Tafel h\u00e4ngen. Der \u201eMonitor\u201c, das ist der Leiter der Klassengemeinschaft, dem ich meine zur \u00dcbergabe an die Studenten gedachten Unterlagen vorab gebe und der sie pr\u00fcfen l\u00e4sst, hatte gleich den korrekten Verdacht, machte mich darauf aufmerksam, bat die Fotos zu sehen und forderte mich auf, das inkriminierte Foto zu l\u00f6schen, was ich auch tat. Und im Kurs Investition kamen wir auf Mode zu sprechen, und ich zeigte Bilder des im Westen aktuellen Stils durchl\u00f6cherter Jeans, was aber auf Ablehnung stie\u00df: &#8218;Wollen wir nicht sehen&#8216;, &#8218;\u00fcberspringen&#8216;.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Kann man aus Menschen, die in einer Planwirtschaft gro\u00dfwerden, in einigen wenigen Kursen Marktkapitalisten machen? Ganz so einfach ist es nicht: Denn trotz zarter marktwirtschaftlicher Pfl\u00e4nzchen \u2013 so zum Beispiel die Vielzahl der geduldeten M\u00e4rkte \u2013 bleibt Nordkorea ein monolithisches Ein-Parteien-System, das von oben nach unten regiert wird und wenig Platz f\u00fcr Eigeninitiative bietet. Wie findet sich hier der Unternehmensberater zurecht?<\/p>\n<p><em>\u201eUnternehmertum kann man eigentlich kaum lehren \u2013 man liest nicht ein Buch oder macht eine Pr\u00fcfung und ist dann Unternehmer, man muss es praktizieren. Deshalb haben wir jetzt einen Lieferservice f\u00fcr Pizza und andere Lebensmittel durch die Studenten beantragt, die gleich &#8218;kalte Nudeln&#8216; als weiteres Angebot vorgeschlagen haben, eine Pj\u00f6ngjang-Spezialit\u00e4t, die mich vielleicht noch dereinst \u00fcberzeugt. Viele Dozenten haben schon mitgeteilt, dass sie dies gern nutzen w\u00fcrden. Denn so ein Dienst erfordert kaum Kapital (allenfalls f\u00fcr die Zeit von der Bezahlung des Lieferanten am Eingangstor bis zu Bezahlung durch den Kunden), es gibt kaum Risiken \u2013 mal sehen, ob es genehmigt wird.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Solche Ideen m\u00fcssen genehmigt werden, nur wenig darf selbstst\u00e4ndig entschieden werden. Wie gro\u00df die Sorge der Uni und der Beh\u00f6rden vor zu starkem ausl\u00e4ndischen Einfluss ist, zeigt sich im Verhaltensknigge, den Driessen vor Beginn seiner T\u00e4tigkeit bekam: \u201ePrivate Eins-zu-Eins-Konversationen mit Studenten sind strengstens verboten\u201c, hei\u00dft es darin. Wenn ein Dozent dennoch aus vielleicht nur fachlichen Gr\u00fcnden mit einem Studenten sprechen m\u00fcsse, so solle man sicherstellen, dass er oder sie einen Freund mitbringt \u2013 oder sich gleich das Treffen durch den\u00a0\u201cMonitor\u201c arrangieren lassen, dann eben mit Aufsicht. Damit alles seine Ordnung hat in dem Land, das sich zaghaft \u00f6ffnet \u2013 und gleich wieder verschlie\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen bei FAZ.NET (12.10.2018) Von Martin Benninghoff Tilman Driessen aus Bonn lehrt derzeit als Dozent an einer privaten Universit\u00e4t in Nordkorea. 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