{"id":2188,"date":"2018-11-20T19:53:29","date_gmt":"2018-11-20T17:53:29","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2188"},"modified":"2018-11-20T19:53:29","modified_gmt":"2018-11-20T17:53:29","slug":"von-der-wiege-ans-bare","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2188","title":{"rendered":"Von der Wiege ans Bare"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2018\/11\/20\/von-der-wiege-ans-bare-573\/\">&#8222;Schlaflos&#8220;-Blog bei FAZ.NET (20.11.2018) <\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>F\u00fcr Kinder gibt es ganze Produktpaletten von Firmen wie Bosch, Braun oder Miele. Damit die Kinder schon im Windelalter an Marken emotional gebunden werden. Ein toller Service oder nur ein Verkauf der Kindheit?<\/strong><\/p>\n<p>Irgendwann als Kleinkind bekam ich meine erste Persil-Packung geschenkt.<\/p>\n<p>Ja, nicht die echte, aber eine t\u00e4uschend echte, nur viel kleiner. Sie war aus Pappe, mit dem ber\u00fchmten Logo in Rot und dem Gr\u00fcn, noch ohne Megaperls oder Color Gel. Mann, das waren noch die Achtziger! Die Sowjetunion war b\u00f6se und das Waschmittel, nun ja, halt Waschmittel. Waschmittel f\u00fcr meinen Spielzeug-Kaufmannsladen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hatte ich eine Nivea-Dose, einen Penaten-Tiegel glaube ich auch. Irgendwas Suppenm\u00e4\u00dfiges von Knorr, Mais oder Bohnen von Bonduelle, G\u00f6tterspeise von Dr. Oetker, Kaffeesahne von B\u00e4renmarke, Kekse von Leibnitz und Schokoladiges von Ferrero. Alle Angaben ohne Gew\u00e4hr, ich war vielleicht vier oder f\u00fcnf und konnte Aronal noch nicht von Elmex unterscheiden. Morgens Elmex, abends Aronal. Oder umgekehrt?<\/p>\n<p>Das fr\u00fchkindliche Marketing hat ja schon damals bestens funktioniert. Nicht, dass ich heute nur Persil kaufe oder Nivea. Aber diese Marken stecken irgendwo tief im Bewusstsein drin, und es m\u00fcsste mit dem Teufel zugehen, wenn das nichts mit meinem Kaufmannsladen zu tun hat. Fr\u00fchkindliche Gehirnw\u00e4sche sozusagen. Denn ansonsten kann ich zu Persil wenig Positives oder Negatives sagen. Keine Argumente. Produkttests dazu habe ich mir nie angesehen. Warum muss ich immer an Erasco denken, wenn ich eine Dose Erbsensuppe sehe?<\/p>\n<p><strong>Laubbl\u00e4ser f\u00fcr das Kleinkind<\/strong><\/p>\n<p>Meine Kindheit war diesbez\u00fcglich noch sehr harmlos. Als ich mir neulich den Produktkatalog der Kinderspielzeugfirma Klein anschaute \u2013 was man so macht, wenn der eigene Sohn Geburtstag hat -, bin ich im neuen Jahrtausend des Produktmanagements angekommen. Und war leicht bis mittelschwer schockiert. Die ersten beiden Seiten waren mit gr\u00fcnen Mini-Rasenm\u00e4hern, Schubkarren, Spaten, Gie\u00dfkannen und Laubbl\u00e4sern in Gr\u00fcn best\u00fcckt \u2013 die fast komplette Ausstattung der Firma Bosch, nur in Miniatur-Format f\u00fcr die Kleinsten.<\/p>\n<p>Die Seite danach: Bagger und Zementmischer von Volvo. Ein paar Seiten weiter die Grillausstattung von, nat\u00fcrlich, Weber. Mit Zangenzubeh\u00f6r und Plastik-Burger. Als ich denke, perfider geht es nicht, kommt wieder Bosch um die Ecke. Dieses Mal mit Kettens\u00e4gen, Werkb\u00e4nken und Akkuschraubern. Auf den n\u00e4chsten Seiten ist die Welt wieder in Ordnung, denn es kommen Firmen wie Mattel mit ihrer \u201eBarbie\u201c-Kollektion, also eine waschechte Spielzeugfirma. Bevor dann Braun zuschl\u00e4gt mit Haartrocknern, Kaffeemaschinen und einem Toaster.\u00a0 Wobei, das ist alles nichts gegen die kompletten Kinderk\u00fcchenzeilen, die Miele auf den folgenden Seiten feilbietet. Ceranfeld inbegriffen.<\/p>\n<p>Kann das so schlimm sein? Dann haben die lieben Kleinen eben was Feines zum Spielen. Aber ganz so harmlos ist diese unternehmerische Gehirnw\u00e4sche im Kindesalter dann doch nicht.<\/p>\n<p>Markenhersteller versuchen, ihre Kunden emotional ans Unternehmen zu binden. Und wann geht das besser als im Kindesalter? Wir alle kennen die Fernsehserien, ja auch Marken, die zuhause \u00fcber den Bildschirm flackerten oder im Regal standen \u2013 und die wir deshalb ein Leben lang nicht vergessen. Sie sind Teil unserer nostalgischen Empfindungen, und wir setzen wom\u00f6glich sogar Vertrauen in sie. So entsteht Markenloyalit\u00e4t. Insofern kann man den Unternehmen nur raten: Ran an die Wiege. Oder?<\/p>\n<p>Nivea macht das immer schon ganz klug. Zwar ist das Markenportfolio l\u00e4ngst nach Altersklassen aufgef\u00e4chert, es gibt Cremes f\u00fcr 30-J\u00e4hrige und auch f\u00fcr die reifere Haut, wie es so sch\u00f6n unsch\u00f6n hei\u00dft. Im Zentrum steht aber noch immer die blaue Dose, die wir alle seit Kindertagen kennen.<br \/>\nEs geht nicht nur um sp\u00e4tere Kaufentscheidungen. Kinder beeinflussen die Kaufwahl ihrer Eltern, n\u00f6rgeln im Supermarkt und wissen genau, was sie geschenkt bekommen wollen. Sp\u00e4ter l\u00f6sen sie sich vom Elternhaus, schlagen sich selbst eine Schneise durchs Dickicht im Konsumdschungel. Gleichaltrige geben Trends vor, nat\u00fcrlich spielen Werbung im Fernsehen oder Influencer-\u201eEmpfehlungen&#8220; auf Youtube eine gro\u00dfe Rolle.<br \/>\nSo weit, so sch\u00f6n. Aber ist es moralisch vertretbar, Kinder schon im Alter von zwei bis drei Jahren als sp\u00e4tere Kunden einzufangen?Entwicklungspsychologisch ist das ein g\u00fcnstiger Moment. Die Kleinen haben zwar kein eigenes Geld in der Tasche und kaufen nichts selbst, aber sie pr\u00e4gen sich die Packungen ein, die Logos und die Farben. Allerdings: Die Entwicklungspsychologie kann f\u00fcr Marketing an der Wiege keine Rechtfertigung sein, frei nach dem Motto: Was funktioniert, kann ja nicht verkehrt sein.<\/p>\n<p><strong>Eingriff \u00fcber die Konsumlaune der Eltern<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Alter ist ein Kind wirtschaftlich und auch sonst in keiner Weise selbst\u00e4ndig. Der Markt greift ein St\u00fcck weit in die Erziehung ein, nicht direkt, aber \u00fcber die Konsumlaune der Eltern. Wogegen nichts zu sagen w\u00e4re, wenn das Ziel ein p\u00e4dagogisches w\u00e4re. Aber das ist nat\u00fcrlich nicht der Fall, im Gegenteil: Wer seine Kinder zu Selbstst\u00e4ndigkeit erziehen m\u00f6chte, auch als k\u00fcnftiger Konsument, l\u00e4sst es ausprobieren und selbst bauen, sich vielleicht nur aus ein paar T\u00f6pfen von Mama und Papa eine \u201eK\u00fcche\u201c zusammenbauen. Seine Kinder in perfekte Markenwelten eintauchen zu lassen, hat hingegen keinen entwicklungspsychologischen Mehrwert.<\/p>\n<p>Zumal die Fantasie auf der Strecke bleibt. Neulich waren wir bei einem Freund, der eines dieser fertigen und batteriebetriebenen Kinderautos im Keller stehen hatte (ein Geschenk), in das man sich setzen kann. Sah toll aus, ein Sportwagen. Ich habe mich mal hineingesetzt, nur so, um zu schauen, ob es unter mir zusammenbricht. Das war nicht der Fall, ansonsten aber pure Ern\u00fcchterung. Ein paar Kn\u00f6pfe sind zu bedienen, das Ding fabriziert Motorenger\u00e4usche \u2013 aber ansonsten war nicht viel zu tun. Langweilig.<\/p>\n<p>Ich erinnerte mich daran, dass ich fr\u00fcher als kleines Kind ein paar lange Holzl\u00f6ffel aus der K\u00fcche zu Schaltkn\u00fcppeln umfunktioniert hatte. Ein Sessel diente als Karosserie, fertig war der Lkw, mit dem ich im Gedanken \u00fcber Alpenp\u00e4sse gebrettert bin. \u00c4hnliche Erfahrungen habe ich mit zwei Seilbahnen gemacht. Die eine war selbstgebaut \u2013 ein St\u00fcck Seil, eine Seilwinde und ein Duplo-Stein oder ein Pendant f\u00fcr die Kabine -, die andere fertig gekauft. Die Kinderseilbahn von Rigi sah zwar toll aus, wurde aber schnell langweilig. Weil es nichts daran zu bauen gab, als sie installiert war.<\/p>\n<p>Nein, fr\u00fcher war nicht alles besser, ganz im Gegenteil. Aber an dem Punkt ist weniger einfach mehr. Wobei: Zum Geburtstag hat unser Sohn einen Wischmob bekommen. Von Vileda. Nur so, aus hochp\u00e4dagogischen Gr\u00fcnden: Damit die Wohnung bald einen weiteren Putzer bekommt.\u00a0 Das m\u00f6ge man uns verzeihen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Schlaflos&#8220;-Blog bei FAZ.NET (20.11.2018) Von Martin Benninghoff F\u00fcr Kinder gibt es ganze Produktpaletten von Firmen wie Bosch, Braun oder Miele. Damit die Kinder schon im Windelalter an Marken emotional gebunden werden. 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