{"id":2206,"date":"2019-01-02T20:28:46","date_gmt":"2019-01-02T18:28:46","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2206"},"modified":"2019-01-02T20:28:46","modified_gmt":"2019-01-02T18:28:46","slug":"kims-neue-silvestershow","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2206","title":{"rendered":"Kims neue Silvestershow"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/kleine-stilkritik-kims-neue-silvestershow-15968962.html\">Analyse erschienen bei FAZ.NET (02.01.2019)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>An Worten hat Nordkoreas Diktator Kim Jong-un nicht gespart in seiner traditionellen Neujahrsansprache. Wichtiger als das \u201eWas\u201c war in diesem Jahr allerdings das \u201eWie\u201c \u2013 er brach mit fast allen Regeln, die das Format sonst charakterisieren.<\/strong><\/p>\n<p>Daf\u00fcr, dass Kim Jong-un vor lauter Selbstbewusstsein nicht mehr laufen kann, l\u00e4uft er schnell und entschlossen voran. Es ist 0 Uhr, Jahreswechsel, und das nordkoreanische Staatsfernsehen \u00fcbertr\u00e4gt den langgezogenen Gong, der die wichtigste Rede des Jahres ank\u00fcndigt. F\u00fcr das gewollte Pathos ist gesorgt, als die Kamera die Zuschauer mit ins Innerste des Machtapparates nimmt, in einen mit rotem Teppich ausgelegten Flur, an dessen linker Seite zwei Fahnen der Staatspartei PdAK stehen \u2013 und auf der rechten Seite Kims B\u00fcroleiter Kim Chang-son.<\/p>\n<p>Der ist nicht irgendwer, sondern ein hoher Milit\u00e4r, schon seit Jahrzehnten im engeren Machtzirkel \u2013 und er war schon mit wichtigen Aufgaben befasst, als Kim Jong-un noch nicht einmal von seinen Eltern angedacht war. Das aber spielt in der faktischen Erbmonarchie des sozialistischen Regimes keine Rolle: \u00d6ffentlichkeitswirksam verbeugt sich der Polit-Veteran vor dem immer noch jungen Diktator, der mit viel Elan aus einem Seitengang einbiegt, seinen Adlatus kaum eines Blick w\u00fcrdigt, und dann zielstrebig und dennoch l\u00e4ssig weitergeht.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Auftritt f\u00fcr Kim Jong-un, der sein Land mittlerweile seit acht Jahren f\u00fchrt \u2013 und mit dieser Rede einmal mehr zeigt, welche erstaunliche Entwicklung er durchgemacht hat.<\/p>\n<p>Es lohnt sich, diesen Auftritt genauer anzuschauen. Bei seiner traditionellen Neujahrsansprache, die als Seismograph f\u00fcr die politische Stimmung in Pj\u00f6ngjang gilt, bricht der nordkoreanische Diktator mit fast allen Regeln, die dieses Format bislang hervorgebracht hat. Das f\u00e4ngt schon damit an, dass ihm unmittelbar seine Schwester Kim Yo-jong folgt, die zwar h\u00e4ufig in seiner Entourage auftaucht, aber nie so locker und gut gelaunt wie dieses Mal. In der stets symboltr\u00e4chtigen Inszenierung des Regimes ist das kein Zufall, die Schwester ist seine Vertrauensperson und w\u00fcrde wohl als Nachfolgerin bereitstehen \u2013 Kims Kinder sind daf\u00fcr noch zu klein.<\/p>\n<p><strong>Mal lachend, mal in Denkerpose<\/strong><\/p>\n<p>Aber soweit ist es noch nicht, denn der Diktator hat es sich auf dem Chefsessel nach Jahren der Machtkonsolidierung gem\u00fctlich gemacht, man kann sagen: Er f\u00fcllt ihn buchst\u00e4blich aus wie noch nie. Der Raum, fast eher ein Saal, in dem die Kameras f\u00fcr die Aufzeichnung stehen, wirkt wie das Arbeits- und Kaminzimmer eines westlichen Pr\u00e4sidenten. Vorbei mit der sozialistischen Tristesse, den k\u00fchlen Trib\u00fcnen und nackten W\u00e4nden. Der Raum k\u00f6nnte locker als luxuri\u00f6ser Rauchersalon durchgehen, allerdings eher mit dicken Zigarren denn d\u00fcnnen nordkoreanischen Zigaretten.<\/p>\n<p>Kim setzt sich in einen Ledersessel, hinter ihm die Portr\u00e4ts seiner beiden Vorg\u00e4nger. Sowohl Staatsgr\u00fcnder Kim Il-sung als auch dessen Sohn Kim Jong-il sind am Schreibtisch in Arbeitspose abgebildet, kleinere Portr\u00e4ts auf dem Sims zeigen sie aber auch lachend. Es sind die beiden Seiten, die das Regime in der Propaganda stets zu kombinieren versucht: die Disziplin und den redlichen Arbeitseifer, andererseits das freundliche Gesicht, das ihnen Sympathien bringen soll.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es mehrere Kameraeinstellungen, besonders h\u00e4ufig wird der Machthaber vor dem Portr\u00e4t Kim Il-sungs gezeigt. Auch das ist kein Zufall: Der Staatsgr\u00fcnder war wesentlich beliebter als Kims Vater, Kim Jong-il, jovialer, volksn\u00e4her und charismatischer, lockerer \u2013 und mindestens genauso machthungrig, autorit\u00e4r und skrupellos. Kim Jong-un eifert eher dem Gro\u00dfvater nach, der zugleich die Quelle f\u00fcr alle Legitimit\u00e4t im Lande ist. Deswegen muss Kim die N\u00e4he zum Gro\u00dfvater herstellen. Ohne ihn ist er nur der vergleichsweise weit entfernt verwandte Empork\u00f6mmling, der sich im Machtkampf durchgesetzt hat. Mit ihm ist er der nat\u00fcrliche Nachfolger auf dem Thron, faktisch unangreifbar.<\/p>\n<p>Vor allem muss er aber liefern, um seinen Machtanspruch immer und immer wieder zu rechtfertigen. In seiner Rede erneuert er sein Versprechen, den Wohlstand f\u00fcr seine darbende Bev\u00f6lkerung zu verbessern. Daf\u00fcr muss er jedoch dringend zumindest einen Teil der Sanktionen loswerden, mit denen die Vereinten Nationen sowie unter anderem die Europ\u00e4ische Union versuchen, Druck auf das Regime auszu\u00fcben. Die Neujahrsrede ist deshalb wie stets an das eigene Volk gerichtet, aber in diesem Jahr besonders deutlich auch an den Westen, allen voran die Vereinigten Staaten.<\/p>\n<p><strong>Kein verkrampftes Starren mehr<\/strong><\/p>\n<p>Kim pr\u00e4sentiert sich als Staatsmann auf Augenh\u00f6he mit dem amerikanischen Pr\u00e4sidenten Donald Trump\u00a0Er tr\u00e4gt einen westlichen Anzug mit wei\u00dfem Hemd und heller Krawatte, auch wenn das Modell mit seinem Schlag etwas aus der Mode gefallen scheint. Jedenfalls hat er seinen koreanischen Mao-Anzug im Schrank gelassen. Hinter ihm sind Hunderte B\u00fccher zu sehen, deren Titel man leider nicht erkennen kann. Offenbar sind darunter viele Serienb\u00e4nde, es k\u00f6nnten die gesammelten Werke seiner Vorg\u00e4nger sein. Alleine Kim Jong-il hat Dutzende B\u00fccher unter seinem Namen ver\u00f6ffentlichen lassen \u2013 darunter Titel \u00fcber Film und Kino. Es w\u00fcrde zum Personenkult passen.<\/p>\n<p>Der Diktator h\u00e4lt zwar einen Notizzettel in der Hand, liest aber wohl vom Teleprompter ab. Dadurch ist es ihm m\u00f6glich, den Blickkontakt mit den Zuschauern herzustellen, obwohl es immer so aussieht, als schaue der Vortragende leicht an einem vorbei. Aber kein Vergleich mehr zu dem unsicheren und sch\u00fcchtern wirkenden Amtsanf\u00e4nger, der an einem Rednerpult mit lauter Mikrofonen stand und die ganze Zeit verkrampft aufs Blatt starrte. Die Botschaft ist klar: Hier hat der Diktator aufgeschlossen zu seinen beiden Vorg\u00e4ngern, und er bietet Trump die Stirn \u2013 denn das kann man am besten auf Augenh\u00f6he. Der amerikanische Pr\u00e4sident reagierte bislang eher moderat, offenbar will er sich seinen Singapurer \u201eErfolg\u201c nicht kaputtmachen lassen.<\/p>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte seiner Rede wendet sich Kim besonders h\u00e4ufig an die Welt\u00f6ffentlichkeit und an Trump. \u00c4u\u00dferlich unbewegt pr\u00e4zisiert er, was die Spatzen schon l\u00e4nger von den D\u00e4chern pfeifen: Dass sein Regime nicht interessiert ist an einer einseitigen Denuklearisierung. Seine Drohung, die allerdings in diesem Jahr ohne milit\u00e4rische Aggression auskommt: \u201eFalls die USA ihre vor der ganzen Welt gemachten Versprechen nicht erf\u00fcllen, unsere Geduld falsch einsch\u00e4tzen und an Sanktionen und Druckmitteln festhalten, um Dinge einseitig zu erzwingen, werden wir wahrscheinlich keine andere Wahl haben, als einen neuen Weg auszuloten.\u201c So spricht jemand, der sich in starker Verhandlungsposition w\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Es ist das Selbstbewusstsein eines Mannes, der im vergangenen Jahr machtstrategisch vieles richtig gemacht hat \u2013 und alles daran setzt, aus seinem Paria-Staat einen gew\u00f6hnlichen globalen Akteur zu machen. Allerdings wurde es ihm leicht gemacht, als Trump sich mit ihm in Singapur pers\u00f6nlich traf und somit eine B\u00fchne pr\u00e4sentierte, die noch kein nordkoreanischer Machthaber vor ihm auf dem Silbertablett gereicht bekommen hatte.<\/p>\n<p>Sein Vater, Kim Jong-il, zeigte sich zwar auch gerne auf Gipfeltreffen der \u00d6ffentlichkeit. Aus seiner Stimme allerdings machte er mehr oder minder ein Staatsgeheimnis \u2013 und so kredenzte er seine \u201eNeujahrsansprachen\u201c ausschlie\u00dflich als Leitartikel in einer Regierungszeitung. Er hatte es aber auch nicht geschafft, einen amtierenden amerikanischen Pr\u00e4sidenten an den Verhandlungstisch zu komplimentieren.<\/p>\n<p>Aber nicht alles l\u00e4uft glatt f\u00fcrs Kim-Regime, und das fiel dem deutschen Korea-Forscher R\u00fcdiger Frank auf. \u201eDie Neujahrsansprache dauerte 31 Minuten\u201c, schrieb er bei Twitter. \u201eAber jemand hatte hinter Kim eine Uhr aufgestellt. Sie zeigte 12:03 an, als die Rede begann, und 12:55, als sie endete. Das macht 21 fehlende Minuten.\u201c Da Twitter in Nordkorea verboten ist, wird das im Land keine gr\u00f6\u00dferen Kreise ziehen \u2013 Kim kann sich in seinem Ledersessel also entspannt zur\u00fccklehnen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Analyse erschienen bei FAZ.NET (02.01.2019) Von Martin Benninghoff An Worten hat Nordkoreas Diktator Kim Jong-un nicht gespart in seiner traditionellen Neujahrsansprache. 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