{"id":2258,"date":"2019-02-12T17:38:43","date_gmt":"2019-02-12T15:38:43","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2258"},"modified":"2019-02-12T17:39:42","modified_gmt":"2019-02-12T15:39:42","slug":"das-ist-nicht-mehr-meine-biene-maja","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2258","title":{"rendered":"Das ist nicht mehr meine Biene Maja"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2019\/02\/12\/wenn-der-willi-mit-der-maja-882\/\">Erschienen im Schlaflos-Blog der F.A.Z. (12.02.2019)<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fluchende Wikinger, aufs\u00e4ssige Bienen: Im Original war so manche Kinderserie ein Familienereignis \u2013 die Remakes hingegen sind verfilmte Langeweile. Was sagt das \u00fcber unsere Gesellschaft aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Langsam kommt Elias in das Alter, in dem er sich f\u00fcr den gro\u00dfen Bildschirm interessiert, der bei uns zuhause in der Ecke steht: f\u00fcr den Fernseher. Noch gibt es keinerlei Notwendigkeit, Kinderserien zu sehen, im Alter von knapp zweieinhalb ist alles andere interessanter als der Flachbildschirm, aber die herumliegenden Fernbedienungen wecken zunehmend sein Interesse. Ich bereite mich sozusagen vor, zumindest achte ich st\u00e4rker als fr\u00fcher auf das, was im Fernsehen f\u00fcr Kleinkinder l\u00e4uft und was YouTube bietet. Wenig \u00fcberraschend bleibe ich vor allem bei den Serien h\u00e4ngen, die ich noch aus der eigenen Kindheit in dieser oder einer alten Version kenne.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-large is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Es hat sich etwas ge\u00e4ndert auf der Blumenwiese und dem Nordmeer. Und das ist schade.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und hier ist der Knackpunkt: Die alten Verfilmungen aus fr\u00fcheren Jahren laufen kaum noch, daf\u00fcr aber etliche Neuverfilmungen oder Comicvarianten. Biene Maja, Wickie, Michel aus L\u00f6nneberga, Heidi. Serien, die in meiner Kindheit liefen, heute aber in runderneuerten Varianten \u00fcber die Bildschirme flackern, in 3-D-Optik wie die Biene Maja oder Wickie. Ich finde die, ehrlich gesagt, schwer ertr\u00e4glich. Und bevor ich mir den Vorwurf einhandle, aus nostalgischen Erw\u00e4gungen die Serien meiner Kindheit durch die rosarote Kindheitsbrille zu betrachten und sie deshalb blind und geschichtsvergessen zu verteidigen: Ja, da ist etwas dran. Und doch, es hat sich etwas ge\u00e4ndert auf der Blumenwiese und dem Nordmeer. Und das ist schade.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir Wickie, die Geschichte \u00fcber einen Jungen, der bei den Beutez\u00fcgen seines Vatern Halva mit dessen Wikingertruppe allerlei Abenteuer zu bestehen hat und die M\u00e4nner mehr als ein Mal aus misslicher Lage befreit. Die Buchvorlage des Schweden Runer Jonsson aus dem Jahr 1963 wurde in der ersten Serie von 1974 einigerma\u00dfen werkgetreu verfilmt. Die r\u00fcde Art der Wikinger, ihre Fl\u00fcche und Ohrfeigen, nichts wurde verschwiegen, au\u00dferdem haben sich die M\u00e4nner rund um Kapit\u00e4n Halva auch gerne den ein oder anderen Humpen hinter die Binde gekippt. Es war keine echte Gewalt zu sehen, sondern eher eine Bud-Spencer-artige-Pseudobrutalit\u00e4t, die daraus bestand, dass der &#8222;schreckliche Sven&#8220; seine Metallkugel schwang, sie jemand gegen den Kopf bekam, der dann kurzzeitig V\u00f6gelchen sah und in der Ecke lag, um wenig sp\u00e4ter wieder fit zu sein. Nichts passiert also.<\/p>\n\n\n\n<p>Und heute? Halva, Wickies Vater, ist zwar immer noch liebenswert, aber insgesamt perfekter, eine positive Elternfigur. Vorbei die Zeiten, als er vor allem \u00fcberfordert und tumb war. Trinken und Fluchen geh\u00f6ren der Vergangenheit an, die Jungs sind zahnlos geworden, ganz im Gegensatz zum Holzkopf am Schiffsbug in der Serie aus den siebziger Jahren. Wickie, der kluge und gewitzte Sohn, verliert dadurch enorm, denn der Hintergrund \u2013 eine d\u00fcmmliche Erwachsenenwelt voller Raufbolde \u2013 fehlt, so dass der Junge kaum noch brillieren kann. Alles ist perfekt, aber der Witz, der sich aus den krassen Gegens\u00e4tzen ergab, ist weg. M\u00f6glicherweise ist die Serie dadurch kindgerechter geworden, aber ob sich mein Sohn sp\u00e4ter an diese Serie voller Nostalgie zur\u00fcckerinnert? Wir werden sehen, ich frage ihn dann mal, sagen wir: 2040.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/files\/2019\/02\/bieneMajaReloaded-1024x709.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-893\"\/><figcaption>Und so sieht die Biene, die ich meine, heute aus. <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Biene Maja ist in der neuen Variante ebenfalls kreuzlangweilig geworden. Die antiautorit\u00e4re und chronisch aufs\u00e4ssige M\u00e4dchenfigur der Biene, die in der fr\u00fcheren Version aus den siebziger Jahren so herrlich burschikos durch die Blumenwelt summte und ihren lethargischen Kumpel Willi durchs Leben schleifte, ist heute ein m\u00e4dchenhafteres, kicherndes Bienchen geworden, das kaum noch etwas Aufs\u00e4ssiges an sich hat. Insgesamt ist die Wiese, die fr\u00fcher voller gef\u00e4hrlicher Hornissen und der b\u00f6sen Spinne Thekla war, heute eher ein Spiegel unserer Gesellschaft geworden: Wir gehen zwar gerne raus in die Natur, aber bitte gut angeseilt am Klettersteig oder hinter Gel\u00e4nder und Plexiglasscheiben, wenn es steil wird. Mit einem freien Leben hat das nicht mehr viel zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist es ja richtig, dass sich die Interpretationen und damit die Serienversionen an die Zeit anpassen. Das Frauenbild bei Wickie war, gelinde gesagt, eine Vollkatastrophe. Halva nannte seine Frau wahlweise \u201eWeib\u201c oder \u201eAlte\u201c, die Angesprochene, ohnehin blass als Charakter, stand allenfalls mit dem Nudelholz hinter der T\u00fcr oder mit dem Taschentuch am Pier, wenn sich die starken M\u00e4nner mal wieder aufs Meer wagten. Das zu \u00e4ndern ist sinnvoll, denn solche Bilder pr\u00e4gen sich ein, zumal es in der Serie, die wohl eher f\u00fcr Jungs gemacht war, an positiv besetzten M\u00e4dchenrollen mangelte (mit Ausnahme von Wickies Freundin Ylvie). Genauso ist es nat\u00fcrlich richtig, bei Pippi Langstrumpf aus dem \u201eNegerk\u00f6nig\u201c einen \u201eS\u00fcdseek\u00f6nig\u201c zu machen, alleine schon deshalb, da Kinder heute mit dem ersten Begriff gar nichts mehr anfangen k\u00f6nnen und man solche Stereotype aus kolonialen Zeiten nicht weitergeben sollte.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-large is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Wickie zeigt, wozu das m\u00e4nnliche Geschlecht in der Lage ist, wenn es sich mal abgew\u00f6hnt, zu r\u00f6hren wie ein Hirsch in der Brunft.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dass die M\u00e4nner bei Wickie meist tumb dargestellt werden, ist jedoch etwas anderes, da ihnen eine starke Jungenfigur entgegengestellt wird, die klug und gewitzt ist und zudem keines der m\u00e4nnlichen Rollenklischees an sich hat, im Gegenteil: Wickie zeigt, wozu das m\u00e4nnliche Geschlecht in der Lage ist, wenn es sich mal abgew\u00f6hnt, zu r\u00f6hren wie ein Hirsch in der Brunft. Und Heidi? Wie bei Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, Michael aus L\u00f6nneberga und Ronja R\u00e4ubertochter ist die Hauptfigur aus Johanna Spyris Roman aus dem 19. Jahrhundert eine hochinteressante, weil in der Zerr\u00fcttung ihrer famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse sehr zeitgem\u00e4\u00dfe Vorbildfigur. Die Kunst besteht doch darin, solche Anteile kindgerecht und zeitgem\u00e4\u00df aufzuarbeiten \u2013 und nicht, sie zur Unkenntlichkeit abzumildern.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei neueren Serien wie Bob, der Baumeister beispielsweise f\u00e4llt eher auf, wie sehr typische Jungs-Klischees Eingang in eine Erz\u00e4hlweise finden, die wenig ausbricht aus den Rollenerwartungen. Der Prinzessin-Lillifee-Horror, der vor Jahren die M\u00e4dchenzimmer reihenweise in gr\u00e4ssliches Rosa st\u00fcrzte, ist ja zum Gl\u00fcck \u00fcberwunden. Aber es zeigt, wie sehr Kinderserien der letzten Zeit wieder durchtr\u00e4nkt sind von althergebrachten Rollenklischees von Bauarbeitern oder aggressiven Jungs wie in \u201eDer ultimative Spiderman\u201c (bis 2017) und harmonies\u00fcchtigen M\u00e4dchen, die vor allem auf die Entwicklung der sozialen Intelligenz ausgelegt sind. Wenn die P\u00e4dagogik meint, bei Fernsehserien m\u00fcssten die Kinder bei ihren Gewohnheiten abgeholt werden, kann man sich fragen, was das nun wieder f\u00fcr Gewohnheiten sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche f\u00fchren ins Feld, dass die Kinderserien der siebziger und achtziger Jahre von Vertretern der Achtundsechziger geschrieben und produziert worden seien, wodurch sie einen volksp\u00e4dagogischen Charakter gehabt h\u00e4tten. Das mag stimmen, es ist schon auff\u00e4llig, wie sehr die damaligen Fernsehmacher die antiautorit\u00e4re Figur in den Mittelpunkt stellten. Zu behaupten, heute sei weniger Volksp\u00e4dagogik am Werk, ist aber nicht stichhaltig. Nur geht sie heute in eine andere Richtung, in eine konfliktarme und glattgeb\u00fcgelte, ja, vielleicht auch in eine kindgerechtere. Aber w\u00e4re es nicht w\u00fcnschenswert, dass der Humor einer Serie dergestalt ist, dass die Eltern gerne mit ihren Kindern zusammen eine Folge schauen und nicht entnervt das Weite suchen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweidimensional gezeichneten \u201eSimpsons\u201c \u2013 obwohl nat\u00fcrlich keine Serie f\u00fcr Kleinkinder \u2013 funktionieren deshalb seit Jahren so gut, weil sie so vielschichtig sind: Die Andeutungen und Anspielungen sind was f\u00fcr die Erwachsenen, die Actionanteile und \u201elustigen\u201c Geschichten etwas f\u00fcr die Kleineren. Die Charakterz\u00fcge der Figuren kommen h\u00e4ufig besser durch die wenigen Striche der zweidimensionalen Zeichnungen zur Geltung als durch die grobschl\u00e4chtigen computeranimierten 3-D-Versionen. Das gilt auch f\u00fcr die Peanuts. Mal schauen, mit welcher Serie mich mein Sohn &#8222;traktiert&#8220;. Wie gesagt, wir sprechen dann auch sp\u00e4ter \u00fcber unsere Erfahrungen, also sp\u00e4testens 2040!<\/p>\n\n\n<p><!--EndFragment--><br>\n<br>\n<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen im Schlaflos-Blog der F.A.Z. (12.02.2019) Fluchende Wikinger, aufs\u00e4ssige Bienen: Im Original war so manche Kinderserie ein Familienereignis \u2013 die Remakes hingegen sind verfilmte Langeweile. Was sagt das \u00fcber unsere Gesellschaft aus? 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