{"id":2371,"date":"2019-02-26T22:35:48","date_gmt":"2019-02-26T21:35:48","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2371"},"modified":"2019-02-26T22:38:37","modified_gmt":"2019-02-26T21:38:37","slug":"so-ein-spliss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2371","title":{"rendered":"So ein Spliss"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wenn der Schnitt immer schlimmer und schlimmer wird: Friseurbesuche sind nicht nur f\u00fcr Kinder eine gef\u00e4hrliche Angelegenheit, sondern auch f\u00fcr deren Eltern.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Kind ging ich lieber zum Zahnarzt als zum Friseur. Was auch mit meinem Friseur zu tun hatte. Seine Kunstlederweste, der Kamm in der Brusttasche, die schweren Friseurst\u00fchle, die man mit einem langen Pedal hochbocken konnte, das unvorteilhafte Licht, und die vielen Dauerwellenfrauen, die, leicht lila gef\u00e4rbt, aussahen wie Margot Honecker, haben mir den Friseurbesuch wohl grunds\u00e4tzlich und bis heute madig gemacht. Obwohl ich mittlerweile der H\u00f6lle des Dorffriseurs entronnen bin und mich bei stylischen und s\u00fcndhaft teuren Gro\u00dfstadtmaestros verunstalten lasse, ist der Rest Unbehagen geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2019\/02\/26\/so-ein-spliss-985\/\">Hier kommen Sie zum Artikel im F.A.Z.-Blog <\/a><em><a href=\"https:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2019\/02\/26\/so-ein-spliss-985\/\">Schlaflos<\/a><\/em><a href=\"https:\/\/blogs.faz.net\/schlaflos\/2019\/02\/26\/so-ein-spliss-985\/\">. <\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Jahrzehnte sind vergangen. Als Vater merkt man nun, dass\nman dem Kindheitstrauma nicht f\u00fcr alle Ewigkeit entkommen kann. Mit Elias bin\nich neulich zu einem Friseur gegangen, der lustige Sitzfiguren im Salon hat und\neinen Fernseher mit DVD-Player, damit die Kleinen hocken bleiben, w\u00e4hrend ihnen\nder klassische Pottschnitt verpasst wird. Nat\u00fcrlich weinte er trotzdem, er ist\neben noch ein Kleinkind und wei\u00df nicht, was der Mann mit der gro\u00dfen Schere\nvorhat. Dieser Friseur war aber okay, weil er einigerma\u00dfen einf\u00fchlsam ist,\npreislich stimmt (9 Euro f\u00fcr Kinder), Geschreie ertr\u00e4gt und sozusagen einpreist\n\u2013 und ansonsten nicht nervt. Der Kleine sa\u00df bei mir auf dem Scho\u00df, was ihn sich\nschnell beruhigen lie\u00df. So sehe ich das: Schnipp und Schnapp und wieder weg!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun bekam ich an einem Tag ein gewichtiges Problem: Dieser\nFriseurladen war geschlossen. Also irrte ich mit dem Kleinen durch unseren\nWohnort auf der Suche nach einem kinderfreundlichen und preisg\u00fcnstigen Friseur,\nder eine gewisse Mindestqualit\u00e4t erf\u00fcllt. Das war schwierig. Nicht, weil es\nnicht gen\u00fcgend gegeben h\u00e4tte, aber drei Absagen musste ich mir einhandeln. In\nzwei F\u00e4llen war der Wille der Friseurin, einem Kind die Haare zu schneiden,\ngelinde gesagt, suboptimal ausgepr\u00e4gt. Vielleicht zu laut, zu wenig lukrativ.\nStattdessen sa\u00dfen in beiden F\u00e4llen zu bester Nachmittagsstunde zwei betagte\nDamen in den Friseurst\u00fchlen, die das Rundumwohlf\u00fchlprogramm genossen \u2013\ninklusive Kopfmassage und Spachtel-Kosmetik.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wurde ich f\u00fcndig, endlich. Zwar ein Friseur ohne\nKinderst\u00fchle, daf\u00fcr aber mit Umhang mit lustigen kleinen Comicfig\u00fcrchen, einem\nvern\u00fcnftigen Preis (10 Euro) und \u2013 wichtigstes Qualit\u00e4tsmerkmal \u2013 zwei Kindern\nnebst M\u00fcttern, die sich bereits in den F\u00e4ngen der Friseurmeisterin\nbefanden.&nbsp; Also ging ich hinein, wie \u00fcblich im geringeren Preissegment war\nein Termin nicht n\u00f6tig, alles unproblematisch \u2013 so dachte ich. Doch dann\ngeschah die \u00e4sthetische Vollkatastrophe, die ich nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten\nh\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Friseurin war komplett ahnungslos. Ich dachte, einen\nKinderkopf zu frisieren, sei keine gro\u00dfe Kunst, weit gefehlt. Sie schnitt und\nschnitt und schnitt und schnitt, und es sah immer schlimmer, schlimmer und\nschlimmer aus. Um den einen fehlerhaften Schnitt zu begradigen, schnitt sie ein\nzweites, drittes, viertes Mal, die Haare purzelten, und der kleine langhaarige\nBombenleger geriet immer mehr zum blonden deutschen Jungen, wie ihn sich manche\nKreise am rechten Rand nur so w\u00fcnschen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich Einhalt gebot, war es zu sp\u00e4t. Mein Zwischenruf\nsorgte jedoch immerhin daf\u00fcr, dass sich die Ladeninhaberin zu einer\nKurzintervention aufgerufen f\u00fchlte. Mit dem Rasierer r\u00fcckte sie den stumpfigen\nResten am Kopf zu Leibe, machte daraus wieder etwas halbwegs Ansehnliches, wenn\nauch viel zu kurz. Meine Oma h\u00e4tte gesagt: ein sch\u00f6ner Jungenhaarschnitt. Ich\nsage: schrecklich! Die sch\u00f6ne Langhaarfriseur war erst einmal dahin und mein\nVertrauen in die Friseure wieder in den Grundfesten ersch\u00fcttert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00e4tte das Geld zur\u00fcckverlangen sollen, so\ngeistesgegenw\u00e4rtig allerdings war ich \u2013 der um Schadensbegrenzung bem\u00fchte Vater\n\u2013 nicht. Zumal, mir graute vor der R\u00fcckkehr nach Hause, wenn die zweifellos\nemp\u00f6rte Mutter mir statt der Friseurin den Kopf waschen w\u00fcrde, garantiert ohne\nWellnessfaktor. Also schickte ich ihr vorab ein Whatsapp-Bildchen, nat\u00fcrlich in\nschmeichelhafter Perspektive. Friseurbesuche jedenfalls, das ist meine Lektion,\nbleiben selbst f\u00fcr Kinder eine gef\u00e4hrliche Angelegenheit. Und gruselig: Wie\ninkompetent kann man sein, wenn man diesen Beruf gelernt hat?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der Schnitt immer schlimmer und schlimmer wird: Friseurbesuche sind nicht nur f\u00fcr Kinder eine gef\u00e4hrliche Angelegenheit, sondern auch f\u00fcr deren Eltern. Als Kind ging ich lieber zum Zahnarzt als zum Friseur. 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