{"id":269,"date":"2010-07-23T20:10:30","date_gmt":"2010-07-23T18:10:30","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=269"},"modified":"2010-07-23T20:27:35","modified_gmt":"2010-07-23T18:27:35","slug":"ozkan-mediencharta-unnotigaufregung-erst-recht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=269","title":{"rendered":"Zensurvorwurf \u00d6zkan &#8211; unehrlich und \u00e4rgerlich"},"content":{"rendered":"<p>Da hat\u00a0Niedersachsens Sozialministerin Ayg\u00fcl \u00d6zkan (CDU)\u00a0zu viel gewollt, als sie Journalisten auf eine Mediencharta verpflichten wollte, damit mehr \u00fcber Integration geschrieben\u00a0und berichtet wird<em> (zu den Hintergr\u00fcnden folgt unten eine Agenturmeldung, auch: <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/integration116.html\">http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/integration116.html<\/a>). <\/em><\/p>\n<p>Gleich vorweg: <span style=\"text-decoration: underline;\">Ihr Vorschlag ist unsinnig und noch dazu unn\u00f6tig<\/span>. Nicht weil die deutschen Medien immer so ausgewogen \u00fcber Integrationsthemen berichten (&#8222;bad news are good news&#8220;), sondern weil sie sich h\u00e4tte vorstellen m\u00fcssen, dass sich Journalisten nicht sagen lassen, was sie zu schreiben haben. Egal, dass die Mediencharta nichts mit einer wahren Zensur zu tun hat (eine Zensur kennt keine Selbstverpflichtung) &#8211; mit einer solchen unbedachten Forderung sticht man direkt ins Herz der Journalisten: Und dieses Herz\u00a0ist die Vorstellung von Unabh\u00e4ngigkeit. Eine Vorstellung, die nicht immer realistisch ist, aber dennoch zum Berufsethos geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Gut, die Forderung \u00d6zkans ist also wenig klug.<\/p>\n<p>Aber warum die Aufregung?<\/p>\n<p>Wir sind doch gewohnt, dass Landesminister im Sommerloch merkw\u00fcrdige Vorschl\u00e4ge machen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Weil die Ministerin die t\u00fcrkischst\u00e4mmige Ayg\u00fcl \u00d6zkan ist.<\/span><\/p>\n<p>Ich habe heute eine Mail weitergeleitet bekommen &#8211; eine Rundmail -, in der die anonymen Autoren Folgendes zum Besten gaben:\u00a0 <em>&#8222;Na gut, es k\u00f6nnte auch sein, dass Ayg\u00fcl \u00d6zkan auch einfach nur die Sache mit der Integration falsch verstanden hat. Denn auch die\u00a0T\u00fcrkei hat ja so ihre Probleme mit der Pressefreiheit. Vielleicht will die nieders\u00e4chsische Familienministerin also einfach t\u00fcrkische Zust\u00e4nde in Deutschland schaffen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>An dem Zitat kann man ganz gut den Stand der Debatte ablesen:<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00d6zkan wird von vielen Seiten als Eindringling gesehen, weil sie t\u00fcrkischst\u00e4mmig ist.<\/span> Wenn ihr der 87-j\u00e4hrige Ralph Giordano vorwirft, er habe sie noch &#8222;in unguter Erinnerung mit ihrer Forderung, das Kruzifix in Klassenzimmern abzuh\u00e4ngen&#8220; schwingt darin der Vorwurf mit: Die darf das nicht! Die ist T\u00fcrkin! Muslima!\u00a0Wenn\u00a0\u00d6zkan\u00a0vor den Latz geknallt bekommt, sie wolle\u00a0&#8222;t\u00fcrkische\u00a0Zust\u00e4nde&#8220; in Deutschland schaffen, schwingt mit: Die darf das nicht! Die ist T\u00fcrkin! Muslima!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Dabei ist \u00d6zkan eine Deutsche<\/span>, die 1971 in Hamburg geboren worden ist. Sie hat dort ein deutsches Gymnasium besucht und sich hochgearbeitet. Sie ist heute mit einem Frauenarzt\u00a0verheiratet, ebenfalls t\u00fcrkischst\u00e4mmig,\u00a0und sie hat einen Sohn, den sie zweisprachig erzieht (&#8222;Das Beste aus beiden Welten&#8220;).<\/p>\n<p>Also bitte, Leute:<\/p>\n<p>1. Wenn Ihr sie\u00a0wegen ihrer Mediencharta kritisieren wollt, dann bin ich\u00a0bei Euch. Das ist ein ziemlich d\u00e4mlicher Vorschlag.<\/p>\n<p>2. Wenn wir dar\u00fcber diskutieren wollen,\u00a0ob die deutschen Medien vern\u00fcnftig \u00fcber Integrationsthemen\u00a0berichten, sollten wir das hier tun.<\/p>\n<p>3. Wenn wir aber nicht bald begreifen, dass die Ethnie oder Herkunft keine Rolle spielt, sondern einzig und allein &#8211; im Wirtschaftsjargon\u00a0&#8211; die Leistung des Menschen,\u00a0laufen wir voll gegen die Wand. Weil sonst die\u00a0Leistungstr\u00e4ger dorthin gehen, wo man ihre\u00a0F\u00e4higkeiten sch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>4. Gut, und wenn wir dann mit der Leistung \u00d6zkans unzufrieden sind, lasst uns sie kritisieren\u00a0&#8211; aber bitte nicht, indem\u00a0wir sie als Ausl\u00e4nderin oder sonstwas behandeln und titulieren.<\/p>\n<p>5. Und wenn \u00d6zkan der Meinung ist, die Medien berichteten zu schlecht \u00fcber Integrationsthemen, w\u00e4re eine solche undifferenzierte Antwort wie in dem Mailzitat oben letztlich nur eine Best\u00e4tigung ihrer These.<\/p>\n<p>Viele Gr\u00fc\u00dfe,<\/p>\n<p>Martin\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr den Hintergrund eine Agenturmeldung:<\/strong><\/p>\n<p>Hannover (ddp). Der Plan von Niedersachsens Sozialministerin Ayg\u00fcl<br \/>\n\u00d6zkan (CDU), die Medien des Landes auf eine Charta zum Thema<br \/>\nIntegration zu verpflichten, st\u00f6\u00dft auf scharfe Kritik.<br \/>\nMedienvertreter und Verb\u00e4nde bezeichneten eine solche Vorgabe als<br \/>\n&#8222;absolut \u00fcberfl\u00fcssig&#8220;. Die SPD sprach von Zensur. Unterdessen r\u00e4umte<br \/>\n\u00d6zkan Fehler in ihrem Ministerium ein und machte klar, dass sie<br \/>\nkeinesfalls beabsichtigt habe, den Medien einen &#8222;Maulkorb&#8220; zu<br \/>\nverpassen.<\/p>\n<p>Mit ihren Pl\u00e4nen will \u00d6zkan die Medien mithilfe einer<br \/>\nSelbstverpflichtung offenbar dazu bringen, mehr \u00fcber das Thema<br \/>\nIntegration zu berichten. Unterzeichner dieser Mediencharta sollen<br \/>\nsich demnach verpflichten, \u00fcber Sachverhalte und Herausforderungen<br \/>\nder Integration zu berichten und &#8222;den Integrationsprozess in<br \/>\nNiedersachsen nachhaltig zu unterst\u00fctzen&#8220;. Zudem sagen sie zu,<br \/>\nk\u00fcnftig beim Thema Integration eine &#8222;kultursensible Sprache&#8220;<br \/>\nanzuwenden.<\/p>\n<p>\u00d6zkan betonte, dass es sich bei der &#8222;Mediencharta f\u00fcr<br \/>\nNiedersachsen&#8220; jedoch lediglich um eine Diskussionsgrundlage f\u00fcr<br \/>\neinen Runden Tisch im August zum Thema &#8222;Integration und Medien&#8220;<br \/>\nhandle. Die Fachabteilung habe den Entwurf verschickt, damit alle<br \/>\neine &#8222;gemeinsame Gespr\u00e4chsbasis&#8220; h\u00e4tten, so die Ministerin.<br \/>\nAllerdings mache der Text der Mail, mit dem der Entwurf versandt<br \/>\nwurde, offenbar den &#8222;vorgesehenen Abstimmungsprozess&#8220; nicht deutlich,<br \/>\nr\u00e4umte \u00d6zkan ein.<\/p>\n<p>&#8222;Nichts liegt mir ferner, als die Unabh\u00e4ngigkeit der Medien in<br \/>\nirgendeiner Form zu ber\u00fchren&#8220;, sagte die Ministerin, die bereits<br \/>\nwegen ihrer umstrittenen Kruzifix-\u00c4u\u00dferungen vor ihrer Vereidigung<br \/>\nals Ministerin in die Schlagzeilen geraten war. Es gehe nicht darum,<br \/>\nden nieders\u00e4chsischen Medien einen &#8222;Maulkorb&#8220; zu verpassen.<\/p>\n<p>Die SPD zeigte sich \u00fcber die Charta &#8222;fassungslos&#8220; und bezeichnete<br \/>\ndie Pl\u00e4ne als &#8222;Zensur&#8220;. Sicherlich sei es w\u00fcnschenswert, das Thema<br \/>\nIntegration mehr in den Mittelpunkt zu r\u00fccken, sagte die kultur- und<br \/>\nmedienpolitische Sprecherin der SPD, Daniela Behrens. &#8222;Aber dann muss<br \/>\nman das durch politisches Handeln erreichen. Medien k\u00f6nnen nur \u00fcber<br \/>\ndas berichten, was auch passiert.&#8220; Gr\u00fcnen-Fraktionschef Stefan Wenzel<br \/>\nforderte die Landesregierung auf, Pl\u00e4ne f\u00fcr eine &#8222;verbindliche<br \/>\nSprachregelung&#8220; zu beerdigen.<\/p>\n<p>Auch die Medienvertreter im Land halten nicht viel von \u00d6zkans<br \/>\nVorschl\u00e4gen. &#8222;Die Ministerin tut sich keinen Gefallen, wenn sie den<br \/>\nEindruck erweckt, dass die Medien an die Hand genommen werden<br \/>\nm\u00fcssen&#8220;, sagte Matthias Koch, Stellvertreter des Chefredakteurs bei<br \/>\nder &#8222;Hannoverschen Allgemeinen Zeitung&#8220;.<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0 Der NDR h\u00e4lt eine zus\u00e4tzliche Selbstverpflichtung der Medien zum<br \/>\nThema Integration f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig. &#8222;So gut gemeint der Vorschlag<br \/>\neiner nieders\u00e4chsischen Mediencharta gemeint sein mag, so<br \/>\nproblematisch erscheint uns der Vorgang, dass Medienvertreter eine in<br \/>\neinem Ministerium formulierte Verpflichtungserkl\u00e4rung abzeichnen<br \/>\nsollen. Dies ist mit unseren Vorstellungen von unabh\u00e4ngigem,<br \/>\nverantwortungsvollem Journalismus nicht vereinbar&#8220;, sagte<br \/>\nNDR-Sprecher Martin Gartzke.<\/p>\n<p>&#8222;Journalisten sind sich auch ohne Hinweis der Ministerin der<br \/>\nBedeutung des Themas Integration bewusst&#8220;, sagte auch der Vorstand<br \/>\ndes DJV Niedersachsen, Michael Bohl, und verwies auf den Pressekodex.<br \/>\nEine Sprecherin des Deutschen Presserates nannte es grunds\u00e4tzlich<br \/>\nschwierig, wenn staatliche Stellen sich einmischten und<br \/>\njournalistische Sprache ausw\u00e4hlen wollten. Pressefreiheit habe auch<br \/>\nmit einer gewissen Staatsferne zu tun.<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0 Auch sie verwies auf den Pressekodex, wo in Ziffer 12 deutlich<br \/>\ngesagt werde, dass niemand wegen seines Geschlechts, einer<br \/>\nBehinderung oder seiner Zugeh\u00f6rigkeit zu einer ethnischen,<br \/>\nreligi\u00f6sen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden<br \/>\nd\u00fcrfe. Nach ihren Angaben haben sich \u00fcber 90 Prozent der Verlage in<br \/>\neiner Selbstverpflichtung zum Pressekodex bekannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da hat\u00a0Niedersachsens Sozialministerin Ayg\u00fcl \u00d6zkan (CDU)\u00a0zu viel gewollt, als sie Journalisten auf eine Mediencharta verpflichten wollte, damit mehr \u00fcber Integration geschrieben\u00a0und berichtet wird (zu den Hintergr\u00fcnden folgt unten eine Agenturmeldung, auch: http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/integration116.html). 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