{"id":2789,"date":"2020-04-03T18:54:00","date_gmt":"2020-04-03T16:54:00","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2789"},"modified":"2020-04-04T11:09:22","modified_gmt":"2020-04-04T09:09:22","slug":"bleibt-alles-anders","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2789","title":{"rendered":"Bleibt alles anders!"},"content":{"rendered":"\n<p><em><strong>Nichts wird nach Corona mehr so sein, wie es vorher war? Krisenzeiten motivieren zu pathetischen Worten, mancher wittert gar den gro\u00dfen Wurf. Warum derzeit vieles gr\u00f6\u00dfer scheint als es ist. <\/strong>&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/imgegenlicht.wordpress.com\/2020\/03\/25\/es-bleibt-alles-anders\/\">Lesen Sie den Beitrag auf &#8222;Im Gegenlicht&#8220;. <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nder Corona-Krise wird alles anders. So oder so \u00e4hnlich rufen in diesen Tagen\ndie gro\u00dfen und kleineren Welterkl\u00e4rer in den Resonanzraum, den uns die schreckliche\nPandemie beschert hat. Klimawandel, jetzt das Coronavirus, in der Folge die\nRezession: Der Mensch hat \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse gelebt, und jetzt wehrt sich\nder Planet! Klarer Fall: Nichts ist mehr, wie es war. Und nichts wird mehr sein,\nwie es ist. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nist ein Narrativ, das besticht, weil es zun\u00e4chst voneinander losgel\u00f6ste Ereignisse\nin Folgerichtigkeiten verwandelt \u2013 und deshalb logisch die Dinge auf den Punkt\nzu bringen scheint. So ist der slowenische Philosoph Slavoj \u017di\u017eek der Ansicht, \u201ewir werden durch Corona unsere gesamte\nEinstellung gegen\u00fcber dem Leben ver\u00e4ndern\u201c \u2013 er meint nicht zuletzt unsere Art,\nzu wirtschaften, zu konsumieren und Priorit\u00e4ten zu setzen. Der Virus, so der\nKapitalismuskritiker \u017di\u017eek, wirke t\u00f6dlich auf den globalisierten Kapitalismus.\nSeit Tagen geistert ein Artikel des selbsternannten \u201eZukunftsforschers\u201c und\n\u201eVision\u00e4rs\u201c Matthias Horx durchs Netz, der ebenso in Superlativen schwelgt (ohne\ndiese beiden Welterkl\u00e4rer auf eine Stufe stellen zu wollen): \u201eEs gibt\nhistorische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung \u00e4ndert\u201c, stellt er\nfest, um sich sodann in eine besonders k\u00fchne Prognose zu versteigen: \u201eDer gro\u00dfe\nTechnik-Hype ist vorbei.\u201c Die Menschheit richte ihre Aufmerksamkeit nach der\nCorona-Krise wieder auf die \u201ehumane Frage: Was ist der Mensch \u2013 was sind wir\nf\u00fcreinander?\u201c Als wenn das ein Gegensatz ist, den es aufzul\u00f6sen gilt. Horx\nhatte in einem Beitrag f\u00fcr die \u201eWelt\u201c 2001 \u00fcbrigens auch geschrieben:\n\u201eMissverst\u00e4ndnis eins: Das Internet erobert die Haushalte im Sturm.\u201c So viel\nzur G\u00fcte solcher Prognosen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zweifellos ist die durch das Coronavirus ausgel\u00f6ste\nPandemie eine historische Besonderheit, an der die Menschheit noch eine\nZeitlang geh\u00f6rig zu knabbern haben wird. Neben den menschlichen Trag\u00f6dien, die\nwir in diesen Tagen besonders in Italien und Spanien beobachten m\u00fcssen, ist\nnoch kaum absehbar, welche wirtschaftlichen Folgen die Krise nach sich ziehen\nwird \u2013 sei es auf den Arbeitsm\u00e4rkten, dem Einzelhandel, der freien Kulturszene,\nvor allem in den Entwicklungsl\u00e4ndern, deren Gesundheitssysteme kaum ausreichend\nimpr\u00e4gniert sind gegen die Auswirkungen der Pandemie. Zweifellos birgt die\nKrise aber auch die Chance, den Blick mal wieder in Richtungen zu lenken, die\nzu h\u00e4ufig im Dunkel des Alltags verschwinden: etwa auf die gro\u00dfe Bedeutung der unterbezahlten\nPflegeberufe, die Ausstattung der Krankenh\u00e4user, oder die teilweise\nr\u00fcckst\u00e4ndige Digitalisierung im \u00f6ffentlichen Dienst und dem Bildungswesen. Dass\ndie Schulen nun endlich mehr oder minder fl\u00e4chendeckend Lernplattformen installiert\nbekommen, ist ein positiver Nebeneffekt der ansonsten t\u00f6dlichen Krise. Es sind\nauch die Momente des Innehaltens, die frisch belebten Sozialkontakte,\nrealisiert dank Skype und Whatsapp, oder kollektiven Musikflashmobs auf Balkonen\nund in Vorg\u00e4rten, die kurzzeitig vergessen lassen, dass wir alle auf einem angeblich\nalternativlosen Pfad der Fragmentarisierung und Spezialisierung wandeln, der\nuns einander fremd gemacht hat. In all dem Dunkel scheint also schwaches Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wird deswegen alles anders als es vorher war? Dass\nin dem gro\u00dfen Wort \u2013 nichts werde mehr so sein wie es vorher war \u2013 ein geradezu\ngroteskes Ma\u00df \u00dcbertreibung steckt, zeigt sich geradewegs darin, dass es so\nschnell und vor allem leichtlippig ausgesprochen ist. Je gr\u00f6\u00dfer die Krise,\ndesto gelassener l\u00e4sst es sich aussprechen. Um die Kleinigkeiten k\u00f6nnen sich ja\nPolitik und Wirtschaft k\u00fcmmern, die Funktion\u00e4re und Fachleute, die Virologen\nund Intensivmediziner! Die Corona-Krise wirkt dabei wie ein spontanes Zeitfenster,\ndas sich ein paar Sekunden in der Endlosigkeit der Zeitenfolge \u00f6ffnet und eine\nAbk\u00fcrzung in eine ansonsten unerreichbare Galaxie verspricht. Eine einmalige\nGelegenheit. In Wohlstandszeiten ohne Krise, so der Subtext, sind Revolutionen\nselten \u2013 und Reformen in der Demokratie immer schwei\u00dftreibend und manchmal\ng\u00e4hnend langweilig verhandelt, h\u00e4ufig nur ein m\u00fchsam-z\u00e4her Kompromiss,\njedenfalls kein gro\u00dfer Wurf. Daher r\u00fchrt bei manchem Publizisten und\nWelterkl\u00e4rer, der Deutschland derzeit entweder im Vorhof eines neuen Zeitalters\nder Mitmenschlichkeit oder kurz vor der Gesundheitsdiktatur w\u00e4hnt, der Hang zum\nPathos. <\/p>\n\n\n\n<p>Angenommen, die Wahrheit ist deutlich profaner: Es\nbleibt alles anders! Dass sich deutsche Unternehmen nun nach Jahren der\nZur\u00fcckhaltung notgedrungen mit dem Thema Home Office arrangieren, erh\u00f6ht die\nWahrscheinlichkeit, dass die Entscheider einige Vorteile der neuen Flexibilit\u00e4t\n\u2013 etwa die offensichtliche Konstruktivit\u00e4t in Telefonkonferenzen bei weitgehend\nausbleibenden Hahnenk\u00e4mpfen -, in die Nach-Krisenzeit retten k\u00f6nnten. Zudem: Riesige\nB\u00fcrofl\u00e4chen sind ein Kostenfaktor, st\u00e4ndige Anwesenheitspflicht in\nGro\u00dfraumb\u00fcros kann ein Kreativkiller sein. Nach diesem durch Corona erzwungenen\nFeldversuch wird hoffentlich einiges im kommenden B\u00fcroalltag h\u00e4ngen bleiben. Aber\ndar\u00fcber hinaus? Werden die Altenpfleger k\u00fcnftig besser bezahlt, w\u00e4hrend die Banker\nauf Boni verzichten? Selbst jene anr\u00fchrende Mitmenschlichkeit, die derzeit in\nden Vordergrund tritt, gab es bereits vorher, wenn man nur an all die\nEhrenamtlichen denkt, die Mitarbeiter der Tafeln, freiwilligen\nHausaufgabenhelfern f\u00fcr gefl\u00fcchtete Kinder \u2013 oder Menschen, die in ihrer\nFreizeit Vereine gr\u00fcnden, um Schulen in Uganda zu bauen. Und der Egoismus, den\nmanche f\u00fcr die Pr\u00e4-Corona-Zeit als epochemachende Charaktereigenschaft\ndefinieren, tritt heute genauso unverbl\u00fcmt zutage: in Gestalt von &nbsp;Klopapier oder Dosenpfirsiche hamsternden\nZeitgenossen oder Leuten, die in alter Blockwart-Manier Nachbarn, die sich\ntrotz Kontaktsperre mit Freunden auf der Stra\u00dfe treffen, vor den digitalen Kadi\nder sozialen Medien zerren. Darauf konnte man gestern und kann man heute und\nkann morgen sowieso verzichten! &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Corona-Krise justiert und ordnet manches neu,\naber sie umwertet nicht alle Werte, ja m\u00f6glicherweise f\u00fchlen sich die\nPathos-Worte von Ver\u00e4nderung und Umw\u00e4lzung am ersten Tag nach der Krise sogar\nirgendwie gestrig und ein wenig peinlich an, verst\u00e4ndlich zwar aus der\nEmotionalit\u00e4t des Moments geboren, aber auch heillos \u00fcberzogen. Wehe dem, der\ndann seine pathetische Einlassung noch einmal lesen muss! Das w\u00e4re zugleich\neine demotivierende Erfahrung und wiederum ebenfalls eine \u00dcbertreibung, denn\ndie Krise wird nicht folgenlos bleiben, nicht jedes Wort war daneben,\nvielleicht nur die gr\u00f6\u00dften. Neben den praktischen Verbesserungen in den\nBereichen Digitalisierung, Daseinsf\u00fcrsorge oder Gesundheitssystem bietet sie in\neinem an sich immerw\u00e4hrenden Strom des <em>Weiter\nso<\/em> einen Moment des Innehaltens und der Kontemplation. Mindestens wissen\nwir nun, dass sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ohne gr\u00f6\u00dfere Friktionen\nvom Betriebs- in den Krisenmodus umschalten lassen, ohne dass B\u00fcrgerkriege\nausbrechen oder auch nur die Rechtsextremisten weitere Zul\u00e4ufe bekommen, im\nGegenteil. Krisenzeiten sind \u201edie Stunde der Exekutive\u201c, hei\u00dft es so sch\u00f6n, und\ntats\u00e4chlich: Es sind nicht die schlechtesten Tage und Wochen der Politik, die\npl\u00f6tzlich z\u00fcgig und einigerma\u00dfen abgestimmt auf das Unvorhergesehene und\nziemlich ordentlich auf die t\u00e4glich neuen Herausforderungen reagiert. Das gilt\nerst recht f\u00fcr das medizinische Personal und das gesamte Gesundheitssystem.\nPopulisten, Identit\u00e4tsfetischisten und notorische Spalter ziehen eigentlich\nimmer den K\u00fcrzeren ob dieser Leistungsbilanz. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Erinnert sich noch jemand an die Monate vor Corona?\nAls die rechtsextremistische th\u00fcringische AfD eine kleine Staatskrise ausl\u00f6ste\nund die etablierten Parteien vor sich her trieb, weil sie den FDP-Politiker\nThomas Kemmerich ins Amt des Ministerpr\u00e4sidenten hievte? Dass die AfD in der\nderzeitigen Lage an Stimmen einb\u00fc\u00dft, verwundert nicht. Aber sobald die\nunmittelbare medizinische Gefahr durch das Virus f\u00fcr die Mensch gebannt ist,\ndie Arbeitslosigkeit aber m\u00f6glicherweise nach oben schnellt, d\u00fcrften auch die\npolitische Auseinandersetzung und die Polarisierung wieder eine Renaissance\nerleben. Es bleibt also alles anders. <\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin aber bietet die Corona-Krise die Chance,\ndas Vertrauen in die staatstragenden Parteien und staatlichen und zivilgesellschaftlichen\nKr\u00e4fte zu st\u00e4rken. Wer aus der Corona-Krise eine System-Krise ableitet, wer\nauch nach dieser gro\u00dfen weltweiten Gesundheits-Krise Deutschland f\u00fcr eine\nBananenrepublik h\u00e4lt und an jeder Ecke Kontrollverlust vermutet, hat nichts verstanden\nund offenbar auf einem anderen Planeten gelebt. Eine St\u00e4rkung des Vertrauens in\ndiesen Staat w\u00e4re ein wahrhaft gro\u00dfer Wurf \u2013 und danach w\u00e4re wirklich einiges\nanders, als es vorher war. Vorausgesetzt, die Politik erkl\u00e4rt den B\u00fcrgern glaubw\u00fcrdig,\ndass die Beschr\u00e4nkungen und Eingriffe in die Grundrechte der Freiz\u00fcgigkeit und\nMobilit\u00e4t nur auf Zeit gelten, um die Krise in den Griff zu bekommen. Danach\ngilt wieder der Status quo ante, also der Urzustand vor dem Corona-Einschlag. Niemand\nsollte damit rechnen, dass nur ein B\u00fcrger diese Urzustand dann vergessen hat. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nichts wird nach Corona mehr so sein, wie es vorher war? Krisenzeiten motivieren zu pathetischen Worten, mancher wittert gar den gro\u00dfen Wurf. Warum derzeit vieles gr\u00f6\u00dfer scheint als es ist. &nbsp; Lesen Sie den Beitrag auf &#8222;Im Gegenlicht&#8220;. Nach der&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=2789\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Bleibt alles anders!<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":2791,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,156,11,1],"tags":[752,750,291,753],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2789"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2789"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2789\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2799,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2789\/revisions\/2799"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2791"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2789"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2789"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2789"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}