{"id":318,"date":"2010-08-17T18:20:48","date_gmt":"2010-08-17T16:20:48","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=318"},"modified":"2015-02-28T16:54:35","modified_gmt":"2015-02-28T14:54:35","slug":"heimspiel-in-der-provinz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=318","title":{"rendered":"Heimspiel in der Provinz"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-318 gallery-columns-3 gallery-size-thumbnail'><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon '>\n\t\t\t\t<a href='http:\/\/martin-benninghoff.de\/?attachment_id=325'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/b\u00fchne1.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='http:\/\/martin-benninghoff.de\/?attachment_id=331'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/Neo_rush_41-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure>\n\t\t<\/div>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von China nach Westfalen &#8211; eine Filipino-Band erobert Hopsten<\/p>\n<p>Erschienen auf der Reportage-Seite des <a href=\"http:\/\/www.ksta.de\">K\u00f6lner Stadt-Anzeiger<\/a>. Hier ein Song zur Einstimmung auf <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DANskc_UdKs\">YouTube<\/a>! <a href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/artikelkoelnerstadteinzeigerneorush1.pdf\">artikelkoelnerstadteinzeigerneorush<\/a>\u00a0(Artikel als pdf)<\/p>\n<p>VON MARTIN BENNINGHOFF<\/p>\n<p><span style=\"font-family: ARIAL,HELVETICA;\">Wie gut, dass der Titel des Fu\u00dfballturniers ein englischer ist, sonst w\u00fcrde Noel gar nichts mehr verstehen: &#8222;Summer Soccer Party&#8220;, Sommer-Fu\u00dfball-Fest. Seit zwei Tagen ist der philippinische S\u00e4nger und Bassist in Deutschland. Genauer, in Hopsten, einem Dorf inmitten der Plantl\u00fcnner Sandebene, wie das flache Gebiet im Kreis Steinfurt genannt wird. 7600 Einwohner ungef\u00e4hr. Eine barocke Pfarrkirche St. Georg. Und der Sportverein Westfalia Hopsten, der an diesem Tag die &#8222;Summer Soccer Party&#8220; ausrichtet. Vier Seniorenmannschaften sind dabei, eine Damenmannschaft, ein gemischtes Team und mehrere Jugendmannschaften, und sie alle kicken um einen Pokal. Es gibt W\u00fcrstchen und Bier. Einen Kickertisch, Torwandschie\u00dfen und eine H\u00fcpfburg.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: ARIAL,HELVETICA;\"><em>Exotischer Farbtupfer<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: ARIAL,HELVETICA;\">Als exotischer Farbtupfer in dieser westf\u00e4lischen Gem\u00fctlichkeit warten Noel und seine Musiker Junior, Peter, Paul und Coco, ebenfalls allesamt Filipinos, hinter der B\u00fchne auf ihren Auftritt: &#8222;In Asien ist es so hei\u00df. Und hier ist der Sommer so kalt&#8220;, sagt Noel, dem man ansieht, dass er mehr die Atmosph\u00e4re als das Wetter meint. Nur langsam f\u00fcllt sich der Platz vor der B\u00fchne. &#8222;Keine Ahnung, was uns hier erwartet&#8220;, zuckt der 41-J\u00e4hrige mit den Achseln. In Singapur, da sei er schon aufgetreten, in China und anderswo in Asien auch. Aber Hopsten? Noel lacht. Alles sei hier ganz anders, inklusive der Toiletten. &#8222;In China wirst du vor dem Pissoir stehend von hinten massiert&#8220;, sagt er. Darauf kann er in Hopsten lange warten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: ARIAL,HELVETICA;\">Dann legt Noels Band &#8222;Neo Rush&#8220; los. &#8222;Die Deutschen in Deutschland tauen langsamer auf als die Deutschen in China&#8220;, wird Noel sp\u00e4ter sagen. Schnell merkt er, dass das Hopstener Publikum internationale Rockmusik verlangt: Mot\u00f6rhead, Guns\u00b4n Roses, Queen. Nach und nach werden die Zuschauer warm, und auch die sanfteren Gem\u00fcter fangen an, sich zu bewegen, als die Band eine Ballade von Lionel Richie einstreut. Sp\u00e4ter wagen Noel und die anderen &#8222;Lullaby of Birdland&#8220;, ein alter Jazzhit. Sie widmen das St\u00fcck einem deutschen Professor, ohne den die Band heute wohl kaum in Hopsten spielen w\u00fcrde. Der Professor starb k\u00fcrzlich unerwartet, mit 74 Jahren kippte er beim Tennisspielen einfach tot um.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: ARIAL,HELVETICA;\">R\u00fcckblick, zehn Monate zuvor: Im Am\u00fcsierviertel Lao Waitan, im Herzen der chinesischen Millionen-Metropole Ningbo unweit von Schanghai, sind nur wenige Chinesen auf den Stra\u00dfen unterwegs. Auch im &#8222;Z-Rocks&#8220;, einer Bar, sitzen an diesem Abend vornehmlich europ\u00e4ische und amerikanische Gesch\u00e4ftsm\u00e4nner. Das &#8222;Z-Rocks&#8220; sei f\u00fcr ihn &#8222;ein St\u00fcck Wiederherstellung nach ausgef\u00fcllten Arbeitstagen&#8220;, sagt der deutsche Unternehmer Udo Berling, dessen Firma <a href=\"http:\/\/www.ledi-germany.de\">Ledi <\/a>mit LED-Leuchten handelt. Der 39-J\u00e4hrige verbringt fast den halben Monat fern seiner Heimat Hopsten in Ningbo, wo er eine Tochtergesellschaft aufgebaut hat. Das &#8222;Z-Rocks&#8220; ist eng, ein paar Sofas, ein paar Barhocker, zwischen Theke und Toilette die B\u00fchne, die nur ein paar Quadratmeter misst. &#8222;Neo Rush&#8220; ist hier die Hausband und spielt an sechs Abenden die Woche.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: ARIAL,HELVETICA;\">An diesem Abend hat Udo Berling seinen Gesch\u00e4ftsfreund, den 74-j\u00e4hrigen Professor, mitgebracht. Die beiden sitzen auf dem Vip-Sofa nahe dem Eingang. Wie jeden Abend um diese Zeit fragt Noel in die Runde: &#8222;Was wollt ihr h\u00f6ren?&#8220; Und wie jeden Abend um diese Zeit rufen Einzelne aus dem Publikum ihre Lieblingstitel, meist die aus ihren Jugendtagen: &#8222;Sweet Child of Mine&#8220; von Guns n\u00b4 Roses, &#8222;Enter Sandman&#8220; von Metallica oder &#8222;Bohemian Rhapsody&#8220; von Queen. Alles keine Herausforderungen f\u00fcr die Filipinos von &#8222;Neo Rush&#8220;, die im &#8222;Z-Rocks&#8220; seit zweieinhalb Jahren fast t\u00e4glich diese Nummern spielen &#8211; und zuweilen besser klingen als die gro\u00dfen Vorbilder.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: ARIAL,HELVETICA;\">Und dann w\u00fcnscht sich der deutsche Professor &#8222;Lullaby of Birdland&#8220;. Kurzzeitig wird es still in der Bar, und der \u00e4ltere Herr feixt: &#8222;Das schaffen die nie.&#8220; Doch Noel und die Band nicken sich nur kurz zu, dann beginnen sie zu spielen. Junior, der Gitarrist, der mit seinen abstehenden Z\u00e4hnen ein bisschen wie der brasilianische Fu\u00dfball-Star Ronaldinho aussieht, legt los, frickelt auf seiner Gitarre hinterm R\u00fccken, schleudert diese wieder nach vorne und wirft sich in die typischen Rockgitarristen-Posen. Keyboarder Peter, Schlagzeuger Paul und S\u00e4ngerin Coco und Noel w\u00fcrden ihm in solchen Momenten gerne die B\u00fchne \u00fcberlassen, wissen aber nicht wohin in der Enge der Bar. Der Professor wird sp\u00e4ter sagen, die Version des Jazzst\u00fccks sei &#8222;die beste, die ich je geh\u00f6rt habe&#8220;. Und: &#8222;Udo, die Band musst du unbedingt nach Deutschland holen!&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: ARIAL,HELVETICA;\">Berling l\u00e4sst sich das nicht zweimal sagen. Er zahlt knapp 7000 Euro f\u00fcr Fl\u00fcge und Hotelkosten. Und er eist die Musiker f\u00fcr eine Woche vom &#8222;Z-Rocks&#8220; los, auch wenn er dem Besitzer, einem gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen Singapurer, ein Ausfallhonorar zahlen muss. F\u00fcr die Musiker ist es die erste Reise nach Europa. F\u00fcr die meisten philippinischen Bands, die in asiatischen Bars und Hotels Abend f\u00fcr Abend auftreten, sind B\u00fchnen in Europa unerreichbar. Zum einen bekommen sie selbst mit Einladung oft kein Visum, zumindest nicht so einfach: &#8222;Alleine f\u00fcr die Visa haben wir vier Monate gebraucht&#8220;, erz\u00e4hlt Berling, der mit Noel und anderen eigens nach Schanghai zum deutschen Generalkonsulat gereist war. Zum anderen winken kaum Engagements in Deutschland, weil Live-Musik in Bars und Klubs hierzulande wenig gesch\u00e4tzt wird. In vielen St\u00e4dten, so auch in K\u00f6ln, m\u00fcssen die Bands oft zuerst ein Kontingent an Karten abkaufen, um spielen zu d\u00fcrfen &#8211; &#8222;pay and play&#8220;, erst zahlen, dann spielen. Die Filipinos arbeiten deshalb lieber in China, wo die Barbesitzer im Vergleich nicht so schlecht honorieren. &#8222;Ich schicke die H\u00e4lfte des Geldes zu meiner Mutter nach Hause&#8220;, sagt Keyboarder Peter, der als einziger weder Frau noch Kinder hat, mit denen er seine rund 700 Euro im Monat teilen kann. &#8222;In Ningbo verdiene ich mehr als zu Hause.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: ARIAL,HELVETICA;\">Peter und die anderen Musiker geh\u00f6ren damit zu den knapp zehn Prozent der philippinischen Bev\u00f6lkerung &#8211; rund acht Millionen Menschen -, die als Gastarbeiter in der Fremde leben. In Deutschland sind derzeit rund 20 000 Filipinos gemeldet, die meisten arbeiten hier im Gesundheitswesen. Alle im Ausland arbeitenden Filipinos zusammengenommen schicken im Jahr rund neun Milliarden US-Dollar nach Hause, rechnet die Zentralbank in Manila vor.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: ARIAL,HELVETICA;\"><em>Besonders begehrt<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: ARIAL,HELVETICA;\">Wie viele von ihnen als Musiker arbeiten, ist nicht bekannt. In Asien sind sie aber besonders begehrt. Nicht nur wegen ihres musikalischen Talents, sondern auch wegen ihres Englisch-Akzents, den Touristen und Gesch\u00e4ftsleute aus Europa gut verstehen, derweil sich die chinesischen Musiker oftmals kaum verst\u00e4ndlich machen k\u00f6nnen. Noel erz\u00e4hlt, wie er als Jugendlicher den ganzen Tag \u00fcber Musik gespielt habe, &#8222;immer dann, wenn bei uns zu Hause wieder einmal der Strom ausfiel oder ein Taifun \u00fcber uns hinwegzog&#8220;. Ihm sei klar geworden, dass sich sein Talent irgendwann finanziell auszahle, wenn er nur wegginge, weg von den Philippinen. &#8222;Ich begriff, dass das ausl\u00e4ndische Publikum in den chinesischen Bars vor allem seine eigene Musik h\u00f6ren m\u00f6chte &#8211; also spiel\u00b4 ich sie.&#8220; Auch deshalb geh\u00f6ren die perfekten Imitationen der Musik und Show amerikanischer Rockgr\u00f6\u00dfen zum unbedingten Repertoire der philippinischen Musik-Dienstleister.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: ARIAL,HELVETICA;\">Eine F\u00e4higkeit, die &#8222;Neo Rush&#8220; im westf\u00e4lischen Hopsten ungemein hilft. Am Schluss haben sie ein jubelndes Publikum voll auf ihrer Seite, das dieses musikalische Niveau auf Dorffesten kaum gewohnt ist. &#8222;N\u00e4chstes Jahr&#8220;, strahlt Udo Berling, &#8222;hole ich die Band wieder hierher.&#8220; Ob es so weit kommt? Noel sagt dazu nichts, schweigt und genie\u00dft die Ruhe nach dem Konzert. Am letzten Abend ihrer Deutschland-Reise sitzen er, Junior, Peter, Paul und Coco mit Berling beim Ritteressen auf der nahegelegenen Burg Bentheim. Wie normale asiatische Touristen, die Deutschland im Schnelldurchgang an sich vorbeiziehen lassen. Und ausnahmsweise mal nichts f\u00fcr andere tun m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 &nbsp; &nbsp; Von China nach Westfalen &#8211; eine Filipino-Band erobert Hopsten Erschienen auf der Reportage-Seite des K\u00f6lner Stadt-Anzeiger. Hier ein Song zur Einstimmung auf YouTube! artikelkoelnerstadteinzeigerneorush\u00a0(Artikel als pdf) VON MARTIN BENNINGHOFF Wie gut, dass der Titel des Fu\u00dfballturniers ein&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=318\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Heimspiel in der Provinz<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[232,1],"tags":[27,28,13,14],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/318"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=318"}],"version-history":[{"count":20,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/318\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1376,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/318\/revisions\/1376"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}