{"id":351,"date":"2010-08-25T22:05:12","date_gmt":"2010-08-25T20:05:12","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=351"},"modified":"2010-08-25T22:12:44","modified_gmt":"2010-08-25T20:12:44","slug":"sarrazin-marketingfreak-aber-sonst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=351","title":{"rendered":"Sarrazin, der Marketingfreak&#8230;aber sonst?"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>In diesen Tagen wird viel Werbung f\u00fcr ein Buch gemacht. Werbung, f\u00fcr die Zeitungsverlage und Rundfunkstationen kein Geld bekommen, und dennoch r\u00fchren sie die Werbetrommel (ich mache jetzt hier den gleichen Fehler): f\u00fcr das neue Buch <strong>&#8222;Deutschland schafft sich ab&#8220; von Thilo Sarrazin<\/strong>, Bundesbank-Vorstand und Ex-SPD-Finanzsenator in Berlin. Es wird wohl sehr erfolgreich werden, wenn es in der kommenden Woche erscheint, so viel kann man schon sagen.<\/p>\n<p>Was ist passiert? Warum ist der Mann <em>so erfolgreich mit diesen banalen, teilweise falschen Aussagen?<\/em> Also,\u00a0sein Buch ist, wie gesagt,\u00a0noch nicht erschienen; aber ein\u00a0paar Aussagen sind ja\u00a0schon durchgesickert:\u00a0\u00a0Der 65-J\u00e4hrige warnt zum Beispiel davor, dass die Deutschen zu &#8222;Fremden im eigenen Land&#8220; w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Dieser These kann ja nur zustimmen, wer Einwanderer &#8211; egal ob sie hier geboren sind oder nicht &#8211; als Fremde ansieht. <strong>Dem muss ich ganz klar widersprechen<\/strong>. Ich habe beruflich sehr viel mit Zuwanderern zu tun, die erfolgreich ihren Weg gehen und &#8222;angekommen sind&#8220;, um beim Wortschatz Sarrazins zu bleiben. Deutschland hat dadurch sicherlich ein anderes Gesicht als 1960, aber kein schlechteres! Ganz im Gegenteil! Mit Ausrufezeichen! Und auch diejenigen, die Probleme haben &#8211; mit Job und Ausbildung und und und, sofern sie hier geboren sind oder\/und die Staatsb\u00fcrgerschaft haben bzw. lange hier leben &#8211; geh\u00f6ren zur deutschen Gesellschaft. <strong>Das sind dann unsere Problemf\u00e4lle!<\/strong><\/p>\n<p>Auch spricht er T\u00fcrken und Marokkanern einen Beitrag zum Wohlstand ab. Der Mann wei\u00df nicht, was er sagt, wenn er so etwas behauptet.<\/p>\n<p>Aber, und jetzt wird deutlich, warum seine Migranten-Thesen so einschlagen: Sarrazins Warnungen vor einer &#8222;Unterschichtung&#8220; der Gesellschaft, vor &#8222;Asi&#8220;-Jugendlichen, Machogehabe und herumlungernden Familienv\u00e4tern sind ja durchaus zutreffend. Er beobachtet also richtig, stellt jedoch die falschen Schlussfolgerungen, zieht die falschen Verbindungen: Die Jungs sind teilweise so heruntergekommen, weil sie durch die Bildungsinstitutionen fallen, sie aus vielen Gr\u00fcnden den Anschluss nicht finden. Das aber hat soziale Gr\u00fcnde, keine ethnischen. Ob die Jungs dabei islamisch, t\u00fcrkisch oder sonst wie sind, ist nicht die kausale Ursache f\u00fcr die Defizite.<\/p>\n<p><strong>Es ist so:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Nach den wissenschaftlichen Kriterien von &#8222;gelungener Integration&#8220; sind z.B.<\/strong><\/p>\n<p><strong>1. bei den Christen die Italiener schlecht integriert und die Spanier gut (beide katholisch).<\/strong><\/p>\n<p><strong>2. bei den Muslimen die T\u00fcrken eher schlecht und die Iraner gut (beide muslimisch) integriert.<\/strong><\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen hat es mit dem Bildungsstand der Einwanderer zu tun: W\u00e4hrend die Spanier, darunter viele Intellektuelle, vor Franco nach Deutschland geflohen sind und viele Iraner vor Chomeini, sind Italiener und T\u00fcrken oftmals Wirtschaftsmigranten gewesen, deren Bildungsstand ein geringerer war. Jetzt kann man stundenlang \u00fcber die Gr\u00fcnde der vernachl\u00e4ssigten Integration in den Folgejahren sprechen: Festzuhalten bleibt jedoch, dass die Religion nur recht gering etwas mit den Defiziten zu tun hat. Und auch der Hinweis auf die Ethnie hat keine Aussagekraft, wenn man die damit verbundenen Besonderheiten nicht nennt.<\/p>\n<p><strong>Kurz zur Strategie:<\/strong> Sarrazin umweht das Image, das zu sagen, was sich die anderen nicht trauen. Obwohl er selbst einmal ein Politiker war, vergr\u00f6\u00dfert er dadurch den gef\u00fchlten Abstand zwischen &#8222;denen da unten&#8220; und &#8222;denen da oben&#8220;, zwischen &#8222;dem Volk&#8220; und &#8222;dem Establishment&#8220;. Seine Strategie wird dankbar unterst\u00fctzt von den beiden deutschen Leitmedien &#8222;Bild&#8220; und &#8222;Spiegel&#8220;, die h\u00e4ppchenweise Ausz\u00fcge aus dem Buch drucken.<\/p>\n<p>Sarrazins Strategie:<\/p>\n<p>1. <strong>H\u00e4ppchen-f\u00fcr-H\u00e4ppchen-<\/strong>Ver\u00f6ffentlichung seiner Thesen; den Rest des 400 Seiten starken Buches, das in der kommenden Woche erscheint, zu drucken, wird unter Androhung von Geldbu\u00dfen streng verboten. <em>Ergebnis: Was knapp ist, wird teuer!<\/em><\/p>\n<p>2. Sarrazins Thesen sind <em>nicht alle umstritten oder sogar h\u00f6chst unsinnig.<\/em> Zwischendrin serviert er Thesen, denen im Prinzip alle zustimmen k\u00f6nnen. Kostprobe gef\u00e4llig? &#8222;Fernsehen und andere Medien soll es in Kitas nicht geben. Neben dem freien Spiel wird viel vorgelesen.&#8220; (Auszug &#8222;Bild&#8220; 25.08.2010). <em>Ergebnis: Da applaudieren sogar die Bildungsb\u00fcrger, die Sarrazin ansonsten bel\u00e4cheln.<\/em><\/p>\n<p>3. Berichterstattung: Die Zeitungen und Sender berichten in ihrer Chronistenpflicht vor allem \u00fcber die Reaktionen der Politiker. Die Kanzlerin, der SPD-Chef, die Gr\u00fcnen-Vorsitzenden &#8211; sie alle weisen Sarrazin in die Schranken. Der freut sich, dass er Robin Hood und Jeanne d&#8217;Arc in Personalunion spielen darf. Er gegen das Establishment. Die Journaille kommt ihm entgegen. <em>Ergebnis: Kostenlose Marketingunterst\u00fctzung gibt es von den Medien, die dankbar daf\u00fcr sind, dass Sarrazin ihre eigenen Klischees unterst\u00fctzt (Ausnahmen nat\u00fcrlich ausgenommen). <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Martin Benninghoff In diesen Tagen wird viel Werbung f\u00fcr ein Buch gemacht. Werbung, f\u00fcr die Zeitungsverlage und Rundfunkstationen kein Geld bekommen, und dennoch r\u00fchren sie die Werbetrommel (ich mache jetzt hier den gleichen Fehler): f\u00fcr das neue Buch &#8222;Deutschland&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=351\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Sarrazin, der Marketingfreak&#8230;aber sonst?<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,11,1],"tags":[33,23,304,32],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/351"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=351"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/351\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":364,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/351\/revisions\/364"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=351"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=351"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=351"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}