{"id":380,"date":"2010-09-16T10:52:23","date_gmt":"2010-09-16T08:52:23","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=380"},"modified":"2010-09-16T10:53:27","modified_gmt":"2010-09-16T08:53:27","slug":"zeit-online-integration-als-gluckssache","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=380","title":{"rendered":"&#8222;Zeit Online&#8220;: Integration als Gl\u00fcckssache"},"content":{"rendered":"<p><em>Meinem Freund Y\u00fcksel Sirmasac wird <\/em><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/familie\/2010-09\/integration-sirmasac\"><em>hier<\/em><\/a><em> ein bleibendes Denkmal gesetzt. Sein &#8222;Beitrag zur Sarrazin-Debatte&#8220;, wie er selbst von sich sagt, nat\u00fcrlich nicht ganz frei von Ironie. Erschienen in &#8222;Zeit Online&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Von Deniz Baspinar<\/p>\n<p>Es ist nicht leicht einen Gespr\u00e4chstermin mit dem 38-j\u00e4hrigen Y\u00fcksel Sirmasac zu vereinbaren. Der studierte Betriebswirt ist ziemlich busy, morgen steht ein Meeting in Frankfurt an, aber vielleicht kann man sich after work treffen? So reden Gesch\u00e4ftsleute, es muss wohl an einer Art BWL-Gen liegen. Das sich diese Anlagen entwickeln konnten, verdankt Sirmasac dem Zufall.<\/p>\n<p>Sirmasac kommt als Dreij\u00e4hriger nach Deutschland. Ein Jahr sp\u00e4ter besucht er einen regul\u00e4ren deutschsprachigen Kindergarten. Aber, man mag es heute gar nicht glauben, eingeschult wird er in eine t\u00fcrkische Grundschule. Nicht weil die Eltern das m\u00f6chten, sondern weil das so vorgesehen war. Dahinter stand vermutlich der Gedanke, die sogenannten Gastarbeiter und ihre Familien w\u00fcrden Deutschland bald wieder verlassen. Eine Eingliederung der Hinzugezogenen ins deutsche Bildungssystem war nicht vorgesehen.<\/p>\n<p>In den 1970er Jahren gab es mitten in Deutschland t\u00fcrkische Grundschulen mit Lehrern aus der T\u00fcrkei: Unterrichtssprache ist T\u00fcrkisch, der Lehrplan wird aus dem Heimatland \u00fcbernommen. Zu Wochenbeginn wird die t\u00fcrkische Nationalhymne angestimmt, und vorlaute Sch\u00fcler erhalten Schl\u00e4ge mit dem Stock auf die Finger. Es gibt gerade einmal zwei Stunden Deutschunterricht in der Woche. Am Ende dieser Grundschulzeit landen die Sch\u00fcler auf der Hauptschule, etwas anderes ist aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse kaum m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Als diese Segregation im Bildungssystem aufgegeben wird, kommt Sirmasac gerade in die dritte Klasse. Ein gl\u00fccklicher Zufall f\u00fcr ihn: W\u00e4re der Wandel zwei Jahre sp\u00e4ter gekommen, er w\u00e4re wohl automatisch auf der Hauptschule gelandet \u2013 wie alle seine \u00e4lteren Geschwister zuvor.<\/p>\n<p>Ohne Vorbereitung oder Sprachf\u00f6rderung wird er nach den Schulferien in einer katholischen Grundschule angemeldet. Sirmasac kann nicht gen\u00fcgend Deutsch, um dem Unterricht folgen zu k\u00f6nnen. Die Lehrerin ist auf einen solchen Fall nicht eingestellt und schleift den Sch\u00fcler durch den normalen Unterricht. Sirmasac muss die dritte Klasse wiederholen. R\u00fcckblickend ist dies eine gl\u00fcckliche Wendung. Der Junge kommt in die Klasse von Frau Wittung. Ihren Namen vergisst er nie, hat sie doch einen entscheidenden Anteil an seinem weiteren Werdegang.\u00a0<\/p>\n<p>Frau Wittung nimmt sich des Jungen an, geht auf ihn ein, gibt ihm sogar private Nachhilfe. Die Leistungen des Sch\u00fclers sind immer noch schwach, aber die Lehrerin erkennt sein Potenzial. Sie setzt sich in der Lehrerkonferenz gegen den Widerstand des Kollegiums durch und sorgt f\u00fcr eine Empfehlung f\u00fcr die Gesamtschule. Die damals neue Schulform ist den Eltern unbekannt. Sie verlassen sich aber auf die Einsch\u00e4tzung der Lehrerin, dass dies die beste L\u00f6sung f\u00fcr ihr Kind ist.\u00a0<\/p>\n<p>Sie liegt richtig mit ihrer Einsch\u00e4tzung. Sirmasac ist nach wie vor schwach im Fach Deutsch, aber er kann hier seine St\u00e4rken entwickeln, denn er ist gut in den naturwissenschaftlichen F\u00e4chern. Die Eltern sind \u00fcberrascht und stolz. Sein Ehrgeiz ist geweckt, er sp\u00fcrt, dass man ihm eine Chance gibt und das motiviert ihn. &#8222;Ich bin der klassische Fall f\u00fcr die Gesamtschule gewesen: Chancenungleichheit, schwache Ausgangsvoraussetzungen, entwicklungsf\u00e4higes Potenzial. Das System Gesamtschule hat mich getragen.&#8220; Sirmasac besteht am Ende die Reifepr\u00fcfung mit der Gesamtnote 1,7.<\/p>\n<p>In den 1970ern und bis weit in die achtziger Jahre waren Bildungsbiografien von Gastarbeiterkindern weitgehend abh\u00e4ngig vom Zufall und vom Gl\u00fcck. So etwas wie Integrationskonzepte gab es nicht. Wer Gl\u00fcck hatte, begegnete einem engagierten P\u00e4dagogen, der das Kind f\u00f6rderte, der den Familie Perspektiven aufzeigte und sie durch das Bildungssystem lotste. Viele aus der Generation von Sirmasac kennen eine Frau Wittung. Manchmal scheiterten die P\u00e4dagogen aber nicht nur am Widerstand eines schwerf\u00e4lligen Bildungssystems, sondern an dem Desinteresse der Eltern.<\/p>\n<p>Sirmasac, Vater von zwei T\u00f6chtern, hat in diesem Jahr ein Technologie- und Internetunternehmen mit 15 Mitarbeitern gegr\u00fcndet, nachdem er vorher in leitender Funktion in verschiedenen Medienunternehmen, unter anderem bei RTL, t\u00e4tig war.<\/p>\n<p>Wie erlebt er die aktuelle Sarrazin-Debatte? Sirmasac winkt ab. F\u00fcr ihn sind das \u00fcberholte Themen: &#8222;Es geht doch schon l\u00e4ngst nicht mehr um Integration. Meine Generation m\u00f6chte dieses Land mitgestalten.&#8220;\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meinem Freund Y\u00fcksel Sirmasac wird hier ein bleibendes Denkmal gesetzt. Sein &#8222;Beitrag zur Sarrazin-Debatte&#8220;, wie er selbst von sich sagt, nat\u00fcrlich nicht ganz frei von Ironie. Erschienen in &#8222;Zeit Online&#8220;. 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