{"id":398,"date":"2010-10-05T18:36:09","date_gmt":"2010-10-05T16:36:09","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=398"},"modified":"2010-10-05T18:36:09","modified_gmt":"2010-10-05T16:36:09","slug":"zuruck-in-deutschland-wulff-und-der-islam","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=398","title":{"rendered":"Zur\u00fcck in Deutschland: Wulff und der Islam"},"content":{"rendered":"<p>Von Martin Benninghoff<\/p>\n<p>Vor wenigen Tagen bin ich zur\u00fcckgekommen von der China-Tournee mit meiner Band <a href=\"http:\/\/www.thesmu.com\">THE SMU<\/a>. Interessant war, nur wenig hat sich ge\u00e4ndert in den Tagen meiner Abwesenheit: Nach wie vor ist Integration das beherrschende Thema in den Medien, allerdings mit einem leicht abgewandelten Fokus nach der Sarrazin-Debatte, denn dieses Mal dreht sich die Debatte um die <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/-,2.667040\/Rede-von-Bundespraesident-Chri.htm\">\u00c4u\u00dferungen unseres Bundespr\u00e4sidenten Christian Wulff<\/a>. Dieser hatte sich in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit mit der Frage besch\u00e4ftigt, was uns Deutsche eigentlich zusammenh\u00e4lt. Bei seinen \u00dcberlegungen stellte er unter anderem fest, dass er auch der Pr\u00e4sident der Muslime in Deutschland sein m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Die Stelle in seinem Redemanuskript lautet:<\/p>\n<p><em>Wenn mir deutsche Musliminnen und Muslime schreiben: &#8222;Sie sind unser Pr\u00e4sident&#8220; &#8211; dann antworte ich aus vollem Herzen: Ja, nat\u00fcrlich bin ich Ihr Pr\u00e4sident! Und zwar mit der Leidenschaft und \u00dcberzeugung, mit der ich der Pr\u00e4sident aller Menschen bin, die hier in Deutschland<\/em> leben.<\/p>\n<p>Etwas \u00c4hnliches hatte seinerzeit \u00fcbrigens auch Johannes Rau schon gesagt. Kontrovers wurde es erst, als Wulff auch dieses sagte:<\/p>\n<p><em>Das Christentum geh\u00f6rt zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum geh\u00f6rt zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-j\u00fcdische Geschichte. Aber der Islam geh\u00f6rt inzwischen auch zu Deutschland. Vor fast 200 Jahren hat es Johann Wolfgang von Goethe in seinem West-\u00f6stlichen Divan zum Ausdruck gebracht: &#8222;Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Ein bewerkenswerter Absatz f\u00fcr einen christdemokratischen Politiker, der es sich nicht ganz mit seinen Parteigenossen, auch wenn seine Parteimitgliedschaft derzeit ruht, verscherzen m\u00f6chte. Es ist ein umso erstaunlicherer Absatz, weil er viel Wahres aussagt und dennoch etwas Falsches in sich birgt.<\/p>\n<p>Erst zum Wahren:<\/p>\n<p>In China war ich eingeladen als Gast beim &#8222;K\u00f6lner Kulturtag&#8220;, der unter der Schirmherrschaft des K\u00f6lner Oberb\u00fcrgermeisters J\u00fcrgen Roters im Nationaltheater Peking stattfand. Treibende Kraft bei der Veranstaltung, die eigentlich dazu dienen sollte, K\u00f6ln in China bekannt zu machen, war der gro\u00dfe Karnevalsverein Die Roten Funken. Diese gro\u00dfe Gruppe marschierte in Uniformen ins Nationaltheater ein, zeigte den Chinesen &#8222;Stippef\u00f6ttche&#8220;, eine Art Tanz, bei dem sich die Uniformierten die Hintern aneinanderreiben, und zog ansonsten ein Programm durch, das sie so und nicht anders auch in K\u00f6ln-Rodenkirchen oder -Lindenthal auff\u00fchrt; nur mit dem Unterschied: In Peking steckten die Uniformierten einen Chinesen in Uniform\u00a0und lie\u00dfen ihn mitmachen,\u00a0woraufhin der Vorsitzende der Funken ins Mikrofon bellte, dies sei &#8222;gelebte V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung.&#8220; Bis zur H\u00e4lfte der Veranstaltung leerte sich der Saal, weil viele Chinesen das Weite suchten. Offensichtlich kam diese &#8222;gelebte V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung&#8220; nicht so gut an. Zwar hatte die Olympionikin Britta Heidemann den Reigen \u00fcbersetzt, aber die Roten Funken bem\u00fchten sich \u00fcberhaupt nicht, ihr Programm auch nur ansatzweise der ver\u00e4nderten Umgebung anzupassen &#8211; kaum ein gelerntes Wort Chinesisch ging \u00fcber ihre Lippen, was als Akt des Respekts gerade in China absolut vonn\u00f6ten gewesen w\u00e4re und auch dankbar aufgenommen worden w\u00e4re. Eine Kegelverein, der seine k\u00f6lsche Suppe wie gehabt l\u00f6ffelt, dieses Mal eben nur in einer Eckkneipe namens Peking.<\/p>\n<p>Warum ich diese Episode erz\u00e4hle? Diese Menschen, die im Ernst glauben, auch nur ansatzweise &#8222;v\u00f6lkerverst\u00e4ndig&#8220; und &#8222;v\u00f6lkerverst\u00e4ndigend&#8220; zu sein, haben in Wahrheit nur wenig begriffen. Sie fahren ihr Programm immer weiter und merken nicht, dass sich ihre Umgebung ver\u00e4ndert hat. \u00c4hnlich ist es mit jenen, die, wie jetzt, Wulff daf\u00fcr kritisieren, dass dieser die Ver\u00e4nderung\u00a0Deutschlands\u00a0angesprochen hat: Wulff hat zurecht darauf hingewiesen: Die Geschichte Deutschlands ist vor allem eine christliche und eine j\u00fcdische. Aber eben mittlerweile auch eine, die durch Migration bestimmt ist. Und mit den Migranten kamen neue Religionen und Kulturauslegungen, wie das Sunnitentum, Schiitentum und Alevitentum und die Ba&#8217;hai, aber auch der Buddhismus, Hinduismus. Es ist also ein Akt der Vernunft, diese Entwicklung der vergangenen sechzig Jahre wahrzunehmen. Wer also immer noch glaubt, Deutschland sei &#8222;nur&#8220; christlich und j\u00fcdisch gepr\u00e4gt, irrt heute gewaltiger denn je; Wulff hat dezent darauf hingewiesen, indem er Goethe und dessen \u00c4u\u00dferungen zum Orient und Okzident zitierte. Schon zu Goethes Zeiten war der Islam in Europa ein Begriff und mehr noch: mit Europa verbunden, wenn wir an die islamische Pr\u00e4gung etwa in S\u00fcdspanien oder auf dem Balkan denken.<\/p>\n<p>Aber im Eifer der Richtigstellung begeht der Bundespr\u00e4sident einen Fehler, den derzeit viele, auch Journalisten, begehen: Er denkt zwar an die Muslime, spricht aber vom Islam. Der Bundespr\u00e4sident denkt an die Muslime, m\u00f6chte sie einbeziehen, spricht aber direkt weiter vom Islam. Und tut damit so, als sei (a) der Islam etwas Einheitliches und (b) etwas, das ein Teil von Deutschland werden k\u00f6nne. Ein Trugschluss. Muslime, das hei\u00dft die Menschen, sind ein Teil Deutschlands. Der Islam als Gruppenreligion kann niemals pauschal einer s\u00e4kularen Gesellschaft zugeh\u00f6rig sein (es sei denn, man gr\u00fcndet einen Gottesstaat), sondern nur der einzelne Mensch. Und bei der Betrachtung des Menschen spielt auch dessen Religion eine Rolle, die allerdings von Mann zu Frau zu Jugendlichem h\u00f6chst unterschiedlich ausge\u00fcbt wird.<\/p>\n<p>Die \u00dcberst\u00fclpung des Einzelnen mit Religion ist das eigentliche Grund\u00fcbel, das sich auch in Wulffs Worten widerfindet (dabei ist ihm das wahrscheinlich nicht bewusst). Im Kern ist Europa unter anderem auch durch das Christentum, das Judentum und einige islamische Str\u00f6mungen in den vergangenen Jahrzehnten beeinflusst und gepr\u00e4gt. Aber machen wir uns nichts vor: Weder die eine noch die andere Religion hat wesentlich zum Aufbau eines liberalen Rechtstaats beigetragen, mit Ausnahme der sozialen Komponenten (christlichen Sozialethiken und -lehren, auch: islamische Sozialphilosophien und j\u00fcdische Komponenten des Miteinanders). Gro\u00dfe Teile unseres heutigen Toleranzverst\u00e4ndisses wurzeln in aufkl\u00e4rerischen und weltlichen Quellen der B\u00fcrgergesellschaft, nicht aber in den Gralsh\u00fctern der Religionen.<\/p>\n<p>Dieses Missverst\u00e4ndnis f\u00fchrt in der Praxis zu merkw\u00fcrdigen Schlussfolgerungen, die kaum noch hinterfragt werden, wie hier in der\u00a0Rede des Bundespr\u00e4sidenten, der fordert:\u00a0<em>Integrations- und Sprachkurse f\u00fcr die ganze Familie, Unterrichtsangebote in Muttersprachen, islamischen Religionsunterricht von hier ausgebildeten Lehrern und selbstverst\u00e4ndlich in deutscher Sprache.<\/em><\/p>\n<p>Wulff glaubt wie viele andere, dass ein Mehr an Religion in Form eines staatlichen islamischen Religionsunterrichts zu besseren Integrationsergebnissen f\u00fchrt. Das kann nur behaupten, wer zugleich glaubt, dass der Islam etwas Wesentliches zum Demokratieverst\u00e4ndnis eines modernen Staates wie Deutschland beitragen kann; \u00c4hnliches w\u00fcrde wohl kaum jemand \u00fcber evangelischen oder katholischen Religionsunterricht behaupten, warum also beim Islamunterricht?<\/p>\n<p>Immerhin, da m\u00f6chte ich eine Lanze f\u00fcr Wulff brechen: Entgegen meiner fr\u00fcheren Einsch\u00e4tzung, dieser Pr\u00e4sident sei blass und blasser, hat er jetzt schon etwas geschafft, was sein Vorg\u00e4nger hat nach meinem Geschmack vermissen lassen: eine wichtige Diskussion anzusto\u00dfen. Und diese Diskussion dreht sich jetzt nicht um die Frage der <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/politik\/2010\/10\/05\/christian-wulff-umfrage\/das-halten-die-deutschen-von-wulffs-rede-islam-gehoert-zu-deutschland.html\">&#8222;Bild&#8220;, <\/a>wie viel Islam vertr\u00e4gt Deutschland, sondern um die viel wichtigere Frage: Wie viel Religion vertr\u00e4gt Deutschland? Mit einer Antwort auf die zweite Frage w\u00e4re auch die erste gleich mitbeantwortet.<br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Martin Benninghoff Vor wenigen Tagen bin ich zur\u00fcckgekommen von der China-Tournee mit meiner Band THE SMU. 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