{"id":473,"date":"2010-11-08T13:41:49","date_gmt":"2010-11-08T11:41:49","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=473"},"modified":"2010-11-08T13:44:50","modified_gmt":"2010-11-08T11:44:50","slug":"kein-patentrezept-aber-kanada","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=473","title":{"rendered":"Kein Patentrezept, aber&#8230;Kanada!"},"content":{"rendered":"<p>Wer \u00fcber die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nachdenkt, verweist gerne auf Skandinavien. Wer \u00fcber Einwanderung nachdenkt, tut gut daran, nach Kanada zu schauen. In der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\">FAZ <\/a>ein interessanter und realistischer Artikel \u00fcber Kanada; das Land verfolgt seit Jahrzehnten einen pragmatischen Kurs in Sachen Einwanderung, der weitaus mehr Erfolge zeigt als die ideologisch verbr\u00e4mten Diskussionen in Deutschland, die sich in letzter Zeit vornehmlich am Thema Religion abarbeiten. Ich kann den Artikel insofern empfehlen, weil er eben auch Probleme in Kanada nicht verschweigt, die ein starres Punktesystem mit sich bringen k\u00f6nnen. Es wird jedoch klar, dass Mechanismen der gesteuerten Einwanderung und die Akzeptanz von Einwanderern zwei Seiten derselben Medaille sind. Damit wird ein Mentalit\u00e4tswechsel in Deutschland hin zu einer pragmatischen Akzeptanz von Einwanderung fernab von Verdammung oder positiver wie negativer Exotisierung zur Voraussetzung f\u00fcr eine w\u00fcnschenswerte Normalisierung im Umgang mit dem Thema Einwanderung.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Und hier der Artikel: <\/span><\/p>\n<p>\u00a0<em>Stockwerk um Stockwerk schieben sich die Stahlskelette hoch in den blauen Herbsthimmel. Ein paar Blocks weiter schmiegen sich Glasfassaden an die Konstruktionen aus Stahl und Beton. Der Sonnenschein bricht sich vielfach an den uniformen Fensterb\u00e4ndern. Es sind keine B\u00fcros, die hier in der kanadischen Wirtschaftsmetropole Toronto entstehen sondern Wohnungen. Nicht Dutzende, Hunderte. Dieser Aufschwung aus Stein, Metall und Glas ist keine Reaktion auf einen vorhergehenden Abschwung. Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise ist am solide wirtschaftenden Kanada anders als am gro\u00dfen Nachbarn im S\u00fcden weitgehend spurlos vor\u00fcbergegangen.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Aktivit\u00e4ten auf dem Wohnungsmarkt folgen einem anderen Rhythmus, dem der Einwanderung. Im kommenden Jahr, sagt Kanadas Minister f\u00fcr Staatsb\u00fcrgerschaft und Einwanderung, Jason Kenney, sollten 250.000 Menschen nach Kanada einwandern und dort bleiben; weitere 230.000 werden als G\u00e4ste auf Zeit willkommen gehei\u00dfen. Kanada ist ein Einwanderungsland, seine ganze moderne Geschichte und Entwicklung beruht darauf. Zuerst kamen nach dem Sieg der Engl\u00e4nder \u00fcber die franz\u00f6sischen Kolonialherren Mitte des 18. Jahrhunderts Siedler aus England, Schottland und Irland nach \u201eNeufrankreich\u201c. Franzosen und Osteurop\u00e4er folgten, nach dem Krieg machten sich Deutsche und andere Europ\u00e4er auf den Weg \u00fcber den Atlantik.<\/em><\/p>\n<div id=\"admodW1\"><em>\u00a0<\/em><\/div>\n<h3><em>Zwangsehen und Ehrenmorde sind nicht mehr unbekannt<\/em><\/h3>\n<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0\/Doc~EA2D2F8F32CD54D85A2521D4CE06C4A7A~ATpl~Ecommon~SMed.html#C2D927DDBE3F40ECAFF4A09F873127C0\"><em><\/em><\/a><em>Inzwischen hat sich die Quelle des best\u00e4ndigen Einwandererstroms nach S\u00fcd- und Ostasien verlagert. Im Stra\u00dfenbild gro\u00dfer St\u00e4dte wie Toronto, Montreal oder dem an der Pazifikk\u00fcste gelegenen Vancouver sind europ\u00e4isch-kaukasische Gesichter so oft zu sehen wie asiatische, immer wieder auch welche mit afrikanischen oder arabischen Gesichtsz\u00fcgen. Nach amtlichen Statistiken sind von den 34 Millionen Einwohnern 5,8 Millionen nicht in Kanada geboren. Die j\u00fcngste Volksz\u00e4hlung im Jahr 2006 ergab, dass \u201edie Kanadier\u201c aus 200 L\u00e4ndern stammen.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Multikulturalismus ist seit 1971 das politische Begleitprogramm, 1988 wurde es im \u201eCanadian Multiculturalism Act\u201c unter dem Slogan \u201eEinheit in Verschiedenheit\u201c Gesetz. So wundert nicht, dass die Zeitungen des Landes, die dem au\u00dferamerikanischen Ausland sonst wenig Beachtung schenken, Bundeskanzlerin Angela Merkels Verdikt, Multikulti sei in Deutschland gescheitert, mit gro\u00dfen Schlagzeilen bedachten.<\/em><\/p>\n<p><em>Das kanadische Multikulti-Modell wird gerne beschrieben als Leben in gegenseitiger Toleranz mit dem Recht auf Erhaltung der eigenen Kultur und Sprache bei gleichzeitiger Identifikation mit dem kanadischen Gesellschaftmodell und Respektierung westlich-demokratischer Werte. Dennoch sind Zwangsehen und Ehrenmorde inzwischen auch in Kanada nicht mehr unbekannt. \u201eKirchen ohne Glocken, Moscheen ohne Muezzin\u201c \u2013 so bringt ein deutscher Manager das Integrationskonzept pointiert auf einen Nenner.<\/em><\/p>\n<p><em>Andere bevorzugen einen Vergleich in Abgrenzung zum angeblich alle Volksgruppen mischenden \u201eSchmelztiegel\u201c der Vereinigten Staaten: Kanada sei wie eine Sch\u00fcssel, in der die Bl\u00e4tter eines Salats in Harmonie neben einander l\u00e4ngen. Wer drei Jahre (harmonisch) im Land lebt, eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis oder Fl\u00fcchtlingsstatus nachweist, kann kanadischer Staatsb\u00fcrger werden. \u201eKanada ist das einzige Land der Welt, in dem die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung Einwanderung positiv sieht\u201c, sagt der kanadische Migrations\u00f6konom Govind Rao. Mit Fremdenfeindlichkeit lassen sich hier keine W\u00e4hlerstimmen gewinnen. Im Gegenteil: Einwanderer sind potentielle W\u00e4hler. Das h\u00e4tten auch die Konservativen erkannt und den auf dem Feld lange tonangebenden Liberalen das Wasser abgegraben, analysieren kanadische Politikkommentatoren in der Hauptstadt Ottawa.<\/em><\/p>\n<h3><em>67 Punkte m\u00fcssen f\u00fcr die Aufenthaltserlaubnis erreicht werden<\/em><\/h3>\n<p><em>International gilt das kanadische Modell als Erfolg. Andere L\u00e4nder studieren es, um das Beste f\u00fcr sich zu kopieren. In der vergangenen Woche war auch Bundeswirtschaftsminister Rainer Br\u00fcderle (FDP) da, um sich mit \u201eDaten und Fakten\u201c f\u00fcr die deutsche Einwanderungsdebatte zu r\u00fcsten. Den Kanadiern, wiewohl durch das Interesse geschmeichelt, gehen die Vorschusslorbeeren zuweilen etwas weit: \u201eAuch wir haben keine perfekte L\u00f6sung f\u00fcr die Immigration\u201c, sagt Kenney. Aber im Gegensatz zu anderen haben sie ein Modell, wenn auch ein kompliziertes.<\/em><\/p>\n<p><em>Das zweitgr\u00f6\u00dfte Land der Erde betreibt Einwanderung aus Eigennutz. In 70 L\u00e4ndern unterh\u00e4lt die Regierung 85 Servicestellen, um Einwanderer auszusuchen. Wer kommen will, soll mit anpacken wollen und m\u00fcssen. So \u201eeurop\u00e4isch\u201c die Kandier in Kategorien der sozialen Sicherung durch den Staat denken, so wenig wollen sie die Sozialstation der Welt sein. Zwei von drei Einwanderern auf Bundesebene werden deshalb nach wirtschaftlichen Kriterien ausgew\u00e4hlt, die restlichen kommen im Wege des Familiennachzugs oder als Fl\u00fcchtlinge. 2009 kamen so 125.000 hochqualifizierte Fachkr\u00e4fte und Gesch\u00e4ftsleute ins Land, 68.000 Familienangeh\u00f6rige und 28.000 Fl\u00fcchtlinge, denen nach drei Monaten eine Arbeitserlaubnis gew\u00e4hrt wird.<\/em><\/p>\n<p><em>Doch auch diese Zahlen sagen nicht die ganze Wahrheit. Denn in die 64 Prozent der Einwanderer, die nach dem Punktesystem ausgew\u00e4hlt werden, seien enge Familienangeh\u00f6rige einbezogen, sagen kanadisch Fachleute. Faktisch ist die Zahl der qualifizierten Arbeitskr\u00e4fte durch Einwanderung also geringer. Zu den Auswahlkriterien geh\u00f6ren: Sprachkenntnisse in Englisch oder Franz\u00f6sisch, Alter (je j\u00fcnger, desto besser), Berufsausbildung und -erfahrung, Anpassungsf\u00e4higkeit und ein vorhandener Arbeitsplatz. 100 Punkte werden maximal vergeben, 67 m\u00fcssen erreicht werden, um die Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Im Internet k\u00f6nnen Bewerber schon mal vorab testen, wie gut es um ihre Chancen auf Anerkennung steht.<\/em><\/p>\n<h3><em>Einwanderer arbeiten unter ihrem Qualifikationsniveau<\/em><\/h3>\n<p><em>Wer einen Doktortitel vorweisen kann, ist im Vorteil. Er hat schon mehr als ein Drittel der notwendigen Punkte im Sack. 25 gibt es daf\u00fcr. Allerdings weisen kanadische Fachleute auf Schwachstellen im Messverfahren hin: So z\u00e4hle ein Abschluss an der amerikanischen Universit\u00e4t Harvard genau so viel wie der an einer unbekannten Universit\u00e4t in einem Entwicklungsland. Den \u00f6konomischen Interessen Kanadas diene das kaum.<\/em><\/p>\n<p><em>Es gibt weitere Einw\u00e4nde: Die Einwanderung von H\u00f6chstqualifizierten werde \u00fcberproportional beg\u00fcnstigt. Es bestehe aber auch Bedarf an nicht-akademischen Fachleuten. Anderseits sei sicherzustellen, dass sich technisch vielleicht bestens ausgebildeten Einwanderer auch verst\u00e4ndlich machen k\u00f6nnten. Das Punktesystem sei zu unflexibel, die Verfahren zu langwierig. Eine Folge: Gerade in den Ballungszentren arbeiten viele Einwanderer weit unter ihrem Qualifikationsniveau. Ingenieure als Taxifahrer und \u00c4rztinnen, die ihren Lebensunterhalt als Verk\u00e4uferinnen verdienen, gibt es nicht nur in Deutschland. Jeder f\u00fcnfte Einwanderer arbeitet in den ersten f\u00fcnf Jahren unterhalb seiner Qualifikation, hei\u00dft es in kanadischen Untersuchungen. In Toronto sei jeder Siebte der eingewanderten Akademiker arbeitslos, von den Einheimischen nur jeder Dreiunddrei\u00dfigste.<\/em><\/p>\n<h3><em>Viele Provinzen haben eigene Einwanderungsprogramme<\/em><\/h3>\n<p><em>Allerdings wird anerkannt, dass unter den Zugereisten diejenigen, die nach dem Punkte-System ausgesucht worden seien, sp\u00e4ter die geringsten Probleme h\u00e4tten und verursachten. Wirtschaftsvertreter loben das Auswahlsystem sehr und empfehlen es als Vorbild f\u00fcr Deutschland. \u201eDas Thema Immigration wird hier sehr professionell gehandhabt\u201c, sagt beispielhaft der Nordamerika-Chef des deutschen Automatisierungsspezialisten Festo, Thomas Lichtenberger.<\/em><\/p>\n<p><em>Kanada ist ein f\u00f6derales Land. Deshalb haben die Provinzen viele eigene Einwanderungsprogramme aufgelegt. Das macht es auch f\u00fcr Fachleute nicht leicht, den \u00dcberblick zu behalten. Hinzu kommen je nach Provinz unterschiedliche Kriterien f\u00fcr die Anerkennung von Berufsabschl\u00fcssen. Oft sei es \u201eleichter, einen Ingenieur aus Stuttgart zu holen, als einen Ingenieur von Vancouver nach Toronto\u201c, klagt der Kanada-Chef von Mercedes-Benz, Marcus Breitschwerdt.<\/em><\/p>\n<h3><em>Die staatlichen Hilfen wurden verdreifacht<\/em><\/h3>\n<p><em>Die von der Landwirtschaft gepr\u00e4gte Provinz Manitoba f\u00f6rdert etwa die Einwanderung von Landwirten. Im franz\u00f6sischsprachigen Qu\u00e9bec, wo die Separatisten immer noch eine Rolle spielen, wird auf Franz\u00f6sischkenntnisse der Einwanderer besonderer Wert gelegt. Weil in der Welt das Franz\u00f6sische immer weniger gesprochen wird, beschr\u00e4nkt das die Zahl der L\u00e4nder, aus denen Migranten kommen k\u00f6nnen. Sehr viele stammten inzwischen aus Nordafrika und den S\u00fcd-Sahara-Gebieten, und oft hielten sich deren Franz\u00f6sischkenntnisse in Grenzen. Sprachliche, kulturelle und soziale Anpassungsprobleme seien die Folge, sagen kanadische Fachleute.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Regierung in Ottawa tut viel, damit die Neuank\u00f6mmlinge heimisch werden. Der Zugang zur staatlichen Krankenversicherung ist zwar f\u00fcr viele in der ersten Zeit blockiert, doch werden hohe Millionenbetr\u00e4ge in Anpassungsprogramme und Sprachschulen investiert. Verdreifacht worden seien die Hilfen in den vergangenen f\u00fcnf Jahren, hei\u00dft es. In diesem Jahr stehen f\u00fcr Integrationsma\u00dfnahmen 632 Millionen kanadische Dollar bereit, das entspricht 442 Millionen Euro.<\/em><\/p>\n<h3><em>Ungleichgewichte im Land<\/em><\/h3>\n<p><em>Einwanderer, die permanent bleiben d\u00fcrfen, k\u00f6nnen kostenfrei Sprachunterricht in Englisch oder Franz\u00f6sisch erhalten; Kinder aus Einwandererfamilien wird vom Kindergarten bis zum Ende der High School kostenfreie Sprach-Nachhilfe gew\u00e4hrt. Der Zuspruch ist freilich nicht immer so, wie es sich die Anbieter w\u00fcnschen. Die Gelder f\u00fcr Sprachkurse seien vervierfacht worden, aber die Zahl der Einschreibungen sei nur um ein Zehntel gestiegen.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Einwanderung f\u00fchrt im Land selbst zu Ungleichgewichten. Die gro\u00dfen Metropolen wachsen, die randst\u00e4ndigen l\u00e4ndlichen Regionen tun sich weiter schwer, Zuz\u00fcgler zu gewinnen. Jeder zweite der mehr als f\u00fcnf Millionen Einwohner Torontos sei nicht dort geboren, hei\u00dft es. Mehr als die H\u00e4lfte der 1,1 Millionen Einwanderer, die in den ersten sechs Jahren dieses Jahrzehnts nach Kanada kamen, haben sich in Ontario mit seiner Hauptstadt Toronto niedergelassen. \u201eSo was,\u201c sagt ein in Deutschland geborener Gesch\u00e4ftsmann mit kanadischem Pass, \u201ef\u00f6rdert den internationalen Handel und Wandel\u201c. Und die regionale Bauwirtschaft.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer \u00fcber die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nachdenkt, verweist gerne auf Skandinavien. Wer \u00fcber Einwanderung nachdenkt, tut gut daran, nach Kanada zu schauen. 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