{"id":489,"date":"2010-11-10T15:52:28","date_gmt":"2010-11-10T13:52:28","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=489"},"modified":"2010-11-10T15:57:29","modified_gmt":"2010-11-10T13:57:29","slug":"was-multikulti-eigentlich-bedeutet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=489","title":{"rendered":"Was &#8222;Multikulti&#8220; eigentlich bedeutet"},"content":{"rendered":"<div>\n<address>\n<p>Der Politologe Claus Leggewie hat in der heutigen <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\">S\u00fcddeutschen Zeitung<\/a>\u00a0einen lesenswerten Beitrag geschrieben, der die Fronten zwischen Multikulturalisten und Leitkulturalisten aufbricht. Wer den Beitrag liest, muss sich aber schon die M\u00fche machen, sich nicht von den alten Kampfbegriffen wie &#8222;Multikulti&#8220; beeindrucken zu lassen. Multikulti meint demnach nicht Beliebigkeit im Umgang mit teilweise antiquierten Traditionen im Namen von Religion oder was auch immer; Multikulti meint vielmehr eine &#8222;republikanische Integration von Verschiedenheit&#8220;. Und wenn man diesen Begriff von Multikulti zugrunde legt, wird schnell klar, dass es keine Alternative gibt. Ich bin sicher, es wird nur noch ein paar Jahre dauern, bis sich auch der Mainstream der Gesellschaft in Deutschland\u00a0daran nicht mehr st\u00f6rt (wie anderswo schon heute). Richtig ist auch die Aufassung, dass die Feststellung, der Islam sei f\u00fcr alle Zeiten ein Fremdk\u00f6rper in Europa, in Wahrheit den Islamisten in die H\u00e4nde spielt, die genau das gleiche behaupten.<\/p>\n<p>Aber bittesch\u00f6n, erst einmal Leggewie lesen:<\/p>\n<div>\n<p>Von Claus Leggewie<\/p>\n<p>Dass Multikulti gescheitert sei, h\u00f6ren wir seit Jahren, zuletzt von der Bundeskanzlerin, die das \u00fcbrigens nur werden konnte, weil &#8217;68 und &#8217;89 geklappt haben. Gleichberechtigung der Frau gelungen, Integration der Einwanderer gescheitert? Auch wenn derzeit aus allen Rohren geschossen wird: Multikulti lebt und wird auch noch gewinnen.<\/p>\n<p>Der Importeur des Begriffs (ich habe den Namen der Band des Trompeters Don Cherry 1990 als Titel eines Buches verwendet) darf vielleicht klarstellen, was Cohn-Bendit, aber auch Heiner Gei\u00dfler und andere seinerzeit unter Multikulturalismus verstanden haben. N\u00e4mlich nicht, wie Angela Merkel vor der jauchzenden JU zu formulieren beliebte: &#8222;Jetzt machen wir hier mal Multikulti und leben so neben&#8217;ander her und freuen uns \u00fcber&#8217;nander&#8220; (so der Original-Ton). Wer die fr\u00fchen Pl\u00e4doyers und viele nachfolgende Studien gelesen hat, wei\u00df, dass niemand Beliebigkeit oder die Scharia gef\u00f6rdert, sondern die republikanische Integration der Verschiedenheit gefordert hat.<\/p>\n<div id=\"uid-1-1021777-1289381005\">\n<p>Dazu z\u00e4hlten unter anderem die Abkehr von einem v\u00f6llig antiquierten Staatsangeh\u00f6rigkeitsrecht, eine zukunftsfeste Arbeits- und Sozialpolitik, die Gew\u00e4hrung der im Grundgesetz garantierten Religionsfreiheit und nat\u00fcrlich Bildungsanstrengungen aller Art. Die Probleme, die heute unter den Stichw\u00f6rtern Parallelgesellschaft und Schulversagen notiert werden, wurden von den Bef\u00fcrwortern von Multikulti ziemlich genau vorhergesagt. Sie waren die wirklichen Realisten.<\/p>\n<p>Adressaten ihrer Kritiken und Vorschl\u00e4ge waren die Partei Helmut Kohls und Teile der ebenso einwanderungsfeindlichen SPD, die genau das praktiziert haben, wof\u00fcr die Kohl-Nachfolgerin Merkel heute &#8222;Multikulti&#8220; verantwortlich macht: n\u00e4mlich mit muttersprachlichem Unterricht, mit aus der T\u00fcrkei eingeflogenen Hodschas, mit prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen und verweigerten B\u00fcrgerrechten &#8222;so neben&#8217;ander herzuleben&#8220; &#8211; weil man sich eingebildet hatte, die Gastarbeiter w\u00fcrden alsbald nach Hause fahren und nach erfolgtem Anwerbestopp ihre Familien nicht nach Deutschland holen. Phantasterei war das.<\/p>\n<p>Jetzt regt sich die Kanzlerin auf, um abzulenken von mindestens zwanzig Jahren Vers\u00e4umnissen der Einwanderungs- und Integrationspolitik, die ihre Partei verschuldet hat. Die Union gleicht Eltern, die \u00fcber ihre pubertierenden Kinder meckern und vergessen, dass sie selbst die Erziehungsberechtigten waren. Und da sie (nicht irgendeine Multikulti-Partei) jahrelang die Z\u00fcgel schleifen lie\u00df, schl\u00e4gt sie jetzt autorit\u00e4re Ma\u00dfnahmen gegen &#8222;Integrationsverweigerer&#8220; vor, an deren Praktikabilit\u00e4t ernsthaft niemand glaubt.<\/p>\n<p>Es gibt in der CDU Menschen wie Armin Laschet, den fr\u00fcheren Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen, und Maria B\u00f6hmer, die f\u00fcr das Thema zust\u00e4ndige Staatsministerin im Kanzleramt. Aber es ist eine Schande, dass diese beiden, die es ja besser wissen, auch vor dem Sarrazinismus einknicken und es Industrievertretern \u00fcberlassen, den populistischen Bl\u00f6dsinn von Horst Seehofers Forderung nach einem Einwanderungsstopp aus anderen Kulturkreisen als solchen zu kennzeichnen.<\/p>\n<p>Die Bundesrepublik Deutschland, die es in den 1990er Jahren mit ungeregelter Einwanderung geschafft hat, selbst die Vereinigten Staaten zu \u00fcbertreffen, ist netto l\u00e4ngst zum Auswanderungsland geworden. Nicht zuletzt, weil Menschen, die hier ihre Bildung erworben haben, nun mit guten Qualifikationen quasi &#8222;zur\u00fcck&#8220; gehen.<\/p>\n<p><p>Das ist auch nur konsequent, wenn man die Stimmung eines Landes ermisst, das sich mit einem Panik-Titel wie &#8222;Deutschland schafft sich ab&#8220; pr\u00e4sentiert, das seine schlechte Laune ausstellt und neue Einwanderer regelrecht abschreckt.<\/p>\n<p>Nur: Wer f\u00fcllt dann Hunderttausende freie Ingenieurs- und Facharbeiter-Stellen aus, wer pflegt eines Tages die geifernden Blogger, die jetzt zur Hatz auf die Multikulti-Phantasten blasen?<\/p>\n<p>&#8222;Die gest\u00f6rte Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft l\u00e4hmt die sch\u00f6pferischen Potenzen unserer Gesellschaft und behindert die L\u00f6sung der anstehenden lokalen und globalen Aufgaben. Wir verzetteln uns in \u00fcbelgelaunter Passivit\u00e4t und h\u00e4tten doch Wichtigeres zu tun f\u00fcr unser Leben, unser Land und die Menschheit.&#8220; Dieser Text d\u00fcrfte Angela Merkel bekannt vorkommen: Es ist der Gr\u00fcndungsaufruf des Neuen Forums von 1989. Aber er passt auf das Sarrazin-Land von heute.<\/p>\n<h3>Abkehr von Schlagworten<\/h3>\n<p>Das B\u00fcrgertum mobbt heute Einwanderer und vermeintliche Multikulti-Phantasten; das ist das Ergebnis der Sarrazin-Debatte. Nach der verweigerten Integration der Juden in den Alltag der deutschen Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert versagt es damit &#8211; ausgerechnet von der &#8222;christlich-j\u00fcdischen Leitkultur&#8220; schwadronierend &#8211; wom\u00f6glich ein zweites Mal, nun bei der Anerkennung des s\u00e4kularen Islams als Teil Deutschlands.<\/p>\n<p>Wer den Islam im Westen pauschal zum Fremdk\u00f6rper erkl\u00e4rt, betreibt das Gesch\u00e4ft der Islamisten, die genau dasselbe behaupten.<\/p>\n<p>Die Union Helmut Kohls war die Europa-Partei, heute sind dies die Gr\u00fcnen. Deutsche Leitkultur statt Multikulti: Das w\u00e4re ein Verfassungsbruch. Die Normen westlicher Demokratien m\u00f6gen bestimmten Traditionen entstammen, zum Beispiel christlich-j\u00fcdischen Wurzeln. Sie d\u00fcrfen damit aber nicht verschmelzen und f\u00fcr den Kulturkampf gegen andere Traditionen pr\u00e4pariert werden.<\/p>\n<p>Die Christen-Partei mag noch so viel Abendland in ihr Grundsatzprogramm hineinphantasieren, der multikulturelle Alltag wird sich &#8211; einschlie\u00dflich seiner von niemandem bestrittenen unerfreulichen Kehrseiten &#8211; weiterentwickeln. Und mit seinen besseren Seiten wird er hoffentlich die Talente ins Land locken, die eine vergreisende Mehrheitsgesellschaft derzeit mit Flei\u00df vergrault.<\/p>\n<p>Multikulti-Schelte &#8211; wie langweilig! Es wird Zeit, Schluss mit der Angst vor Fremden zu machen und eine Politik zu verfolgen, die nicht mit Statistiken und Schlagworten um sich wirft, sondern k\u00fchl, menschenfreundlich und zukunftsoffen zugleich ist.<br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p>(Claus Leggewie, 60, ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, Professor f\u00fcr Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universit\u00e4t Gie\u00dfen und Mitherausgeber der Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik)<\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/address>\n<\/div>\n<address><\/address>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Politologe Claus Leggewie hat in der heutigen S\u00fcddeutschen Zeitung\u00a0einen lesenswerten Beitrag geschrieben, der die Fronten zwischen Multikulturalisten und Leitkulturalisten aufbricht. 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