{"id":510,"date":"2010-11-29T17:40:27","date_gmt":"2010-11-29T15:40:27","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=510"},"modified":"2010-11-29T17:43:28","modified_gmt":"2010-11-29T15:43:28","slug":"so-unpatriotisch-konnen-patrioten-sein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=510","title":{"rendered":"So unpatriotisch k\u00f6nnen Patrioten sein"},"content":{"rendered":"<address>Ein Artikel aus der Rubrik &#8222;Gut auf den Punkt gebracht!&#8220;. Der Soziologe Armin Nassehi erkl\u00e4rt in der<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/integration-und-leitkultur-das-fremde-der-anderen-1.1029658\"> &#8222;S\u00fcddeutschen\u00a0Zeitung<\/a>&#8222;,\u00a0warum die Sehnsucht einiger nach einer &#8222;deutschen Leitkultur&#8220; in Wahrheit h\u00f6chst unpatriotisch ist.<\/address>\n<address><strong>\u00a0<\/strong><\/address>\n<address><\/address>\n<address><\/address>\n<address><\/address>\n<address><\/address>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p>Seit zehn Jahren wird in der Bundesrepublik in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden \u00fcber die Leitkultur debattiert. Anlass waren stets Folgen von Einwanderung und Auseinandersetzungen um den Integrationsstatus von Einwanderern und ihren Nachkommen. Die Forderung nach Anerkennung einer &#8222;deutschen Leitkultur&#8220; wird stets dann laut, wenn die Analyse empirischer Realit\u00e4ten zu kompliziert wird und man f\u00fcr populistische Forderungen vertr\u00e4glichere Formulierungen sucht. Schwerer scheint man vermitteln zu k\u00f6nnen, dass die Integration auch t\u00fcrkischer Arbeitsmigranten und ihrer Nachkommen in Deutschland weitgehend als gelungen angesehen werden kann, wie auch neueste Forschungsergebnisse belegen.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Einfacher ist es dagegen, manche ohne Zweifel problematischen Einwanderungsmilieus in sozialen Brennpunkten als Bedrohung f\u00fcr unser Land auszugeben und dann nach einer Leitkultur zu rufen &#8211; ohne genau sagen zu k\u00f6nnen, was das eigentlich sei. Besser w\u00e4re es, die Anstrengungen der letzten beiden Legislaturperioden zu intensivieren, eine aktivere Integrationspolitik zu betreiben und migrationspolitisch auf den Stand von aktiven Einwanderungsl\u00e4ndern zu kommen. Die Wirtschaftsverb\u00e4nde sind hier weiter als die Politik oder die Bildungsadministration. Von anderen L\u00e4ndern kann man lernen, dass sich Migration durchaus kreativ gestalten l\u00e4sst; auch lernen k\u00f6nnte man \u00fcbrigens, dass die Integrationskraft der Bundesrepublik offensichtlich st\u00e4rker ist, als wir glauben.<\/p>\n<p>Die Einwanderungsgeschichte der Bundesrepublik zeigt, dass die Institutionen des Staates und des Rechts, der Bildung und der Kultur, der Wirtschaft und sogar der Religion eine Integrationskraft entwickelt haben, ohne dass das jemand gewollt hat und ohne dass dies irgendwie leitkulturell flankiert werden musste. Die Land war integrativer, liberaler, republikanischer, als ihre politischen Stichwortgeber es wussten oder wissen wollten.<\/p>\n<p>Wer die Integrationskraft unserer Gesellschaft verstehen will, muss jenseits aller Migrationsfragen zur Kenntnis nehmen, dass moderne, liberale Gesellschaften vor allem dadurch integriert werden, dass sie auf kulturelle Homogenit\u00e4t und einen Konsens \u00fcber Lebensformen weitgehend verzichten k\u00f6nnen. Sie zehren weniger von Gemeinsinn und Gemeinschaftlichkeit, sie sind vielmehr Gesellschaften von Fremden &#8211; die ihre Fremdheit als Ressource begreifen, nicht als Problem.<\/p>\n<p>Moderne, urbane Lebensformen sind nur deshalb m\u00f6glich, weil sich hier vor allem Fremde begegnen. Gerade in den Ballungsr\u00e4umen, in denen sowohl r\u00e4umliche N\u00e4he als auch funktionale Abh\u00e4ngigkeiten untereinander extrem gesteigert sind, werden die Grenzen der Gemeinschaft &#8211; die Unm\u00f6glichkeit, das gesellschaftliche Leben auf direkte pers\u00f6nliche und kulturelle Reziprozit\u00e4t aufzubauen &#8211; besonders deutlich.<\/p>\n<p>Eine liberale Gesellschaft lebt vom b\u00fcrgerlichen Privileg, in Ruhe gelassen werden zu k\u00f6nnen. Nur hier kann es gelingen, die Fremdheit des anderen nicht bedrohlich zu finden. Und nur hier kann es gelingen, dass auch ethnische, sexuelle, kulturelle Minderheiten von der Fremdheit und Indifferenz unserer Umgangsformen profitieren. Die Zukunft unserer Lebensformen wird sich daran erweisen, ob es gelingt, dieses b\u00fcrgerliche Privileg der Fremdheit zu erhalten. Der Lackmustest daf\u00fcr ist die Frage, wie viel soziale Ungleichheit sie aush\u00e4lt und wie viel Pluralit\u00e4t sie gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Letztlich lebt die liberale Gesellschaft von Unsichtbarkeit. Nicht in dem Sinne, dass man die Pluralit\u00e4t nicht sieht; entscheidend ist vielmehr, dass das fremde, das unvertraute, das andere Milieu nicht weiter auff\u00e4llt, weil der Alltag eben nicht auf kulturelle Integration angewiesen ist.<\/p>\n<p>Auch ohne Einwanderungsmilieus w\u00e4re unsere Gesellschaft kulturell au\u00dferordentlich plural. Lebensstile und moralische Standards, \u00e4sthetische Vorlieben und Glaubensfragen, Gewohnheiten und Anspr\u00fcche &#8211; all das produziert unterschiedlichste Welten, vielleicht kann man sogar sagen: Parallelgesellschaften.<\/p>\n<p>Unsere Institutionen des Arbeitsmarktes, der M\u00e4rkte f\u00fcr Produkte und Dienstleistungen, der Bildung, der Massenmedien, sogar der religi\u00f6sen Praxis und der Freizeitindustrie haben sich auf diese unterschiedlichen Realit\u00e4ten und Kontexte eingestellt. Wenn die Bundeskanzlerin betont, Multikulti sei gescheitert, dann hat sie im Hinblick auf naive Schw\u00e4rmereien \u00fcber das Fremde und Exotische recht. Aber sie blendet aus, wie plural und multikulturell unser Land auch ganz ohne Migranten schon ist, und wie sehr es uns gelingt, dies zu entsch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Wer erinnert sich noch daran, wie sich vor zwei Generationen noch die beiden christlichen Konfessionen gegen\u00fcberstanden? Oder wie vor einer Generation jugendliche Subkulturen dramatisiert wurden? Wer erinnert sich noch daran, dass das Outing von Schwulen und Lesben vor kurzem noch ein Skandal war? Oder dass in den sechziger Jahren auch italienische oder spanische katholische Gastarbeiter als Bedrohung angesehen wurden? Wer erinnert sich noch an den Abscheu der braven B\u00fcrger der amerikanischen Popkultur gegen\u00fcber? Oder an die Pr\u00fcderie und bigotte Sexualmoral der f\u00fcnfziger Jahre?<\/p>\n<p>Die Gesellschaft der Bundesrepublik hat auf eine enge Leitkultur mehr und mehr verzichtet und neue Formen der Alltagspraxis entdeckt. Es hat die liberal-republikanische Haltung Raum gewonnen, dass man sich f\u00fcr die Lebensformen der Menschen nur so weit interessiert, dass sie sich als B\u00fcrger nicht ins Gehege kommen. Eine solche Haltung hat nur das sozialvertr\u00e4gliche Nebeneinander unterschiedlicher Lebensentw\u00fcrfe im Blick und kann sogar parallele Welten aushalten, solange diese sozialvertr\u00e4glich bleiben.<\/p>\n<p>Und wenn am Ende herausk\u00e4me, dass die Leitkultur nur bedeutet, dem Recht und seinen Regeln Geltung zu verschaffen, dann braucht man folglich keine Leitkultur. Unser Rechtssystem ist neutral im Hinblick auf Lebensstile, auf religi\u00f6se Bekenntnisse, auf sozialmoralische Milieus oder \u00e4sthetische Vorlieben. Das Leitkulturgerede dagegen dient nur der Beschwichtigung eines Publikums, das sich in unrealistischen Bildern einer homogenen Gesellschaft eingerichtet hat. Diese Zeiten sind l\u00e4ngst vorbei.<\/p>\n<p>Die Gesellschaft der Bundesrepublik ist, auch im internationalen Vergleich, erfolgreich darin, unterschiedliche Milieus und Lebensformen zu integrieren &#8211; migrantische und autochthone. Darauf nicht ohne Stolz hinzuweisen, erm\u00f6glicht es auch, selbstbewusster gegen problematische Milieus und Verhaltensweisen vorzugehen, die sich gegen die rechtlichen Regeln dieser Gesellschaft abschotten. Man muss das nur politisch wollen. Die Rede von der deutschen Leitkultur dagegen ist nicht nur kleinb\u00fcrgerlich, sondern geradezu unpatriotisch.<\/p>\n<p><em>Der Autor lehrt Soziologie an der Universit\u00e4t M\u00fcnchen. Zuletzt erschien sein Buch &#8222;Mit dem Taxi durch die Gesellschaft. Soziologische Storys&#8220;.<\/em><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n<p><br class=\"spacer_\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Artikel aus der Rubrik &#8222;Gut auf den Punkt gebracht!&#8220;. Der Soziologe Armin Nassehi erkl\u00e4rt in der &#8222;S\u00fcddeutschen\u00a0Zeitung&#8222;,\u00a0warum die Sehnsucht einiger nach einer &#8222;deutschen Leitkultur&#8220; in Wahrheit h\u00f6chst unpatriotisch ist. \u00a0 Seit zehn Jahren wird in der Bundesrepublik in regelm\u00e4\u00dfigen&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=510\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">So unpatriotisch k\u00f6nnen Patrioten sein<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,1],"tags":[23,58,66],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/510"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=510"}],"version-history":[{"count":9,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/510\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":518,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/510\/revisions\/518"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=510"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=510"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=510"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}